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Über das Müssen

Von Antje Schrupp

Brille

Klarsehen - um Notwendigkeiten erkennen zu können. Foto: photocase/papatya

In einem Internetforum fand ich kürzlich den Beitrag eines Bloggers namens „Franklin“, der sich über einen Vortrag lustig machte, in dem ich das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern bei der unbezahlten Fürsorgearbeit behandelt hatte. Er schrieb: „Frauen ziehen also immer noch den Kürzeren. Sie müssen sich um Kinder, Alte und Haushalt kümmern (die Haustiere hat sie dabei noch vergessen). Wer sagt eigentlich, dass sie müssen? Wer zwingt sie dazu? Das Patriarchat, verkörpert durch den Herrn und Gebieter daheim?“

Ganz offensichtlich hat „Franklin“ ein sehr eingeschränktes Verständnis von „müssen“: Er versteht es in erster Linie als äußeren Zwang. Seither denke ich über das Müssen nach. Oder, um es in einem klassischen philosophischen Ausdruck zu formulieren, über die Pflicht. Was bedeutet es, etwas zu müssen?

Der erwähnte Blogger beobachtet diesbezüglich eine geschlechtsspezifische Differenz, und meiner Ansicht nach hat er damit recht: Viele Frauen empfinden häufig Notwendigkeiten, die ihnen Pflichten auferlegen, auch wenn kein äußerer Zwang existiert. Eine Mutter zum Beispiel „muss“ sich ja nicht deshalb um ihr Kind kümmern, weil irgendein Dritter sie dazu zwingt oder sie ansonsten Sanktionen zu befürchten hat, sondern weil die innere Logik der Situation dies erforderlich macht.

Auch die männliche Philosophie hat sich natürlich mit der Frage beschäftigt, inwiefern Menschen zu einem moralischen (also nicht bloß zweckrationalen, bequemen oder egoistischen) Handeln fähig sind, und was sie dazu bringt, Pflichten zu erkennen und sich entsprechend zu verhalten. Insbesondere Kant hat das pflichtgemäße Handeln freier Menschen, die den Aufforderungen der Vernunft auch und gerade dann folgen, wenn sie nicht dazu gezwungen sind, ins Zentrum seiner Philosophie der Aufklärung gestellt. Die aufgeklärte Vernunft, so Kant, kann sich nicht damit begnügen, nur das zu tun, was von ihr verlangt wird. Aber natürlich kann sie auch nicht einfach bloß der eigenen Lust oder den egoistischen Interessen folgen. Sondern sie muss sich ihres eigenen Verstandes bedienen, um zu erkennen, was in einer gegebenen Situation richtig ist.

Von einer solchen Kultur der freien, vernunftgemäßen Pflichterfüllung hat sich die heutige Alltagskultur weit entfernt. Zunehmend ist es selbstverständlich geworden, sich nur dann zu etwas verpflichtet zu fühlen, wenn dies von außen auferlegt wird. Alles, was nicht per Gesetz verboten ist, gilt als erlaubt. Mehr noch: die Pflichterfüllung und sogar die bloße Gesetzestreue scheinen immer mehr zu einer Frage des Preises zu werden. In diesem Sommer war ich in England in Urlaub, und ich war schockiert zu sehen, dass es dort inzwischen vollkommen üblich ist, Verbotsschilder unmittelbar mit der Höhe der zu erwartenden Strafe bei Übertretung zu kennzeichnen. Das Betreten der Bahngleise „kostet“ demnach 1500 Pfund, falsch Parken 100 Pfund, im Zug aus dem Fenster lehnen 200 Pfund und so weiter. Der bloße Hinweis darauf, dass etwas verboten ist, scheint keine Autorität mehr zu besitzen. Die einzige Frage, die zählt, ist: Was kostet mich das? Sogar der Klimawandel wird ja inzwischen so diskutiert, dass man die Folgen der Umweltzerstörung in Milliardenschäden umgerechnet. Das mag zwar manche Firmenbosse zum Nachdenken bringen, es bedeutet aber nichts anderes als das Eingeständnis, dass Achtsamkeit gegenüber der Natur nur deshalb von Belang ist, weil sie sich möglicherweise „rechnet“.

Zu diesem Scheitern der Pflichtethik beigetragen hat vermutlich auch die zunehmende Vorrangstellung der Soziologie als Modell der Welterklärung: Gesellschaftliche Phänomene werden nicht als Ergebnisse politischer Aushandlungen zwischen freien Subjekten verstanden, sondern als zwangsläufige Folge äußerer Rahmenbedingungen, wobei man davon ausgeht, dass die Akteure und Akteurinnen ihre Handlungen zweckrational auf Gesetze oder monetäre Anreize ausrichten mit dem Ziel, ihre persönlichen Interessen möglichst effektiv und optimal zu verfolgen. Nach dem Motto: Erhöhen wir das Elterngeld, dann bekommen gut ausgebildete Frauen mehr Kinder. In einer solchen Weltsicht ist das Konzept der Pflicht überflüssig geworden. Nicht das Handeln des oder der einzelnen zählt, sondern lediglich die „Rahmenbedingungen“, die das Handeln der Massen steuern.

Der Streit um das Müssen belastet Beziehungen zwischen Frauen und Männern häufig sogar ganz direkt. Nicht nur, weil Frauen und Männer oft unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wann eine Wohnung geputzt werden muss. Eine Freundin von mir beschrieb kürzlich folgende Zwickmühle: Ihr Lebensgefährte ist eher der sorglose Typ, er kümmert sich nicht um Erwerbsarbeit und Einkommen, auch nicht um die Rente. Da sie aber ein größeres Sicherheitsbedürfnis hat, gibt es oft Konflikte zwischen den beiden. Weil er immer knapp bei Kasse ist, fühlt sie sich zum Beispiel verpflichtet, ihm Geld zu leihen, wenn er in der Klemme ist, oder um einen gemeinsamen Urlaub zu ermöglichen. Wenn sie ihm dies vorwirft, ist seine Antwort, sie müsse das ja nicht tun. Formal stimmt das natürlich. Praktisch „muss“ sie ihn aber doch unterhalten, weil es zu einer Beziehung dazugehört, füreinander zu sorgen.

Es ist klar, dass das weibliche Sich verpflichtet Fühlen nicht von vornherein besser ist, als der männliche Hinweis auf die Abwesenheit von Zwängen. Vielmehr sind beide Varianten gewissermaßen „verseucht“ von einer patriarchalen Kultur, die die Sphären von männlicher Unabhängigkeit und Ungebundenheit einerseits und von weiblicher Hingabe und Selbstaufopferung andererseits als Gegensätze konstruierte, die sich in ihrer schädlichen Absolutheit gegenseitig definieren und aufrechterhalten.

Die Frage ist jedoch, wie sich heute dieser Dualismus überwinden ließe, angesichts der Tatsache, dass der Versuch Kants offensichtlich gescheitert ist, die (männliche) Freiheit und die ihr innewohnende Tendenz zur Verantwortungslosigkeit einzuhegen, indem man die Freiheit des Willens an die Pflicht bindet. Der Begriff der Pflicht spielt ja heute im Alltagdiskurs und in der Realität praktisch keine Rolle mehr, schon das Wort allein klingt antiquiert.

Wenn das von vielen Frauen (wie ich glaube, von mehr Frauen als Männern) empfundene Unbehagen an dieser Situation politisch zu Gehör gebracht werden soll, stellt sich die Frage, ob es nicht möglich ist, das Müssen auf eine andere Weise mit dem Konzept der Freiheit zu verbinden als in der Kantschen Pflichtethik. Denn es ist einfach zu verlockend, sich der Pflichten zu entledigen, weil es eben lästig ist, eine Pflicht zu erfüllen. Und mit der Abschaffung des Patriarchats, also der alten Autoritäten, die auf Tugenden wie Pflichterfüllung Wert legten und auf ihre Einhaltung pochten, ist das ganze Konzept gescheitert.

Schon Simone Weil hat sich in den 1930er Jahren mit diesem Problem beschäftigt. Sie hat überlegt, wie ein Mensch gut handeln kann angesichts der Tatsache, dass er oder sie so schwach ist, dass die Pflichterfüllung scheitert, sobald der äußere Druck nachlässt. Das Bild, das sie vorschlägt, ist das der Schwerkraft: Während das Modell der Pflicht gewissermaßen so funktioniert, dass der Mensch gegen die Schwerkraft ankämpft, indem er seine unmittelbaren Triebe oder Gelüste bekämpft, war sie der Meinung, es müsse genau andersherum sein. Irgendwie müsste es gelingen, die moralische „Schwerkraft“ für sich arbeiten zu lassen, sodass die Notwendigkeit einer Situation uns sozusagen mit sich zieht in Richtung auf das Gute. Sie beschreibt damit eine innere Haltung, die sich eher als Gehorsam denn als Pflichterfüllung beschreiben lässt, die mehr mit einem sich Ergeben vergleichbar ist als mit einem dagegen Ankämpfen.

Die englische Philosophin und Schriftstellerin Iris Murdoch hat dies in den 1970er Jahren weitergedacht. In ihrem Buch „The Souvereignty of Good“ (die Souveränität des Guten) zeigt sie, dass die Vorstellung, ein Mensch würde in einer gegebenen Situation frei entscheiden, eine Schimäre ist. Denn wenn diese konkrete Situation eintritt, werden wir genau so handeln, wie es durch unser bisheriges Leben und das, was wir bis dahin gedacht haben, vorgezeichnet ist. Die menschliche Freiheit, so Murdoch, besteht nicht darin, bei einem punktuellen Ereignis dieses oder jenes Handeln zu wählen aufgrund von moralischen (oder eben auch egoistischen) Überlegungen, die man in eben diesem Moment anstellt. Sondern darin, dass wir in einem endlosen Prozess danach streben, die Welt und die in ihr auftretenden Situationen und Fragestellungen zunehmend „klarer“ zu sehen und die ihnen innewohnenden Notwendigkeiten zu erkennen.

Auf diese Weise löst Murdoch den (historisch eher männlichen) Dualismus zwischen „äußerem Zwang“ und „innerer Freiheit“ auf, der allzu leicht in die Verantwortungslosigkeit führt, aber auch die (historisch eher weibliche) Versuchung, Erwartungen anderer – reale wie eingebildete – unmittelbar befriedigen zu wollen, um Konflikte möglichst zu vermeiden. Vielmehr beschreibt sie den Prozess des „Müssens“ als eine wechselseitige Beziehung zwischen dem menschlichen Denken und dem „Guten“, dem also, was die Situation erfordert, würde sie denn in voller Klarheit erfasst werden.

Oder anders gesagt: Nicht die Vernunft ermöglicht es den Menschen, das Gute zu erkennen und zu tun, sondern die „Schwerkraft“ der jeweiligen Situation, die uns, wenn wir ihr nur die notwendige Aufmerksamkeit entgegenbringen, wenn wir also genau hinsehen und uns darum bemühen, die Realität zu verstehen, unweigerlich „zwingt“, dieses oder jenes zu tun. In Murdochs Worten: „Wenn man die vorausgegangene Arbeit der Aufmerksamkeit ignoriert und nur die Leere im Moment der Entscheidung sieht, dann ist man geneigt, Freiheit mit dem offensichtlichen Handeln in diesem Moment gleichzusetzen, weil es nichts anderes gibt, womit man sie gleichsetzen kann. Aber wenn wir berücksichtigen, wie die Arbeit der Aufmerksamkeit vor sich geht, wie kontinuierlich sie sich vollzieht, und wie unmerklich sie Wertstrukturen um uns herum baut, sollten wir nicht überrascht sein, dass in den kritischen Momenten der Entscheidung der größte Teil der Entscheidungsfindung bereits geschehen ist.“

Vielleicht ist diese Perspektive, die Murdoch hier vorschlägt, hilfreich in der oben skizzierten Kontroverse über das, was es bedeutet, zu „müssen“. Könnte sie helfen, die Frage nach dem Guten und der Notwendigkeit wieder in die Debatte zu bringen, ohne im kantschen Sinne „moralisch“ zu werden?

Auf jeden Fall bietet sie mir eine Möglichkeit, besser zu verstehen, was Menschen wie den Blogger „Franklin“ dazu bringt, ganz offensichtliche Dinge nicht zu sehen: dass Kinder versorgt werden müssen, und zwar ohne jede weitere Begründung, dass Umweltschutz richtig ist, auch wenn er teuer sein mag, dass Liebesbeziehungen gegenseitige Verpflichtungen mit sich bringen, auch wenn sie nicht explizit eingefordert werden. Es fehlt dabei nicht an Intelligenz oder Wissen, sondern vielmehr an Aufmerksamkeit. Moralische Appelle, aber auch intellektuelle Argumente müssen daher ins Leere gehen. Man könnte es auch so sagen: Es nützt nichts, mehr „Einsicht in die Notwendigkeit“ anzumahnen. Sondern es braucht die Freiheit, sich auf das „Sehen der Notwendigkeit“ einzulassen – eine Herausforderung, die für Männer wie Frauen gleichermaßen schwierig ist, wenn auch vielleicht aus unterschiedlichen Gründen.

Zuschrift zu diesem Artikel

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 13.08.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Esther sagt:

    Ich finde es ein bisschen schade, dass in diesem Artikel zu so einem Tiefschlag gegen die Soziologie angesetzt wird:
    „Zu diesem Scheitern der Pflichtethik beigetragen hat vermutlich auch die zunehmende Vorrangstellung der Soziologie als Modell der Welterklärung: Gesellschaftliche Phänomene werden nicht als Ergebnisse politischer Aushandlungen zwischen freien Subjekten verstanden, sondern als zwangsläufige Folge äußerer Rahmenbedingungen, wobei man davon ausgeht, dass die Akteure und Akteurinnen ihre Handlungen zweckrational auf Gesetze oder monetäre Anreize ausrichten mit dem Ziel, ihre persönlichen Interessen möglichst effektiv und optimal zu verfolgen.“
    Dieser Ansatz beschreibt nun einmal mitnichten DIE Soziologie, sondern den Ansatz des „rational choice“. Zwar ist die rational-choice-Theorie insbesondere in der auf Sozialstrukturanalyse ausgerichteten Soziologie, die sich auf quantitative Forschung konzentriert, äußerst beliebt. Und ich gebe durchaus zu, dass dieser Bereich der Soziologie in der Wissenschaftsgemeinschaft die größte Aufmerksamkeit erhält. Aber die Soziologie darauf zu reduzieren, bedeutet die vielen soziologischen Beiträge, die durchaus eine große feministische Relevanz haben, zu ignorieren. Und das ist schade, denn grade die Mikrosoziologie (etwa zum Thema Haushalt) oder die Emotionssoziologie könnten eine tolle Bereicherung zu Euren philosophischen Überlegungen sein.

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