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Zwei Bücher – ein Generationenkonflikt?

Von Ina Praetorius

Kritische BilanzIm Jahr 2008 sind zwei Bücher erschienen, die Rückschau auf drei Jahrzehnte Feministische Theologie halten. Auf den ersten Blick scheint es, als könnten sie verschiedener nicht sein. Während das von Elisabeth Moltmann (Jg. 1926) herausgegebene schmale blasslila Bändchen eine „kritische Bilanz“ verspricht und vorwiegend Frauen der älteren Generation zu Wort kommen lässt, bringen die jüngeren Herausgeberinnen (Jg. 1955-1966) eine dicke rote „Erfolgsgeschichte“ auf den Markt. Bei näherem Zusehen stellt sich allerdings heraus, dass in beiden Büchern von Rückschlägen und Erfolgen gleichermassen die Rede ist, allerdings unter verschiedenem Vorzeichen:

Moltmann-Wendel beklagt schon in den ersten Sätzen ihrer Einführung Verfallserscheinungen: aus der ursprünglichen „Basistheologie“(9) sei ein akademischer Diskurs geworden, der einerseits von gewöhnlichen Menschen kaum mehr wahr-, andererseits von Männertheologen nach wie vor nicht ernstgenommen werde. Zudem habe die „Bibel in gerechter Sprache“ einen Keil zwischen Feministinnen getrieben. Durch sie seien „ganz neue Fronten entstanden“ (10), die ehemalige „Balance feministisch-theologischer Schulen“ sei seit ihrem Erscheinen „empfindlich gestört“(10). – Erfreulicherweise kamen bei dem Tübinger Symposion im April 2007, das der Band dokumentiert, trotzdem Befürworterinnen und Gegnerinnen der umstrittenen neuen Übersetzung, und mit Klara Butting sogar eine der Übersetzerinnen, friedlich nebeneinander zu Wort. In ihren Texten zum Stand der Feministischen Theologie in Akademien, Gottesdienstpraxis, Unterricht und Diakonie herrscht allerdings insgesamt ein verhaltener Ton vor. So beklagt etwa Susanne Kahl-Passoth, ausgerechnet in den diakonischen Werken, einer Hochburg weiblicher Arbeit, fänden so gut wie keine Debatten zur Geschlechterthematik statt. Ähnlich pessimistisch äussert sich Claudia Rehberger hinsichtlich des Religionsunterrichts.

ErfolgsgeschichteGanz anders hört sich die Bilanz der Frauen an, die sich vorgenommen haben, eine Erfolgsgeschichte der Feministischen Theologie zu schreiben. Hier liegt der Fokus hinsichtlich der Unterrichtsthematik nicht auf den Alltagserfahrungen einer einzelnen Lehrerin, sondern auf den Institutionen, die einschlägiges Unterrichtsmaterial erarbeiten und die Ausbildung der LehrerInnen organisieren. Hier wie auch in vielen anderen Bereichen – Forschung, Erwachsenenbildung, Ämter, interreligiöser Dialog u.a. – hat nach Meinung der jüngeren Autorinnen feministisches Nachdenken die gesellschaftliche und kirchliche Wirklichkeit geradezu revolutioniert. Tatsächlich vermittelt ihre Bestandsaufnahme feministisch-theologischer Initiativen, Publikationen, Verbände und Einflussnahmen auf traditionelle Strukturen den Eindruck einer gewaltigen Bewegung, innerhalb derer die „Bibel in gerechter Sprache“ nur einen einzelnen, wenn auch wichtigen Strang bildet. Dabei ist ausdrücklich nur der deutsche Protestantismus – mit einigen unsystematischen Seitenblicken über nationale und konfessionelle Grenzen hinweg – im Blick.

Deutet die auffällig unterschiedliche Wahrnehmung ein- und desselben Phänomens in den beiden zeitgleich erschienenen Bestandsaufnahmen auf einen Generationenkonflikt als eigentliches Thema des zeitgenössischen Feminismus? Es will fast so scheinen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass dieses Thema nicht in der streckenweise redundanten und zuweilen etwas angestrengt wirkenden Erfolgsgeschichte, sondern im Buch der älteren Frauen von der jungen Historikerin Gisa Bauer (Jg. 1970) aufgenommen ist: ihre Analyse von 160 Jahren deutscher Frauengeschichte (Moltmann-Wendel S. 72-94), die bewusst über den Bruch des Nationalsozialismus hinweg Kontinuitäten aufspürt und gerade dadurch die Permanenz frauenbewegter Generationenkonflikte sichtbar werden lässt, ist ein Glanzlicht und Augenöffner. Dass sich, so Bauer, grosse Teile der deutschen Frauenbewegung – den radikalen Flügel ausgenommen – bis zum Zweiten Weltkrieg selbstverständlich im Rahmen kulturprotestantischer Diskurse formulierten und sich erst danach, abgestossen vor allem durch den Neobiblizismus eines Karl Barth, von theologischen Ausdrucksweisen abwandten, wirft zudem ein interessantes Licht auf den heute virulenten Konflikt zwischen kirchlich engagierten und dezidiert antiklerikalen Feministinnen. (vgl. hierzu auch die bzw-Debatte über Religion)

Elisabeth Moltmann-Wendel (Hg.), Feministische Theologie. Wo steht sie? Wohin geht sie? Eine kritische Bilanz, Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlag) 2008, 107 Seiten

Gisela Matthiae, Renate Jost, Claudia Janssen, Annette Mehlhorn, Antje Röckemann (Hg.), Feministische Theologie. Initiativen, Kirchen, Universitäten – Eine Erfolgsgeschichte, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2008, 405 Seiten

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 01.09.2008

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