beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik unterwegs

Die Frauen und Männer von 68

Von Antje Schrupp

Warum sie sich immer noch nicht verstehen

68er Diskussion

Zu Beginn der Debatte noch gut gelaunt: Daniel Cohn-Bendit, Sibylla Flügge, Moderatorin Ulrike Holler, Christina Thürmer-Rohr, Jutta Ebeling und Joscha Schmierer (von links nach rechts). Foto: Antje Schrupp

Sie können sich einfach nicht verstehen, die Frauen und Männer jener Generation: Diesen Eindruck hatte ich jedenfalls bei einer Diskussion zum Thema „68 und die Frauen“ im Mai 2008 in Frankfurt am Main. Rund 300 Interessierte waren gekommen – deutlich mehr Frauen als Männer – um das prominent besetzte Podium zu hören. Doch obwohl die einzelnen Statements klug und interessant waren, kam es zu keinem wirklichen Dialog zwischen den zwei Männern und drei Frauen, die allesamt 1968 in der „Revolte“ aktiv waren. Für mich war der Abend ein weiterer Beleg für Dorothee Markerts These, dass der Dialog zwischen Frauen und Männern bis heute an Traumatisierungen leidet, die beide Seiten damals erlitten haben. (zum Artikel)

Dabei hatte Daniel Cohn-Bendit eigentlich versöhnlich begonnen. Gleich zu Anfang wies er darauf hin, dass Frauen in der Studentenbewegung keineswegs Kaffee kochende Mitläuferinnen waren, sondern maßgebliche Akteurinnen: Zum Beispiel sei das Grundsatzprogramm des „Revolutionären Kampfes“ (jener Frankfurter Sponti-Gruppe, in der er damals Mitglied war) von einer Frau und einem Mann geschrieben worden. Leider sagte er nicht, welche Frau das war – und der Wikipedia-Eintrag zum RK, in dem ich das nachschauen wollte, zählt heute ausschließlich Männernamen auf.

Insofern ging auch Cohn-Bendits Eingeständnis, dass „Männer sich damals für wichtiger hielten“ und sein Bedauern darüber, dass die weniger selbstüberschätzende Haltung vieler Frauen sich „leider in der Revolte nicht so durchgesetzt“ habe, sehr rasch in der Verärgerung der Frauen über ihre Unsichtbarmachung unter. Jutta Ebeling, heute Bürgermeisterin von Frankfurt, sagte, die 68er seien „damals eine Selbstinszenierung der Männer gewesen und sind es bis heute geblieben.“ Wobei sie als Beleg auf die Berichterstattung in den Medien zum 68er-Jubiläum verwies und auf eine große Ausstellung zum Thema, die derzeit im Frankfurter Historischen Museum gezeigt wird und die ebenfalls extrem Männer-dominiert sei.

Zwar ging die Diskussion danach nicht weit über das Hin und Her von Vorwürfen und Rechtfertigungsversuchen, von Groß- und Kleinreden des „Problems“ hinaus, aber sie lieferte für mich neue Anregungen, zu verstehen, woran es hierbei, trotz eindeutig vorhandenem guten Willen auf beiden Seiten, eigentlich hapert.

Einen wichtigen Hinweis gab Christina Thürmer-Rohr (heute Professorin und Autorin in Berlin), die mehrfach betonte, dass der Protest der Frauen gegen die „Männer von 68“ mehr war als ein aus persönlicher Betroffenheit herrührendes „Aufmucken“. Die Distanzierung der Frauen, die später in den Separatismus der Frauenbewegung mündete, sei nicht einfach eine Reaktion auf frauenfeindliches Verhalten seitens der Männer gewesen, sondern habe sich vielmehr auf die Inhalte der Studentenbewegung bezogen.

Auch Sibylla Flügge (heute Professorin in Frankfurt und damals Mitglied im Frankfurter Weiberrat) argumentierte in diese Richtung, als sie erzählte, dass ihr Ausgangspunkt keineswegs die Erfahrung persönlicher Diskriminierung gewesen sei. Sie erinnert sich an ein feministisches Brainstorming damals, bei dem alle aufschreiben sollten, wie sie persönlich Frauenunterdrückung erleben: „Mir fiel nichts ein“. Ihr Interesse war in erster Linie theoretisch: Dass es zum Beispiel kein Material über die Geschichte der Frauenrechte oder Literatur zum Familienrecht gab – was aber dringend benötigt wurde, um etwa Frauen im Hinblick auf Scheidungen zu beraten und zu unterstützen.

Zwei Konfliktpunkte hob Thürmer-Rohr für die Distanzierung der Frauen von den 68ern heraus: Das „Unbehagen“ (und auch die Angst) vieler Frauen angesichts der Affinität der Studentenbewegung zur Gewalt, sowie die Aneignung von links-marxistischen Begriffen wie Unterdrückung, Ausbeutung oder Entfremdung zur Beschreibung der Herrschaftsverhältnisse zwischen den Geschlechtern, was seitens vieler linker Gruppen als „kleinbürgerlich“ zurückgewiesen wurde. Die beiden Punkte seien dann in der feministischen Analyse zusammengeflossen, indem „Gewalt“ zum Synonym für „Patriarchat“ wurde.

Es war genau dieser Hinweis auf die Bedeutung des weiblichen Denkens (und nicht nur die Selbstbehauptung von Frauen), der sich dann in dieser Debatte als den Männern nicht vermittelbar erwies. Das zeigte sich zum Beispiel am Einwand, den Cohn-Bendit gegen Thürmer-Rohr vorbrachte, dass „die Gewaltfrage nicht zuerst von Frauen diskutiert“ worden sei, sondern dass es in diesem Konflikt auf beiden Seiten Männer wie Frauen gegeben habe. Dies ist eine Argumentationsfigur, die sehr häufig vorgebracht wird, wenn eine Frau die weibliche Differenz im Hinblick auf politisches Denken zu thematisieren versucht: Die Erwiderung, dass es doch auch auf der „anderen“ Seite Frauen gebe. Hier zeigt sich eine Verwechslung von weiblichem Denken mit weiblicher Natur, also letztlich ein essenzialistisches Missverständnis. Der Einwand ergibt nämlich nur einen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass eine Erkenntnis, die aus einem Denkprozess hervorgeht, der die sexuelle Differenz zum Ausgangspunkt nimmt, von jeder einzelnen Frau geteilt werden muss – was natürlich vollkommener Unsinn ist.

Die Anerkennung der weiblichen Differenz als Quelle von neuem Denken ist eine Vorstellung, die Männer offenbar kaum nachvollziehen können, was oft (und auch diesmal wieder) dazu führt, dass beide Seiten immer gereizter werden. Ich hätte mir zum Beispiel gewünscht, dass einer der Männer einmal die Originalität der Frauenbewegung im Hinblick auf politische Denk-Praxis anerkennt und vielleicht so etwas sagt wie: „Ich habe von (diesen oder jenen) Frauen gelernt, dies und jenes zu denken, und darüber bin ich froh, denn in meiner denkerischen Eingeschlechtlichkeit hätte ich selbst auf diese Erkenntnis niemals kommen können.“

Vielleicht habe ich, haben wir es im Gespräch mit Männern bisher nicht klar genug gemacht, dass und warum genau diese Anerkennung weiblicher Autorität so wichtig ist und uns stattdessen mit einem gewissen männlichen „Wohlverhalten“ zufrieden gegeben – offenbar haben die Männer in ihrer Begegnung mit Feministinnen genau diese Erfahrung gemacht, sonst würden sie ja dieses Wohlverhalten nicht immer so deutlich herausstellen. Ein Mann, der mit mir zusammen auf dieser Veranstaltung war und mit dem ich meine Überlegungen diskutierte, sagte, dass Cohn-Bendit seiner Ansicht nach durchaus vom weiblichen Denken gelernt habe und auch dafür dankbar sei, das aber so nicht ausdrücken würde oder könnte. Und er sagte, er habe den Eindruck, auch die Frauen selbst würden die Bedeutung ihres eigenen theoretischen Denkens oft nicht ernst nehmen – indem sie etwa entsprechende Redebeiträge oft durch gemeinsames Lachen ins Anekdotenhafte zögen, was sie, wie ich zugeben muss, tatsächlich oft tun und auch an diesem Abend taten.

Es war aber jedenfalls ganz offensichtlich, dass die beiden Männer auf dem Podium strikt zwischen einem geschlechtsneutralen Denken einerseits und der konkreten Verkörperung eines „Problems“ in einzelnen Frauen und Männern unterschieden. Diese prinzipielle und meiner Meinung nach falsche (aber vielleicht für das männliche Denken konstitutive?) Unterscheidung ist, so vermute ich, der Hauptgrund, warum bis heute die Vermittlung weiblichen Denkens in den nach wie vor männlich (wenn auch nicht mehr nur von Männern, sondern auch von Frauen) geprägten Mainstream scheitert. Sowohl Cohn-Bendit als auch der andere Mitdiskutant Joscha Schmierer machten deutlich, dass „Frauenbewegung“ für sie nur auf der Ebene der Alltagspraxis relevant ist. Feminismus kennen sie gewissermaßen nur, weil sie von den Frauen um sie herum damit konfrontiert worden sind: „Angst vor Liebesentzug“ nannte es Cohn-Bendit, „man lief ihnen ja dauernd über den Weg“, sagte Schmierer. Wohngemeinschaften und Liebesbeziehungen zerbrachen an den Konflikten, die Männer änderten teilweise ihr Verhalten – Cohn-Bendit etwa betonte, dass er in einem Kinderladen arbeitete. Vielleicht ließe sich das Missverständnis auch so formulieren: „Das Private ist politisch“ sagten die Frauen, „Wir müssen unser Privatleben verändern“ war die – zu kurz gegriffene – Antwort der Männer (wenn auch sicher bereits dies für die Beteiligten damals ein höchst schmerzhafter Prozess gewesen ist).

Während sie sich also im Hinblick auf frauenfreundlicheres Alltagsverhalten verändert haben, verarbeiten beide Diskutanten die inhaltlich-denkerischen feministischen Impulse offenbar so, dass sie das, was ihnen davon geeignet erscheint, in ihre eigene, „allgemeine“ gesellschaftskritische Theorie integrieren. Für Cohn-Bendit zum Beispiel war die Hauptidee der Studentenbewegung die „Autonomie des Individuums“ und die Frauenbewegung versteht er entsprechend als eine spezielle Version davon, insofern nämlich „die Frauen dann eben auch ihre Autonomie durchsetzen wollten. Es war eine Machtfrage, daher mussten die Frauen sich organisieren.“ Joscha Schmierer, der in der Debatte einen doppelt schweren Stand hatte, weil er damals zu einer dogmatischen K-Gruppe gehörte, sah in dem Protest der Frauen einen Ausdruck davon, dass sie „spezielle und zusätzliche Gründe zur Rebellion“ hatten, die sich aber zunächst an die Gesellschaft allgemein und nicht speziell an die Studentenbewegung gerichtet hätte. Auch er konnte die weiblichen Ideen gut in sein eigenes Denken einreihen, weil ja „der Marxismus immer schon das Patriarchat kritisiert hat.“

Wenn den Männern aber das Denken als geschlechtsneutral gilt, dann ist es logisch, dass sich in ihren Augen das Anliegen der Frauenbewegung darin erschöpft, konkrete Verhaltensänderungen von Männern herbeizuführen – während es in Wirklichkeit darum geht, die sexuelle Differenz als notwendige Quelle und Ressource für politische Denk-Praxis zu entdecken und anzuerkennen. Dieser Konflikt äußert sich dann normalerweise (und so war es auch an diesem Abend wieder) in dem altbekannten Vorwurf der Frauen an die Männer, sie würden zu abstrakt reden und nicht persönlich von sich. Woraufhin die Männer dann entweder Beispiele aus dem Privatleben erzählen, oder doch wieder theoretisieren, woraufhin dann die Frauen murren und die Männer zweifelnd fragen „Oder ist das jetzt wieder zu abstrakt?“ Dass auch das eigene Denken etwas Persönliches ist, dass neue Erkenntnisse (etwa wie die von der Frauenbewegung gebrachte Analyse des Patriarchats) konkret ein Befreiungserlebnis für das (auch männliche?) Individuum sein können – dies ist meiner Ansicht nach der Knackpunkt, an dem die Vermittlung sehr oft scheitert und der auch diesmal wieder nicht zur Sprache zu bringen war.

Entsprechend konnten natürlich auch keine Konflikte thematisiert werden. Das ganze Setting war so, dass das Rechthaben der Frauenbewegung von vornherein feststand, sodass die Diskussion nur noch um die Frage kreiste, welche Männer „es“ wann und wodurch verstanden hätten oder nicht. Dadurch entstand der Eindruck einer gewissen Überheblichkeit seitens der Frauen, was auch aus dem Publikum moniert wurde. Natürlich wiesen die Diskutantinnen immer wieder darauf hin, dass die Frauenbewegung nicht einheitlich gewesen ist, dass Selbstkritik hier auf der Tagesordnung stand und so weiter. Aber dies bleibt ein Feld, das sich nicht gemeinsam mit Männern diskutieren lässt, solange theoretische Debatten als nicht sexuell differenziert verstanden werden. Dann beschränkt man sich auf „monogeschlechtliche“ Diskurse, und das einzige, was die Frauenbewegung im Hinblick auf eine neue Denk-Praxis gebracht hat, ist dass es neben dem monogeschlechtlichen Männerdiskurs (an dem sich heute auch Frauen beteiligen dürfen), inzwischen noch einen, allerdings ebenso monogeschlechtlichen Frauendiskurs gibt (den Frauen exklusiv unter sich und daher außerhalb des Mainstreams führen).

Christina Thürmer-Rohr war es, die die Frage stellte, ob die Frauenbewegung nicht mit ihrer „folgenschweren Entscheidung“ der Separation selbst zu dieser Entwicklung beigetragen hat. „Man könnte sagen, dass die Männer keine Chance hatten, mitzukriegen, was wir machten, außer sie kannten privat eine Feministin“. Genau hier liegt vielleicht der Keim jener fatalen Unterscheidung zwischen geschlechtsneutraler Theorie und sexuell differenzierter Praxis: Da die Feministinnen die Theorie unter sich ausmachten, erlebten die Männer „Feminismus“ nur in der Praxis von Alltagsbeziehungen, mit der Folge, dass für sie der Feminismus nach wie vor nicht eine neue Weise des Denkens ist, die die Grundfesten der Kultur hinterfragt, sondern lediglich eine Frage von politisch korrektem Verhalten, das sich an Äußerlichkeiten wie Vätermonaten, Müll runtertragen und Karrierechancen für Frauen festmacht. Was einerseits natürlich einfacher ist. Aber es ist andererseits auch viel unbefriedigender: Denn auf dem Gebiet der Praxis sind die Männer ja  ganz klar die Bösewichte, die Privilegien verlieren und Anschuldigungen aushalten müssen. Auf dem Gebiet des feministischen Denkens hingegen könnten sie ebenso zu den Gewinnern hören, weil neue Erkenntnisse (auch dann, wenn sie uns von anderen geschenkt werden, was vielleicht sogar für alle Erkenntnisse gilt) befreiend sind. Denn sie helfen uns, uns besser in der Welt zurechtzufinden – das gilt für Männer ebenso wie für Frauen.

Noch etwas kommt hinzu: Auch Teile des Feminismus haben sich in der Folge von 68 fatalerweise darauf beschränkt, männliche Verhaltensänderungen zu erzwingen anstatt den Männern wirklich ihre Ideen und Gedanken vermitteln zu wollen. Das sieht man etwa an der großen Bedeutung, die später formale Maßnahmen wie Quoten, institutionelle Macht, Gesetze usw. bekamen: Das sind ja alles politische Instrumente, bei denen es gerade nicht auf eine Einsicht seitens der Männer ankommt. Natürlich ist so eine Selbstbeschränkung auf das „Politik machen“ (statt über Grundsatzfragen diskutieren) für die Frauen auch ziemlich verführerisch, weil dabei das Rechthaben so leicht ist. Ungleiche Bezahlung, ungerechte Verteilung der Hausarbeit – all das ist leicht statistisch zu belegen. Niemand kann den Frauen dabei ernsthaft widersprechen (und das tut heute auch praktisch niemand mehr).

Würden wir uns aber in einen geschlechter-differenzierten Diskurs über feministisches Denken begeben, wäre das Rechthaben nicht mehr so leicht. Wir befänden uns dann nämlich im Bereich politischer Verhandlungen, wo es keinen übergeordneten Schiedsrichter gibt und keine unbestechlichen Zahlen, die auf unserer Seite sind. Wir müssten uns in erster Person um Vermittlung bemühen (und uns dem Risiko aussetzen, dabei zu scheitern). Allerdings gäbe  das dann auch den Männern wieder die Chance, sich in erster Person in die Debatte einzuschalten, ohne in die Rolle desjenigen zu geraten, der ständig die unwiderlegbaren Schlussfolgerungen seiner Gesprächspartnerinnen abnicken muss.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 08.05.2008

Weiterdenken