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Rubrik unterwegs

Anmerkungen zum Muttergipfel

Von Cornelia Roth

Konkrete oder symbolische Ordnung der Mutter?

Vielen Dank für die Berichte vom Matriarchatskongress, die mir einige Eindrücke gaben. Ich verstehe die Sehnsucht und Hoffnung, die darin spürbar war – vielleicht gar nicht nur nach Mütterlichkeit, sondern vor allem nach einer besseren Welt.

Gleichzeitig wurde mir bei den Visionen, die auf diesem Kongress entwickelt wurden, immer enger und ich habe nicht den Eindruck, dass sie meinem Wunsch nach Freiheit in Bezogenheit entsprechen. Zu sehr wird den Frauen wieder ein bestimmtes So-Sein aufgedrängt, zum Beispiel die Mütterlichkeit. Und die ganze Utopie eines neuen Matriarchats bleibt sehr eng an der biologischen Verwandtschaft mit der biologischen Mutter als Mittelpunkt. Gerade, wo sich unsere biologischen Familienstrukturen zur Zeit weiten, scheinen mir Konzepte, die Freundschaft oder auch eine Bindung über gemeinsames Wohnen oder verantwortungsvolles Gestalten zur Grundlage haben ebenso wichtig. Und dann finde ich, dass die Männer eine Rolle zugedacht bekommen, die sie weder ebenbürtig, noch auf gleicher Augenhöhe sein lässt. Das mag für eine Weile ein verlockender Gedanke sein, endlich mal als Frauen kollektiv „Oberwasser“ zu haben. Aber auf die Dauer wünsche ich mir das nicht, sondern viel lieber ein immer wieder neu sich sehen, aushandeln, sich mal lieben und mal bekämpfen und eine Freiheit und zugleich Bezogenheit, die das ermöglicht, sich aber wohl auch immer wieder neu finden muss.

Es kommt mir vor, als ob die „symbolische Ordnung“ der Mutter mit einer ganz konkreten Ordnung der Mutter verwechselt wird. Die symbolische Ordnung der Mutter ergibt sich nur aus dem Blick von Töchtern und Söhnen her, durch die Anerkennung des Werks der Mutter, selbst wenn das Werk der Mutter vielleicht im konkreten Fall von mehreren Personen übernommen wurde. Es geht dabei um eine Art Hintergrundwissen sonst wäre es keine symbolische Ordnung. Und die Anerkennung von Autorität aus diesem Hintergrundwissen heraus hat für mich nichts zu tun mit einer Selbstautorisierung von Müttern, die auf Anerkennung pochen. Irgendwie kommt mir das Ganze ein bisschen vor wie das Motto „am weiblichen Wesen soll die Welt genesen“. Das glaube ich nicht.

Soweit meine Gedanken dazu und einen herzlichen Gruß von Cornelia Roth aus München

Weitere Zuschrift

Ich habe die Berichte zum/vom Mutterkongress aufmerksam gelesen; es bleibt in mir am „Matriarchatsdenken“ ein eigenartig ungutes Gefühl; und ich kann es – wenn ich etwas „nur“ spüre – nicht genauer benennen. Schleicht sich dort etwa weiter eine nur zu gut bekannte Hierarchie ein; eine Hierarchie, die sich des „Autorität Verleihens“ selbst bedient…? Es ist so schwer, darüber mit einer anderen zu kommunizieren!

Fidi Bogdahn

Autorin: Cornelia Roth
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 12.06.2008

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