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Der Fluch als Missbrauch weiblicher Kraft

Von Antje Schrupp

Diese Zuschrift bezieht sich auf diesen Artikel.

Da ich den Fluch als Missbrauch meiner weiblichen Macht und Kraft betrachte, möchte ich einige Punkte erwähnen, die übersehen werden.

Was geschieht bei einem Fluch? Ein Fluch betrifft eine oder mehrere Personen und will bedingungslos deren Vernichtung und Tod, oft auf qualvolle Weise, da Rache ausgeübt werden soll. Er ist deshalb zeitlich nicht begrenzt oder gibt Raum bei einer Verhaltensänderung. Er ist eher ein  Wunsch der das Böse will.

Der Fluch ist kein Bann, bei dem darauf hingewirkt wird, dass eine Person etwas (meist Böses) nicht machen kann auch wenn sie es will.

Er ist auch nicht ein Aufzeichnen der Konsequenzen, wie in Annarosa`s Bsp. von ihrer Mutter, die ihr sagt, wohin ihr Verhalten führen wird.

Eher noch würde meine Kindheitsgeschichte in diese Richtung gehen: Meine Mutter war von meinen ständigen „letzten Worten“ (da kündigt sich vielleicht schon die zukünftige „Karriere“ der Theologin an…) fürchterlich genervt und sie sagte einmal zornentbrannt: „Wenn du nur einmal auf den Mund fallen würdest und nicht mehr reden könntest.“ Und das geschah.

Mich erfasste mit 9 Jahren auf der  Hauptstraße ein Auto, das nicht mehr bremsen konnte und ich hatte keine Verletzung (nur das Auto hatte eine Delle!) außer am Mund, der blutete, der Kiefer war etwas gestaucht, was mir weiche Babykost als Nahrung für die nächsten Tage bescherte. Am Abend sagte ich,(schon wieder…so hat sich der Wunsch meiner Mutter nur eingeschränkt erfüllt) “ Mami, da bist du Schuld weil du dir das immer gewünscht hast.“ Das wies sie natürlich entrüstet von sich, aber ich merkte, dass sie betroffen war.

Jetzt möchte ich noch anmerken, dass ich nicht den Fluch ablehne, weil ich Theologin bin bzw. war. In der Bibel gibt es ebenso Fluch wie Segen (s. Fluchpsalmen). Ich lehne den Fluch ab, weil er Böses will und die menschliche Freiheit missachtet. Ich bin für Rituale, die das Leben und das Gute im Sinn haben.

Immer wieder wird „Antonias Welt“ als Beispiel genommen und völlig übersehen, dass Antonia den Vergewaltiger ihrer Enkelin nicht verflucht. Sie droht ihm den Fluch an, falls er wieder ins Dorf zurückkehrt. Das ist wichtig, denn damit hat er eine Entscheidungsmöglichkeit.

Ein Fluch missachtet die menschliche Freiheit und berücksichtigt nicht eine mögliche Verhaltensänderung hin zum Guten des Verfluchten. Ich bezweifle ob es sinnvoll ist dem Bösen das Gute zu entziehen (denken wir an Schindlers Liste).

Aber das Böse mit Bösem  zu bekämpfen, das hat mir das vergangene Patriarchat gezeigt, bringt wieder Böses hervor. Der Satz “ Der Zweck heiligt die Mittel“ (wird nicht von Annarosa genannt!) ist für mich ein patriarchaler Satz.  Um Friedenspolitik zu machen, Krieg zu führen, ebenfalls.

Fluchen ist für mich bewusste spirituelle Kriegsführung, die den Verfluchten einen Tod wünscht, ohne einen Türspalt für das Leben offen zu lassen. Somit ist auch dem Tod der Sinn genommen als Transformationsmittel zu neuem Leben.

Vielleicht wäre es sinnvoll erst einmal an einer Definition von Fluch zu arbeiten. Wenn Annarosa das Zitat Hiob 3, „warum bin ich nicht schon im Mutterleib gestorben?“,als Fluch sieht, merke ich, dass ich eine andere Auffassung von Fluch habe. Für mich ist dies eine aus Schmerz geborene Frage, die sich Hiob stellt, da er sich in seiner momentanen Situation den Tod wünscht. Später will er das nicht mehr wenn er gesund und reich beschenkt wird.

Betrifft ein Fluch immer andere Personen? Kann ich mich selbst verfluchen? Kann ich das von meinem innersten Wesen her überhaupt wollen? Es gib das Wort “ Überlebenswillen“, aber nicht „Todeswillen“…

Ich bin gespannt auf weitere Dialoge zu diesem Thema und grüße Euch im Team herzlich.

Herzliche Grüße von Sigrid Ka

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 21.08.2008

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