beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik denken

Lösungen, die das Leben anbietet

Von Dorothee Markert

Öffentlicher Raum als Wohnraum für viele Verschiedene

Brunnen Stuttgart

Der öffentliche Raum als riesiges Wohnzimmer, das allen gehört. Foto: Antje Schrupp

Wenn die Welt unser Haushalt ist, wie Ina Praetorius schreibt, dann ist der öffentliche Raum ein riesiges Wohnzimmer, das uns allen gemeinsam gehört, oder besser noch eine Wohnküche, denn hier spielt sich ein großer Teil unseres Lebens ab, hier wird inzwischen immer öfter auch gearbeitet und gegessen, manchmal sogar geschlafen. Dieser öffentliche Raum hat sich seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts sehr verändert. Vieles von dem, was vorher in unserem Land strikt im privaten Raum zu verbleiben hatte, ist in den öffentlichen Raum hinübergewandert, und größtenteils finden wir das auch ganz selbstverständlich und in vieler Hinsicht durchaus erfreulich. Manches amüsiert oder stört uns noch, beispielsweise die zahlreichen privaten Handygespräche, die wir täglich mithören dürfen. Doch möchte wahrscheinlich niemand zurück zu der Lebensfeindlichkeit früherer Innenstädte und Dörfer, zu der bei „Ausflügen“ in den öffentlichen Raum ständig allgegenwärtigen Angst, „was die Leute denken könnten“, und zu der totalen Abschottung vorgeblich harmonischer Privaträume reinen Glücks, wie wir sie vor der kulturellen Revolution von 68er-Bewegung und Frauenbewegung hatten. Dabei veränderten die 68er zunächst die „Sitten“ im öffentlichen Raum, die beteiligten Männer und Wortführer wollten jedoch im Privaten nichts ändern, was die beteiligten Frauen nicht hinnahmen. Denn sie erkannten, dass sie wieder einmal nicht von einer Revolution profitieren würden, die nicht auch die Sitten und die Moral im Privaten und die Definition von Privatem und Öffentlichem dem politischem Verhandeln zugänglich machen würde.

Zwei Erfahrungen setzten mein erneutes Nachdenken über den öffentlichen Raum in Gang: Als ich neulich mit dem Koffer-Trolley vor dem Hamburger Hauptbahnhof herumfuhr, nahm ich plötzlich wahr, dass das Pflaster hier fast vollständig mit plattgetretenen Kaugummis überzogen war. Einige noch frische Kaugummis lagen dazwischen, und ich wunderte mich, warum ich nur so selten einen Kaugummi am Schuh oder am Trolley kleben habe. Seither achte ich auf den „Kaugummiüberzug“ auf Gehwegen und stelle fest, dass das Ausspucken dieser Dinger wohl die übliche Entsorgungsmethode geworden ist. Nun war es natürlich immer schon so, zumindest seit ich denken kann, dass der öffentliche Raum von den meisten Menschen nicht so pfleglich behandelt wurde wie die privaten Räume. Auch früher warfen hier manche Menschen ihren Abfall einfach auf den Boden, Männer pinkelten überall hin, Hundehaufen lagen herum und einige Menschen spuckten oder rotzten in die Gegend und fanden das ganz selbstverständlich. Wie krass der Gegensatz zwischen dem Bemühen um Schönheit auf eigenem Grund und Boden und dem achtlosen Umgang mit dem öffentlichen Raum ist, stach mir einmal bei einem Spaziergang am Comer See besonders ins Auge. Zwischen lauter eingezäunten, wunderschönen privaten Anwesen mit herrlichen Gärten gab es einen schmalen öffentlichen Weg, der völlig verwahrlost war. Auch ich verhalte mich da nicht so anders: Während ich auf unserem Grundstück keinen Aufwand scheue, um alles sauber zu halten und schön zu machen, erscheint es mir als besondere Großzügigkeit gegenüber der Öffentlichkeit, wenn ich auch auf der angrenzenden Straße einmal ein Stück Abfall entsorge, obwohl ich mich doch nur deshalb dazu durchringe, weil es den Ausblick aus meinem Privatbereich beeinträchtigt. Eine frühere Nachbarin, die auf ihrem Weg in die Stadt immer wieder mit dem Fahrrad anhielt, um Abfall einzusammeln, wirkte auch auf mich doch reichlich lächerlich, obwohl ich ihr Verhalten irgendwie auch bewundernswert fand.

Die „Straße“, der öffentliche Raum im Freien, galt schon immer als schmutzig, als Ort der Verwahrlosung und moralischer Verworfenheit. In den öffentlichen Verkehrsmitteln, den Räumen öffentlicher Institutionen und auf Straßen und Plätzen wurde durch Kontrollen und Strafandrohungen und durch von den Gemeinden bezahlte Reinigungskräfte mehr schlecht als recht für etwas Ordnung und Sauberkeit gesorgt. Doch im Vergleich mit privaten Räumen blieben auch diese Orte meist ungemütlich, hässlich und tendenziell schmutzig, trotz Blumenrabatten und „Kunst am Bau“. Bis zu den 1970er Jahren gab es jedoch eine strikte Trennung zwischen privatem und öffentlichem Bereich. Die mir unverständlichsten Prügel bekam ich als Kind in den 1950er Jahren, weil ich diese Trennung nicht einhielt und meine Mutter sich deshalb „für mich schämen musste“, wie sie sagte: Vom Kinderzimmerfenster im zweiten Stock aus scherzten wir Kinder an einem langweiligen Sonntag mit Spaziergängern auf der anderen Straßenseite, was diesen sichtlich ebenso Vergnügen bereitete wie uns. Unsere Eltern empfanden dies jedoch als extrem unanständig und reagierten sehr heftig darauf. Besonders verwerflich, so wurde mir außerdem vermittelt, war es, wenn Frauen in der Öffentlichkeit auffielen, durch lautes Reden und Lachen, durch aufreizende Kleidung und starkes Geschminktsein oder durch Rauchen. Wenn mir in meiner Jugendzeit einmal ein Hemd- oder BH-Träger unter der Kleidung hervorrutschte, war dies eine Katastrophe, ich hätte vor Scham im Boden versinken mögen. Heute spielt die Mode absichtlich mit dem Sichtbarwerden von Unterwäsche. Noch in den 70er Jahren wurde ich von einer älteren Dame gefragt, ob ich mich nicht schäme, als ich eng umschlungen mit meinem Freund durch die Stadt lief. Heute sollten wir uns vielleicht dafür einsetzen, dass in unsere öffentliche „Wohnküche“ nicht auch noch die Schlafzimmer oder gar die Bordelle hineinwandern.

Dass für Frauen Scham im Zusammenhang mit der Öffentlichkeit noch bis vor dreißig Jahren eine so große Rolle spielte, ist sicher eine Erklärung dafür, warum viele Frauen heute immer noch eine Scheu vor öffentlichem Sichtbarwerden haben. Um einen großen Abstand zu „Straßenmädchen“, zu Prostituierten, zu wahren, gab es mit zunehmender Emanzipation nur zwei Möglichkeiten, wie Frauen öffentlich auftreten konnten: Entweder ihr Auftritt war durch absolute Schönheit und einen besonderen Erfolg als Schauspielerin oder Sängerin doppelt gerechtfertigt, dann durfte auch ihre Weiblichkeit sichtbar werden. Oder ihr öffentliches Auftreten war durch ihre Nützlichkeit gerechtfertigt, dann zeigten sie sich als aufräumende Arbeitsbienen in unauffälliger, an die Männermode angepasster Kleidung, so dass ihnen ihr Frausein nachgesehen werden konnte. (vgl. dazu auch den Artikel „Kein weiblicher Messias in Sicht“).  Angela Merkel hat sich in dieser Funktion nun so sehr bewährt, dass sie es sogar wagen konnte, im weit ausgeschnittenen Abendkleid in Erscheinung zu treten, was einen Aufschrei in der Presse ausgelöst hat. Auch hässliche Kommentare blieben nicht aus, die alle darauf abzielten, dass Frau Merkel für ein Sichtbarwerden als Frau nicht schön genug sei. Mich hat es einerseits gefreut, dass eine Bundeskanzlerin mit Busen, also ohne Verstecken ihres Frauseins, nun möglich ist, doch irgendwie war es mir auch peinlich, ihr Dekolleté so öffentlich ausgestellt zu sehen. Ich ertappte mich sogar bei dem Gedanken, dies könne ihr politisch schaden.

Männer verlangen weder von sich noch von anderen, dass sie besonders schön, perfekt oder nützlich sein müssen, wenn sie öffentlich auftreten. Sie heißen andere als neue Sparringpartner im Ring willkommen, an denen sie zeigen können, wie klug und belesen sie selbst sind, wie gut sie sich behaupten können. Eine Niederlage bei diesem Spiel stellt sie nicht als ganze Person in Frage, sie bedeutet nicht, dass es peinlich ist, sich überhaupt öffentlich gezeigt zu haben. Noch müssen Frauen jung und schön sein, damit sie in dieses männliche Selbstdarstellungsspiel einbezogen werden. Doch auch für Frauen geht die Auflösung der Trennung in Privates und Öffentliches weiter, wie Angela Merkels Vorstoß und der von jungen Frauen in Kleidung und Verhalten immer weniger eingehaltene Abstand zur der Selbstinszenierung von Prostituierten zeigen. „Die Grenzen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten lockern sich und werden immer unbestimmter. Der Kunstgriff jener Unterscheidung, der uns bisher gefangen hielt, fällt in sich zusammen“, schreibt Marina Terragni in ihrem Artikel „Öffentliche Sphäre„. „In einem solchen Raum wird sich vielleicht auch endlich die genaue Unterscheidung zwischen Bewusstem und Unbewussten, zwischen Realität und Begehren verwischen, hier können Dinge geschehen, die das Leben aller zum Besseren verändern können“.

Was sich jedoch noch nicht oder zu wenig verändert hat, ist das Bewusstsein davon, dass wir diesen neuen privat-öffentlichen Raum auch gestalten können und sollten, dass sich durch die „primäre Politik“, von der Marina Terragni in ihrem Artikel spricht, vielleicht auch die alte Verbindung von öffentlichem Raum mit Schmutz, Hässlichkeit und Verwahrlosung auflösen lässt. Dass wir den Zustand des öffentlichen Raums also an die Funktion anpassen können, die er inzwischen im Leben vieler Menschen hat: nämlich Lebensraum zu sein, eine Art große Wohnküche für viele, sehr unterschiedliche Menschen. Aber wie soll dieses Gestalten vor sich gehen? Wie können wir Einfluss nehmen, wie sollen wir argumentieren? Was kann ich beispielsweise tun, wenn ich mir wünsche, dass Menschen ihre gebrauchten Kaugummis einwickeln und in eine Mülltonne werfen, so dass das schöne Pflaster in unseren Innenstädten auch in einigen Jahren noch sichtbar ist?

Anhand der zweiten Erfahrung, von der ich berichten möchte, können wir die beiden bisherigen Einflussmöglichkeiten genauer betrachten. Dabei wird sichtbar, dass sie nicht ausreichen, um gutes Zusammenleben in der neuen privat-öffentlichen „Wohnküche“ zu ermöglichen. Als ich letzte Woche auf die Straßenbahn wartete, beobachtete ich einen Streit, in dem ein eher dem alten privaten Bereich zugehöriges Verhalten gegen ein dem alten öffentlichen Bereich entsprechendes kämpfte und zu einer unauflösbar erscheinenden Frontenbildung führte, während die Lösung des Konflikts, die bereits Wirklichkeit war, von beiden Streitenden übersehen wurde.

Eine etwa 65-Jährige und eine höchstens 20jährige Frau saßen im offenen Wartebereich der Haltestelle, ein Platz zwischen ihnen war frei. Recht unfreundlich hörte ich die Ältere sagen: „Sie müssen aber nicht ihren ganzen Rauch zu mir rüberblasen, halten Sie Ihre Zigarette doch in die andere Richtung!“ Mir war gleich klar, dass dies einen Streit auslösen würde, da RaucherInnen ja derzeit gesetzlich massiv eingeschränkt werden. Dass die ältere Frau sich trotzdem wehrte, fand ich ziemlich mutig. Die jüngere Frau nahm die Zigarette in die andere Hand und zischte: „Wir sind hier im Freien, da darf ich rauchen. Und wenn Ihnen das nicht passt, müssen Sie halt woanders hingehen“. Das fand ich dann doch angesichts des Altersunterschieds recht unverschämt und ging einen Schritt näher heran, um mich eventuell in den Streit einzumischen. „Der Raum hier ist für uns alle, da müssen wir alle miteinander auskommen. Deshalb muss man aufeinander Rücksicht nehmen“, sagte die Ältere. „Ja, genau“, war die Antwort, „der Platz hier ist für alle, und deshalb kann ich hier rauchen, oder sehen Sie vielleicht irgendwo ein Rauchverbotsschild?“ „Aber Sie müssen mir deshalb doch nicht ihren Rauch ins Gesicht blasen“, meinte die Ältere, worauf die junge Frau sehr, sehr leise die Worte „War keine Absicht“ herauspresste, um dann nochmals laut zu wiederholen, die andere solle doch aufstehen, wenn sie der Rauch störe. Beide waren jetzt sehr böse, pressten die Lippen fest zusammen und starrten vor sich auf den Boden. Ich überlegte, ob ich etwas Hilfreiches sagen könnte und feilte im Kopf noch an meinem Gesprächseinstieg herum, als ich die Schlusssequenz des Streits hörte. Die Ältere: „Immer dasselbe, intolerante Raucher!“ Die Jüngere, ebenso verbissen: „Nein, intolerante Nichtraucher!“ Erst als die Straßenbahn kam und beide mit bösen Gesichtern einstiegen, wobei sie krampfhaft in entgegengesetzte Richtungen schauten, erkannte ich, dass die Lösung des Konflikts die ganze Zeit schon Wirklichkeit gewesen war, während die Streitenden in ihrer Frontenbildung gefangen blieben: Sofort hatte ja die junge Frau ihre Zigarette in die andere Hand genommen, sie hatte sich beinahe entschuldigt, weil sie der anderen Frau den Rauch ins Gesicht geblasen hatte, und sie war schon längst mit ihrer Zigarette fertig und hatte sich keine neue angezündet. Es gab hier also einen Unterschied zwischen dem verbal Sich-Behaupten-Müssen und dem tatsächlichen Verhalten. Hätte die ältere Frau dies wahrnehmen können, wäre ihr vielleicht auch ein Einlenken möglich gewesen. Beide hätten nicht böse und verbissen in ihren Tag gehen müssen.

Da es gerade in letzter Zeit wegen ähnlicher „banaler“ Konflikte zu lebensbedrohlichen Gewalthandlungen gekommen ist – hier waren die Beteiligten Männer, die teilweise betrunken waren – lohnt es sich, die Szene noch genauer anzuschauen.

Auf einander Rücksicht zu nehmen, sich „anständig“ zu verhalten, Moral, Benimm und gute Sitten gehörten ursprünglich vor allem in den privaten Bereich, wurden besonders von Frauen hochgehalten und tradiert. Sie hatten aber auch in der Öffentlichkeit Geltung: Anständig und ritterlich mussten sich hier Männer besonders Frauen gegenüber verhalten, doch auch ins Arbeits- und Geschäftsleben hinein strahlten die „guten Sitten“ aus. Mehr Bedeutung für das Zusammenleben in der Öffentlichkeit hatten jedoch die Gesetze, die von der staatlichen Macht erlassen und von ihren Beamten kontrolliert wurden. In der oben beschriebenen Szene vertritt die ältere Frau die Moral: „Man muss doch aufeinander Rücksicht nehmen“, während die jüngere nur die Gesetze gelten lässt: „Sehen Sie hier irgendwo ein Rauchverbotsschild?“ Dass nun staatlicherseits Rauchverbote erlassen wurden, hängt (neben dem öffentlichen Interesse an der Reduzierung der Krankheitskosten) eng damit zusammen, dass die „Sitten“, hier also das Aufeinander-Rücksicht-Nehmen, immer weniger funktionieren, vor allem in der Öffentlichkeit. In meiner Jugendzeit war es in Restaurants noch selbstverständlich, dass nicht geraucht wurde, wenn am Tisch oder an den Nebentischen noch gegessen wurde. Zumindest wurde gefragt, ob der Rauch nicht störe. Hannah Arendt schreibt über solche Veränderungen: „Die Politik ist dazu da, ein Minimum an Vertrauen zu garantieren. Das Gesetz, das sagt: Wenn du das und das tust, wird dir das und das geschehen […] (schafft) einen Rahmen der Voraussehbarkeit im Unvoraussehbaren. Dies tun auch Sitten; und Politik und Verfassungen werden darum umso unerlässlicher, je weniger Verlass auf Sitten ist – also in allen Zeiten der Erweiterung der Welt, wo der Zusammenstoß der Sitten und Sittlichkeiten einander relativieren“. (Denktagebuch, München 2002, Bd. 1, S. 126-127). Hätte man uns in den 70er Jahren erzählt, dass einmal europaweit ein Rauchverbot in Gaststätten erlassen und weitgehend widerstandslos hingenommen würde, wir hätten es nicht geglaubt. Zurzeit werden noch weitere solcher „unglaublicher“ Verbote erlassen oder diskutiert: In der Freiburger Innenstadt gibt es neuerdings ein Verbot, in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken, in Graz sprach sich die Mehrheit für ein Handyverbot in der Öffentlichkeit aus, in Frankreich sollen magersüchtige Models verboten werden, auch über ein Verbot von Schönheitsoperationen, Piercings und Tätowierungen ist bei uns schon öffentlich nachgedacht worden.

Ich halte es jedoch für eine falsche Hoffnung, durch immer mehr gesetzliche Regelungen ein besseres Zusammenleben erreichen zu können. Denn während jede und jeder andere Menschen an die „Sitten“ erinnern konnte, als diese noch allgemeinere Gültigkeit besaßen, (wobei allerdings Alters- und Statusunterschiede berücksichtigt werden mussten), gilt dies nicht für die Einhaltung von Gesetzen: Nur die staatliche Macht darf sie durchsetzen. Wenn ich als Privatperson andere auf ein Gesetz hinweise, kann das große Aggressionen oder sogar Gewalttätigkeit bei meinem Gegenüber auslösen. Da jedoch mit dem Verfall der Sitten auch die Moral, Gesetze einzuhalten, sehr nachgelassen hat, bräuchten wir viel mehr staatliche Gewalt, viel mehr Polizei, um sie überall durchzusetzen, was natürlich auch nicht wünschenswert ist. Schon in den 80er Jahren wiesen die Frauen des Mailänder Frauenbuchladens mit einem Zitat von Simone Weil als Buchtitel darauf hin, dass wir uns nicht allzu sehr auf Gesetze verlassen sollten: „Nicht glauben, Rechte zu haben“, schreibt Simone Weil. „Das bedeutet nicht, die Gerechtigkeit in Frage zu stellen oder zu deformieren, aber wir können nicht mit Recht erwarten, dass die Dinge gemäß der Gerechtigkeit geschehen, zumal wir doch selbst weit davon entfernt sind, gerecht zu sein.“ (Cahiers, Band 2., S. 18)

Wir brauchen also eine dritte Möglichkeit der Einflussnahme im neuen privat-öffentlichen Raum. In der Szene an der Straßenbahnhaltestelle ist sie vorhanden und wirkt sich aus, obwohl die beiden Streitenden sie nicht wahrnehmen. Es ist das, was in der Beziehung zwischen den beiden Frauen noch geschieht außer der „Aufrüstung“ und dem Sich-Einordnen in eine kämpferische Front zwischen RaucherInnen und NichtraucherInnen: Die Jüngere wollte der Älteren doch gar nichts antun, sie möchte einfach nur akzeptiert, wir könnten auch sagen, einfach geliebt werden. Mitten im Streit entschuldigt sie sich beinahe, sofort ändert sie ihr Rauchverhalten so, dass es der Älteren nicht mehr gar so unangenehm sein müsste. Vielleicht hätte der Hinweis einer anderen Person auf diese Realität den Streit auflösen und damit eine weitere Frontenbildung verhindern können.

Wo die Gesetze nicht helfen, ist die Lösung auch nicht der Ruf nach Rückkehr zu mehr Moral, zu den „Werten“. Wenn wir Rücksichtnahme erleben, können wir sie freudig begrüßen, uns auch dafür bedanken. Doch sie aggressiv einzufordern oder ihr Fehlen zu beklagen, hilft einfach nicht weiter. Es ist die Suche nach der dritten Möglichkeit, die uns weiterbringt, und die hat mit Beziehung, mit dem gelebten Leben und mit so etwas wie Liebe zu tun, Hannah Arendt nennt es „Neigung“. Sie spricht von einer „gespenstischen Leblosigkeit aller Moral und allen moralischen Denkens“, denn erst wenn das Leben (und die Neigung) umgebracht sei, komme die Moral zum Vorschein. „In der Katastrophe der Verwüstung und Versteppung des Herzens bleibt kein Ausweg als die Pflicht und die Moral. Solange die Wüste herrscht, hat die Moral ihr Recht, und wehe uns, wenn auch sie nicht mehr herrscht. Die herrschafts-lose Wüste ist ein größerer Schrecken als die beherrschte“ (Denktagebuch, Bd. 1, S.54).

Für das gute Zusammenleben in unserer großen Wohnküche können wir uns also weder ausschließlich auf Gesetze verlassen noch besteht Aussicht auf einen ausreichenden Einfluss von Werten und Moral. Doch wir haben die Einflussmöglichkeiten, die in Wohnküchen immer schon die wichtigsten waren: das Vertrauen auf das, was in Beziehungen möglich ist, das Wissen, dass jeder Mensch im Grunde geliebt werden will, das Bemühen, das auftretende Problem durch Gespräche, Verhandeln, Verständnis und situative Lösungen anzugehen, die das Leben uns anbietet.

In diesem Bereich zwischen Gesetzen und Moral haben wir sogar mehr Freiheit, uns zu autorisieren, zu urteilen und unsere Bedürfnisse zu äußern, als wir es in den Zeiten strenger Trennung von Privatem und Öffentlichem hatten. Im Wohnküchendenken kann ich direkt mit Kindern verhandeln, auch wenn ihre Eltern in der Nähe sind, was früher nicht möglich war, da die Kindererziehung etwas Privates war, das nur den Eltern zustand, oder etwas Öffentliches, dann durften nur „Amtspersonen“ etwas zu den Kindern sagen. Nach dem alten Denken ließ ich mich zu Recht verunsichern, als ich einmal in dem Dorf, in dem ich Lehrerin war, zu verhindern suchte, dass acht Jungen einen einzelnen verprügelten. Einer der neunjährigen Jungen vermittelte mir, dass mich das nichts angehe. Denn wir befanden uns nicht im Schulbereich, ich war auch nicht seine Lehrerin, also nicht öffentlich beauftragt, auf der anderen Seite war ich auch nicht seine Mutter. Also hatte ich ihm nichts zu sagen. Es kommt immer wieder vor, dass Passanten nicht eingreifen, wenn auf der Straße ein Mann eine Frau schlägt, weil sie meinen, dies sei eine Privatsache zwischen Eheleuten. Auch wenn ich durch einen Beinahe-Zusammenstoß mit einem Fahrrad, das mir in rasendem Tempo auf der falschen Seite entgegenkommt, vor Schreck am ganzen Körper zittere, muss ich hinnehmen, dass der andere Radfahrer mich noch zusätzlich beschimpft, wenn ich ihn auf sein Falschfahren hinweise, denn ich bin ja keine Polizistin.

Im „Wohnküchen“-Denken bin ich berechtigt, mich für mein Wohlbefinden und das Wohlbefinden der Menschen, die ich liebe, einzusetzen. Bis wohin sich diese Liebe erstreckt, hängt davon ab, wie gut es mir geht, wie stark und mutig ich mich fühle, es ist also von Tag zu Tag anders. Manchmal „könnte ich die ganze Welt umarmen“, dann fällt es mir leicht, mit Humor und Schlagfertigkeit Konflikte aufzulösen oder mit Kreativität neue Lösungen zu finden. An anderen Tagen bin ich darauf angewiesen, dass andere mir helfen und sich auch für mein Wohlbefinden einsetzen. Doch sie wagen es nur dann, wenn auch ihnen bewusst ist, dass unsere privat-öffentliche Wohnküche gemeinsamer Lebensraum ist, den wir so gestalten können, dass dort gutes Leben für viele Verschiedene möglich ist.

Zuschrift

Liebe Dorothee, Deine Gedanken zum achtsamen Verhalten im öffentlichen und privaten Raum finde ich wunderbar und ich möchte sie mit einem kleinen Beispiel aus meinem Alltag ergänzen: Meine Tochter, 20 Jahre alt und gerade von einem halbjährigen USA-Aufenthalt zurück, und ich stehen mit dem Auto an einer roten Ampel. Lässig kurbelt sie das Fenster herunter und spuckt ein Kaugummi hinaus. Dann sagt sie „Oh“, macht die Autotür auf, nimmt ein Tempo-Taschentuch und sammelt das Kaugummi wieder ein. „Wie bist Du denn jetzt auf die Idee gekommen?“ ist meine Reaktion. „Als ich das in Kalifornien gemacht habe, hat Gabe mir einmal gesagt, wie bescheuert sie das findet und da habe ich mir vorgenommen, mich zu ändern.“ Gabe ist eine etwas ältere Freundin in Amerika, mit der meine Tochter vor Ort ganz viel unternommen und von der sie ganz neue Denkanstöße bekommen hat. Da sie Gabe sehr gerne mochte (und mag)  wurde diese zu einer Lehrmeisterin für meine Tochter, und sie sprach ihr eine Autorität zu, die ganz offensichtlich auch in Abwesenheit und über den Ozean hinweg wirksam ist. Als Mutter hätte ich in dem Moment sicher nicht so viel Erfolg gehabt. Gute Beziehungen zwischen zwei jungen Mädchen jedoch können offensichtlich dazu beitragen, dass dank der Autorität einer Amerikanerin der öffentliche Raum in Deutschland von allzuviel klebrigen Kaugummis verschont bleibt. – Mit lieben Grüßen, Juliane Brumberg

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 12.05.2008

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