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Rubrik unterwegs

Nach dem Muttergipfel 2008

Von Dagmar Margotsdotter-Fricke

Eindrücke einer Veranstalterin

Jahresrad-Tanz

Zur Eröffnung des Muttergipfels hatte Brunhilde Kluss einen Jahresrad-Tanz gestaltet. Foto: Juliane Brumberg

„Irgendetwas hat sich in meinem Leben völlig verändert – ich bin nicht mehr die Alte“, stellt eine junge Frau, Sylvia, nach dem Event in Karlsruhe fest. Ihr Blick zeigt ein Strahlen und gleichzeitig einen Ernst, der ihrem zarten Gesicht etwas Starkes und Entschiedenes verleiht.

Eine andere hatte auf dem Muttergipfel ihr Debut vor mehr als fünfhundert ZuhörerInnen – auch sie wird nicht mehr die Alte sein. „Alles Leben kommt von einer Mutter“, sang Michelle Laise ihre eigens für Karlsruhe komponierte Laise-Hymne. Ihre zum Gipfel herausgebrachte CD hat dann auch den gleichlautenden Titel und offenbart eine erfrischende Stimme, die charmant und abwechslungsreich feministische Weisheiten verschenkt: Wer sagt, Frauenbewegung sei tot, den belehrt diese junge Frau mit ihrer Lebendigkeit eines Besseren. Ein mutmachendes Beispiel und ein schönes Geschenk für uns alle: Es geht weiter, auch bei „unseren“ Töchtern.

Dann die unbekannte Frau neben mir in der ersten Reihe: Irgendwann sah ich sie weinen. Die Tränen liefen einfach so die Wangen herab. Ich fragte, ob ich helfen könne, doch die Frau strahlte mich hinter tränenverhangenen Wimpern an: Zufällig seien sie und ihr Mann in Karlsruhe und in diesen Muttergipfel geraten. Noch nie hätten sie jemals von so etwas gehört, völlig überwältigend. Da hatte sie bereits die Frauen im Gezeitentanz erlebt, die matriarchalen Grundsätze von Dr. Christa Mulack gehört, berührende Filmbilder einer jungen Mutter aus Palau gesehen, die wie eine Göttin geschmückt und gesalbt war, und von Dr. Mariam Tatzi-Preve über Familie als matriarchale Sozialordnung erfahren. Seit Stunden strich sich ihr Mann nachdenklich den langen, grauen Bart und machte sich Notizen. Nun war es erst Freitag – was sollte bis Sonntag noch alles passieren?!

Drei Tage fand in dem Karlsruher Konzerthaus nicht nur ein Gipfel statt. Auch ein bunter Markt mit Dutzenden von Stände zeigte wahrlich immer wieder die pure und lustvolle Manifestation von Spiritualität: Göttinnen und kunstvolle Weiblichkeit in allen Variationen, aus Wolle, Ton, Stein oder Gold. Es gab Bilder und Bücher, Parfums und Projekte und eine Dia-Show mit Frauenbäuchen in ihrer ganzen Vielfalt.

Nach dem Muttergipfel 2008

Die italienische Philosophin Luisa Muraro mit ihrer Übersetzerin Traudel Sattler am Büchertisch des Christel Göttert Verlages.

Ach, warum kann nicht so ein Markt alle Tage sein wie bei den matriarchalen Frauen von Juchitan in Mexiko? Eine von ihnen, Prof. Marina Meneses, erzählte den TeilnehmerInnen, wie sie den zerstörerischen, patriarchalen Supermarkt boykottieren, um die eigene, matriarchale Marktwirtschaft des Ausgleiches und der Gerechtigkeit zu retten! Auf dem Markt in Juchitan treffen sich täglich ca. 20.000 Menschen, hier findet in den Händen der Frauen das Leben statt. Ein Supermarkt ist kalt und tot. Atemlos hörten wir zu. Sie haben es geschafft: Wal-Mart wird schließen! Ein weiterer Versuch, ihre Kultur zu ruinieren ist fehlgeschlagen.

Bei der Erinnerung an die Tage des Muttergipfels kommen auch mir die Tränen. So war es tatsächlich und so kann es immer wieder sein, denke ich dann. Das war nicht vage Zukunft und am Ende der Welt und mit fremdartigen Frauen. Das war hier, genau hier. Und heute. Und das waren wir: Du, Ihr, Sie und ich. Wie wunderbar.

Vielleicht hatte das Prof. Annette Kuhn gemeint, als sie sagte: „Wir haben alles, was wir brauchen, sobald wir Einsicht genommen haben in die matriarchale symbolische Ordnung, indem wir die Differenzen unter uns wahrgenommen und die Gesetze des gerechten Tausches selbst aufgestellt haben. Denn wir sind die Symbolträgerinnen!“

Autorin: Dagmar Margotsdotter-Fricke
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 17.07.2008

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