beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik denken

„Frauen haben zu wenig Selbstbewusstsein“?

Von Andrea Günter

Hinterfragen lohnt sich

Frauen

Selbstbewusster Umgang mit Orientierungslosigkeit

„Frauen haben zu wenig Selbst-bewusstsein“: Dieser Satz ist seit Jahren immer wieder zu hören. Vor ein paar Tagen habe ich ihn wieder auf einer Fortbildungsveranstaltung vernommen. Meist geht es um Karrierefragen. Fehlendes weibliches Selbstbewusstsein wird als ein wesentlicher Grund dafür angeführt, warum Frauen vorwiegend machtlos bleiben. Frauen getrauten sich nicht, entsprechend ihrer Qualifikation und Kompetenz Macht zu beanspruchen.

Es kann nun darüber diskutiert werden, ob Frauen die Macht überhaupt wollen und welche Hindernisse derzeit dieser noch und wieder entgegenstehen. Dazu ist im Rahmen der beziehungsweise-weiterdenken schon einiges gesagt worden.[1] Diesen Strang will ich diesmal nicht verfolgen. Vielmehr kommt mir eine andere Verbindung in den Sinn, die Weiteres zu denken gibt. Die Aussage wurde diesmal nämlich in einem Kontext gemacht, in dem die Zuhörerinnen hochqualifizierte Frauen unterschiedlichen Alters aus einem einflussreichen Berufsfeld waren. Es handelte sich um Juristinnen. Wie passt ein solcher Satz in einen solchen Kontext?

Nun kann frau vermuten, dass die Referentin, die ihn geäußert hatte und beinahe reflexartig Zustimmung erfuhr, ihn für so grundlegend hält, dass er scheinbar für eine jede Situation passt. Dabei unbestritten ist, dass diese Beurteilung der Lebenslagen von Frauen auf den einen oder anderen Einzelfall durchaus zutreffen mag. Warum, frage ich mich, ist eine solche Analyse derart verallgemeinerbar? Warum erhält sie auch von erfolgreichen Frauen unbefragte Zustimmung?

Wenn beruflich orientierte Beraterinnen, die psychologisch ansetzen, immer auch über die Gründe für ihr Gefragtsein und die Einsichten ihrer Tätigkeit sprechen, so greifen sie regelmäßig auf die Profilierungen und Kriterien des psychologischen Berufsfeldes zurück. Im psychologischen Paradigma ist die Frage des Selbstbewusstseins wichtig. Allerdings wird mangelndes Selbstbewusstsein sehr oft mit Orientierungslosigkeit verwechselt. Hierbei wird übersehen, dass Orientierungsfähigkeit nicht dasselbe ist wie Selbstbewusstsein. Konservative Menschen haben in der Regel eine sehr genaue inhaltliche Orientierung. Diese kann jedoch durchaus damit einhergehen, dass sie Unsicherheiten und Ungewissheiten nicht ertragen können und persönliche oder gesellschaftliche Veränderungen bei ihnen folglich große Verunsicherungen hervorrufen. Wohingegen einer Frau oft ein mangelndes Selbstbewusstsein unterstellt wird, die sich zu ihrer Orientierungslosigkeit äußert, beispielsweise genau benennen kann, dass sie gerade in einer Umbruchphase ist oder sich in Anbetracht realer persönlicher oder gesellschaftlicher Ungewissheiten eine Haltung dieser gegenüber ausbilden will. Eine solche Frau hat ein gesundes Selbstbewusstsein. Denn es braucht Selbstbewusstsein, sich der Orientierungslosigkeit und Ungewissheiten zu stellen.

Dass das Selbstbewusstsein zu einer Leitkategorie geworden ist, um das Tun von Menschen einzuschätzen, hängt mit der Psychologisierung unseres Denkens zusammen. Mit der Frage nach Bewusstsein und Selbstbewusstsein hat der Philosoph Hegel dem Kantschen Paradigma der Vernunft etwas entgegengesetzt. Beim Betrachten dieser historischen Entwicklung drängt sich ein weiterer folgenschwerer Gedanke auf. Wenn das „Selbstbewusstsein“ die „Vernunft“ ersetzt hat, wie wirkt sich das in der Rede über Frauen aus? Denn durch Jahrtausende hindurch wurde diskutiert, ob Frauen überhaupt Vernunft haben, ihre Vernunft anders sei als die der Männer, ob sie möglicherweise weniger vernunftbegabt seien als Männer. Auch wenn sich heute keiner mehr zu sagen getraut, die Frauen hätten keine Vernunft und einige stattdessen gern von der anderen Vernunft der Frauen sprechen,[2] so schreibt sich diese Querelle de femmes – der Streit um die Frauen und ihr volles, also auch volles vernünftiges Menschsein – offensichtlich auf neuen Wegen fort: still und heimlich getarnt als Frage nach dem weiblichen Selbstbewusstsein.

Es ist mit der Aussage „Frauen haben kein Selbstbewusstsein“ also höchste Vorsicht geboten. Nicht nur, um nicht in die Fallen dieser Tradition zu tappen und den Frauen also fehlende Vernunft in neuer Kombination zu unterstellen. Sondern vor allem auch, um Frauen nicht fälschlicherweise ein mangelndes Selbstbewusstsein zu unterstellen, wenn sie der Orientierungslosigkeit in dieser Gesellschaft und der Welt nachgehen und sie wichtig nehmen.

Anmerkungen

[1] Vgl. Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Maren Frank, Andrea Günter u.a.: Sinn – Grundlage von Politik, Rüsselheim 2006

[2] Dass es sich hierbei um dieselbe Argumentation handelt, hat Simone de Beauvoir sehr deutlich herausgearbeitet, vgl. Andrea Günter: Welt, Stadt, Zusammenleben. Pluralität und Geschlechterphilosophien, Königstein 2007, 40-43 u. 74-81.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 20.08.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • R.Niemeier sagt:

    bewusst gemacht erlebt

    Wenn Handlungen aus der Vernunft geschehen, dann ist die Vernunft keine aufbauende Struktur. Bewusst nehme ich den Irrsinn der Handlungen unserer Zeit wahr, bewusst wird die Prägung der Frauen, bewusst aggiere ich durch Bestärkung eigener Wichtigkeiten, und spreche aus, was ich gerade denke, stoße an, verursache Empörung.

  • Evelyn Thriene sagt:

    Selbstbewusstsein

    Hallo!

    Ich möchte die Debatte über mangelnde Vernunft bei Frauen auf keinen Fall fortsetzen; wenn Sie aber „mangelndes Selbstbewusstsein“ nicht durch Orientierungslosigkeit (was nach Hilflosigkeit klingt) ersetzen, sondern durch Überrolltsein von patriarchaler Macht und patriarchalem Gehabe in allen Bereichen der Gesellschaft, dann versteht frau das Phänomen unbekannten Namens schon besser. Dann ist das, was immer als „mangelndes Selbstbewusstsein“ beschrieben wird einfach eine weibliche Verhaltensantwort auf die Eindämmung, Irritation und Verletzung weiblicher Identität und weiblicher Würde von klein auf!

    Das Gegenstück dazu ist die „männliche Prahlerei“, die als überbordendes Selbtbewusstsein uns überall entgegentritt!

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