beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik vertrauen

Bis in die kleinste Zelle des Körpers

Von Juliane Brumberg

Sich über Lauschen und Singen der Transzendenz annähern

Arunga Heiden

Foto: Juliane Brumberg

Da es in diesem Internetforum keine Rubrik „hören“ gibt, möchte ich über die CDs mit Kraftliedern und Mantren von Arunga Heiden unter dem Motto „vertrauen“ schreiben. Ebensogut hätte ich die Rubrik „hervorbringen“ auswählen können, denn ein intensiver Schöpfungsprozess schwingt in jedem einzelnen Lied mit. Gepasst hätte auch „heilen“, denn ihre Musik hat etwas sehr Heilendes. Genau darum geht es der Musikerin und Komponistin: Sie möchte mit ihren Liedern dazu beitragen, die Beziehungen zwischen den Menschen und der Welt zu heilen.

Dieser Text lässt mein eigenes Berührtsein von Arunga Heidens Arbeit durchscheinen und versucht zu beschreiben, was mich für diese weltliebende Musikerin, deren Arbeit die Grenzen des Denken und Sprechens überschreitet, einnimmt. Es ist für mich jedesmal eine besondere Erfahrung, ihre Lieder zu hören und insbesondere, sie mit ihr und anderen Frauen gemeinsam zu singen. Ich spüre dabei eine Annäherung an das Transzendente, an das, wofür wir gemeinhin nur schwer Worte finden.

Arunga Heidens Musik besteht nicht aus hochkomplexen Melodieführungen oder verwegenen Rhythmen; im Gegenteil, fast alle ihre Melodien und Texte sind einfach, eingängig und leicht zu lernen. Sie haben meditativen Charakter und konzentrieren sich inhaltlich und musikalisch auf eine Essenz. Wie zum Beispiel im „Schönheitslied“, das an einer Schlucht auf Kreta entstand: In dieser Schönheit werd’ ich still, / wo alles Denken enden will, / wo tiefe Kraft strömt in mich ein, / voll Dank und Liebe will ich sein. Trotz der Einfachheit von Text und Musik höre ich die CDs nicht nebenbei, zum Beispiel während meiner journalistischen PC-Arbeit, sondern in Situationen, in denen ich ab- oder umschalten möchte, ohne mich nur berieseln zu lassen.

Die schlichte Klarheit einer Komposition bedeutet jedoch nicht, dass sie kein Klangerlebnis ist, denn mit dem Entwickeln von Text und Melodie ist es nicht getan. Für eine CD-Produktion muss Arunga Heiden auch die Begleitstimmen genau ausfeilen und fixieren. Ein Lied wird in mehreren Phasen auf verschiedene Spuren aufgenommen im sogenannten Overdub-Verfahren. Sie singt also die verschiedenen Stimmen alle selbst und spielt auch die meisten Begleitinstrumente (etwa Cello, Percussion oder Gitarre) nacheinander auf die Tonspuren. Für das Einspielen eines einzigen Liedes veranschlagt sie einen Arbeitstag von acht bis zehn Stunden im Tonstudio. Diese Gründlichkeit, die sich durchzieht bis in die optische Gestaltung des Covers und der Begleithefte mit allen Liedtexten, macht das Hören zu einem anspruchsvollen und intensiven Genuss – ein Genuss, der gleichzeitig auch eine Herausforderung für die Hörerin sein kann, sich ihren eigenen Fragen zu öffnen.

Im Gehen der Spirale beweg‘ ich mich nach innen / Und spür mit allen Sinnen / Ins Zentrum meines Seins. / Im Gehen der Spirale entlasse ich das Alte / Und leg‘ es in die Spalte von Mutter Erdes Schoß. / Im Gehen der Spirale erkenne ich das Leben / Und fange an zu weben / Was neu entstehen soll. – Der Weg durch die Spirale kann meines Erachtens auch als Annäherung an die Transzendenz verstanden werden. Das zeigt sich auch in dem folgenden Mantra aus der CD LebensFluss: Alles in Einer, Eine in Allem, sie wirkt in uns.

Mantren konzentrieren sich in Form und Inhalt auf eine einzige Aussage und sind eine besondere Spezialität von Arunga Heiden. Die Komponistin, die viele Jahre musiktherapeutisch gearbeitet hat, erklärt, warum Mantras Menschen heilen können: „Die alte Tradition des Mantra-Gesangs besteht darin, mindestens 21 Tage lang täglich 21 Minuten das gleiche Mantra zu singen, weil es sich erst dann in die feinsten Zellstrukturen eingeschwungen hat. Dadurch wird es nicht nur vom Verstand, sondern auch vom Körper so verinnerlicht, dass eine ganz bestimmte Schicht heilend erreicht werden kann.“ In der Sterbebegleitung der Hospiz-Bewegung werden zum Beispiel immer wieder Mantren von Arunga Heiden eingesetzt.

Vor allem bei Frauen, die auf der Suche sind und in einer anderen Beziehung zur Welt und zum Göttlichen leben wollen als es die herkömmliche Orientierung auf den Konsum nahelegt, sind die CDs sowie Kurse und Seminare von Arunga Heiden gefragt. Beim Hören oder Singen ihrer Lieder können sie die eigene Vollmacht inmitten des großen Ganzen spüren, das Verbunden-Sein mit den Kräften zwischen Himmel und Erde erleben und ihr Bewusstsein, ein Teil davon zu sein, fördern, zum Beispiel im Verlauf der Jahreszeiten. Es geht also auch um Transzendenz oder die Frage nach „der Göttin“ und darum, ob das Göttliche in mir oder außerhalb von mir verortet ist. Alles Fragen, die wir gewöhnlich durch „weiterdenken“ zu beantworten suchen und deren Lösung wir vielleicht durch „weiterspüren“ näher kommen.

„Singen an sich ist jenseits von Worten eine Begegnung mit der eigenen göttlichen Seele, ist etwas Elementares, das mich meiner inneren Stimme, meiner Stimmung und meiner Bestimmung näher bringen kann.“ In gewisser Weise nimmt Arunga Heiden einen Paradigmenwechsel vor, indem sie nicht fragt, was das Transzendente ist, sondern Wege anbietet, wie Menschen sich mit ihm verbinden oder auch in-Beziehung-gehen  können. Dabei wird nicht nur ihr weltliebender, sondern auch ihr feministischer Ansatz deutlich, denn gerne verwendet sie – neben Rückbezügen auf die Natur – weibliche Bilder: Du bist die Eine, die alles erschafft, / du bist die Weisheit, die Lebenskraft, / du bist die Liebe, erfülle mich, / öffne mein Herz, ich rufe dich.

Arunga Heiden Noten

Foto: Juliane Brumberg

Dies ist kein zufälliger Weg. In Kindheit und Jugend musikalisch vorgebildet, studierte Arunga Heiden zunächst etwas ganz anderes, nämlich Theologie: „In den achtziger Jahren kam ich dabei mit der Feministischen Theologie aus den USA in Berührung, die den Grundstein legte zu meiner heutigen feministischen Spiritualität – jenseits einer bestimmten Religionszugehörigkeit.“ Nach dem Abschluss des Studiums entschloss sie sich gegen ein Vikariat und für den Quereinstieg im sozialpädagogischen Bereich. In einem Jugenddorf baute sie die musikpädagogische Arbeit auf und absolvierte berufsbegleitend eine musiktherapeutische Ausbildung. Dabei wurde ihr die Stimme immer wichtiger. Intensiv beschäftigte sie sich mit Chakrenarbeit und der Frage, wie Laute auf die menschliche Seele wirken: „In der Chakrenarbeit geht es um die elementarste Stufe des Singens oder Tönens: Es geht um die Laute und darum, über das Tönen Lebensenergie zu potenzieren und in Kontakt mit sich selbst zu kommen.“ Die Mantren seien die nächste Stufe und die Kraftlieder dann eine noch differenziertere Form, weil sie verschiedene Aspekte einer Aussage aufblättern. „In einem Kraftlied kann ich zum Beispiel von den vier Elementen sprechen oder singen, nicht aber in einem Mantra. Ein Mantra würde sich ganz und gar auf ein Element konzentrieren.“

„Wir Menschen sind nur ein Teilaspekt von Natur“, sagt Arunga Heiden und möchte sich keinesfalls auf die „Bauchgefühle“ beschränken. „Das Spüren soll Anstoß zum Weiterdenken sein!“ Die Beobachtung, dass es in der deutschen Friedens- und Frauenbewegung auf der spirituellen Ebene eine große Sehnsucht nach entsprechenden Liedern, jedoch kaum welche in deutscher Sprache gab, motivierte Arunga Heiden, diesem Mangel abzuhelfen und solche Lieder selbst zu schreiben und zu komponieren – inzwischen sind daraus drei CDs entstanden. Die Lieder sind einfach zu lernen und wunderschön zu singen, auch mehrstimmig und im Kanon. Dies ist möglich bei den Workshops, Seminaren und Kraftreisen der Komponistin selbst, doch längst hat ihre Musik Eingang in die spirituelle Frauenszene gefunden und ist mittlerweile auch in der kirchlichen Frauenarbeit präsent.

„Singen durchdringt den ganzen Körper bis in die kleinste Zelle und versetzt die Menschen in eine bewegte Lebendigkeit. Dadurch kann ich mich in lebendigem Kontakt zu allen Lebewesen fühlen, und es wird so etwas wie Liebe zum Leben ausgelöst. Als These ist es vielleicht etwas gewagt“, so Arunga Heiden, „aber meiner persönlichen Erfahrung entspricht es, dass diese Liebe zum Leben eine politische Sprengkraft hat.“ Die Musikerin versteht ihre Arbeit deshalb auch als politische Arbeit: beim Singen ihrer Lieder können sich Körper, Seele und Herz öffnen und die eigene Haltung verwandeln – ein Versuch, durch Veränderung der Praxis die Welt zu verändern.

Die drei CDs LebensFluss (2000), VerWandlungen (2003) und WahrNehmen (2005) sind zum Preis von je 19,50 Euro ebenso wie zwei begleitende, sehr liebevoll aufgemachte Bücher mit Texten, Noten, Tanzschritten und Bildern und Informationen zu Seminaren, Reisen und Workshops bei Arunga Heiden direkt zu beziehen: Spitalgasse 11, 72116 Mössingen, Telefon 07473-920213, arunga-heiden@web.de, www.arunga-heiden.de.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 31.03.2008

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