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Rubrik vertrauen

Ein Kind will nicht 8 werden

Von Dorothee Markert

achtjähriges Mädchen

Ein achtjähriges Mädchen in den fünfziger Jahren. Vor "bösen Männern" musste auch damals gewarnt werden. Foto: Ernst Markert

Als ich vor einigen Wochen in der Zeitung das Foto des 8-jährigen Mädchens sah, das auf dem Heimweg vom Hort verschleppt, gequält, missbraucht und umgebracht worden ist, traf mich das besonders heftig. Das Kind schaute mit seinem offenen Gesicht so voller Vertrauen in die Welt und erlebte das Hässlichste und Entsetzlichste, das die Welt zu bieten hat. Mir fiel dann ein Text ein, den eine Freundin mir geschickt hatte, als die Vergewaltigungen und Morde von Dutroux in Belgien durch die Presse gingen. Sie will den Text aber nicht unter ihrem Namen veröffentlicht haben, da sie Angst hat, einer dieser verrückten Verbrecher könne dadurch auf die Idee kommen, gerade ihrem Kind etwas anzutun.
Die NPD benutzte den Mord, um für die Wiedereinführung der Todesstrafe zu werben. Auch ich wollte diesmal nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Mein Impuls war es, den folgenden Text zu veröffentlichen, als eine Art Gedenken. An das gequälte und getötete Kind, aber auch an die Eltern, die nicht nur damit leben müssen, ihr Kind verloren zu haben, sondern auch damit, dass sie es nicht vor einer so entsetzlichen Erfahrung schützen konnten.

Ich weiß gar nicht, wie darüber schreiben. Es ist gut, wenn mein Kind mit mir spricht. Sie sprach: „Mama, ich will niemals acht werden“.

Bald hat sie ihren siebten Geburtstag, und bisher freute sie sich sehr darauf, so verstand ich das nicht und fragte nach. „Nicht acht bis fünfzehn – Mädchen werden in den Keller gesperrt“, bekam ich zur Antwort. Mir grauste. Ich wollte wissen, wer das sagt. „Im Radio haben sie das gesagt“. Ich wollte wissen, wo sie das gehört habe, wer das Radio laufen ließ, so als könnte ich jemandem verbieten, in ihrer Anwesenheit Radio zu hören, als könnte ich meine Tochter ewig unter der Decke halten. Sie hörte von dem Kinderschänderprozess, als sie nach dem Chor friedlich im Auto saß. Nun ist sie da, diese Wahrheit. Und mein Mädchen will in ihrer Entwicklung stehen bleiben. Sofort, ohne zu zögern, diese Idee. Wir haben natürlich darüber gesprochen. Wie gut ist es, dass mein Kind mit mir spricht! Ich musste ihr das Misstrauen in den Schoß legen. Dass sie mit niemand Fremdem mitgehen dürfe, war schon klar, auch nichts zu essen annehmen, die leckersten Süßigkeiten nicht, „um nicht vergiftet zu werden“, fand sie schnell heraus. Dass sie sofort schreien müsse, um Hilfe rufen, und um den Ohren des Gegners wehzutun, und sich wehren und wegrennen – wo es doch gerade das Thema auf dem Schulhof ist, dass sie sich nicht traut, sich zu wehren, weil sie weitere Schikane befürchtet. Für mich furchtbar zu sagen, fremde Männer und Frauen.

Sie fand erstaunlich schnell selbst eine Lösung: „Ich kann nämlich mit meiner feinen Nase das Böse riechen“. Einmal, im Urlaub mit den Großeltern, hat sie sich in den Büschen versteckt, weil ein böser Mann vorbeigegangen ist. Ich fragte nicht nach, ich dachte mir nur: „Wahnsinn! Wie lange geht das schon ab? Was war da? Was hat ihr die Oma erzählt?“. Ich lobte ihr Geschick.

Mein Mädchen ist noch keine sieben und weiß nun genau, womit sie es zu tun haben wird. Es ist so, dass sie das nicht will. Was hab ich gesagt: Da ist keine Hilfe, von acht bis fünfzehn, da musst du doch durch.

Meine Träume in dieser Nacht gipfelten in der Überlegung, ob es nicht vielleicht physisch, materiell, ganz einfach ist, ein Stück Fleisch aus einer Schulter zu beißen, um es jemandem ins Gesicht zu spucken, wenn eine nur entschlossen dazu ist, dieses zu tun.

Fortuna, schenk meinem Kind Glück!

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 02.10.2008

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