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Muttergipfel 2008 – Macht der Frauenbeziehungen

Von Juliane Brumberg

Benennen, was wir leben

Die Performance

Die Performance

Die Tatsache, dass die Ordnung des Patriarchats, bei der der Mann und sein Besitz im Mittelpunkt stehen, weder den Kindern noch den Frauen, aber letztendlich auch nicht den Männern und der Welt gut tun, zog sich durch die gesamte Tagung. Deutlich war: Das Mutter-Thema ist dran! Allseits wurde beklagt, dass die Mütter und das, was sie leisten, immer unsichtbarer werden. In der Öffentlichkeit ist die Rede von Elterngeld und Familienzeit, doch dass sich dahinter überwiegend die Arbeit von Müttern verbirgt, wird nicht benannt. Bis zu einem gewissen Grade würde das Mutter-Sein sogar tabuisiert, so die Mit-Veranstalterin Siegrun Laurent von der Feministischen Akademie Alma Mater in ihrer Begrüßungsansprache. Zumindest war es nicht einmal gelungen, die Frauenbeauftragte der Veranstaltungsstadt Karlsruhe zu diesem Thema mit ins Boot zu holen.

In matriarchalen Kulturen hingegen, so die Quintessenz der Vorträge, bekämen die Mütter den Stellenwert, der ihnen gebühre. Bevor hierauf ausführlicher eingegangen wurde, kam die in diesen Kreisen noch unbekannte Familienforscherin Dr. Mariam Irene Tazi-Preve aus Wien zu Wort. Sie war für die erkrankte Claudia von Werlhof eingesprungen und ihr ganz undramatisch vorgetragener wissenschaftlich begründeter Nachweis, dass Familie im Patriarchat nun mal nicht funktioniere, wurde zu einem gleichzeitig glänzenden und traurigen Highlight der Tagung. Traurig angesichts der Tatsache, dass nach wie vor „die Energien junger Menschen durch den Glauben an den Partnerschafts-Mythos mit der lebenslänglichen Liebe gebunden sind“. Voller Elan und guten Willen suchten sie ihr Glück in der Kleinfamilie. Die Frauen glaubten zunächst an diesen Mythos und stiegen dann aus. Da nicht das System, sondern das Versagen der Betroffenen angeprangert würde, boome der Therapiemarkt für Paare. Trotzdem betrüge die Scheidungsrate in Österreich 50 Prozent und in Wien sogar 70 Prozent.

Als weitere Belege für das Versagen des herkömmlichen Systems nannte Irene Tazi-Preve die Scheidungskinder, die Überforderung der Mütter, die neuerdings durch parallele Berufstätigkeit auch noch Übermütter und 24 Stunden rund um die Uhr verfügbar sein müssten, den Geburtenrückgang (Frauen wollen Kinder, die äußeren Umstände verhinderten dies) sowie die Gewalt durch (Groß-) Väter. Hierbei handele es sich nicht um Familien-, sondern um Vätertragödien. Irene Tazi-Preve formulierte als Gegenentwurf die „Familie als matriarchale Sozialordnung“ und hatte ihren Vortrag auch so betitelt. Die Logik des Herkunftsprinzips von der Mutter sei unauslöschbar und die Vaterschaft würde im Matriarchat vom Oheim, also dem Bruder der Mutter wahrgenommen. Als Beispiele für auch heute gelebte matriarchale Kultur nannte sie

  • die emotionale Unterstützung durch Frauengemeinschaft,
  • die Kinderbetreuung durch die Großmütter mütterlicherseits,
  • die Unterstützung durch andere Mütter,
  • die Bruder-Schwester-Bindung im Orient.

Zum Abschluss fasste sie zusammen, dass es enormer Anstrengungen bedürfe, das System der Kleinfamilie aufrecht zu erhalten, dass wir von einem falschen, nämlich patriarchalen, Familienbegriff ausgingen und die gelebte Praxis die Logik von matriarchalen Sozialordnungen bewiese.

(Nicht neue) Details und Vorteile matriarchaler Sozialordnungen formulierten sowohl Dr. Christa Mulack als auch Heide Göttner-Abendroth in ihren Vorträgen:

  • Frauen und Kinder bilden den Mittelpunkt der Sippe;
  • Kinder erleben ihre Mutter als wertsetzende Instanz, an deren Vorgaben sich auch Männer orientieren;
  • Gemeinschaftsbesitz wird über die töchterliche Linie weitergegeben;
  • Schwester und Bruder bilden das grundlegende Modell der Mann-Frau-Beziehung;
  • Sexualität, Schwangerschaft und Geburt begründen weder eine feste Bindung an einen Mann noch dessen Vaterschaft („Das Blut ist dicker als das Sperma.“);
  • den Männern im Matriarchat geht es nicht schlecht, sie haben ihre Aufgaben und Pflichten als Brüder der Schwestern (soziale Vaterschaft);
  • es gibt keine Scheidungsweisen, weil Kinder auch beim Partnerwechsel der Mütter im Clan bleiben;
  • matriarchale Gesellschaften kennen keine verwahrlosten Jugendlichen;
  • über den Körper einer Frau kann nur sie allein verfügen;
  • Die Liebe ist die Sache der Frau; Die Kinder sind Sache der Gemeinschaft; Ein Kind kann nur einer Sippe angehören und zwar der der Mutter;
  • Clans helfen sich gegenseitig.
Dr. Heide Göttner-Abendroth und Dr. Christa Mulack

Dr. Heide Göttner-Abendroth (links) und Dr. Christa Mulack. Foto: Juliane Brumberg

An diesen Themen arbeiten Christa Mulack und Heide Göttner-Abendroth – meist unabhängig von einander- seit mehr als 20 Jahren. Mit ihrer klaren Denkweise, ihrem Formulierungstalent und mit ihren Visionen sind sie  – das zeigte sich auch in Karlsruhe wieder – die Vordenkerinnen der Matriarchatsforschung in Deutschland. Erfreulicherweise müssen sie sich nicht mehr profilieren und gegeneinander abgrenzen, sondern konnten sich ganz im Sinne des Affidamento wertschätzend aufeinander und auf andere Forscherinnen beziehen.

Viele der Anwesenden gingen mit diesen zum Teil aus vorgeschichtlicher Zeit abgeleiteten Visionen konform und schienen sich darüberhinaus nach mehr „Mütterlichkeit“ zu sehnen. Diese wurde zumindest immer wieder eingefordert. Damit ist jedoch auch der problematische Aspekt der Tagung benannt: Die Vereinnahmung – und Verpflichtung? – aller Frauen zu Mütterlichkeit. Stand doch im Einladungstext geschrieben: „Wenn wir von Mutter sprechen, meinen wir jede Frau, sei sie jung oder alt, denn jede Frau hat die Potenz einer Mutter, auch, wenn sie selbst keine Kinder zur Welt bringt. (…) Worin sich ihre Mutterkraft verwirklicht, entscheidet sie selbst.“ So eine Aussage kann als Schlag ins Gesicht von denjenigen empfunden werden, die Jahrzehnte gebraucht haben, um sich von dem Druck des vermeintlichen Mangels an Mütterlichkeit und der Zuständigkeit und Verantwortung für alles und jedes – für die Kinder, für den Mann, für das Funktionieren des Familienlebens, für die Schule und für die Nöte der ganzen Welt – zu befreien.

Vielleicht wäre es zielführender gewesen, den Fokus auf das Tochter-Sein zu legen, denn Tochter einer Mutter sind wir alle, Mütter und Nicht-Mütter, und die von der italienischen Philosophie-Professorin Luisa Muraro formulierte symbolische Anbindung an die Ordnung der Mütter und Vormütter ist das, was unser Sein in der Welt trägt und uns Gestaltungskraft und Sicherheit gibt.

Ihren Vortrag leitete sie ein mit dem „unsymmetrischen Verhältnis“ von Frauen zum Leben: „Frauen werden von Frauen geboren. Männer auch!“ Es sei allerdings viel unternommen worden, die Männer zu Erzeugern der Kinder zu machen und die Rolle der Frauen zu verschleiern. Weiter führte sie aus, dass die Beziehung der Kinder zur Mutter eine unverhältnismäßige Beziehung in Bezug auf Macht, Kraft etc. sei und kein Gesetz kenne: „Es ist unmöglich, dass die Mütter mit ihren Kindern nicht machen, was sie wollen! Und trotzdem gelingt diese Beziehung fast immer, denn dabei schenken die Mütter den Kinder das Leben und die Sprache.“ Dieser Ausnahmezustand der „All-Macht“ bezogen auf die Kinder sei also die Grundlage unseres Lebens oder die Norm der mütterlichen Potenz. Von der politischen Macht gäbe es Neid angesichts dieser Potenz und deshalb viele Gesetze zum Wohle des Kindes ohne Berücksichtigung der Beziehung zur Mutter. Auch die Reproduktionstechnologie folge diesem Neid. Die Inhaber politischer Macht verstünden nicht, dass sie die mütterliche Macht nicht auslöschen können. Denn es ist nun einmal so: Die Mütter haben Macht über ihre Kinder und die Kinder sind von der Beziehung zur Mutter abhängig.

„Ist ein Kind erstmal auf der Welt, kann es auf keinen Fall mehr zurückgenommen werden. Es können aber auch andere Menschen den Platz der Mutter einnehmen. Dadurch wird die echte Mutter zur symbolischen Figur.“ Die symbolische Potenz bestehe in der Beziehung zwischen der einzelnen Frau und ihrer Mutter, denn zwischen ihnen findet die Verhandlung statt, die für die menschliche Zivilisation von großer Bedeutung ist. „Das mütterliche Kontinuum verbindet uns alle mit unseren Ursprüngen“, so Luisa Muraro. Sie schloss mit der These: „Es hängt zum größten Teil von der Beziehung zur Mutter ab, ob die Ressourcen für das tägliche Leben zur Verfügung stehen.“ Gelänge diese, bräuchten wir weniger Maschinen und weniger Kriege und hätten mehr Beziehung zu einem lebendigen Leben.

Es geht bei Luisa Muraro also immer um den Blick des Kindes, der Tochter, auf die Mutter und, das hat sie nicht nur in ihren Büchern, sondern auch auf dem „Muttergipfel“ wieder hervorgehoben: „Das Leben ist ein Geschenk, dem wir nur mit Dankbarkeit begegnen können.“

Heide Göttner-Abendroth bezog sich in ihrem Vortrag direkt auf diese Gedanken: „Matrilineare Verwandtschaftsverhältnisse haben die von Luisa Muraro formulierte symbolische Ordnung der Mutter verwirklicht. Auf der Mutterschaft beruhen im Matriarchat die Mutterlinie, die Wohnform, die Vorstellung von der Welt und die Religion.“ Deshalb bedeutet für Heide Göttner-Abendroth Mütterlichkeit nicht, sich in Kleinfamilien zu verausgaben, sondern es ist der Wert, der eine matriarchale Gesellschaft durchzieht.

Neue und ganz bildhafte Eindrücke ergaben sich, als das Forschungswissen der westlichen Wissenschaftlerinnen durch die Beiträge von drei Frauen ergänzt wurde, die selber einer matriarchalen Kultur entstammen. Sowohl Maria Meneses, eine der „starken Mütter“ von Juchitàn aus Mexiko, als auch Dr. Malika Grasshoff, die ihre Wurzeln bei dem kabylischen Volk der Berber in Algerien hat und Isabelle My Hanh Derungs, eine heute in der Schweiz lebende Vietnamesin, verdeutlichten durch ihre Erzählungen, dass es viele Orte auf der Erde gibt, an denen in matriarchalen Strukturen gelebt wird. Während Erstere durch ihr in-sich-Ruhen und ihr Selbstbewusstsein überzeugte und im Gespräch mit Prof. Dr. Veronika Bennholdt-Thomson die funktionierende matriarchale Kultur einer 90 000 -EinwohnerInnen-Stadt vorstellte, war das Besondere der anderen beiden Vorträge, dass beide Referentinnen zwar aus einem matriarchalen Volk stammen, aber es verstanden, darüber nicht nur gemäß ihren Traditionen, sondern auch mit wissenschaftlich-westlichen Maßstäben zu reflektieren. Isabelle My Hanh Derungs gab Einblicke in die linguistische Ebene und erläuterte unter Anderem, dass es in ihrer Sprache keine männlichen und weiblichen Artikel gäbe, sondern spezielle sprachliche Bezeichnungen für sieben verschiedene Bereiche des Lebens, was natürlich auch zu einem anderen Denken führe. Es war ein intellektuelles Vergnügen diesen beiden temperamentvollen, unterschiedlichen und hochintelligenten Frauen zuzuhören und die Tagungsorganisatorinnen hätten gut daran getan, ihnen jeweils mehr Zeit einzuräumen. So konnten die Zuhörerinnen nur winzige Einblicke in die fremden Kulturen gewinnen und insbesondere Malika Grasshoff wurde an der spannendsten Stelle, als sie nämlich politisch wurde und ansetzte, über fremdbestimmte Mutterschaft durch Leihmütter im Vergleich zu den Traditionen ihres Volkes zu sprechen, aus Zeitgründen gestoppt.

Wesentlich zwiespältiger war der Eindruck, den die mit den westlichen Gepflogenheiten weniger vertrauten VertreterInnen aus den Kulturen der Khasi in Indien, der Mosuo in China und auch der Tänzer aus dem Senegal hinterließen. Da ihnen die deutsche Sprache fremd war, konnte keine Beziehung zwischen ihnen und den Tagungsteilnehmerinnen aufgebaut werden. Mir stellt sich die Frage, ob es nötig ist, bei so einer Tagung Menschen aus einer ganz anderen Kultur quasi als Farbtupfer und exotische Objekte zur Schau zu stellen.

Geglückt wiederum war das bei einer so großen Tagung nicht einfache Unterfangen, meditative Elemente einzubeziehen. Zu keiner Zeit bestand die Gefahr des Abgleitens ins Alberne oder Lächerliche, was nicht selbstverständlich ist. Es gelang den Akteurinnen jeweils, die entsprechende Energie aufzubauen, sodass sowohl die Jahreszeiten-Performance von Brunhilde Kluss und ihrer Gruppe, die gemeinsame Labyrinth-Begehung unter Anleitung der Künstlerin Li Shalima als auch die abendlichen, von Tricia Laurent angeleiteten Kreistänze eine Wohltat für die Sinne waren und zur Vervollständigung der Eindrücke auf einer anderen Ebene führten.

Wer anlässlich dieses Kongresses neu in das Thema einsteigen wollte, wird überwältigt gewesen sein von der Fülle des Angebots und doch eine Menge mitgenommen haben. Selbst diejenigen, die sich schon lange mit weiblichen Kulturen beschäftigen, stießen bei dieser geballten matriarchalen Frauenpower an die Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit; und doch war es wunderbar, so vielfältige Einblicke in etwas Zukunftsweisenderes als die bestehende patriarchale Kultur bekommen zu haben.

Bei der Suche nach den Wegen aus dem Patriarchat brachte Luisa Muraro es auf den Punkt mit ihrem Ausruf: „Ihr habt doch schon angefangen, indem Ihr mit diesem Muttergipfel den Frauenbeziehungen mehr Macht gebt!“

Also sind wir vielleicht schon weiter, als es scheint, wenn wir dazu stehen, was wir längst leben und uns auf den Paradigmenwechsel einlassen: selbstbewusst wahrnehmen, als einen Wert benennen und nicht als Notlösung sehen, was Frauen schon immer und überall tun: sich gegenseitig stärken und unterstützen, für die nächste Generation sorgen und den Müttern danken.

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Juliane Brumberg: Viele Vorträge rund um das Thema Matriarchat

Ingrid Maria Bertram: Nicht „Vater Staat“ sondern Mutterland

Bettina Schmitz: „Labyrinth„, ein Gedicht, passend zu den Themen des Internationalen Muttergipfels

Zuschrift:  Cornelia Roth: Konkrete oder symbolische Ordnung der Mutter?

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 09.06.2008

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