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Rubrik leben

Brot und Rosen auf dem Altiplano

Von Sr. Maria Johanna Lauterbach

Der Beginn eines völlig anderen Lebens

Sr. Maria Johanna

Sr. Maria Johanna (rechts) bei ihrer ersten Profess im März 2008 in der Klosterkapelle. Foto: Zisterzienserinnenkloster Ave Marià in La Paz.

Was hat mich Ostern 2006 dazu gebracht, alles aufzugeben, was ich hatte und mich in das Abenteuer einer völlig anderen Existenzform zu stürzen, nach Bolivien zu gehen und im Kloster zu leben?

Die Intuition, dass meine jahrzehntelange Suche nach einem sinnvollen Leben hier zur Ruhe kommen könnte. Die Sehnsucht, mich fürs Leben zu binden, die erst spät und langsam in mir gewachsen ist. Anders als meine Mitschwestern bin ich überhaupt erst hier Christin und Katholikin geworden!

Im März vor zwei Jahren saß ich in meinem Büro in der Technischen Universität München über den Korrekturfahnen des Alumni-Magazins. Ich musste mich beeilen, denn den ganzen April 2006 würde ich in Bolivien in einem Zisterzienserinnenkloster verbringen. Sr. Christine Gruber, eine ehemalige Studentin der TU, hatte mich dorthin eingeladen, nachdem ich sie während ihres Heimaturlaubs für mein Magazin interviewt hatte.

Zu diesem Zeitpunkt war ich in einer glücklichen Phase: nach etlichen Umwegen hatte ich es mit meinem Magister in Philosophie zu einer kreativen Arbeit im wissenschaftlichen Milieu gebracht. Ich war seit kurzem glücklich verliebt und gut eingebunden in langjährige Freundschaften, in meine Familie und in die heidnische Spirituelle Frauenbewegung. Ich wollte nirgendwo anders leben als in meinem geliebten Oberbayern.

So waren alle wie vom Donner gerührt, als ich nach der Rückkehr aus Bolivien verkündete, im November 2006 als Kandidatin in den kleinen Konvent Ave María in La Paz eintreten zu wollen. Mit mir waren wir dort zehn Frauen.

Weder Stille noch Kreuzgang

Heute trage ich wie die anderen den weißen Schleier und den strengen schwarz-weißen Habit der Zisterzienserinnen. Von meiner Klosterzelle blicke ich in den grandiosen Talkessel von La Paz, einem Einbruch der Hochebene des Altiplano, 3800 m über dem Meeresspiegel und 17 Grad südlich des Äquators. Hier studiere ich die Regel des Hl. Benedikt und bereite als Philosophielehrerin meinen Unterricht vor. Mein Fenster geht zum gemeinsamen Hof von Konvent, Mädcheninternat und Grundschule hinaus. Wo in europäischen Klöstern ein ehrwürdiger Kreuzgang die große Stille hütet, toben bei uns Hunderte von Schulkindern zwischen ein paar Eukalyptusbäumen über Betonplatten.

Unser Projekt, das Colegio Ave María, ist binnen 40 Jahren zur größten und einer der angesehendsten Schulen Boliviens herangewachsen. In einem Land mit großen Mängeln im öffentlichen Schulsystem versucht das Kloster derzeit 4800 Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis zum Abitur zu führen. Das Schulgeld ist niedrig (umgerechnet 17 € pro Monat). Ein Zehntel der Schüler bezieht Teil- oder Vollstipendien. 100 Mädchen und 60 Buben, die vom Land kommen, leben das Schuljahr über in unserem Internat. Das jährliche Defizit der Schule wird ausschließlich mit Hilfe privater Spender aus Deutschland gedeckt, die im Bolivienbüro in unserem Mutterkloster Seligenthal in Landshut betreut werden.

Drei Schlüsselerlebnisse

Ich war damals die einzige Gästin des Konvents und durfte mit im Refektorium essen. Ich nahm am Chorgebet, an Landfahrten und an der Osterliturgie teil. Im letzten ist die Gewissheit, die ich auf einmal verspürte, etwas Geheimnisvolles. Doch kann ich drei Schlüsselerlebnisse beschreiben, durch die hindurch ich Gott erkannte, seinen Anruf und seine Bitte an mich.

Das erste war sicher die überquellende Lebendigkeit der vielen Kinder, die mich an meine Schulzeit in München erinnerten und daran, wie viel ich meinen Lehrerinnen und Lehrern vom Käthe-Kollwitz-Gymnasium verdanke. Ich hatte in den Jahren vor meiner Reise getrauert, dass mir die Gründung einer eigenen Familie versagt geblieben war. Hier eröffnete sich auf einmal die Möglichkeit, vielen Kindern eine geistige und geistliche Mutter sein. Wer eine Form findet, dankbar an die nachfolgende Generation zurück- und weiterzugeben, was wir von der vorangegangenen empfangen haben, wird fruchtbar und das gibt dem Leben Freude und Sinn. In Bolivien ist die geistige Mutterschaft sogar in der Sprache verwurzelt: Klosterschwestern werden im Alltag oft mit „Madre“ angesprochen und man begegnet ihnen mit Respekt und Achtung.

Alte Sehnsucht nach spiritueller Gemeinschaft

Sr. Maria Johanna und Priorin Sr. Christine Gruber

Sr. Maria Johanna mit ihrer Mutter und der Priorin Sr. Christine Gruber. Foto: Zisterzienserinnenkloster Ave Marià in La Paz.

Die zweite Schlüsselerfahrung war, Sr. Christines Herzensgüte zu erleben, gepaart mit skorpionischem Humor und Begeisterung für den Lehrberuf. Während die damals 81jährige Priorin und Schuldirektorin Sr. Immolata trotz ihres hohen Alters souverän und unangefochten die höchste geistige Autorität verkörperte, sorgte Sr. Christine, ihre Subpriorin, im Hintergrund dafür, dass die Dinge funktionierten und die Menschen sich geliebt fühlten – das Werk der Mutter. Aber ich sah auch ihre Überlastung, die ihr Gesicht nicht weniger gezeichnet hat, als ihre Gabe, sich mehrmals am Tag auszuschütten vor Lachen. Erstmals war ich einer Frau begegnet, in der ich die ungeteilte Liebe und Freude Christi erkennen konnte. Deshalb war es mir unmöglich, ihr nicht zu Hilfe zu kommen.

Ein drittes Erlebnis kam hinzu: Zwei junge Schwestern fragten mich unabhängig voneinander, ob ich dem Konvent beitreten wollte. Ich spürte einen guten Geist im Kloster Ave María und meine alte Sehnsucht nach einem Leben in spiritueller Gemeinschaft war wieder aufgeflammt. Aber ich hätte ohne die Initiativen der beiden jungen Schwestern nicht gewusst, ob auch ich ihnen willkommen sein würde. Nach einem Gespräch mit der Priorin Sr. Immolata teilte ich dem Konvent am Ostermontag 2006 mit, dass ich im November wiederkommen und dem Konvent beitreten würde. Alle haben geklatscht und sich gefreut.

Am 3. März 2007 wurde ich eingekleidet und mein Noviziatsjahr begann. Mein Bruder Arndt war dabei und meine Mutter kam, als ich ein Jahr später meine ersten Gelübde ablegte. Während des Noviziatsjahrs durfte ich nicht unterrichten, sondern half bei der Krankenpflege und im Haushalt mit, was mir nicht leicht fiel. Menschliche Schwächen und die Zusammenstöße zwischen zwei Kulturen sind im Kloster genauso verbreitet wie draußen, von der Kandidatin bis zur Priorin. Doch scheint es mir hier leichter, zu verzeihen und immer wieder neu aufeinander zuzugehen – weil alle sich darum bemühen und dieser gute Wille Teil unseres Glaubens ist, an den uns Chorgebet und Messe jeden Tag mehrfach erinnern.

Heimweh nach Krokusblüten im Schnee

Mit der Umkehr der Jahreszeiten und ihrer Reduktion von vier auf zwei (Trockenzeit und Regenzeit) habe ich die bisherige Basis meiner Naturspiritualität verloren und damit gewaltige Resonanzräume des Gefühls, die mich früher genährt und inspiriert haben. Die Seele muss sich jetzt umstellen auf eine andere Art von Brot. Der hl. Benedikt schreibt in seiner Regel, dass der Weg ins Kloster am Anfang nicht anders als eng sein kann und das ist wahr.

Es ist paradox: obwohl Vieles mich hier anficht – ich mich ärgere, weine, eifersüchtig und kleinlich reagiere, an Ostern Heimweh habe nach Krokusblüten im Schnee, nach Stille und Innehalten – will ich doch nirgends anders sein als hier. Warum? Weil ich hier eine für mich passende Form gefunden habe, in der ich die Liebe zum Guten und damit zu Gott leben kann.

So geht es immer weiter, sagt Sr. Christine, so ist das Leben: ein schwarzer Stein, ein weißer Stein. An Weihnachten 2007 wurden Sr. Immolata und Sr. Josefa so schwer krank, dass wir den langersehnten Urlaub streichen mussten. Das war sehr hart, denn wir arbeiten viel, können nur zweimal im Jahr in Urlaub fahren und haben keinen Klostergarten. Wir müssen mindestens eine halbe Stunde mit dem Auto fahren, um Stille und Einsamkeit für einen Spaziergang in der kargen, aber schönen Berglandschaft zu finden. Alle 1-2 Wochen nehmen wir uns ein paar Stunden Zeit dafür.

Im Februar begann das neue Schuljahr und seither unterrichte ich Philosophie, was mir trotz mancher Kämpfe viel Freude macht. Eine Freude ist auch die Gartenarbeit auf unserem Landgut jeden Donnerstag, durch das wir uns und die Internatskinder mit biologischem Gemüse und Fleisch selbstversorgen. Die Rosen blühen dort das ganze Jahr über und so habe ich jede Woche frische Rosen auf meinem Schreibtisch. Brot und Rosen – ist es nicht das, was wir Frauen immer ersehnt haben?

Autorin: Sr. Maria Johanna Lauterbach
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 11.07.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Charlotte sagt:

    AUF DER SUCHE BIN ICH AUCH

    Wunderschöner Bericht…

    aber im Lichte der gegewärtigen Ereignisse in den katholischen Einrichtungen kommen viele Fragen.
    Auch würde ich gern wissen, was dir in den heidnischen spirituellen Zirkeln gefehlt hat.

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