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Rubrik leben

Das öffentliche Sprechen über weibliche Sexualität

Von Birgit Kübler

Ein Beitrag zu Dorothee Markerts Rezension des Romans „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche

körperbetont

Heute kleiden sich alle sexy und körperbetont... Foto: Ute Knüfer

Mit großem Interesse habe ich Dorothee Markerts Beitrag zu Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ gelesen, weil mir dieses Buch, das ich bereits unverstanden in die „Schmuddelecke“ abgeschoben hatte, ebenfalls im Kopf herumgeht und noch mehr das große Medienecho, das es findet und die darin stattfindende Diskussion. Es ist für mich sehr überraschend, dass das Buch explizit als feministisch gehandelt wird, das mag an der Performance der Charlotte Roche liegen, mit ihrem Dank an die feministische Mutter. (Was die wohl zu dem Buch denkt?) Ich verstehe das Buch in keiner Weise als „befreiend“. Es thematisiert in meinen Augen weibliche sexuelle Deformierung und Phantasmen. Diese werden in keiner Weise kritisch hinterfragt. Dass das Buch in die Bestsellerlisten Eingang gefunden hat, liegt meiner Meinung nach an der Medienpräsenz der Autorin plus dem trashigen Reiz des Analen.

Ich kann in der Roche´schen Beschreibung des Sexuellen genauso wenig wie Dorothee Markert ein befreites weibliches Sexualverhalten erkennen. Doch Roche behauptet das in ihren Interviews: Frauen sollen sich an ihren, Roches, Selbstbefriedigungsfantasien ein Beispiel nehmen, ja sie sollen sich zu diesem Zweck an ihnen aufgeilen. Mich hat keine einzige Seite erregt. Dabei bin ich keinesfalls prüde. Ich bin sehr sexuell, und ich beschäftige mich lange Jahre schon mit der weiblichen Sexualität, künstlerisch und kulturhistorisch. Deshalb sehe ich in manchen Beurteilungen von Dorothee Markert Einschränkungen, die mir nicht gefallen, weil sie meiner Meinung nach vorschnell abwerten und eine Diskussion eher verhindern als weiterbringen.

Die jungen Frauen laufen zur Zeit dermaßen sexy gekleidet herum, dass nicht nur die Männerblicke, sondern auch mein Auge ständig an einem Hintern oder einem Busen hängen bleibt, das ist gar nicht anders möglich. Auch sind mir letzte Woche zwei richtig alte Ladies aufgefallen, die wunderschön, körperbetont und bunt gekleidet waren – eine mit einem pinkfarbenen Minirock, dass ich mich nur noch gewundert, aber auch gefreut habe. Denn ich finde es schön, wenn Frauen ihre Schönheit zeigen. Von den jungen sind alle so körperbetont gekleidet, egal wie eigenwillig und unmodellhaft die Figur ist, ja richtig dicke Frauen sind dabei. Sie sind alle ungeheuer selbstbewusst, was ihre Körperoberfläche angeht! Sie verstecken sich nicht, wie das noch in meiner Jugendzeit (geboren 1961) üblich war hinterm Schlabberlook. (Und ich habe mich „versteckt“ – wegen einem Busengrapscher, der mich an einem freizügigen Tag erwischte. Viel lieber wäre ich an manchen Tagen auch so sexy rumgelaufen.) Die enge Garderobe vermittelt ein ganz anderes Körpergefühl, ja – sie vermittelt überhaupt ein Körpergefühl. Freilich ist es eine enge Grenze zwischen diesem Körpergefühl-Vermitteln einer Garderobe und einer durch diese stattfindende Bewegungseinschränkung bis hin zu Quetschungen und Deformierungen. Auch bin ich mir durchaus der Tortur des Modellblicks, der zu sogenannten „Schönheits“-OPs führt, bewusst. Im Falle des Silicon-Busens ist es ja ganz offensichtlich, dass es den Frauen nicht mehr um den selbstbewussten Genuss am eigenen Körper gehen kann, wenn sie ihre Empfindungsfähigkeit dagegen eintauschen, ein „schönes“ Bild abzugeben.

Aber das, was die jungen Frauen machen, ist noch etwas anderes: Sie demonstrieren Interesse am Sexuellen. Im Gegensatz zur Jugend meiner Generation ist das Sexuelle nicht mehr „bäh“ und verboten und eine Sache, die ausschließlich von Männern ausgeht. Die jungen Frauen heute haben eine sexuelle Kultur.Ich denke nicht, dass die jungen Frauen heute mehr sexuelle Kontakte haben, als es zu meiner Zeit üblich war, aber ich denke, sie sind besser informiert (u.a. auch über weibliche Lust und über ihre Orgasmusfähigkeit), sie haben andere Vorbilder (sich küssende Diven wie Madonna und Britney Spears, die Brüste schüttelnde Peaches, MissyElliott, die davon singt, dass sie kurz vor ihrer Blutung am meisten Lust auf Sex hat), sie schämen sich nicht ihres Körpers als Ort der Lust. Sie rasieren sich die Achselhaare ganz oder partiell und sind sich dieser Körperstelle in ihrer erotischen Möglichkeit bewusst. Ich denke, dass Charlotte Roches Schleim- und Ekelbuch darauf abzielt. Sie wehrt sich vehement dagegen, dass das Körperliche des Körpers vergessen wird. Meine Freundin Christine Pöllath vermutet, dass der Druck auf Karrierefrauen, immer perfekt gestylt und wunderschön zu sein, so groß ist, dass er sich im Roman „Feuchtgebiete“ ein Ventil schafft. Charlotte Roche beklagte ja wiederholt Mobbing am Arbeitsplatz, weil sie mit Achselbehaarung sommerlich gekleidet war.

Es gibt für mich keinen Bruch und kein Vergessen zwischen heute und der Zeit, in der in Frauengesundheitszentren mit den Naturschwämmchen experimentiert wurde. Leider bin ich nicht vollständig mit den „Clios“ aus Berlin groß geworden, aber sie kamen immerhin in Sichtweite, als ich etwa 19 war. (Eine Freundin lebte ein Jahr lang in Berlin und brachte sie nach Niederbayern). Was haben wir dort nicht alles erfahren, von dem wir nichts wussten, obwohl es unsere Körper waren! Körper- und Geschichtsbewusstsein, Arbeit an der weiblichen Rolle – all das fand und findet auf Antrieb von Frauen statt. Wesentliche Arbeit wurde und wird in abgeschlossenen, autonomen Bereichen geleistet, da sich Liebhaber, Ehemänner, Parteifreunde, Mediziner und Professoren oftmals gewaltsam ihre Vorrangstellung in einer Geschlechterhierarchie bewahren wollten, bevor manche von ihnen erkennen konnten, dass Frauen andere Machttechniken haben, als ihnen im Gegenzug Messer an die Kehle zu setzen, Machttechniken, die sie zum Teil von der Last der ungleich verteilten Verantwortung befreien. Im Lauf der Jahre wuchs der Einfluss der feministischen Frauen auf die Gesellschaft zunehmend, wurden feministische Positionen in Parteiprogramme und Kulturindustrie aufgenommen (und kommen von da wieder, freilich in andere Interessen umformuliert, zurück).

Ich danke Dorothee Markert und den anderen Frauen der „großen“ Feministinnengeneration für den heftigen und befreienden Anstoß, den ihr der Gesellschaft gegeben habt und der mir als junger Frau zugute kam !!! Leider muss ich immer wieder feststellen, dass Feministinnen der älteren Generation die Arbeit der folgenden Feministinnen nicht wertschätzen können. Dies ist sicherlich eine große Schwäche der feministischen Bewegung. Wenn ich lese, dass Dorothee Markert sich als Resümee des Buches von Charlotte Roche wieder an „die Anfänge einer anderen Körperkultur erinnern und wieder anknüpfen“ möchte, dann verstehe ich daraus auch, dass es in ihren Augen in der Zwischenzeit nichts davon gab. Doch in der Zwischenzeit arbeiteten Frauen wie ich in Frauengruppen oder alleine in den sozialen Bewegungen, an der Universität, in den Parteien, im Film, in der bildenden Kunst, Musik und Literatur, etc. Und ich denke: durchaus mit Erfolg und auch die Körperkultur der Frauen im befreienden Sinne nennenswert erweiternd.

Ich sehe Veränderungen, die das Körperbewusstsein der Menschen betreffen, als Folge eures Anstoßes, eurer und unserer gemeinsamen Arbeit an der Frauenbefreiung in den vielfältigen Möglichkeiten sportlicher Betätigung von Frauen (man denke an Katherine Switzer, die sich 1967 heimlich in den Boston Marathon schmuggelte, den, wie damals allgemein üblich, nur Männer laufen durften), Veränderungen in den Freiheiten der Etikette, was Kleidung und Frisuren betrifft, Veränderungen in der Sprache über weibliche Belange, (so war eine früher „unpässlich“, wenn sie blutete, nicht wahr? oder man sprach von „Untenrum“ – was übrigens auch die Roche tut…), Veränderungen in einem zunehmenden Respekt vor der Lust der Frauen sowohl von männlicher wie auch von weiblicher Seite, ich sehe eine wachsende weibliche sexuelle Kultur. Diese Veränderungen haben Folgen in der Mädchenerziehung und der Kleinkindererziehung, (Sauberkeitserziehung und Zärtlichkeit). Es ist also eine ganze Menge, was wir da in Bewegung setzen konnten, auf das wir stolz sein dürfen. Und nur, weil die Dinge kulturindustriell oder parteipolitisch oder wie auch immer aufgegriffen und verändert werden, müssen wir noch lange nicht denken, sie seien uns gänzlich aus der Hand genommen worden. Als hätten wir nichts mehr damit zu tun. Auch ist es so, dass die Dinge von nachfolgenden Frauen anders in die Hand genommen werden, als das womöglich intendiert war. Aber sie werden in die Hand genommen! Und eine, die das tut, ist Charlotte Roche.

Was nun ein intelligent-authentisches Sprechen über das weibliche Begehren angeht, ist Irigaray mit ihrem „Wenn unsere Lippen sich sprechen“ sicherlich nach wie vor unübertroffen (Dieser Text war für uns, als wir ihn Mitte der 80-er Jahre entdeckten, eine Offenbarung, und er wurde für alle kopiert und viel zitiert).

Mit dem sexuellen Begehren ist das so eine Sache. Man kann keiner ihr Begehren, ihr Lustempfinden absprechen. Und so ist es ein weibliches Begehren, das uns in dem Roman „Feuchtgebiete“ vorgeführt wird, weil Charlotte Roche Charlotte ist und über eine Helen schreibt. Ich finde dieses sexuelle Begehren ziemlich unerträglich. Es ist untrennbar mit psychischem und körperlichem Schmerz verknüpft, mit Krankenhaus und Krankheit – Orte, die in meinem Begehren nicht vorkommen, aber: Es ist ein weibliches sexuelles Begehren. Roche beschreibt in der Figur Helen explizit ihr Lustempfinden, sie sagt, sie arbeitete an ihren eigenen Scham- und Peinlichkeitsgrenzen. Dieses Begehren folgt seiner Struktur nach dem, was derzeit über eine Pornographisierung des Sexuellen gesagt wird. Es ist fiktiv, aber es tut so, als wäre es echt.

Wenn man sich am Anus schneidet, schmerzt das. Es schmerzt lange, weil sich die Wunde sicherlich durch Kot entzündet. Sie stinkt vermutlich nach Eiter und nach Medikamenten. Es ist ganz sicher unmöglich, sich schmerzfrei sexuell zu bewegen. Vielleicht ist ein kleiner klitoraler Orgasmus möglich, aber ich glaube das nicht, nicht wenn die Frau keine Lust am Schmerz empfindet. Was Roche über Helens Geilheit schreibt, ist Fiktion in der Fiktion, weil sie nicht über Masochismus schreibt, das aber müsste sie konsequenterweise tun. Doch sie tut es nicht, sie macht uns glauben, dass Helen in dieser Situation, mit einem Schmerz in den Sexualorganen, ununterbrochen ans Ficken denkt. („Ficken“ ist für mich ein einfaches umgangssprachliches Wort für eine sexuelle Praxis zwischen den Geschlechtern. Oder auch „Titten“ … Titten sind wunderbar! „Shake your tits“ – Peaches) Das sexuelle Begehren, das in diesem Buch beschrieben wird, ist also ein fiktives weibliches Begehren. Es tut nur so, als wäre es am Schwanz oder am Avocadokern interessiert. Es fehlen ganz offensichtlich eine weibliche Sprache und ein weibliches Begehren, die vom Körper ausgehen. Das Roche´sche Begehren bewegt sich allein auf der Ebene des Phantasma, obwohl es doch so abgründig animalisch daherzukommen scheint. Da aber so manch eine denkt, dass der beste Sex der ist, der im Kopf stattfindet, und der Sex ganz sicher ohne Kopf auch nicht aus- oder weiterkommt, glaubt man ihr, dass es sich um wirklich gelebte und lebbare Sexualität handele. Diesen Eindruck verstärkt Roche in ihren Interviews. (Die wären ein eigenes Kapitel…)

Weit verbreitet ist eine Kritik an diesem Öffentlichmachen von persönlich gelebter Sexualität, sie würde sich dadurch pornographisieren. Einige Autoren des Sammelbandes „Porno-Pop“ stellen diese Kritik, die wir alle in Form von Scham kennen, in weitere Zusammenhänge. In der Art, wie über persönlich gelebte Sexualität berichtet wird, findet eine Orientierung an den vorgegebenen Erzählstrukturen und Bildern und eine Entfernung von den körperlichen Begebenheiten statt. Es geschieht also etwas, das die einen Erhöhung, die anderen Profanierung nennen, je nach Einstellung zum Sexuellen. Die Erzählweise wirkt dann wieder zurück und das Verständnis von „gutem Sex“ bewirkt eine Art sexueller Tätigkeit, wie sie die pornographische Dramaturgie inszeniert hat. Soweit folgt die Entstehung sexueller Kultur den gleichen Mustern wie jede kulturelle Entwicklung. Das Problem, das ich damit habe, liegt darin, dass die klassischen Pornographien „lügen“. Die DarstellerInnen der Videos spielen Orgasmen, die Filmaufnahmen einer männlichen Ejakulation werden mit Pina Colada hergestellt. Damit die Sache glaubhafter aussieht, wird verstärkt analer Sex praktiziert, weil er echte (Schmerz-)Gefühle auf die Gesichter der Darstellerinnen bringt (was manche Darstellerinnen, denen die Sache ansonsten Spaß macht, kritisieren). In der gängigen Pornographie ist die Penetration durch den Penis das, was die Frau will, was sie erfüllt, wonach sie sich verzehrt, und diese Penetration ist um so besser, je länger sie stattfindet. Nun findet sie im langanhaltenden, monotonen, schnellen Rhythmus, vollkommen roh und herzlos statt. Das kann eine Frau nicht zu einem Höhepunkt bringen, der diesen Namen verdient. Das wissen wir, nicht wahr? Genau so wenig glaube ich, dass ein Avocadokern, wie Charlotte Roche vorschlägt, für die sexuelle Praxis, der es um Steigerung der eigenen Lust bis zum Höhepunkt geht, dienlich ist, denn man kann nicht viel mit ihm tun. Er ist zu ölig. Man kann ihn nicht festhalten und an gewünschte Stellen bewegen. Er rutscht in einen hinein, und er flutscht wieder hinaus. Ja und weiter? Meiner Erfahrung nach hat die Reise zu einem Orgasmus außer der Fähigkeit zur Hingabe sehr viel mit Präzision und Konzentration zu tun, da kann ich mir einen Avocadokern also beim besten Willen nicht vorstellen. Interessanterweise, und ich finde, auch   unglücklicherweise, spielt dieses Wissen, das auf Erfahrung beruht, dann keine Rolle mehr in unseren Fantasien. Das liegt daran, dass die Bilder vom Sex der anderen, und die können vollkommen anders sein, als das, was uns unsere sexuellen Fähigkeiten erlauben, uns tatsächlich körperlich erregen. Wir haben dann beispielsweise die tatsächlich erregende Fantasie, so ein erigierter Schwanz sei das Allerhöchste, obwohl das in unserem Sex einfach nicht so funktioniert. Es ist sehr, sehr schwer, sich von den Bildern weg auf sich selbst zu besinnen.

Nun ist die spannende Frage, die auf solch eine Erkenntnis folgt, was ist denn unser Selbst? Was ist denn die eigene Sexualität? Wie jedes menschliche Tun, ist auch die Sexualität etwas, das wir in der Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickeln, und „natürlich“ ist in meinen Augen an der Sache nur der Arterhaltungstrieb. Aber für die Arterhaltung ist es nicht notwendig, Lust zu empfinden. Uns aber geht es um unsere und unserer Geliebten Lust, wenn wir Sex haben. Und ich denke, das ist es wert, öffentlich verhandelt zu werden. Hier hat Charlotte Roche Recht, wenn sie ein Gespräch über die körperlichen Empfindungen des sexuellen Erlebens der Frauen einfordert, und hierin erkenne ich sie als Feministin.

Auch mein Anliegen ist es, an unseren Beschränkungen zu rütteln und uns von den Vorgaben an unsere Rolle frei zu machen, sowie Ängste und Zwänge, die uns beherrschen, offen zu legen, auch immer wieder neu zu definieren, was Sex, was Spiel, was Lust, was Liebe ist, welche Art von Bindung und Verbundenheit wir hierfür für nötig halten und nötig haben, und welchen „Text“ wir im Kopf haben, wenn wir sexuell sind oder über Sex sprechen. Es ist die Suche nach unserer Freiheit, die wir uns im Sexuellen oft nicht zugestehen, obwohl wir von ihr wissen. Mit diesem Interesse habe ich ein Forum eingerichtet – www.sextextsprechen.de – und ich lade alle Leserinnen herzlich dazu ein, daran teilzunehmen.

Dabei bin ich mir durchaus der Problematik der Veröffentlichung weiblicher sexueller Interessen bewusst, hoffe aber, dass die im Forum mögliche „Vielstimmigkeit“ der Kritik standhält.

Ich kenne die Kritik an der „sexuellen Revolution“, dass sie den Frauen das Diktum der Jederzeit-Verfügbarkeit gebracht habe. Die Pharmaindustrie ist ja gleich mit der Pille auf den Zug aufgesprungen, die in den 70-er Jahren, als ich sie für zwei Jahre nahm, ein eindeutiger Libidokiller war. Damals war es für uns noch „anrüchig“ (dieses Wort ist aus unserem Wortschatz verschwunden!), Lust am Sexuellen auch nur zu denken. Doch die Liebhaber haben diese Lust dann von uns erwartet. Die Generation vor uns hatte nicht die geringste Idee von einer Lust am Sexuellen (wobei ich nicht denke, dass alle Frauen den Sex als Sache ihrer Männer empfanden, sondern, dass das Bewusstsein der eigenen Freude daran ein Tabu war). Ich denke nicht, dass heute auch nur eine einzige Frau hierzulande, egal welchen Alters, nicht wüsste, dass sie Lust verspüren könnte, wenn es um Sex geht, ausgenommen die durch Gewalt traumatisierten Frauen. Das Problem, das Frauen heute damit bekommen könnten, ist, dass sie immer Lust haben müssen (jetzt also eigenkulturell), dass sie diese Lust „darstellen“ müssen, und dass sie aussehen müssen wie Sexdarstellerinnen.

Und da sind wir gleich bei der zweiten Kritik, dass nämlich das Sexuelle überhand genommen habe. Wie es Dorothee Markert vorkommt, laufen alle jungen Frauen wie Prostituierte Sex signalisierend in der Öffentlichkeit herum, und meine Freundin Christine Pöllath sagt; „Der Sex wird total überbewertet“. Das, was wir in den 80-er Jahren mit der Hamburger Sozialwissenschaftlerin Frigga Haug alles als sexualisiert entlarven mussten, liegt heute so drastisch vor unseren Augen, dass wir ununterbrochen ans Sexuelle gebunden werden und zwar durch seine verlogene, kulturindustrielle Form als Glücks- und Lebenssinnversprechen mit der Folge, dass wir unglücklich sind, wenn wir keine reale und befriedigende sexuelle Situation in unserem Leben gestalten können. Dabei liegt das Sexuelle zu allererst in uns selbst, und wir sind vollkommen frei, jederzeit beglückenden Sex zu haben, indem wir uns selber lieben.

Als dritten Einwand weiß ich, dass jede neue Setzung, jede neue „Definition“ weiblicher Lust und Sexualität schnell wieder eine normative, beschränkende und ausschließende Wirkung entfalten kann. Ich finde es also sehr schwierig, öffentlich über das Sexuelle zu sprechen, obwohl ich es für notwendig erachte.

Literatur

Frigga Haug: „Frauenformen 2. Sexualisierung der Körper“, Argument-Sonderband AS 90, Berlin 1983

Jörg Metelmann (Hg.): „Porno-Pop – Sex in der Oberflächenwelt“, Würzburg 2005

Charlotte Roche: „Feuchtgebiete“, Köln 2008

Interviews mit Charlotte Roche bei Stefan Raab, im Stern 12/2008, im Süddeutschen Magazin 16/2008

Zuschrift

Liebe Birgit, du sprichst in deinem Artikel die Frage an, was wohl Charlotte Roches Mutter zu dem Buch „Feuchtgebiete“ sagt. In ihrem Auftritt in der NDR-Talkshow spricht sie das Thema kurz an: Sie wünscht sich, dass ihre Mutter das Buch nicht liest – leider fragt der Moderator nicht nach, warum sie das nicht will (das scheint er selbstverständlich zu finden) und ob die Mutter es nicht vielleicht doch gelesen hat… Man kann sich den Ausschnitt bei Youtube anschauen, es kommt gleich ganz am Anfang.

liebe Grüße, Antje Schrupp

Hier eine weitere Zuschrift von Christine Pöllath.

Autorin: Birgit Kübler
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 09.06.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Annette Stilleke-Holobar sagt:

    Feuchtgebiete

    Nach dem Lesen dieses Artikels bereue ich es schon, dass ich meiner Tochter das Buch geschenkt habe, ohne es selbst gelesen zu haben. Ich dachte wohl, es könnte unser Sprechen über Sexualität ersetzten.Hauptsächlich wollte ich meine Tochter nur darauf hinweisen, dass ich meine eigene Körperlichkeit und den eigene Geruch nicht vollkommen mit Parfüm und Deo und Achsel- und Schamhaarrasur verdrängen muss, sondern Wasser und Seife vollkommen ausreichen.

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