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Mehr als Maria

Von Juliane Brumberg

„Gott weiblich“ in einem katholischen Diözesanmuseum

Katalog

Foto: Juliane Brumberg

Nein, eine feministische Ausstellung ist „Gott weiblich“ nicht, aber so wie der Gottesname Jahwe nicht unbedingt mit „der Herr“ gleichzusetzen ist, sondern übersetzt „er weht“ lautet, weht mit dieser Ausstellung ein weiblicher Geist durch das Rottenburger Diözesanmuseum, der noch vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen wäre.

Und das ist für mich das eigentlich Besondere an dieser Ausstellung: Dass sie in einem katholischen Museum gezeigt wird, dass dieses voll von Besucherinnen und Besuchern ist an einem ganz normalen Donnerstagnachmittag im Juli und dass dort parallel gleich zwei Führungen stattfanden, bei denen Männer in höchsten Tönen von der Göttin Aschera im Jerusalemer Tempel schwärmten.

Es hat sich eben doch was verändert, seit Christa Mulack 1985 ihr Buch „Maria, die geheime Göttin im Christentum“ veröffentlichte und mit ihren Thesen zur Persona non grata in offiziellen Kirchenkreisen wurde. Nicht, dass ich in der Ausstellung oder der sie begleitenden Literatur irgendeinen Hinweis auf die Forschungen von Christa Mulack oder Gerda Weiler gefunden hätte. Da sind die Berührungsängste wohl immer noch zu groß. Neben Anderen waren sie es, die in den achtziger Jahren den suchenden Frauen neue – weibliche – Gottesbilder anboten und mit ihren Forschungen deutlich machten, dass die Bibel für weit mehr steht, als nur für Gott, den Herrn. Von Feministinnen wurden und werden sie dafür gefeiert, doch ansonsten ging Mann und auch Frau auf deutliche Distanz zu solch gotteslästerlichen Vorstellungen.

Heute, keine 30 Jahre später, ist eine Generation herangewachsen, die groß geworden ist mit der neuen Frauenbewegung und mit der Vorstellung, das Göttliche durchaus weiblich zu denken. Und auch die katholischen und evangelischen Frauen und Männer, die sich damals noch schwer taten, in weiblichen Darstellungen bei archäologischen Funden und antiker Kunst mehr zu sehen, als Figurinen, Adorantinnen und Fruchtbarkeitsgöttinnen, sind heute offen für die göttliche Erhabenheit, die die alten Himmelköniginnen ausstrahlen.

Aschera, die mit beiden Händen machtvoll und selbstbewusst ihre Brüste präsentiert, wird im Begleitkatalog als Göttin benannt. Mit biblischen Texten und alten Inschriften kann heute nachgewiesen werden, dass sie vom 10. bis zum 7. Jahrhundert vor unserer Zeit ganz selbstverständlich im Jerusalemer Tempel und in vielen Häusern des alten Israel verehrt wurde. Hat man doch bei archäologischen Ausgrabungen über 1000 Aschera-Figuren gefunden und der Verfasser des Ausstellungs-Katalogs, Prof. Othmar Keel, geht davon aus, dass sie „jungen Frauen anlässlich ihrer Heirat zur Verstärkung der Weiblichkeit geschenkt wurden“.

Die Ausstellung selbst ist nicht sehr groß und in einem schlichten Raum im Untergeschoss des Diözesanmuseum Rottenburg arrangiert. Sie gliedert sich in 14 Abschnitte, von denen schon bei dem ersten „Das Haar: Inszenierung und Verhüllung“ deutlich wird, dass der aktuelle Kopftuchstreit nichts Neues ist. In altorientalischen Kulturen wurden die Haare der Frauen über Jahrtausende als erotische Attraktion hergerichtet und Katalog-Autor Keel meint: „Die streng auf einen Gott ausgerichteten Religionen haben nicht nur mit den weiblichen Aspekten Gottes, sondern mit dem Weiblichen generell Mühe. Die Männer dieser Religionen projizieren häufig die eigene Disziplinlosigkeit auf die Frauen, denen dann vorgeworfen wird, sie verführten durch ihr Haar die Männer, und die deshalb verpflichtet werden, dieses unsichtbar zu machen.“

Katalog 2

Foto: Juliane Brumberg

Weitere Abschnitte beschäftigen sich mit „Frau Weisheit“, der „Göttin und die Pflanzen“ oder den „Göttinnen und die Taube als Liebesbotin“. Sie sind ästhetisch präsentiert, gut erklärt und schön anzusehen; faszinierend insbesondere verschiedene kaum zwei Zentimeter große Rollsiegel, auf deren Abdruck zum Beispiel eine als Baum verehrte Göttin mit zwei Fischen und zwei Verehrerinnen, kunstvoll herausgearbeitet, sichtbar werden. Die flankierenden Fische symbolisieren das Wasser und, laut Keel, kann der „Baum des Lebens“ wie das „Wasser des Lebens“ eine Erscheinungsform der „Mutter alles Lebendigen“ sein.

Durchsetzt sind die antiken Exponate mit christlichen Mariendarstellungen, die den Untertitel der Ausstellung „Von der orientalischen Göttin zum Marienbild“ legitimieren. Anschaulich ist zu sehen, was Feministinnen schon länger wissen: Die Mariensymbolik und bestimmte uns durch sie vertraute Körperhaltungen sind weit älter, als das Christentum. Die Christen haben erst im Jahr 431 auf dem Konzil von Ephesos ihrer monotheistischen Religion Maria als Gottesgebärerin beigegeben, nachdem sie gemerkt hatten, dass sie ohne ein weibliches Äquivalent zur alten Göttin wohl kaum eine Chance haben würden, sich unter den Menschen in Mitteleuropa weiter auszubreiten.

Besonders interessant zu diesem Thema ist das Schlusskapitel im Katalog mit Abbildungen von Bildtypen, zu dem die Originale in der Ausstellung leider nicht zu sehen sind: Maria in verschiedenen Körperhaltungen im Wandel durch die Epochen: frühes Christentum, Romanik, Mittelalter, Barock und Neuzeit. Im 19. Jahrhundert schließlich hatten Mädchen oder junge Frauen an verschiedenen Orten, wie etwa in Lourdes, Marienerscheinungen in Grotten oder Bäumen, die an die Erscheinungsorte altorientalischer und griechisch-römischer Göttinnen erinnern.

Was in der Ausstellung zu sehen ist, ist alles nicht neu. Feministisch-religiös interessierte Frauen beschäftigen sich seit Jahren mit der Göttin und nähern sich ihr insbesondere auch auf künstlerische Weise. Deshalb braucht keine enttäuscht zu sein, wenn sie nicht zu den rund 9000 BesucherInnen der letzten Monate zu gehört und auch bis zum 3. August nicht mehr nach Rottenburg kommt.

Im Katalog für nur 19 Euro sind alle Exponate wunderbar aufbereitet und abgebildet. Insbesondere die Darstellungen auf den Rollsiegeln sind hier viel ausdrucksstärker, als im kleinen Original in der Glasvitrine. Außerdem sind die schriftlichen Erklärungen  spannend zu lesen. Daneben ist für nicht theologisch Vorgebildete ein Exkurs zur Entwicklung des Monotheismus im Vorderen Orient höchst lehrreich und es werden Bezüge zu den Israel umgebenden Kulturen hergestellt. Denn auch wenn es in der Bibel anders klingt, war es eben nicht so, dass die Menschen im alten Israel von Anfang an niemand anders, als Gottvater gehuldigt haben. Dieses an Hand von archäologischen und historischen Quellen nachzuweisen ist ein Anliegen des Autors Othmar Keel. Die ausschließlich männliche Gestalt des Göttlichen nennt er auch von den biblischen Schriften her nicht gerechtfertigt. Außer zur Gottesebenbildlichkeit macht er sich Gedanken über das Bilderverbot, das im Judentum und im Islam ungleich konsequenter eingehalten wurde, als im Christentum, in dem spätestens ab dem 12. Jahrhundert neben Christus, der ja Mensch war, auch Gottvater als bärtiger Mann dargestellt wird.

Othmar Keel ergreift eindeutig Partei für die Frauen. Nicht nur, dass sein Katalog – bei gewissen Vorbehalten – ein Plädoyer für die „Bibel in gerechter Sprache“ enthält, da sie sich auf der sprachlichen Ebene dem Thema „Gott weiblich“ stellt; Auch im Abschlussstatement benennt er „die Wiederentdeckung oder Eintragung weiblicher Züge ins Bild Gottes“ als eine „logische Konsequenz der Emanzipation der Frau und ein unumgängliches Gebot theologischer und gesellschaftlicher Gerechtigkeit“. Hier wurde weitergedacht. Deshalb können heute auch an anderen Orten die Früchte geerntet werden von den kleinen Pflänzchen, die feministische Denkerinnen vor Jahren in den Humus der Frauenbewegung gesetzt haben.

Katalog: Othmar Keel, Gott weiblich, Eine verborgene Seite des biblischen Gottes, Projekt BIBEL+ORIENT MUSEUM, Freiburg CH, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, 144 S., 19 Euro, ISBN 978-3-579-08044-4.

Die Ausstellung ist erneut zu sehen, und zwar bis zum 3. Oktober 2010 im Diözesanmuseum Bamberg, Domplatz 2. Sie ist Dienstag bis Sonntag von 10 – 17 Uhr geöffnet.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 22.07.2008

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