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Rubrik vertrauen

Abhängigkeit lässt sich nicht „managen“

Von Cornelia Roth, Maria Wolf

Ein Briefwechsel über die Beziehung von Mensch und Natur

Katze

Eine "Seele" von einer Katze... Foto: photocase/gernot1610

Bei einem Treffen der beiden Freundinnen Maria Wolf und Cornelia Roth kamen die beiden in eine Diskussion über den Artikel „Klare Grenzen sind nicht haltbar“, den Cornelia Roth in diesem Forum veröffentlicht hatte. Maria fand, dass das Hauptproblem im Umgang mit der Natur in der Beziehungslosigkeit liegt. So, wie in unserer Gesellschaft „Autonomie“ gegenüber anderen Menschen als Ideal gilt, so auch gegenüber der Natur. Cornelia fand dagegen, es sei wichtiger, mit welchen Augen in unserer Kultur Natur überhaupt angeschaut wird. Die Diskussion setzten die beiden mit einem Mail-Briefwechsel fort, den wir an dieser Stelle dokumentieren:

Liebe Maria,

zu unserem Gespräch: Mein Hauptanliegen mit diesem Artikel ist, zu einer Einstellung zu gelangen, die ein Ehren, ja eine Ehrfurcht vor allem Leben um uns herum, also vor allem nichtmenschlichen Leben ermöglicht. Ich dachte darüber nach, woran es eigentlich liegen mag, dass es uns in unserer Kultur daran fehlt. Mir schien ein wesentlicher Grund, dass wir uns Menschen als grundsätzlich getrennt von allen anderen Wesen sehen und ihnen gegenübergestellt. Wir sehen alles andere Existierende wohl vielleicht als von Gott geschaffen, aber nicht als beseelt an. Tiere, Pflanzen, Steine, Wind und Wasser mögen als Produkt der Schöpfung als gut empfunden sein, aber ihnen wohnt nichts inne – so sieht es, wie mir vorkommt, die Bibel, vielleicht auch die klassische griechische Philosophie, das weiß ich nicht.

Du warfst ein, dass es doch eigentlich darum geht, sich in Beziehung zu setzen – ob die Menschen sich als autonom gegenüber der Natur empfinden oder auch hier ihre Abhängigkeit anerkennen müssen. Und da finde ich eben, kommt es sehr darauf an, wie tiefgreifend Abhängigkeit gesehen wird. Zurzeit wird es ja zunehmend so gesehen, dass die Erde ein großes Ökonetzwerk ist, in dem vieles voneinander abhängt und jeder Eingriff Folgen hat. Aber man kann auch das eher mechanisch sehen, und dann ist das Anerkennen von Abhängigkeit eine zweckgemäße Überlegung. Es kommt eben auf ein gutes „Ökomanagement“ an. Dieses Denken ist ein Fortschritt, finde ich, aber es bleibt doch dabei, die Natur zu einem Objekt machen zu wollen, mit dem man klüger oder verantwortlicher umgehen will.

Man kann Abhängigkeit auch tiefgreifender sehen. So verstehe ich die Dankbarkeit gegenüber der Mutter. Meine Mutter hat mir das Leben gegeben in dem Sinne, dass sie sich entschieden hat, mich zur Welt zu bringen. Und dafür bin ich ihr dankbar. Sie hat es getan und es hätte auch anders sein können. Es spielen dabei also auch ihr Wille und ihre Entscheidung eine Rolle. Und aus dieser Tatsache leitet sich die Anerkennung der gegenseitigen Abhängigkeit unter uns Menschen ab.

Wie ist es nun mit der Erde? Wenn die Erde in diesem Sinne als Mutter gesehen wird, dann entsteht die gleiche Art von Dankbarkeit und Einbindung. Aber das bedeutet auch, der Erde einen Willen und eine Entscheidung zuzusprechen wie wir es unserer Mutter gegenüber tun. Und in der neueren naturwissenschaftlichen Forschung kommen solche Ansätze, dass zum Beispiel bei Pflanzen gewisse Entscheidungsvorgänge beobachtet werden und so weiter. Das wird in dem Buch von Florianne Koechlin dargestellt. Das sind für mich die Grundvoraussetzungen. Auf dieser Ebene, der der Beseeltheit, sehe ich die Menschen nicht unterschieden von allem anderen Existierenden, der Erde, dem Wasser, der Luft, dem Feuer, den Pflanzen und Tieren. Beziehung zwischen uns und der Natur, allem, was in ihr existiert,  bedeutet für mich daher Beziehung unter Subjekten.

Ob die Menschen dann noch einmal etwas Einmaliges sind im Sinne von herausgehoben, fühle ich mich ehrlich gesagt nicht in der Lage zu sagen (auch wenn ich in dem Artikel behauptet habe, dem sei nicht so). Die Bibel behauptet diese Herausgehobenheit, der Buddhismus behauptet sie, eine Schamanin, von der ich etwas las, sagt das; aber das Erste wäre für mich, alles andere Existierende als ein Gegenüber anzuerkennen, das sich entscheiden kann, mich zu nähren und am Leben zu erhalten und dem ich dafür Respekt und Dankbarkeit schulde wie anderen Menschen auch. Ich gebe zu, dass ich das nicht jeden Tag lebe. Es ist ein sich Anerziehen, Aufbau von Kultur.

Ich grüße Dich ganz herzlich,  Cornelia (am 10. September 2007)

Liebe Cornelia,

Du leitest die gegenseitigen Abhängigkeiten unter Menschen von Wille und Entscheidung ab. Und als Beispiel beschreibst Du die Dankbarkeit gegenüber der Mutter, weil sie ihr Kind wollte und sich dafür entschieden hat. Ich glaube aber, dass Du da genauso in einer Mechanisierung der Abhängigkeit drin bist, wie Du sie zwischen Mensch und Natur beschreibst.

Ich denke, dass es tiefer geht, nämlich dass die Dankbarkeit des Kindes gegenüber der Mutter darin begründet ist, dass die Mutter immer wieder neu beginnt, das Kind als ein „Geschöpf in ihrer Verantwortung“ anzusehen. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind beginnt doch nicht erst, wenn die Mutter sich für das Kind entscheidet, sondern schon wenn sie irgendwann anfängt zu denken und zu fühlen, dass es für sie möglich ist, ein Kind zu haben. Also ich meine, dass dieses Denken und Fühlen um das Kind letztlich ein Denken und Fühlen um die Ermöglichung des Lebens ist und dass das maßgeblich ist für die Beziehung, und nicht zuerst Wille und Entscheidung.

Diese Beziehung wird von Anfang an beides enthalten: das eher mechanische, also das „Management“ der Abhängigkeit und des Zusammenlebens, das sich daraus ergibt, oder die Gestaltung des Lebens im jeweiligen Kontext. Aber auch – und ich meine, dass das der Motor für dieses „Management“ ist – welche Bedeutung ich dem Leben mit all seinen Geheimnissen, Unwägbarkeiten und Möglichkeiten in meinem konkreten Dasein gebe. Und die Beziehung wird sich so gestalten, wie beides zusammenspielt.

Wenn die Liebe zum Leben in einem Menschen genug Raum hat, kann der Gedanke an ein Kind etwas ganz Selbstverständliches sein und Wille und Entscheidung mehr oder weniger „nur“ das Management betreffen. Deshalb meine ich auch, dass eine Frau, die sich nicht in der Lage sieht, das Management zu bewältigen und deshalb abtreibt, sich nicht gegen das Kind entscheidet. Das Kind kann weiterhin Raum in ihr einnehmen und es wäre wünschenswert, dass dieser Raum nicht durch irgendwelche Schuldzuweisungen vergiftet wird, sodass die Beziehung zwischen der Mutter und diesem Kind lebendig bleiben kann.

Also Dankbarkeit gegenüber der Mutter, weil sie die Beziehung zum Kind lebendig hält. In diesem Sinn verstehe ich auch Dankbarkeit gegenüber der Erde. Für mich trägt sie das Leben in sich. Nicht als bewusste Entscheidung, sondern als Selbstverständnis. Und jetzt habe ich ein Problem für unser Gespräch, denn ich verstehe zu wenig von Naturwissenschaft und habe auch das Buch von Florianne Koechlin nicht gelesen, aber: Wenn nun der Fall auftritt und zeitweise die Population eines bestimmten raupenfressenden Tieres  besonders groß ist, sodass dieses Tier die Raupen so dezimiert, dass eine bestimmt Schmetterlingsart ausstirbt, beruht das dann auf Entscheidung, kann man davon reden, dass diese Tierart ihr Leben entsprechend ihrer Bedürfnisse „managt“, oder ist es nicht doch „nur“ der Drang zum Leben? Und kann man sagen, dass dieser Tierart der Respekt gegenüber der anderen fehlt?

Ich glaube schon, dass der Mensch gegenüber der Natur eine besondere Verantwortung hat, weil ihm nämlich der Drang zum Leben und die Möglichkeit der Organisation des Zusammenlebens gegeben ist. Und hier ist es für mich die Frage, wie innerhalb dieser beiden Aspekte die Prioritäten gesetzt werden und wie beides zusammenspielt. Ist unser Drang zum Leben auf die Spezies Mensch ausgerichtet oder ist es eine grundsätzliche Liebe zum Leben? Geht es darum, die Erde, die Natur zu zähmen und dienstbar zu machen, oder geht es um eine Sorge dafür, dass sie lebendig bleibt und wächst?

Und in Deiner Analogie der Dankbarkeit des Kindes gegenüber der Mutter könnte das bedeuten: die Dankbarkeit der Menschen gegenüber der Erde liegt darin begründet, dass die Erde immer wieder neu das Leben in sich zum Ausbruch kommen lässt, dass sie Fülle „produziert“, Überlebenskraft demonstriert, dass sie den Menschen wieder hineinholt in die Beziehung des Lebens, weg vom rein zweckmäßigen Management. Insofern übernimmt die Erde immer wieder Verantwortung für den Menschen als lebendiges, unwägbares, offenes Wesen und führt ihn zurück in die Beziehung des Ursprünglichen. Und das nicht, weil sie sich dafür entscheidet, sondern weil das pulsierende Leben in ihr gar nicht anders kann.

Ich habe auch noch länger über die Ehrfurcht nachgedacht, und mir gefällt dieser Begriff gerade im Zusammenhang mit dem Leben sehr gut. Ehrfurcht vor dem Leben zu haben bedeutet doch, die Furcht vor dem Leben zuzugestehen. Also sich einzugestehen, dass das, was das Leben ausmacht, einem Angst macht. Und Ehrfurcht vor dem Leben zu haben würde dann heißen, eben nicht zu versuchen das, was einem Angst macht, vor allem in den Griff zu kriegen, also zu managen, sondern ihm die Ehre zu geben, es zu heiligen, es in dem Bereich des Transzendenten anzusiedeln und ihm damit die Offenheit und Unverfügbarkeit zu bewahren.

Ein anderer Gedanke, der mir noch kam, ist der Übergang von Leben und Tod und wieder zum Leben in diesem Zusammenhang. Aber jetzt mache ich erst mal Schluss und bin gespannt auf Deine Antwort. Entschuldige, dass alles so lange gedauert hat und liebe Grüße,

Maria (am 29. Oktober 2007)

Liebe Maria,

erstmal danke ich Dir für Deine Antwort mit Deinen tiefen Gedanken. Ich glaube nicht, dass ich die Abhängigkeit zwischen Mutter und Kind oder zwischen Erde und Mensch als eine mechanische beschreibe. Aber noch wichtiger ist mir, dass wir mit allem Existierenden eines Wesens sind und daher nicht getrennt davon. Dieses „eines Wesens“ bezieht sich nicht nur darauf, dass alles von Gott geschaffen wurde, sondern dass alles diesen göttlichen Funken in sich trägt und daher heilig ist. Ich finde immer noch, dass die Rede des Häuptlings Seattle das besonders gut zum Ausdruck bringt: „Die Erde ist unsere Mutter. Wenn die Menschen die Erde bespucken, bespeien sie sich selbst! Denn das wissen wir: Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde. Alles ist miteinander verbunden wie das  Blut, das eine Familie vereint. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was ihr dem Gewebe antut, das tut ihr euch selber an.“

Wenn es so angeschaut wird, dann bekommt die Frage von „besonderer Verantwortung der Menschen oder nicht“ einen anderen Stellenwert. Denn es ist erst einmal klar, dass er nur „eine Faser“ in einem Gewebe ist. Vielleicht eine ganz besondere. Aber nur eine. Das ist etwas anderes als das „vernetzte Denken“ eines Ökomanagements. Es macht uns viel demütiger und achtungsvoller.

Dass wir uns in unserer Kultur so nicht sehen, hat neben dem Denken der Aufklärung vielleicht auch damit zu tun, dass in der biblischen Schöpfungsgeschichte nur der Mensch als Gott ähnlich bezeichnet wird. Und das ist mit der Zeit so verstanden worden, dass die Menschen ihr scheinbar allein existentes, von allem getrenntes Ich-Bewusstsein, ihr Ich für das einzige gehalten haben, das Gott ähnlich ist. Das bedeutet eine Überhöhung unseres Ich-Bewusstseins und eine große Fehleinschätzung.

Zu Mutter und Entscheidung und Dankbarkeit: Ich finde, dass du das sehr schön und tief beschreibst, dass es letztlich ein Denken und Fühlen der Mutter um die Ermöglichung des Lebens ist, das die Dankbarkeit des Kindes begründet. Und dass die Mutter immer wieder neu beginnt, das Kind als ein „Geschöpf in ihrer Verantwortung“ zu sehen. Dass der Gedanke an ein Kind etwas ganz Selbstverständliches sein kann, wenn die Liebe zum Leben in einem Menschen genug Raum hat. Ist nicht dieses Denken und Fühlen, dieses immer wieder neu Beginnen, dieses „Raum geben“ verbunden mit einem „Ja“? Einem „Ja“ im Sinne eines sich nicht Verschließens, sich Einlassens oder sich offen Haltens für die Liebe zum Leben und das, was es immer Neues hervorbringt. Ein „Ja“, das auch immer wieder neu gesagt werden muss. Das meinte ich mit Entscheidung.

Ich bin mir in Wirklichkeit aber gar nicht im Klaren, ob Dankbarkeit ihre Quelle nun mehr in dem Respekt vor diesem „Ja“ hat oder darin, dass Liebe zum Leben selbst Liebe erweckt und mit ihr Dankbarkeit für diese erweckte Liebe – vielleicht ist es ja auch beides. Letzteres meinst Du vielleicht, wenn Du schreibst, dass in Analogie zu Kind und Mutter die Dankbarkeit gegenüber der Erde darin begründet ist, dass die Erde immer wieder neu das Leben in sich zum Ausbruch kommen lässt. Du schreibst dann: „Und das nicht, weil sie sich dafür entscheidet, sondern weil das pulsierende Leben in ihr gar nicht anders kann.“

Seltsamerweise habe ich den Eindruck, dass das solange stimmt, wie die Menschen darauf nicht spekulieren. Wenn die Menschen darauf spekulieren, sich also außerhalb des Gewebes stellen wollen, stimmt es nicht mehr. So ähnlich wie im Märchen. Was das Buch von Florianne Koechlin angeht, so sind solche Beispiele wie die mit der Raupe in Deiner Mail darin natürlich nicht enthalten. Es geht zum Beispiel um Beobachtungen bei Pflanzen, die bei für sie unvorhergesehenem Einfall von Schädlingen Duftstoffe zur Warnung an andere Pflanzen aussenden oder sich in einer nicht genetisch festgelegten Weise verändern und diese Veränderung sofort an die nächste Generation weitervererben. Oder um schmarotzende Pflanzen, die nach einigen Tagen abschätzen können, ob sich ein neu bewachsener Baum als Wirtspflanze rentiert und die sich dann gegebenenfalls zurückziehen. Das ist vielleicht nicht so beeindruckend, aber im Kern betrifft es Prozesse wie Denken und Entscheidung. Sicher ein großer Unterschied zum menschlichen Denken und Entscheiden, aber es wird schwerer, es prinzipiell zu unterscheiden.

Was die besondere Möglichkeit der Menschen zur Organisation des Zusammenlebens angeht, so las ich davon, dass Ameisen dabei beobachtet wurden, wie sie mit einem unvorhergesehenen Loch in der Erde umgingen: Einige Ameisen legten sich hinein und bildeten so eine lebendige Brücke für die anderen. Im Südwesten der USA wurde vor ein paar Monaten in einem Tal ein mehrere hundert Meter langes und breites Spinnennetz gefunden, das offenbar Hunderte von Spinnen gemeinsam, wie im Konzert, gesponnen hatten. So etwas hatte man noch nicht gesehen, und auch der Sinn war nicht offensichtlich.

Und dann frage ich mich, wie gut die Menschen ihr/das Zusammenleben denn wirklich organisieren können, besonders wenn sie sich ihres Wesens nicht bewusst sind.  Es gefällt mir gut, was Du zur Ehrfurcht schreibst. Was meinst Du mit Deinen Gedanken zum Übergang von Leben zum Tod und zum Leben? Auf dem Ethnomedizin-Kongress, auf dem ich vor zwei Wochen war, sagte ein Schamane, alles Lebendige habe Geist, aber nur der Mensch habe eine Seele. Das ist auch wieder so eine Unterscheidung. Ich weiß nicht. Wenn ich an unsere langjährige Katze Pauline denke, erinnerst Du Dich noch? – Sie schien mir eine Seele von Katze zu sein.

Soweit erst einmal. Einen lieben Gruß von Cornelia (am 29.Oktober 2007)

Liebe Cornelia,

ich habe gestern ein Buch von Sabine Asgodom gelesen (Lebe wild und unersättlich. 10 Freiheiten für Frauen, die mehr vom Leben wollen): Sehr erfrischend und ermutigend. Der Schlüssel für die Freiheit scheint für sie die Autonomie zu sein. Als sie sich letztlich (in Freundschaft) von ihrem Mann getrennt hat, erlebte sie in ihrer eigenen Wohnung erstmals in ihrem Leben Autonomie. Ich vermute, dass es nicht Autonomie war, was sie befähigte, nun ein Gefühl von Freiheit zu empfinden, sondern Selbst-Bewusst-Sein. Und mir kommt es so vor, als ob das, was Du als „scheinbar allein existentes, von allem getrenntes Ich-Bewusstsein, ihr Ich für das einzige gehalten haben, was Gott ähnlich ist“ beschreibst, eher diesem Begriff der Autonomie gleich kommt.

Ein Selbstbewusstsein anerkennt die Bezüge und Bindungen, und je mehr ich mir meiner selbst bewusst bin, desto klarer erkenne ich das Gewebe, in dem ich als eine Faser existiere. Ich denke, dass das ja auch die Aussage von Hegels „Herr und Knecht-Geschichte“ ist, dass nämlich der Herr meint, autonom zu sein, und aufgrund seiner Stellung unabhängig von allem anderen selbst bestimmen kann, während der Knecht sich seiner Abhängigkeiten wohl bewusst ist und deshalb auch Chancen hat, seine Situation zu verändern. Und ist dieses Autonomie-Verständnis des Menschen (das Gefühl einer unbegrenzten Machbarkeit) nicht seine Fehleinschätzung im Umgang mit allem anderen Leben?

Aber was bedeutet das für mich als Mensch, mit allem anderen Lebendigen eines Wesens zu sein? Ich verstehe, glaube ich, nicht ganz, auf was es Dir ankommt, und versuche es jetzt mal so: Indem der Mensch sich seinen Lebensraum einrichtet, also die Natur „kultiviert“, greift er damit in den Lebensraum anderer ein. Er zähmt Tiere, er beschneidet Pflanzen… Das halte ich für legitim, das Problem ist das der Grenze: Wie weit „darf“ der Mensch gehen in seinem kulturellen Bestreben? Er darf dabei dem anderen Lebendigen das Wesentliche nicht nehmen. Kann man es so sagen? Und was ist das Wesentliche? Eben nicht diese Autonomie der einzelnen Wesen, sondern ihr Zusammenleben in der Schöpfung.

Dabei kommt mir die „Freiheit“ in den Sinn: Neben meinem Häuschen befindet sich eine Pferdekoppel und von morgens um acht bis nachmittags um vier Uhr sind da so etwa zehn Pferde. Irgendwie scheint es denen gut zu gehen. Sie stehen herum, fressen Heu, manchmal beschnuppern sich zwei, ab und zu kommt jemand und holt ein Pferd ab – wohl zum Reiten. Aber vom ersten Tag an fragte ich mich: Was für einen Eigen-Sinn haben diese Tiere? Was macht das Wesen dieser Pferde aus und finden sie das, hier auf dieser Koppel? Sind sie nicht eher nur verzweckt und Lust- beziehungsweise Spekulationsobjekt des Besitzers? Und wenn ja, was wäre die Lösung? Ich weiß es nicht…

Bei eurer Pauline finde ich das etwas einfacher. Sie hatte in gewissem Sinn ein Eigen-Leben. Sie durfte draußen jagen, gehen und kommen, wann sie wollte. Man könnte sagen, die Tatsache, dass sie immer wieder zu Euch kam, weist darauf hin, dass sie da zu Hause war, zu Euch und zu Eurem Haus eine Beziehung hatte – also hat sie ihre Freiheiten, die ihrem Wesen als Katze entsprechen, einerseits gelebt, andererseits auch reduziert im Bewusstsein, bei euch Annehmlichkeiten und Schutz zu genießen.

Soweit erst mal für heute. Herzliche Grüße, Maria (am 16. November 2007)

Liebe Maria,

Was Du in Deinem Brief über Selbst-bewusst-Sein und Autonomie schreibst, gefällt mir gut. Selbstbewusstsein empfinde auch ich als wichtig, um selbst Verantwortung für sich übernehmen zu können. Eben in Anerkennung der Abhängigkeit von den anderen, was auch ein Stück Verantwortung füreinander umfasst (so erlebe ich es jedenfalls in meinem Alltag, wo ich mich zum Beispiel für das Handeln meines Mannes oder meiner Freundinnen im allgemeinen nicht in der Verantwortung empfinde, in bestimmten kritischen Situationen aber doch – da mische ich mich ein).

Die Idee, „das Wesentliche nicht nehmen“ zu wollen, finde ich gut, aber sie bleibt bei einer Betrachtung äußerlich getrennter Wesen. Ich glaube, es würde helfen, wenn das Wissen um die innere Einheit oder Verwandtschaft alles Lebendigen hinzukäme. Dieses Wissen würde eine andere Haltung oder Grundeinstellung bewirken. Offensichtlich fällt es mir schwer, zu vermitteln, was ich meine, und ich möchte noch mehr darüber nachdenken. Aber ein paar Gedanken noch dazu, in welche Richtung ich es meine:

Erstmal ein Zitat von Albert Einstein: „Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir ‚Universum’ nennen, ein in Raum und Zeit begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle als getrennt von allem anderen – eine Art optische Täuschung des Bewusstseins. Diese Täuschung ist wie ein Gefängnis für uns, das uns auf unsere eigenen Vorlieben und auf die Zuneigung zu wenigen uns Nahestehenden beschränkt. Unser Ziel muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir den Horizont unseres Mitgefühls erweitern, bis er alle lebenden Wesen und die gesamte Natur in all seiner Schönheit umfasst. (Albert Einstein: Aus meinen späten Jahren, 1959)

In die gleiche Richtung verstehe ich auch den Ausspruch von Jesus: „Was ihr dem geringsten unter meinen Brüdern tut, das habt ihr mir getan“ – nur würde ich es nicht nur auf die Menschen beziehen. Aber es ist die gleiche Sichtweise, sie hebt Trennungen auf. Es ist eine andere Nuance als: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Eine ähnliche Sichtweise kenne ich auch von Berichten von indigenen Völkern, zum Beispiel in Sibirien: Bei der Jagd auf ein Tier kann es eine Identifikation mit dem Tier geben, die bedeutet, dass Jäger und Gejagtes zur Einheit werden, auswechselbar. Der Jäger steht in der geistigen Identifikation als gejagtes Tier dem Tod gegenüber und ist aus Liebe bereit, sich zu opfern. Das klingt vielleicht wie ein psychologischer Selbstberuhigungstrick, ich halte es aber für eine Art mystische Einheit mit einem wahren Gehalt. Und aus solch einem Erleben entsteht eine andere Haltung dem Tier gegenüber.

Damit will ich übrigens nicht die Philosophie und Praktiken indigener Völker allgemein romantisieren. Bei einem interessanten Vortrag über die Philosophie der Yanomami-Indianer habe ich gehört, wie sehr eine Sicht innerer Verflechtung mit allem Lebendigen auch zu einer Kultur von Angst und Vergeltung führen kann – jedenfalls soweit ich es verstanden habe. Ich glaube, das Wort Mitgefühl ist in diesem Zusammenhang entscheidend und lösend.

Interessant, was Du zur Freiheit und dem Eigen-Sinn schreibst. Bei uns Menschen stellt sich doch die gleiche Frage: Was macht unser Wesen aus und welchen Sinn können wir unter unfreien Bedingungen finden? Und welchen Stellenwert hat in diesem Zusammenhang unsere menschliche Art, reflektieren zu können? Also, liebe Maria, viel Klarheit habe ich mit diesem Brief leider nicht schaffen können, aber ich bleibe dran. Freue mich auch mal wieder aufs persönliche miteinander Sprechen.

Cornelia (am 5. Januar 2008)

Autorin: Cornelia Roth, Maria Wolf
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 20.06.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Helmar sagt:

    Managebarkeit …

    Sie schreiben: Abhängigkeit lässt sich nicht „managen“. Viel mehr noch scheint mir dies zu gelten bei der `Unabhaengigkeit`…
    Danke fuer Ihre besinnlichen Ansaetze, die hoffentlich bald in groesserer Anzahl aufgerufen werden koennen! (jetzt steht oft: Fehler auf der Seite)

  • Antje Schrupp sagt:

    Nicht aufrufbare Seiten

    Liebe Leserinnen, wenn auch Sie Seiten nicht aufrufen können, bitte schicken Sie uns den betreffenden Link (an antjeschrupp@aol.com), damit wir der Sache nachgehen können, danke!

  • Wolfgang Nebmaier sagt:

    nicht-lineare Beziehung

    Abhängigkeiten?
    so sehr wir auch daran gewöhnt sind, Beziehungen in linearer Weise zu beschreiben, sollte uns doch er immense Umfang der wiederholten Beschreibungs- und Definitionsversuche darauf hinweisen, das in der Realität Beziehungen konzentrisch sind. Dreidimensional gesehen, natürlich spiralformig.

    Mechanistisch gesehen, bin ich da selbstverständlich auf dem falschen Dampfer und, ja, sicher, wenn ein Auto keinen Sprit mehr hat, bleibt es stehen.

    Doch selbst dieses scheinbar überzeugende Beipiel der Abhängigkeit der Fortbewegung unseres fahrbahren Untersatzes von Treibstoff irgendeiner Art ist nur deshalb so klar, weil es rigoros verkürzt ist. Denn wir haben z.B. unsere Beziehung zur ganzen Situation herausdividiert, unsere Achtsamkeit in Bezug auf die grundätzliche Frage der Notwendigkeit der Fahrt, der realistischen Einschätzung von Treibstoffbudget, ökologischen „footprint“, der Freude einer Wanderung oder einer gemeinsamen Fahrt mit jemandem usw. Und dabei vernetzt jede der genannten Beziehungen das ganze Thema exponentiell.

    Vom Auto zurück zur Mutter:
    Wenn die Beziehung zwischen Mutter und Kind nur eine Abhängigkeit wäre, eine Einbahnstrasse der Fortpflanzung, dann wäre auch die mechanistische Schuldzuweisung an die Mütter für alles, was je falsch läuft richtig, dann bestünde nur eine biologische und psychologische Beziehung. Wenn das aber der Fall wäre, warum können wir dann die Probleme nicht . . . logisch lösen? Vielleicht is es auch eine spirituelle Beziehung. (N.B: keine „spiritulogische“ geschweige denn theologische oder religiös{ologisch}e!)

    Vielleicht handelt es sich bei all diesen Beziehungen um viel mehr als eine geradlinig beschreibbare Angelegenheit. Vielleicht haben die Kulturen „recht“, die alles als lebendig und mit Geist bzw. Seele ausgestattet betrachten.

    Und vielleicht gibt es da eine Möglichkeit, die ganze theoretische Diskussion mit einer Umarmung ad absurdum zu führen.

    Wolfgang Nebmaier

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