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Sexualität zwischen Wut und Scham

Von Antje Schrupp

Bücher über „Lust und Liebe“ bei Musliminnen

WeidnerReyhan Sahin ist wohl nicht typisch, was die Einstellung junger deutsch-türkischer Frauen zur Sexualität und zum weiblichen Körper betrifft: Die 27 Jahre alte Rapperin aus Berlin nennt sich „Lady Bitch Ray“ und sagt im Interview, sie habe „viel Wut in ihrer Möse“. Sie versteht sich als Künstlerin und Feministin, die „für die vaginale Selbstbestimmung“ von Frauen eintritt, und ihr Vokabular ist derart, dass selbst die in solchen Dingen gar nicht pingelige taz glaubte, ein Interview mit ihr zensieren zu müssen.

Ganz anders sieht das Bild aus, das zwei neue Publikationen vom Verhältnis muslimisch sozialisierter Frauen zur Sexualität zeichnen: In ihrer Studie „Lust und Liebe bei Musliminnen“ hat Natalie Weidner genau die Gruppe untersucht, zu der Lady Bitch Ray gehört – junge Frauen in Deutschland, deren Eltern oder Großeltern aus der Türkei hierher kamen. Und es sind erschreckende Zahlen, die sie zusammengetragen hat: Nur sechs Prozent von ihnen haben mit ihrer Mutter oder einem anderen Familienmitglied über körperliche Veränderungsprozesse in der Pubertät reden können. Der weibliche Körper, so scheint es, ist in der türkisch-stämmigen Community noch immer mit extremen Tabus und Abwertungen behaftet.

Es mag auch daran liegen, dass Weidners Untersuchung auf den Erfahrungen von Beratungsstellen für Migrantinnen beruht, die Frauen wie Reyhan Sahin wohl eher nicht aufsuchen. Verblüffende Ähnlichkeiten zeigen sich allerdings zu einer anderen Studie, die das Verhältnis von Musliminnen zur Sexualität untersucht, und zwar die der Soziologin Maryam Taherifard. Sie hat im Iran Interviews mit Frauen aus drei Generationen geführt, und auch hier erschreckt vor allem die Sprachlosigkeit, die sich wie ein dicker Schleier über das Thema legt. Nicht nur den ersten Geschlechtsverkehr, auch ihre Menarche, die erste Menstruation, durchlitten fast alle befragten Frauen voller Scham und fast durchgehend, ohne zu wissen, was ihnen überhaupt geschieht. Aber Interesse an dem Thema ist da, denn erstaunlich offen haben sie der Interviewerin Auskunft gegeben. Und es wird deutlich, dass tief verwurzelte kulturelle Traditionen stärkeren Einfluss haben, als kurzfristige politische Entwicklungen: Während die Müttergeneration der heute um die 50-jährigen Iranerinnen ungebrochen traditionelle Vorstellungen vertreten, obwohl sie doch ihre Jugend in Zeiten politischer „Verwestlichung“ unter dem Schah-Regime verbrachten, zeigen die jüngeren Frauen ein durchaus freieres Verhältnis zu ihrem Körper und zur Sexualität, obwohl sie in den restriktiven Zeiten der Islamischen Revolution aufgewachsen sind.

Beide Studien kommen zu dem Schluss, und belegen dies auch eindrucksvoll, dass der Umgang mit Sexualität in muslimisch geprägten Kulturen aus freiheitlicher Perspektive noch vieles zu wünschen übrig lässt. Die Diskrepanz zwischen diesem Befund und der Selbstinszenierung einer türkischen Porno-Rapperin wie Lady Ray Bitch ließe sich, oberflächlich gesehen, mit dem Hinweis auf „Parallelgesellschaften“ erklären, also dem Gegensatz von freier, aufgeklärter westlicher und zwanghafter, zurückgebliebener östlich-islamischer Kultur: Während manche Frauen sich eben westlichen Maßstäben anpassen und von patriarchalen Zumutungen emanzipieren, bleibt die Mehrheit in den kulturellen Zwängen des Orient verhaftet.

Doch so einfach ist es nicht. Denn bei genauem Hinsehen verlaufen die Brüche nicht da, wo man sie auf den ersten Blick vermuten möchte. Weidner zum Beispiel zitiert eine Studie, die Aufschluss geben soll über die sexuellen Erfahrungen deutsch-türkischer Frauen. Doch die (westlichen) Forscher fragen dafür nur das ab, was offenbar auch nach ihrer Ansicht die einzig relevante sexuelle Praxis ist: den heterosexuellen Koitus nämlich. Sexuelle Erfahrungen hat demnach nur eine Frau, die schon einmal einen männlichen Penis in ihrer Vagina stecken hatte – ganz so, als hätte es nie eine feministische Kritik an einer so eingeschränkten Definition von Sexualität gegeben.

Durch die Fixierung auf die Penetration sowohl im westlichen wie auch im östlichen Blick auf Sexualität bleiben eine ganze Reihe anderer Möglichkeiten, sich dem Thema anzunähern, außen vor. So ist bei Weidner auch nachzulesen, dass der Islam sich an vielen Stellen offener zeigt, als man es in westlich-christlicher Tradition gewohnt ist. Kinder zum Beispiel gelten als asexuelle Wesen, mit der Folge, dass ihre „Doktorspiele“ in der Regel nicht tabuisiert und unterbunden werden. Auch kennt der Islam im Unterschied zum Christentum keine Abwertung der sexuellen Lust als solche: Wenn Sexualität im Rahmen einer Ehe stattfindet, darf sie durchaus auch den Frauen Vergnügen bereiten und ist nicht bloß im Dienste des Kinderzeugens hinzunehmen. Die Masturbation schließlich ist weitaus weniger mit moralischen Verboten und Strafen belegt als sie es in christlichen Kulturen bis vor kurzem noch war.

TaherifardWie also definieren muslimisch geprägte Frauen ihre Sexualität? Was tun sie an und mit ihren Körpern, mit wem und ohne wen? Was genießen sie, was stößt sie ab? Wie verändert sich das im Laufe des Älterwerdens? Bei Kindern? Bei Jugendlichen? Als alte Frauen? Fragen, die beide Bücher leider offen lassen, weil sie nicht das Erleben und den Umgang der Frauen selbst ins Zentrum stellen, sondern das Thema entlang eines vorgeblichen Ost-West-Konfliktes angehen, der sich letzten Endes als konstruiert erweist. Sie untersuchen nur, wie nah oder fern muslimische Frauen den westlichen Denkmustern im Hinblick auf Sexualität stehen und interessieren sich nicht dafür, wie die befragten Frauen unabhängig von diese Kategorien ihren Körper, ihr Lustempfinden, ihre Prioritäten und Erfahrungen beschreiben würden.

Andererseits werden auf diese Weise zahlreiche Probleme muslimischer oder deutsch-türkischer Frauen in der Phase der Pubertät thematisiert, die mit Sexualität eigentlich gar nichts zu tun haben. Zum Beispiel, dass viele muslimische Mädchen nach ihrer Menarche rigiden Kontrollmechanismen unterworfen werden: Sie dürfen keinen Sport treiben, weil dabei das Jungfernhäutchen verletzt werden könnte, sie müssen ein Kopftuch tragen, um Gläubigkeit zu demonstrieren, und sie dürfen nicht mehr mit Jungen zusammen sein, weil das ihre Ehre oder die ihrer Familie gefährden würde. Mit Sexualität als körperlicher Lust hat all das überhaupt nichts zu tun. Nach muslimischem Verständnis ist nämlich nicht die Sexualität als solche entscheidend, als Frage der individuellen Moral („Hat sie oder hat sie nicht?“), sondern es geht um das Ansehen in den Augen der anderen: Viele türkische Eltern sorgen sich nicht um die innere Haltung ihrer Töchter – deren „Keuschheit“ sie nämlich unter Umständen gar nicht anzweifeln – sondern allein darum, was andere denken könnten.

Nicht zufällig bezieht sich auch Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray auf genau diesen Zusammenhang, wenn sie ihre eigene sexuelle Offenherzigkeit gerade nicht als Abgrenzung von ihrer Herkunftskultur und Verwestlichung verstanden wissen will, sondern behauptet, türkische Werte zu verteidigen, nämlich „Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Familienzusammenhalt und Ehre“, und hinzufügt: „Sicher, die Art, wie ich die Ehre verteidige, ist sehr streitbar. Aber nur weil ich eine extreme Kunstform dafür verwende, kann ich doch die Ehre verteidigen.“ Interessanterweise macht Ray dabei die Erfahrung, dass sich „die Deutschen“ an ihrem Auftreten viel mehr stören, als „die Türken“. Sie glaubt, das liege daran, dass sie weder das Klischee des Opfers noch das der strebsamen Aufsteigerin repräsentiert, das viele sich unter „gelungener Integration“ gemeinhin vorstellen.

Jedenfalls würde die Kritik an patriarchalen, frauen- und sexualitätsfeindlichen islamischen Sitten und Regeln viel besser gelingen, würde sie nicht als Kulturkampf zwischen „westlicher“ und „orientalischer“ Tradition geführt, sondern von den Erfahrungen, Wünschen und Problemstellungen der Frauen selbst ausgehen. Man muss es ja nicht gleich so krass formulieren, wie Lady Bitch Ray, die gerade an ihrer Doktorarbeit über „Semiotik der Kleidung“ schreibt, und deren „erstes Gebot des Vagina Styles“ lautet: „Du hast einen Grund zum feiern: Du hast eine Möse und Du bist eine Frau, die weiß, was sie will.“

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Das Interview mit Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray in der taz. Einen ausführlichen Eintrag über die Rapperin gibt es auch bei Wikipedia.

Natalie Weidner: Lust und Liebe bei Musliminnen. Die sexuelle Selbstwerdung von Musliminnen im Jugendalter in der BRD. Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2007, 49 Euro.

Maryam Taherifard: Sittlichkeit und Sinnlichkeit. Weibliche Sexualität im Iran. Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2997, 39,90 Euro.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 17.04.2008

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