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Rubrik denken

Die magische Kraft des Negativen

Von Dorothee Markert

Auszugsweise Übersetzung und Zusammenfassung von Beiträgen aus einem Buch der Philosophinnengemeinschaft Diotima in Verona

Magica ForzaSeit Dorothee Markert im Februar 2008 den Text „Verfluchen, beten, nicht fragen“ von Annarosa Buttarelli übersetzt hat, entspann sich in diesem Forum eine rege Diskussion über „das Böse“, die teilweise bereits hier veröffentlicht ist (vgl. Links am Ende des Buttarelli-Artikels).

Vor allem zeigten sich viele Frauen skeptisch gegenüber der Verwendung des Begriffs „das Böse“: Ist es wirklich sinnvoll, „vom Bösen“ zu sprechen? Oder ist das, was wir „das Böse“ nennen, nicht Teil der Welt, eine Frage des Standpunktes und der Perspektive?

Deshalb – und weil wir ohnehin vorhatten, einmal gemeinsam an einem Text konzentriert inhaltlich zu arbeiten – haben wir einen Teil unserer Redaktionssitzung im September ebenfalls diesem Thema gewidmet. Dabei hat Dorothee uns noch einmal den Zusammenhang geschildert, in dem Buttarellis Text entstanden war – nämlich als Beitrag für ein Buch der Philosophinnengemeinschaft „Diotima“ aus Verona zum Thema „Die magische Kraft des Negativen“.

Zum Diskussionseinstieg stellte Dorothee uns einige der anderen in dem Buch versammelten Aufsätze vor, ihren Beitrag möchten wir an dieser Stelle dokumentieren. Die Texte stellen eine Auswahl dar, und auch die Zusammenfassungen sind unterschiedlich lang. Bei manchen Texten (zum Beispiel dem Artikel von Delfina Lusiardi: „Wenn der Körper die Arbeit des Negativen tut“) hätten wir uns gewünscht, sie vollständig in deutscher Übersetzung zu haben. Daher die Bitte: Falls unter den Leserinnen eine ist, die italienisch kann und vielleicht Lust hat, sich an’s Übersetzen zu wagen, kann sie gerne Kontakt mit der Redaktion aufnehmen.

Luisa Muraro: Einleitung

Folgende Absicht verbanden die Diotima-Frauen mit dem Großen Seminar von 2005, aus dem dieses Buch entstanden ist: Sie wollten „von der Tendenz, das Negative zu ignorieren oder zu überspielen oder auszutreiben, dahin kommen, über die Arbeit nachzudenken, die das Negative leistet, nämlich beispielsweise unfreie Bindungen zu lösen, Unnützes aus dem Geist zu räumen, den Willen von unvernünftigen Belastungen zu befreien. Am Anfang dieses Projekts stand die Angst, nicht über das Negative sprechen zu können, dabei depressiv zu werden oder seiner „stummen Invasion“ Äußerungen guten Willens und Idealisierungen gegenüberstellen zu müssen.

Wenn es nicht zerstört, was tut das Negative, das arbeitet? Es trennt, schneidet ab, unterdrückt, entfernt, verneint und verneint das Verneinte, schließt aus, isoliert. Und wenn das in einer gewissen Ordnung geschieht, führt dies zum Nachdenken. Unter manchen Umständen hat das Negative auch die Macht, das Begehren anzufachen.

Es ist schwer, ruhig in der Gegenwart des Negativen zu verharren, und es nicht als schlecht, hässlich und falsch zu sehen. In unseren Tagen ist der Hauptgrund, warum sich das Negative zum Schlechten hin entwickelt, der gute Wille geworden, der siegen möchte – und wir mit ihm. Sehr deutlich im „humanitären Krieg“. Sich einen Augenblick beim Negativen aufzuhalten, bewirkt eine magische Kraft, die das Negative ins Sein hebt. Zum Beispiel in der Aschenputtelgeschichte: Weil das Aschenputtel so „negativ“ ist, wird ihre Existenz zuerst nicht erwähnt. Erst als der Prinz beharrlich nachfragt, tritt sie in Erscheinung. Simone Weil spricht von einer Ent-Schöpfung (De-creazione), die von der Zeit in die Ewigkeit bringt, was den Abstand zwischen dem Geschöpf und Gott aufhebt. Es geht also darum, wie diese kleine, hauchdünne Öffnung entsteht, die den abgrundtiefen Unterschied zwischen De-creazione und Zerstörung ausmacht.

Neben der gegensätzlichen Opposition gibt es auch eine partizipative Opposition, Luisa Muraro nennt sie „politisch“. Sie bezieht sich dabei auf die Praxis einer nicht-instrumentellen Beziehung und eines Konflikts, der verändert und nicht zerstört.

Im Laufe des Seminars ging die Angst vor dem Sprechen über Negatives verloren, die Angst, den Halt zu verlieren, denn die Frauen entdeckten ein Gegengift: ihre Beziehungen. Die Möglichkeit der „Arbeit“ des Negativen ist nur im jeweiligen Moment zu erfassen. Damit das möglich ist, haben die Frauen entdeckt, dass sie auf das metaphysische Postulat verzichten müssen, das Positive habe Vorrang vor dem Negativen.

Diana Sartori: Die Versuchung des Guten

In Goethes „Faust“ wird der Teufel ein Geist genannt, der stets verneint. Diana Sartori spricht über die schwierige Beziehung, die Frauen mit dem Negativen haben, da sie eher das Problem haben, immer „Ja“ zu sagen. Bezogen auf Frauen ist der Teufel also eher ein Geist, der stets bejaht. Gegen den Benachteiligungsfeminismus gingen die Italienerinnen vom Positiven aus, zum Beispiel vom weiblichen Begehren und von der ursprünglichen Positivität in der Beziehung zur Mutter. Das war die Stärke dieser Politik. Sartori meint, unter Beibehaltung dieser Priorität müsse nun endlich auch am Negativen gearbeitet werden. Denn in ihrem Leben und dem anderer Frauen dauern Negatives und ein Leiden an, das schwer zu benennen und zu untersuchen ist. Sartori beobachtet ein Hinnehmen von Selbstdarstellungen, Darstellungen von Frauenbeziehungen und der eigenen Politik, die versüßt, geschönt, hochgejubelt und oft heuchlerisch sind. Lia Cigarini sprach in diesem Zusammenhang von „mütterlicher Liturgie“. Hier findet sich oft eine Vorstellung vom Weiblichen, das ganz auf der Seite des Guten ist, das Negative wird getilgt. Für Sartori ist das ein noch teuflischeres Bild der Versuchung, auch wenn es sich um die Versuchung des Guten handelt.

Auf männlicher Seite hat die Versuchung des Guten eher die Form, das Gute zu tun, nämlich von der Annahme auszugehen, dass das Gute hergestellt werden könne, dass es gewaltsam zur Existenz gebracht werden könne. Zeitweise war dies klar definiert: die Revolution. Dazu entstand eine Ethik, die im Willen zum Guten verankert war. Auf weiblicher Seite ist die Neigung, das Gute um jeden Preis herzustellen, auch um den Preis, Böses zu tun, nicht so ausgeprägt. Hier nimmt die Versuchung des Guten eher die Form an, sich immer im Bereich des Guten aufzuhalten. Diese Versuchung erscheint Sartori als eine Frau, die immer „Ja“ sagt. Sie hält sich am Ort des freundlichen Empfangens, der Fülle, des Verständnisses, des Überflusses, der Versöhnung, des Akzeptierens auf – dieser Dämon gleicht wirklich einer großen guten „Mamma“. Die Versuchung des Guten nahm Sartori in vielen Verkleidungen wahr. Eine davon ist: zu glauben, jeden Gegensatz und Widerspruch versöhnen zu können, Konflikte vermeiden, jede Differenz annehmen und organisch im eigenen Körper aufnehmen zu können. Lauter Verkleidungen, die die Mutter symbolisch darstellen, und zwar in der Funktion, die sie im Rahmen der väterlichen Ordnung hat. Unerträglich ist Sartori die „mütterliche Liturgie“ geworden: „Eine süßliche Sicht der Welt der Frauenbeziehungen, die immer im Gloria endet, ein bestimmter rettender Ton bezüglich der Politik der Frauen als Wiedergeburt der Gesellschaft, die Neigung, das Negative auszulöschen, also beispielsweise nicht zu sprechen über die Gier, die Leidenschaften, den Hass, die Kleinlichkeit, das Elend, das Versagen, das Benutzen anderer, die Ängste, die Sackgassen, die schwarzen oder nur grauen Ecken unserer Herzen, unserer Taten und Beziehungen. Und all das zu Ehren der mütterlichen Großartigkeit, der weiblichen Freiheit, der Stärke, die unsere Politik unter uns bewirkt. All dies ist ein Mangel an Realismus. Wir geraten in die größte Falle des Teufels, nämlich zu glauben, dass er nicht existiere“. Sartori fürchtet, dass Frauen an einem Fantasma des Guten hängen, das, indem es jedes Negative für etwas Böses hält, für das Böse arbeitet und uns zur Realitätsblindheit verurteilt.

Sartori meint, die wirkliche Mutter werde in gewissem Sinn durch das Gute ausgetrieben (exorziert). Sie erzählt dann von gegensätzlichen Reaktionen auf ihren Artikel vom mütterlichen Imperativ, einem Text aus dem Diotima-Buch „Jenseits der Gleichheit“. Die Reaktionen waren entweder total positiv oder total negativ. Beide Reaktionen vermischten zwei Ebenen: die der Bindung an die Mutter und die ihres Vermächtnisses. Solche Reaktionen entsprangen der Unfähigkeit, die Beziehung zur Mutter und die Besonderheit ihrer Autorität von den Inhalten und Zielen zu lösen, die sie uns vermittelt hat und die zeitgebunden und oft auch patriarchal verseucht sind. Über das Negative in der Beziehung zur Mutter sei noch nicht gründlich nachgedacht worden. Sartori würde es nicht das Negative, sondern das Schreckliche und Furchtbare an der Beziehung zur Mutter nennen oder auch das Tragische: Dass es oft nicht möglich ist, diese Mischung aus Bindung und Vermächtnis auseinanderzubekommen.

Wenn die Versuchung des Guten sich in Gestalt einer absolut guten Mutter zeigt, die „Ja“ säuselt, muss an ihr gezweifelt werden. Unsere Mutter ist es jedenfalls nicht und wahrscheinlich ist es gar keine Mutter. Es gibt Negatives in der Beziehung zur Mutter. Und es gibt ein Positives, das die Arbeit des Negativen verhindert, das die Lücken wieder zustopft, die das Negative aufreißt. Es gibt eine Treue zur Mutter, die etwas Teuflisches hat. Ein auf die Mutter fixierter Blick kann uns die Welt schenken, sie aber auch wegnehmen, das heißt, den Sinn für die Realität. Wir sind nicht verloren ohne eine absolut gute Mutter, eine „ausreichend gute“ genügt (diese Aussage stammt von dem Kinderpsychotherapeuten Donald Winnicott). Doch nichts kann die Stimme der Mutter ersetzen, die uns das Vertrauen in das Versprechen des Guten gab. Eine Mutter sagt aber auch noch anderes.

Daniela Riboli: Im Kontakt mit dem Bösen sein, ohne sich weh zu tun

Daniela Riboli schreibt über ihre Erfahrung in der Psychiatrie mit einem fixierten Patienten, der unter einer paranoiden Psychose leidet. Sie erzählt von der Gratwanderung, die es bedeutet, in jedem Moment abzuwägen zwischen dem Wunsch, die Würde des Patienten zu respektieren und ihm menschlich zu begegnen, und der Notwendigkeit, sich vor ihm zu schützen.

Sie schreibt: Krankenschwestern erfahren ein Leiden, das – ob bewusst oder unbewusst – oft Mitleiden auslöst: Ein Teil des Schmerzes des Gegenübers wird aufgenommen und in sich behalten, während das eigene Spüren wie unterbrochen ist. Dieser grundlegende Teil der Arbeit von Menschen, die pflegen, bleibt unsichtbar. Diese Menschen müssen mit dem Bösen im Körper und Geist umgehen, das ist Teil ihrer beruflichen Arbeit. Das Mitgefühl ist nicht spontan da in der pflegerischen Arbeit, noch in der menschlichen Erfahrung, spontan bekommen wir alle Fluchttendenzen. Dort ausharren zu können, ist das Ergebnis einer psychischen Arbeit, einer langen Lehrzeit. Ein eher ‚männlicher’ Mut drücke sich darin aus, dass demonstriert wird, dass man Böses durchführen kann, um zu herrschen und Schwächere zu schützen. Mit ‚weiblichem’ Mut bezeichnet Riboli die Fähigkeit, das Leiden zu spüren, anzunehmen und zu ertragen, und dabei sensibel zu bleiben für das Leiden des oder der anderen. Es geht darum, die Verhaltensweisen zu ändern, die angesichts des Leidens und im Umgang mit der Angst üblich sind, die durch das Leiden ausgelöst wird. Das Handeln mit Mitgefühl muss sich schützen vor beruflichem Burnout. Dafür muss mit dem Paradigma des allumfassenden Mitgefühls gebrochen werden. Jede Antwort einer Pflegenden ist die auf eine bestimmte Situation und die jeweilige Beziehung.

Delfina Lusiardi: Wenn der Körper die Arbeit des Negativen tut

Delfina Lusiardi schreibt über eine an Brustkrebs erkrankte Frau, und ihr Erleben einer Krankheit, die auf mehrfache Weise ein Vorgefühl des Todes hervorbringt. Sie beschreibt die Schwierigkeit, mit dem „Das-bin-ich-nicht“ im „Ich-bin“ umzugehen. Der Körper, der weiterhin so fühlt wie „ich“, ist gleichzeitig auch ein anderer, fremder Körper. Ich muss in Kontakt treten mit dem „Bösen“, ohne zu viel nachzuforschen. Die medizinische Sprache ist in diesem Zusammenhang oft kriegerisch, gibt sich als Kampf gegen das Böse.

Wanda Tommasi: Schreiben aus der Wüste

Wanda Tommasi will schreiben über die Melancholie, die stumm macht, die zur Stille zwingt. Das Hören auf die Stille ist der Ursprung des in der Wüste Geschriebenen. Tommasis Text ist eine Reise durch verschiedene Stadien der Melancholie anhand von literarischen Texten, beispielsweise von Ingeborg Bachmann.

Es gibt etwa doppelt so viele depressive Frauen wie Männer. Was auch immer die Gründe dafür sind: Die größere Nähe, aber auch Gefährlichkeit in der Beziehung zur Mutter, eine historische Vergangenheit der Unterordnung, die es Frauen verwehrt hat, die eigene Sichtweise wertzuschätzen, die weibliche Fähigkeit, den Schmerz in sich zu verschließen, anstatt wie Männer eher gewaltsam nach außen zu bringen – auf jeden Fall betrifft die Melancholie unsere ganze Gesellschaft, wird aber in erster Person eher von Frauen als von Männern gelebt. Schriftstellerinnen, denen es gelungen ist, durch das trostlose Land der Melancholie hindurchzugehen, haben dafür Bilder von großer Schönheit gefunden. Wir vertrauen uns diesen Bildern an, in der Überzeugung, dass alles Schmerzliche erträglicher wird, wenn das Leiden erfüllt und beschützt ist von Schönheit.

Chiara Zamboni: Wenn sich im Realen Abgründe auftun

Dies ist ein sehr philosophischer Text, der übersetzt werden müsste, um ihn ganz zu erfassen. Es geht um Vorstellungen von Sein und Nichtsein, in unserer Kultur und in der chinesischen, im Tao Te King. Chiara Zamboni stellt auch Bezüge zur Mystik her, zum Beispiel zitiert sie Teresa von Avila.

Die existenzielle Erfahrung lehrt, dass Nicht-Sein und Sein sich innerhalb eines Prozesses abwechseln, auf unvorhergesehene Weise, aber nicht immer zerstörerisch und antagonistisch. Das Öffnen und Schließen des Seins kann mit dem Rhythmus des Atems verglichen werden (Luce Irigaray), in diesem Bild wird jedoch das Diskontinuierliche des Wechsels nicht erfasst. Dieses Abwechseln von Sein und Nicht-Sein bewirkt, dass wir das eine als Wunder wahrnehmen, beim anderen die Begrenztheit sehen (Tao Te King). Das Leben ist ein Wechsel zwischen Genuss und Ertragen, zwischen einem intensiven Dasein und einer Wüste, die wie ein Abgeschnittensein, ein Nicht-Dasein gegenüber den Dingen des Lebens erfahren wird (Teresa von Avila).

Ein Prozess innerer Öffnung ist notwendig, um das Negative im eigenen Leben anzunehmen. Es für möglich zu halten, ohne dass wir dadurch alles mit allem relativieren und in die Gleichgültigkeit fallen, die wir Nihilismus nennen.

Manche Frauen machen sich zu tapferen Anwältinnen und Schöpferinnen der Kontinuität des Seins in ihrer Existenz, indem sie die Momente des Nicht-Seins zurückweisen: Sie entwickeln ein neues ethisches Verhalten, geben sich besondere Aufgaben und Regeln angesichts eines Bruchs im Realen. Sie bieten sich an als Selbstopfer, damit alles ewig weitergehen soll. Platon bietet das Denken auf, um die Dinge in die Ewigkeit der Ideen hinüberzuretten, Frauen opfern sich selbst. Ethisch das eigene Verhalten zu ordnen, ist dann, als könne die Unordnung damit ausgelöscht werden. Sich selbst machen sie also zu einer Brücke für die Rückkehr der Ordnung, indem sie sich als lebendiger Körper und als eine Seele anbieten, die vom Wunsch zu dienen geleitet wird. (Chiara Zamboni findet hierzu ein Beispiel bei Etty Hillesum).

Die Reaktion der Männer auf Brüche ist eher, dass sie Kraft (oder Gewalt) anwenden, um das Nicht-Sein zu begrenzen, die oft weiteres Leiden schafft. Oder sie begegnen ihnen mit einem Denken, das es vermeidet, beim Abgrund zu verharren. Das ist oft ein Verhalten guten Willens. Sie sehen den Abgrund, und anstatt ihn einfach zu akzeptieren, verschlimmern sie den Riss, indem sie neue Trennungen, Schnitte und Spaltungen im Denken erzeugen, die für nichts gut sind. Sie machen die Erfahrung von Nicht-Sein im Sein, nehmen sie wahr, nehmen sie aber nicht an, das Symptom dafür ist der ständige männliche Wille, durch Definitionen zu unterscheiden, das heißt getrennte Bereiche zu unterscheiden, die in unserem täglichen Leben überhaupt nicht getrennt sind (zum Beispiel Hans-Georg Gadamer). Manche vertrauen auf den Willen zur Macht, um das Nicht-Sein mit einem Sprung zu überwinden.

Die Leere in unserem Leben kann nur erlitten werden: wenn wir beispielsweise spüren, dass wir nicht in Kontakt mit der Gegenwart sind, oder wenn ein Ereignis wie der Tod eines geliebten Menschen eine unheilbare Abwesenheit in unsere Tage bringt, oder wenn die Unvernunft regiert, also beispielsweise ein Krieg angezettelt wird.

Das Nicht-Sein an sich ist nicht bitter, nicht schlecht. Das ist es nur für das Ich, das sich dann angegriffen fühlt. Passivität ist hart für das Ich, weil es das nicht ausspucken kann, wodurch es verändert wird. Das Ich fühlt sich dann nicht mehr als Herr im eigenen Haus. Das Ich muss nämlich immer Gutes vom Schlechten unterscheiden. Es entwickelt Wut auf den oder die für allmächtig Gehaltene – auf Gott? -, weil er/sie unser Ich nicht vor dem Nicht-Sein schützen kann.

Die Passivität hat mit der Doppelsinnigkeit (Ambivalenz) zu tun. Wenn etwas Unvernünftiges geschieht, zum Beispiel der Beginn eines Krieges, brauchen wir Zeit, bis wir dazu etwas sagen können. Es ist, als brauche die Seele Zeit, um das Zerbrochene, das Aufgebrochene zu berühren. Zamboni sagt dann: „Wir haben doppelsinnige Zeit gebraucht“. Echtes Vertrauen ist in der Lage, hinzuschauen, wenn Arbeitsplätze oder Liebesbeziehungen herunterkommen, dort, wo es geschieht, und die Bitterkeit des Verfalls auszuhalten. Gegenüber solchen Dingen brauchen wir eine doppelsinnige Haltung: Es ist möglich, einer Person gegenüber kritisch und ergeben, skeptisch und loyal gleichzeitig zu sein. Die Doppelsinnigkeit erlaubt, Widersprüche zu akzeptieren, ohne sie zuzudecken. Diese symbolische Haltung erlaubt, dass es Sein und Nichtsein in unserem Leben gibt und dass die Erfahrungsebenen untereinander verbunden bleiben, ohne dass wir der Illusion verfallen, eine falsche Kontinuität des Seins schaffen zu können. Ich unterstütze mögliche Veränderungen, indem ich den Riss zwischen mir und mir und zwischen mir und der Realität annehme, ohne ihn wieder zu schließen. Gleichzeitig intensivieren sich die Orte des Seins, die die Realität uns bietet. Auch die Politik der Frauen zeigt, dass wir keine begehrengetriebenen Maschinen sind, sondern dass wir mit dem Ausbleiben des Begehrens umgehen müssen, damit, dass es manchmal verstummt. Das macht Probleme, weil sich unsere Politik nicht auf Organisationen stützt. Diese garantieren nämlich die Kontinuität des Handelns auch dort, wo das Begehren der Anfänge nachlässt. (Beispiel: Ein Text von Ingeborg Bachmann über die Berliner Mauer). Zamboni meint, wir sollten eine symbolische Haltung der Akzeptanz des Nicht-Seins einnehmen und gleichzeitig dem Sein treu bleiben.

Quelle: Diotima, La magica forza del negativo, Liguori Editore, Napoli 2005

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 20.10.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Birgit Kübler sagt:

    Duldsame Untätigkeit als Politik?

    Ich versuche gerade zum wiederholten Male, in den Diskurs über das, was hier „die magische Kraft des Negativen“ genannt wird, hineinzufinden, und je mehr ich die unterschiedlichen Deutungsweisen studiere, nun auch Dorothees Zusammenfassung der Aufsätze der Italienerinnen, um so weniger ist mir das möglich. Als Begriffsklärung ist die kulturhistorische Betrachtung von Carola Meier-Seethaler sicher sinnvoll, aber irgendwie soll es hier ja um eine Ermächtigung, um eine Praxis gehen. Das bleibt mir schleierhaft.

    Ursprünglich wollte ich Antje Schrupp bitten, ihre Zusammenfassung meines Aufsatzes zu korrigieren, denn so kurz gefasst möchte ich nicht dastehen als eine, die dazu auffordert „das Böse in uns selbst zu akzeptieren“. Das stimmt nämlich nicht. Meine Methode ist nicht das Zustimmen, sondern das Beobachten, womit die Erfahrung einhergeht, dass sich durch das bloße Beobachten die Dinge und auch unangenehme oder negative Erfahrungen und Sichtweisen verändern. Dies funktioniert allerdings ausschließlich in einem Umfeld, in dem ich wirksam sein kann.

    Mit dieser Einsicht gelingt es mir, ein bisschen Ordnung in die Sache zu bringen. Buttarellis Artikel beispielsweise hat nur dann Hand und Fuß und kann nur dann für mich und andere nützlich und Erkenntnis bringend sein, wenn ich ihn psychologisch verstehe. Es geht in diesen Artikeln um sehr persönliche Umgangsweisen mit – ja, womit? – dem „Bösen“: Leid, Schmerz, Krankheit, Tod, Faschismus, Nicht-Sein, etc.
    Ich verstehe das nicht. Es gibt Begriffe für bestimmte Erfahrungen – Tod, Krankheit etc.. Ich verstehe einfach nicht, was am Sterben, was an einer Krankheit „böse“ sein soll.

    Ich habe das Denken der Italienerinnen um 1990 kennen gelernt, und es hat mich darin bestärkt, einer explizit differenzierten Wahrnehmung der Welt zu folgen mit der ich bereits in meinem kulturwissenschaftlichen Studium konfrontiert war, auch wenn es mein politisches Selbstverständnis damals gewaltig irritiert hat, und mir in der Folge auch verunmöglicht hat, einsinnig irgendwelchen Politiken zu huldigen.
    Es ist für mich eine große Enttäuschung, heute bei Chiara Zamboni zu lesen: „Die Leere in unserem Leben kann nur erlitten werden: … wenn ein Ereignis wie der Tod eines geliebten Menschen eine unheilbare Abwesenheit in unsere Tage bringt, oder wenn die Unvernunft regiert, also beispielsweise ein Krieg angezettelt wird. … Echtes Vertrauen ist in der Lage, hinzuschauen, wenn Arbeitsplätze oder Liebesbeziehungen herunterkommen, dort, wo es geschieht, und die Bitterkeit des Verfalls auszuhalten“ (aus der Zusammenfassung von Dorothee zitiert). In dem Moment, wo aus solchen Gedanken Politiken abgeleitet werden, wie in Buttarellis Beitrag das Beispiel der Gewerkschafterinnen, die sich durch duldsame Untätigkeit in ihrer privaten Eigenschaft als Kritikerinnen der Situation vollkommen unkenntlich machen, dann finde ich das extrem zynisch. Eine Reihung an Ungemach, wie sie hier Zamboni zitiert – Tod oder Verlust eines geliebten Menschen, Kriegstreiberei, Arbeitslosigkeit ist so was von beliebig! Da kann man doch nur sagen: Hände in den Schoß und regelmäßig meditiert, das Leiden an der Welt wird sicherlich für jede früher oder später sein Ende haben. Wenn eine das so für sich praktizieren will, ist das ihre Sache, aber hier geht es um politische und soziale Angelegenheiten, deren Hinnahme empfohlen wird. Es ging einmal um die Wahrnehmung, die Anerkennung, die Etablierung einer „symbolischen Ordnung der Mutter“. Dies hier ist äußerste Selbstbezogenheit, wenn nicht tiefe Depression. Die Ungenauigkeit im Bezeichnen der leidvollen Erscheinungen des Lebens kann daraus nicht herausführen. Die Autorinnen scheinen keinen Kontakt mit Gewalt- oder Armutserfahrungen, denen eine Herrschaftsstruktur zugrunde liegt, die ihnen zuwider läuft, zu haben. Dieses Denken hat seinen Sinn und seine Berechtigung in der Hinterfragung der persönlichen Umgangsweisen mit Leid. Doch auch hier empfehle ich Vorsicht.
    „Es ist möglich, einer Person gegenüber kritisch und ergeben, skeptisch und loyal gleichzeitig zu sein“ (Zamboni, zitiert von Dorothee) Das ist möglich, aber es gibt Situationen, in denen man am besten ganz schnell mit dieser liebevollen Haltung aufhört, z.B. dann, wenn einem das Messer an die Kehle gesetzt wird, wenn einem die Arbeit genommen oder wenn man in Kriege gezwungen wird. Nur Tara, Buddha und die Poesie machen das irgendwie anders. Aber dieses Forum trägt die Politik in seinem Namen. Das, so wundere ich mich, verpflichtet doch.

    Birgit Kübler

  • Dorothee Markert sagt:

    Arbeit an einem anderen Politikverständnis

    Als ich den Kommentar von Birgit Kübler las, habe ich bedauert, dass wir diesen Text in bzw-weiterdenken veröffentlicht haben. Denn er taugt nicht als Grundlage für eine inhaltliche Auseinandersetzung, dafür sind die einzelnen Artikel viel zu knapp zusammengefasst. Dieser Text sollte nur den Rahmen zeigen, in dem der Buttarelli-Text über den Umgang mit dem Bösen entstanden ist. Sich anhand eines solchen Textes ein Urteil über Autorinnen und ihre Arbeit bilden zu wollen, ist ähnlich, wie wenn man dies aufgrund einer Rezension tun würde.
    Es trifft und ärgert mich, wenn hier ausgerechnet Chiara Zamboni als eine Person dargestellt wird, die dazu auffordert, angesichts des Bösen „die Hände in den Schoß zu legen und zu meditieren“. Es gibt ein ganzes Buch von ihr, das ich ins Deutsche übersetzt habe, in dem intensiv an einem anderen Politikverständnis gearbeitet wird („Unverbrauchte Worte“), auch hier in unserer Online-Zeitung kann ihr Artikel über die Praxis nachgelesen werden. Immer geht es um die Frage, wie wir politisch handeln können, ohne durch instrumentelles und damit letztlich gewaltsames Handeln, das uns selbst, den anderen Menschen und den Dingen nicht gerecht wird, Veränderungen erzwingen zu wollen. Der Abschied von einem solchen Politikbegriff ist spätestens seit den Katastrophen des 20.Jahrhunderts überfällig. Das Buch über die magische Kraft des Negativen ist ein Teil des Untersuchungs- und Erprobungsprojekts, wie sinnvolle Veränderungen anders vonstatten gehen und auf den Weg gebracht werden können.

  • Antje Schrupp sagt:

    Nochmal zum Politikverständnis

    Dass Frauen in Deutschland das Denken der „Italienerinnen“ für „unpolitisch“ halten, ist mir schon häufig begegnet. Von daher glaube ich, dieses Missverständnis, das sich nun auch in Birgit Küblers Kommentar wieder äußert, ist nicht nur eine Folge der verkürzten Zusammenfassung des Diotima-Buches, die wir hier im Forum dokumentieren. Es scheint vielmehr ein prinzipielles Unverständnis gegenüber einem „nicht-instrumentellen“ Politikverständnis zu geben. Sehr viele Leute verstehen eben unter Politik, dass „irgendetwas getan und nicht nur geredet“ wird (oder so ähnlich). Dass das „Reden“, also das gemeinsame Nachdenken, Weiterdenken, Verstehen, Urteilen (oder, in den Begriffen der Italienerinnen, die „Arbeit am Symbolischen“) keineswegs etwas Vorpolitisches ist, sondern selbst schon eine politische Praxis, ist ein Gedanke, der in Deutschland ungeheuer schwer zu vermitteln ist. Es scheint da so eine Art Spaltung zwischen der Vorstellung vom Denken und vom Handeln zu geben, so als ob es möglich sei, das eine zu denken und dann aber doch etwas anders (oder gar nichts) zu tun. Ich habe hingegen in meinem Artikel „Über das Müssen“ versucht, zu zeigen, warum und inwiefern eine wirkliche „Einsicht“ unweigerlich und notwendig zu einem „Müssen“ im Handeln führt. Dies nur als Hinweis darauf, dass und inwiefern diese beiden Diskussionsstränge unseres Forums zusammenhängen.

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