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Feuchtgebiete

Von Dorothee Markert

Über den Skandal-Roman von Charlotte Roche

FeuchtgebieteAls ich das Buch „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche las, wusste ich noch gar nicht, dass es ein Bestseller ist. Erst mitten im Buch erinnerte ich mich, dass ich die Autorin bei der Maischberger-Sendung zum Thema Feminismus gesehen hatte. Es war die auf mich sehr jung wirkende Frau, die dort ihre Dankbarkeit gegenüber ihrer feministischen Mutter zum Ausdruck brachte und sich auch selbst als Feministin bezeichnete. Ihr besonderes Anliegen war es, Männer nicht weiterhin auszuschließen, sondern mit ihnen zusammen an weiteren Veränderungen zu arbeiten.

Mit diesem Wissen im Hintergrund las ich das Buch gleich ganz anders. Hatte ich mich in den ersten Kapiteln gefragt, wie viel Geltungsbewusstsein eine junge Frau haben musste, um mit einem solchen Roman an die Öffentlichkeit zu gehen, in dem ja nichts wirklich Erzählenswertes geschieht, was nicht längst in Kinder- und Jugendbüchern viel besser dargestellt ist (hier beziehe ich mich auf das Thema „Scheidungskind“), hatte ich nun immerhin Verständnis: Womit soll denn eine Tochter der 68er- und der Frauenbewegung sich noch profilieren, womit soll sie denn noch provozieren, wenn nicht damit, dass sie sich an die letzten noch verbliebenen Tabuthemen heranmacht und uns einen lustvollen Umgang mit Körperregionen und Ausscheidungen vorführt, die bisher von vielen eher als Ekel erregend empfunden werden?

Neben den Beschreibungen der diesbezüglichen Spielereien, die im Buch sehr viel Raum einnehmen, erfahren wir etwas über die wahrscheinlich den meisten Scheidungskindern gemeinsame große Sehnsucht der jungen Frau, ihre Eltern wieder zusammenzubringen. Dieses Ziel verfolgt sie mit aberwitzigen Aktionen, bei denen sie sich vor allem selbst Schmerzen zufügt. Hier wirkt sie nicht wie eine 18jährige, sondern wie ein kleines, naives, sehr verletzliches Mädchen, das die Liebe der Eltern zu ihm daran misst, ob sie ihm diesen Wunsch erfüllen. Als Provokation gegenüber einer feministischen Müttergeneration kann es gelesen werden, dass die junge Frau „Ficken“ als ihr Hobby bezeichnet, dass sie ständig „geil“ ist, dass sie sich so darstellt, als entspreche Sex als Spiel mit möglichst abgedrehten Variationen, ohne Beziehung und Bindung, ihrem eigenen Lustempfinden. Als sei das, was Feministinnen einst als Anpassung und Unterwerfung unter männliche Sexwünsche angeprangert hatten, in Wirklichkeit auch befreites weibliches Sexualverhalten. Was könnten sich Männer mehr wünschen, als dass Frauen sich nicht nur notgedrungen oder ihnen zuliebe an ihre diesbezüglichen sexuellen Wünsche anpassen, wie es bisher vor allem Prostituierte für einen erhöhten Preis taten, sondern dass sie dies als ihr ureigenstes Bedürfnis darstellen oder gar erleben? Dass die Geschlechterdifferenz also auch in diesem Bereich endlich keine Probleme mehr verursacht? Dass alles, was – in mancher Hinsicht vielleicht auch zu Recht – noch als unmädchenhaft, unweiblich galt, sich als überkommenes anerzogenes Schamgefühl und falsche Zimperlichkeit herausstellt? Durch die Sterilisation, die die Protagonistin sich zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschenkt hat, ist auch gesichert, dass ihre Gebärfähigkeit dieser Haltung nicht  im Weg stehen wird. Gerade dies ist aber auch eine konsequente Fortführung eines Feminismus, der sich die Gleichheit mit dem Mann auf die Fahnen geschrieben hatte. In den 70er Jahren behauptete beispielsweise die amerikanische Feministin Shulamith Firestone, letztlich stünde nur die weibliche Gebärfähigkeit der Frauenbefreiung im Weg, daher müsste daran gearbeitet werden, dass Kinder auf andere Weise auf die Welt gebracht werden könnten.

Beziehe ich in meine Interpretation mein Wissen über die Autorin und ihren Wunsch mit ein, Frauen und Männer wieder zusammen zu bringen, – im Roman ist es der Wunsch der Protagonistin, ihre geschiedenen Eltern sollten sich wieder lieben und bis an ihr Lebensende zusammenleben – kann mir der Roman vielleicht auch verständlicher machen, warum sich viele der heutigen jungen Frauen einer Mode unterwerfen, die sie zu Sexualobjekten macht, sie in Kleidung und Schuhe zwängt, wie sie bisher nur Prostituierte gewählt haben, um Männer zum Sexkauf zu bewegen. Während die Protagonistin ihre Operationswunde gewaltsam wieder aufreißt, um ihre Eltern beide gleichzeitig in die Klinik zu locken, tun auch diese jungen Frauen ihrem Körper wieder all das Üble an, was durch die Frauenbewegung der Vergangenheit anzugehören schien: Sie verkrüppeln ihre Füße, quetschen ihre Brüste, nehmen die Schmerzen durch das Haarentfernen mit Wachs auf sich, bearbeiten ihren Körper bis hin zu dem weiten Feld der so genannten Schönheitsoperationen. Und warum? Folgen wir der Logik des Romans, tun sie es, um Männern die Angst vor Frauen zu nehmen, die ihnen der Feminismus eingejagt hat, ihnen zu vermitteln, dass alles wieder gut ist, auch wenn sie selbst natürlich nicht in die alten Rollen des Patriarchats zurückkehren wollen. Wenn sie ihre aufreizend gestylten Körper Männern als Geschenk anbieten, wollen sie sie damit vielleicht überzeugen, dass es auch für Männer heute viel besser ist als vor dem Feminismus. Frauen und Männer sollen wieder zusammenkommen – um jeden Preis. Das Leiden an der Geschlechterdifferenz und der schwierige, aber auch spannende Verständigungsprozess, der notwendig ist, damit wirkliches Zusammenleben von ebenbürtigen Verschiedenen möglich wird, wird in diesem Fall ersetzt durch vorauseilenden Gehorsam und Überanpassung bis in die Sprache hinein. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau ihre eigenen Brüste, die sie spürt, von sich aus als „Titten“ bezeichnen oder von dem sexuellen Zusammensein mit einem anderen Menschen, das sie genießt, als „ficken“ sprechen würde. Im Buch bleibt die Protagonistin dabei sehr einsam, sie leidet unter Langeweile und innerer Leere. Erst als sie einsieht, dass sie ihre Eltern nicht mehr zusammenbringen kann, kann sie sich auf eine Beziehung zu dem Krankenpfleger Robin einlassen, wobei mir nicht einsichtig wird, warum er sofort bereit ist, sie mit nach Hause zu nehmen.

An die Anfänge der Frauenbewegung hat mich der Widerstand der Protagonistin gegen den Gesundheitswahn und den Hygienefanatismus unserer Gesellschaft erinnert. Die damaligen Aufbrüche in einen neuen Umgang mit unserem Körper-Sein scheinen weit zurück zu liegen und sind auch bei mir fast ganz in Vergessenheit geraten. Manfred Lütz spricht in einem Zeit-Artikel sogar davon, eine fundamentalistische Gesundheitsreligion herrsche „schichten- partei- und konfessionsübergreifend in jedem Winkel unserer Gesundheitsgesellschaft“. „Mit verbissenem Ernst“, schreibt Lütz, „die Todesdrohung im Nacken, und schuldgebeugt hetzen die Menschen bei Marathonläufen durch die Straßen hässlicher Städte, laufen von Arzt zu Arzt und essen unschmackhafte Sättigungsbeilagen zu einem Leben voller Verzicht und Kasteiung. Um den Tod zu vermeiden, nehmen sie sich das Leben, nämlich unwiederholbare Lebenszeit“. Für die Protagonistin der „Feuchtgebiete“ ist Gesundheit eben gerade nicht das höchste Gut, sie verletzt sich ja sogar selbst, um ihre Familie wieder zusammenzubringen, weil sie meint, dann könnte sie sich endlich wieder geliebt fühlen.

Bei der Idee der Protagonistin, mit selbst gebastelten Tampons der Tamponindustrie zu schaden, fielen mir die Naturschwämmchen ein, mit denen wir einst die Tampons ersetzten. Ihr Gebrauch änderte damals auch unsere Einstellung zum eigenen Menstruationsblut. Gegen das Überdecken körpereigener Gerüche mit Deodorants wandten wir uns ja auch, ebenso gegen das weißeste Weiß der Werbung und einen übertriebenen Sauberkeitswahn – entsprechend sah es oft in unseren Wohngemeinschaften und Frauenzentren aus. An die Anfänge der Frauenbewegung erinnert in Roches Buch auch die Lust an der Provokation. Mit einer eigenen Sprache über weibliche Sexualorgane wurde damals ebenso experimentiert wie mit einer anderen Einstellung zu den eigenen Ausscheidungen. Ich erinnere mich noch daran, wie aufregend unsere ersten Selbstuntersuchungen mit dem Spekulum waren, wie schön ein Tropfen Menstruationsblut aussah, der gerade aus dem Muttermund austrat, als wir mit Hilfe eines Spiegels in uns hineinschauten. Luce Irigaray schrieb einen Text mit dem Titel „Wenn unsere Lippen sich sprechen“, bezogen auf die weiblichen Schamlippen, in einem anderen geht es um das „Muköse“, das Schleimige. So schön ich Irigarays Titel einerseits fand, so peinlich wäre es mir damals allerdings gewesen, ihn in einem Vortrag zu zitieren. Doch inzwischen hat sich ja unsere Einstellung zum Öffentlichmachen von vormals Privatem sehr gewandelt.

Vielleicht wird dieses merkwürdige Buch „Feuchtgebiete“ deshalb zum Bestseller, weil unser damaliges Befreiungsprojekt nicht weitergeführt worden ist. Die sexuelle Befreiung ist seit dem Aids-Schock wieder rückläufig. Hierzu hat auch ein dogmatischer Feminismus beigetragen, der versuchte, Männer ganz aus dem Leben von Frauen zu entfernen, indem von manchen Gruppierungen innerhalb der Frauenbewegung „männerfreie“, „reine“ Frauenräume angestrebt wurden.

Man muss das Buch „Feuchtgebiete“ nicht lesen, um sich an die damaligen Anfänge einer anderen Körperkultur zu erinnern und wieder anzuknüpfen an das Einüben von Haltungen, in denen wir unseren Körper nicht als Objekt, Werkzeug oder Waffe behandeln, sondern immer wieder wahrzunehmen lernen, dass wir selbst Körper sind, „ein Ort von Wohlbehagen, Kribbeln, Zärtlichkeit, Vergnügen, Zweisamkeit und ein Ort des Lustgewinns, der auf viele unterschiedliche Weisen gelebt werden kann“ (so Antje Schrupp bei einer Tagung im April 2008). Ich persönlich bedaure nicht, das Buch gelesen zu haben, denn ich merke, dass ich seither wieder entspannter mit meinen eigenen Ausscheidungen und Gerüchen umgehe und mich von manchem inzwischen selbst übernommenen Hygienezwang befreie, dass ich wieder anknüpfen kann an Veränderungsprozesse, mit denen wir vor mehr als dreißig Jahren begonnen hatten.

Zitierte Texte

Charlotte Roche, Feuchtgebiete, DuMont Buchverlag Köln, 5. Aufl. 2008

Manfred Lütz, Erhebet die Herzen, beuget die Knie. Gesundheit als Religion. In: Die Zeit, 17.4.08, S. 45-46

Luce Irigaray, Waren, Körper, Sprache — Der ver-rückte Diskurs der Frauen“; Internationale Marxistische Diskussion 62, Merve Verlag, Berlin, 1976; Dies., Unbewusstes, Frauen, Psychoanalyse, Internationale Marxistische Diskussion 66, Merve Verlag, Berlin, 1977

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 27.04.2008

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