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Rubrik denken

Der Kampf um Wohlbehagen

Von Andrea Günter

Für einen Feminismus der Postkonventionalität

Füße und Schuhe

Foto: photocase/la Dina

Dieser Artikel ist eine Replik zum Kongressbericht „Brauchen wir einen neuen Feminismus?“

Natürlich ist der neu genannte Feminismus nicht neu, bewirkt jede Rede von „neu“ zudem Langeweile und verweist eher auf das Ungenügen des neu Gewollten. Natürlich braucht der Feminismus Theorie und basiert auf Theorie. Natürlich bewegt sich Feminismus außerdem mit und in Macht und Institutionen (allerdings fehlt derzeit zum Ausgleich die Erneuerung von politischen – im Unterschied zu individuellen – feministischen Basisprozessen). Und natürlich gibt es immer Einzelkämpferinnen. Zugleich ist das feministische Bewegen, das bei einzelnen erscheint, nie solipsistischer, also nur auf sich selbst bezogener Einzelkampf, sondern die Wirkung von politischen und öffentlich vorgebrachten Anliegen, vom weiblichen Freiheitswillen und zum Teil auch von Theorie.

Dabei gilt es zu beachten, dass Theorie vielleicht zu Einsicht, alleine aber nur in den seltensten Fällen zu Politik führt. Und Staatspolitik bedient die vorhandenen Abläufe, ohne  Politik erneuern zu müssen. Zumal sich im scheinbaren Spagat zwischen dem mittlerweile vorwiegend akademisierten Gender-Theoriehabitus, dem Gender-Mainstreaming-Institutionsfeminismus und dem Einzelkämpfertum der F-Klasse-Frauen, die dem neoliberalen Selfmade-Wo-Man zu entsprechen scheinen, schon lange eine wichtige Kraft frauenzentrierten Bewegens von Gesellschaft und Welt herauskristallisiert hat, die in dieser Politikaufteilung allerdings nicht wahrgenommen und gewürdigt wird: der ganze Bereich von Therapie, Beratung, Super- und Intervision, Organisationsentwicklung, personenorientierter Fortbildung bis hin zu Mentoringprogrammen, Netzwerkbildungen und den Projekten, die sich der autonomen Frauenbewegung verdanken. Das Bestreben dieses – ich nenne es mittleren – politischen Bewegungsfeldes ist es, mehr oder weniger klar formuliert und gezielt angegangen, Frauen in ihrem persönlichen Wollen und Handeln zu stützen und darüber die Welt wenigstens im eigenen unmittelbaren Tätigkeitsfeld zu verändern.

In diesem Veränderungsfeld findet sich etwas, das sich als der Kampf um Wohlbehagen in der Welt – also nicht: bloß für die einzelne Person! – benennen lässt. Diesen Kampf haben die italienischen Feministinnen im Umfeld des Mailänder Frauenbuchladens als Mittleres benannt zwischen der unendlichen Artikulation der Erfahrung der Niederlage auf der einen Seite, die auch heute wieder die jungen und „mittelalten“ Frauen zum Feminismus zu führen scheint, und dem individualisierenden Willen zu siegen auf der anderen, dem sich die F-Klasse-Frauen verschrieben haben – in Anlehnung an das Autolabel, das sie sich als Sinnbild auf die Fahne schreiben (wollen), auch wenn jenes gerade zurückrudert und das Scheitern seiner großmannsüchtigen Global-Player-Politik leishals auf den Aktionärsversammlungen einräumt. Der Kampf um Wohlbehagen in der Welt besagt eine Alternative zur Dialektik von Opfer-WeltÜberMachts-Diskurs und Welt-Beherrschungs-Wahn.

Dazu fällt auf, dass die Neu-Feministinnen sich jenseits des Androzentrismus ansiedeln wollen, aber nichts von der Rekonstruktion der Freiheit und Dezentrierung der Macht wissen zu wollen scheinen, die Denkerinnen wie Simone de Beauvoir oder die „Mailänderinnen“ längst angefangen haben.

Allerdings scheint diesem dritten Veränderungsfeld zurzeit etwas zu fehlen, nämlich das, was das Verbindungsglied zwischen einzelnen Frauen und einer frauenbewegten freien Theoriebildung sein könnte: ein theorieträchtiges Sprechen jenseits des wissenschaftsformierten Diskurses. Ich schreibe, dass das Sprechen „zu fehlen scheint“, denn neben dem politischen Sprechen selbst, das in dem dritten Bewegungsfeld wenigstens vereinzelt geschieht, scheinen auch öffentliche Orte zu fehlen, an denen ein solches Sprechen seinen Platz finden kann. – Nur nebenbei: Vielleicht entwickelt sich ja dieses Internetforum zu solch einem Ort. Denn zugleich, schon lange und zunehmend höre ich von seit langem frauenbewegten Frauen, dass ihnen die zweckfreien Räume verloren gegangen sind, die sie oft selbst aufgegeben oder für alle möglichen Vorhaben instrumentalisiert haben, so dass sie nun an allen Ecken und Ende fehlen (auch der Wissenschaftsbereich ist und war niemals zweckfrei und wurde es als Ort für Feministinnenkarrieren und Genderstudiengänge zunehmend weniger); Räume, in denen Frauen frei sprechend das diskutieren können, was ihnen auf dem Herzen liegt; Räume, in denen es Zeit, Raum und Beziehungen gibt, die Diskussionen auch zu schwierigen und heiß umkämpften Themen durchhalten lassen, die darüber hinaus auch keine Eintagsfliegen sind wie Tagungen, Kongresse und Bücheraufregungen, sondern vielmehr Prozesse und Kontinuität erlauben. Und bei denen also zuallererst offen gehalten werden muss, was da passieren kann und herauskommen soll.

Das alles spricht nicht gegen „große Erzählungen“. Dass es keine großen Erzählungen mehr gebe, ist selbst zu einer großen Erzählung geworden. Hier wird übergangen, dass der französische Philosoph Jean-Francois Lyotard, vom diese Ansage stammt, damit gewohnte politische Paradigmen kritisieren wollte und zugleich selbst andere vorschlug. Sein Leitkriterium für neue politische Leitkategorien lautet: Es sind solche, die Gerechtigkeit jenseits einer zu realisierenden Idee retten. Politische Paradigmen sind zu bilden, die Freiheit, politisches Wollen, Lebensalltag und Handlungsfähigkeit so miteinander verbinden, dass weitere Differenzierungsprozesse angestrebt werden, deren Zentrum das Streben nach nicht-idealisierender Gerechtigkeit darstellt.

Nun gibt es ein paar vereinzelte Experimente hierzu. Die kleine Streitschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn“ stellt drei wesentliche frauenbewegte Veränderungskräfte in den Raum: neben der Liebe zur Freiheit und dem Hunger nach Sinn den Wunsch nach gelingenden Beziehungen. Hierbei handelt es sich um drei gleichermaßen politische, gesellschaftliche und spirituelle Kräfte, die die Welt bewegen und dabei nicht affirmativ verstanden werden, sondern von Frauen gerade als kritische Kräfte in all ihrer Ambivalenz („wenn Frauen zu sehr lieben“) lebensalltäglich rekonstruiert werden. So wie „Gerechtigkeit“ sind es allgemeine Theoreme, die alltagssprachlich gesagt werden und individuell aufgegriffen werden können. Zu dieser Streitschrift gab es und gibt es eine starke Resonanz und anhaltende Diskussion im deutschsprachigen Raum, auch wenn darüber weder in der Bild noch in der Zeit etwas stand, auch eine Alice Schwarzer nicht mitspielte und nur wenige dieser Diskussionen im Umfeld „Wissenschaft“ stattfanden. Deutlich wird auch: Weder der Schwarzer-Feminismus noch der Wissenschafts- oder Staatsfeminismus führen zu einer zeitgemäßen Theoriebildung für feministische Politik, die in der Öffentlichkeit ankommt und Frauen im Alltag sprach- und handlungsfähig macht.

Folgende gesamtgesellschaftliche Problemlage scheint damit auf den Punkt gebracht: Menschen wollen neue, veränderte, gelingende Beziehungen zwischen den Menschen; vorwiegend Frauen wollen neue, bessere Geschlechterbeziehungen. Wie aber gelangt man zu besseren zwischenmenschlichen Beziehungen in allen Lebensbereichen, ohne in ein präkonventionelles Verhalten, also in Solipsismus, Egozentrik, (vermeintliche) Bindungslosigkeit, Männerangst und -ablehnung, Relativierung von allem und daher Orientierungs- und Politiklosigkeit zu fallen? Politik- und moraltheoretisch ausgedrückt: Wie gelingt Postkonventionalität?

Feminismus als Postkonventionalität: Darin scheint der Sinn des Sprechens und Schreibens der jungen und der F-Klasse-Feministinnen zu liegen. Diese Weise der Weltveränderung ist nicht einfach ein Reflex auf das Scheitern des Neoliberalismus, sondern einer der Hauptanlässe dafür, warum er gescheitert ist: weil zunehmender „Individualismus“ und praktizierte Freiheitsbestrebungen gerade von Seiten der Frauen auch Ausdruck des Wunsches nach gelingenden Beziehungen sind. Dass es sich hierbei um etwas anderes handelt als um einen traditionslos „neuen“ oder „sexy“ Feminismus, dürfte gerade aufgrund solcher Interventionen klar sein. Denn den alten Wein aus solchen neuen Schläuchen trinken zu sollen, die weniger widerstandsfähig und komplex zu sein scheinen als die alten, führt zu der Frage, welche Qualität die Schläuche brauchen und wie beim Wechsel des Weins in bessere Schläuche und andere Gefäße zugleich die Qualität des Weins verbessert und die verbesserte Qualität gehalten oder sogar weiterhin verbessert werden kann. Das aber ist die Anfrage der Postmoderne an feministisches Denken und Tun.

Anmerkungen

Zum „Kampf um Wohlbehagen“ als Mittleres zwischen „Erfahrung der Niederlage“ und „Wille zu siegen“ im Denken der Italienerinnen vgl. Libreria delle donne di Milano: „Sotto sopra. Mehr Frau als Mann.“ in: Jürgens, Gisela/Dickmann, Angelika: frauen-lehren, Rüsselsheim 1995, S. 45-66

Zu Lyotard vgl.: Andrea Günter: Welche Differenz macht die Utopie? Zu einer postmodernen Theorie des Utopischen, in: Beat Sitter-Liver (Hg.), Utopie heute I. Zur aktuellen Bedeutung, Funktion und Kritik des utopi­schen Denkens und Vorstellens, Stuttgart, Fribourg 2007, S. 111-137.

Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“, Rüsselsheim 1999.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 02.04.2008

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