beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik leben

Patri-Blut in meinen Adern

Von Silke Teuerle

Oder: Was Taubenkacke mit dem Ikeakatalog zu tun hat

Garten

"Draußen in der Sonne sitzen ist auf jeden Fall weitaus interessanter als drinnen auf dem Sofa." Foto: Photocase/Mr. Nico

Was einer so alles auffällt, wenn sie nichts Wesentliches zu tun hat. Nicht, dass mir nichts auffällt, wenn ich das wohl habe. Ich wundere mich ständig über Dinge, die eher unauffällig scheinen, was meiner Umgebung gerne ein ungeduldiges Knurren entlockt. Aber jetzt merke auch ich: langsam geht es zu weit! Und das, obwohl ich gar nicht wirklich nichts tue. Meine durchaus zeitintensive Hauptbeschäftigung in den letzten Monaten besteht darin, mich aus dem Bett und in die Gänge zu kriegen. Aus dem Bett kriege ich mich irgendwo zwischen vormittags und mittags, in die Gänge gegen Abend, gerade richtig zur Zähneputz-und-wieder-in-den-Schlafanzug-und-ins-Bett-Schlüpf-Zeit. So ungefähr.

„Meine komische Krankheit“ habe ich das bisher genannt. „Verdacht auf Fibromyalgie“ heißt das mittlerweile. Was die Sache nicht weniger merkwürdig macht. Aber gibt es einen Namen, gibt es auch was dran zu tun, zumindest, wenn der Name offiziell vergeben und von der Krankenkasse eine Behandlung anerkannt wird. Das dauert. Wenn frau nämlich eine Krankheit hat ohne medizinisch nachweisbare körperliche Auffälligkeiten, gibt es Wartelisten. Wie es mir inzwischen geht, interessiert da ziemlich wenig. Aber endlose Erschöpfung und überall Aua, wo’s beweglich ist, ist ja auch nicht das Allerschlimmste. Bein ab ist schlimmer. Krieg auch. Und da ich mich derweil mit Fibrodingsda-Tipps auf diversen Internetforen versorge, weiß ich jetzt auch, dass ich mich mit grünem Tee und Arnikaöl ein Weilchen vor den Computer klemmen kann. Auch, wenn es schlussendlich vielleicht eine ganz andere Krankheit ist. Und ansonsten sitze ich halt im Garten in der Sonne und lese. Und denke. Und glotze herum, so dass mir alles mögliche auffällt.

Zum Beispiel, dass unsere Tauben ihre großen Geschäfte auf unserer Dachspitze verrichten. Gegen den blauen Himmel zeichnet sich unser spitzes, wenn auch niedriges Dach sehr deutlich ab, und ja, tatsächlich, auf keiner der Ziegeln findet sich auch nur eine Spur Taubenhäufchen, nur oben auf der Spitze, fast über die ganze Länge verteilt. Interessant! Mir fällt auch auf, wie schnell Gras wächst. Weitaus schneller als sich Mählust einstellt. Das ist uns natürlich immer schon aufgefallen. Aber halt im Vorbeigehen – ui – und dann ist der Gedanke auch schon wieder weg. Jetzt hier so in der Sonne sitzend, mich auf nichts anderes konzentrieren könnend als auf Vogelkacke und Gras, da fällt es doch ganz besonders auf. Ich sehe es förmlich wachsen. Einmal kurz zum Dach geguckt, und – schwupp – ist es schon wieder länger.

Draußen in der Sonne sitzen ist auf jeden Fall weitaus interessanter als drinnen auf dem Sofa. Bisher habe ich mein wachsames Auge vor allem mit faszinierend schnell zunehmenden Staubmassen beeindrucken müssen. Mit Fenstern, die im Nullkommanix dreckig sind. Abwasch, der innerhalb weniger Stunden schon wieder fällig ist. Klos, die stinken, Kalkbeschlag, Spinnennetze, dreckige Wäsche und und und.

Damit hier keine Missverständnisse entstehen: meinen allwachen Augen fallen diese Dinge nicht etwa plötzlich auf, weil ich sie nun nicht mehr regelmäßig beheben kann. Ich habe noch nie in meinem Leben wöchentlich Staub gewischt oder solche Scherze. Bis vor exakt siebeneinhalb Jahren habe ich mich um das Phänomen Haushalt rein gar nicht gekümmert. Wenn sich zu viel Staub auf meiner Musikanlage türmte, habe ich gepustet, und wenn die Fenster zu dreckig wurden, bin ich umgezogen. Das hat irgendwie immer hingehauen. Ohne Kochen kein nennenswerter Abwasch, und wenn mir meine ebenfalls nicht allzu putzbegeisterten MitbewohnerInnen aufs Dach stiegen, naja, dann habe ich auch mal durchs Bad gewischt. Nichts, was im Gedächtnis haften bleibt oder den Namen „Haushalt führen“ verdient. „Haushalt“ war ein Abstraktum. Ein Wort des passiven Wortschatzes. In den aktiven rutschte das erst mit dem Mann. Ich habe nicht bemerkt, wie es geschah, aber mit dem Mann kam der Haushalt. Ein Haushalt zwar, den ich nicht mache. Aber eben ein Haushalt, den ich nicht mache. Davor war da einfach gar nichts.

Und so sitze ich bei schlechtem Wetter inmitten unseres künstlerisch-chaotischen Hauses (wenn ich es mal positiv ausdrücke) und wundere mich darüber, was frau in einem Haus nicht alles halten kann, und vor allem darüber, dass mich das wundert. Denn früher beschränkte sich das auf ein flüchtiges „Ich müsste mal aufräumen“. Heute treibt mir meine kränkliche Langeweile anderes ins Hirn: „Ich muss mal staubsaugen. Und Fenster putzen. Und den Kühlschrank auswaschen. Und die Dunstabzugshaube entfetten. Und die Duscharmatur entkalken. Und die Heizung abstauben. Und die Computer- und Fernsehkabel entwirren. Und die Spinnennetze entfernen – obwohl, vielleicht auch nicht, im Sommer gibt es hier so viele Mücken.“ Undsoweiterundsofort. Nicht, dass ich davon irgendetwas wirklich täte. Wie gesagt, morgens Zähneputzen ist für mich muskelanstrengungstechnisch schon eine (bisher sogar immer noch geleistete!) Herausforderung. Aber dies alles kreuzt mein Hirn.

Und ich frage mich: was hat es deformiert? Mein Mann? Hm. Soweit ich weiß, hat er keinen direkten Zugriff auf meine grauen Zellen. Vor siebeneinhalb Jahren hätte ich noch lauthals verkündet: „Kein Mann hat soviel Macht, dass er mich zum Putzen kriegt!“ Und die hat er auch heute nicht. Ebenso wenig übrigens wie das Interesse an einem ordentlichen Haushalt. Nein, das ist irgendwas in meinem Kopf. Irgendeine Krankheit. Eine noch viel komischere Krankheit ohne medizinisch nachweisbare körperliche Auffälligkeiten. Das ist das Patriarchat im Kopf. Hinterlistig. Hartnäckig. Und nur schwer kurierbar. Das ist die krankhafte Idee, Frauen müssten nun mal für Ordnung sorgen. Das ist der irrwitzige Gedanke, eine ordentliche Wohnung sei Zeichen für Aufgeräumtheit und Reife. Ein Zeichen dafür, dass wir uns entwickelt haben und den persönlichen Hippiejahren entwachsen sind. Dass wir die Spielregeln der Zweierbeziehungskleinfamilie aus dem Ikeakatalog verstanden haben und gute Bürgerinnen sind, die in Staubsaugerbeutel und beschichtete Pfannen investieren. Nichts von alledem meine ich wirklich, nichts davon strebe ich an. Trotzdem schiebt es sich zäh wie Pech durch meine Adern und nährt mein Hirn. Erkrankt an Patri-Pest.

Aber gibt es einen Namen, gibt es auch was dran zu tun. Vielleicht sollten wir hier auf diesem Forum eine Rubrik aufmachen, in der wir uns Tipps geben können zur Entpatriarchalisierung unserer Blutwerte. Meiner wäre „Hobbysierung patriarchaler sogenannter Notwendigkeiten“. Nach dem Motto: „Tennis? Ach nee, Sport ist nicht so mein Ding. Ich lese lieber.“ Übersetzt heißt das: „Putzen? Ach nee, der Haushalt interessiert mich nicht. Ich sitze lieber in der Sonne und beobachte das Fäkalverhalten von Tauben. Weitaus spannender!“

Autorin: Silke Teuerle
Redakteurin: Silke Teuerle
Eingestellt am: 08.05.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Daniela Buschmann sagt:

    Draußen Vögel, drinnen Kinder

    Die Wahnvorstellung, putzen zu müssen, Haus zu halten und alles im Griff zu haben, überwältigt auch mich immer wieder. Ich wünsche mir mehr Gelassenheit in dieser (und manch anderer) Hinsicht, verfluche meinen Mann, der sich über diese Dinge hinweg setzt (im wörtlichen und übertragenen Sinne) und denke mal wieder über den Sinn eines gemeinsamen Haushaltes (mit Mann oder überhaupt) nach. Liegt es am Mann? Oder an dieser zähen schwarzen Substanz, mit der sich auch in meinem Hirn dauernd Gedanken in den Vordergrund schieben, über denen ich jahrzehntelang zu stehen glaubte.
    Eingeschlichen haben sich diese Vorstellungen von Sauberkeit und merkwürdigen Pflichten, heimlich still und leise, so als seien sie ganz natürlich. Seit Generationen wurden sie uns eingegeben, exponentiell verstärkt durch Werbung, Literatur, Filme und schlechte Vorbilder.
    Wenn ich aus meinem Fenster schaue auf winterkahle Ahorn und Kastanie, sehe ich ab und zu einen Buntspecht, aber kacken tut der woanders. Er sucht nur Nahrung, so wie ich.
    Woher nehmen wir immer wieder die Kraft zum weitermachen, zum aufstehen – mir wurde diese Fibro-krankheit nicht attestiert, aber gefühlsmäßig könnte sie auch bei mir zugeschlagen haben. Was mich aus dem Bett treibt, ist das Einschalten der Heizung, damit Küche und Bad warm sind, wenn die Kinder aufstehen. Zähneputzen geht nebenbei, das macht wohl die Vorbildfunktion.
    Seit knapp 5 Jahren bin ich Mutter und habe mit dieser Rolle sozusagen unbemerkt Werte übernommen, gegen die ich mich seit meinem Jugendalter in der einen oder anderen Form gewehrt habe. Mit der ersten Geburt sind diese Schilde anscheinend abhanden gekommen. Wodurch? Mutterglück? Ehekrisen? Chronischer Schlafmangel? Unterforderung? Überforderung? Selbstzweifel?
    Ich habe lange gewartet mit dem Mutter werden. Ich hätte noch länger warten sollen. Oder wäre ich als Kinderlose vielleicht gar nicht auf die ganze Matriarchats-Thematik und die Konsequenzen und Einsichten über unsere Gesellschaft und ihre Erkrankung gestoßen? Ganz vorsichtig tut sich eine Ahnung auf, wie es noch – und zwar besser – gehen könnte. Im Alltag auch?! Wie soll das gehen?
    Bluttransfusion gesucht, der Austausch wird lange dauern, Wort für Wort, Schritt für Schritt. Die Zeit nehme ich mir und habe gar keine Lust mehr auf Staubsaugen und Co. Gemacht werden muss es trotzdem (sagt die Stimme im Gehirn…)

  • Ursula sagt:

    oh ja diese Krankheit Patri-Pest ist mir sehr gut bekannt…
    wäre fast während meiner Ehe daran gestorben, um Haaresbreite begriffen mir Hilfe zu holen…
    Erst nach meiner Scheidung im Zusammenleben mit meinem jetzigen Partner (warum eigentlich Partner und nicht MartnerIn?) wurde mir die Krankheit wirklich bewusst und dass es einen ganz wichtigen Punkt für mich gab, warum ich es zulassen konnte wieder mit einem Mann zusammen zu leben.
    Er war der einzige, von dem ich mich ohne einen Anflug von schlechtem Gewissen bedienen und verwöhnen lassen kann….lächel… ohne das Gefühl zu haben, aufspringen zu müssen und nun auch was für ihn zu tun als Gegenleistung…

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