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Rubrik vertrauen

Eine Frucht des Muttergipfels

Von Eva-Gesine Wegner

Eva-Gesine Wegner

Die Steinbildhauerin Eva-Gesine Wegner bei ihrer Arbeit in einem der Weinberge von Heppenheim

Als ich im Mai dieses Jahres in Karlsruhe den Muttergipfel besuchte, blitzte in mir wieder die Erinnerung daran auf, wie ich vor über 20 Jahren – ganz am Beginn meines Werdegangs als Bildhauerin – total existentiell mit Themen matriarchalen Denkens in Kontakt kam und wie mich das bis heute in meinem künstlerischen Tun geprägt hat und prägt. Mich dieser Erinnerung noch einmal zu stellen, reizte mich und vielleicht ist es nicht nur für mich persönlich fruchtbar.

In einem Bibliodrama-Seminar begegnete ich 1981, als ich mit jemandem einen Apfel teilte, der tiefen wunderbaren Bedeutung meines zweiten Namens Eva. Ich nannte mich bis dahin Gesine und wollte mit der Eva, die ich wohl auch im Stammbuch führte, nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. In meinen Genen wehrte sich alles gegen diese Person, die durch ihr „ungehorsames Handeln“ die Menschheit aus dem Paradies vertrieben hatte – diese Vorstellung hatte ich in mir. (Ich lebte zu dem Zeitpunkt in Rheinhessen als „Pfarrersfrau“ auf einem Dorf und hatte keinen Zugang zu feministischer Theologie oder feministisch orientierten Frauengruppen.)

Und nun erfuhr ich, dass Eva „Mutter alles Lebendigen“ bedeutet, und erkannte, was für eine beglückende Mitgift ich als Frau mit diesem Namen in die Wiege gelegt bekommen hatte.

Als ich bald danach nach Frankfurt zog, begann ich im Verborgenen meiner dortigen Kellerwerkstatt dieser großartigen Neu-Entdeckung in Ton meinen kreativen Ausdruck zu verleihen. Es baumte, fraute und apfelte, was das Zeug hielt. Und natürlich bissen Frauen allen Alters, selbst Kinder, lust- und freudvoll in besagten Apfel. Sie schaukelten auf ihm und freuten sich ihres Daseins als lauter Evas, die um die Leben spendende Kraft des Teilens wussten. 24 kraftvolle Keramiken entstanden, teilweise menschengroß.

Soweit so gut – in der Verborgenheit meines Schaffens. Diese Figuren der Freude und der Begeisterung sollten nun aber wie der Apfel geteilt und dem Leben zugeführt werden. Wie konnte das geschehen? Denn ich entdeckte: Ich will nicht ausstellen!

Ausstellen war in meinen Augen ein künstlicher Vorgang und hatte mit dem Leben im von mir gewünschten Sinne nichts zu tun. Doch um mich herum sah ich, wie die Kunstwelt mit Ausstellungen und von ihnen lebte. Ohne eine Lösung zu kennen, wusste ich, ich will das so nicht.

Ich holte mir Heide Göttner-Abendroths „Tanzende Göttin“[1] vor. Da hatte ich doch was gelesen, wie zu Zeiten des von ihr erforschten Matriarchats die Menschen mit dem kreativen Ausdruck ihres Glaubens, Denkens, Wollens umgingen. Ja, da war es: Sie dienten der Gesellschaft mit ihrer Gabe und stellten sie in den Zusammenhang des gelebten Lebens.Kunst, heute verstanden als eigener Raum, existierte zu der Zeit noch nicht. Und da wurde dementsprechend auch nicht aus-gestellt. Die geschöpften Gestalten wurden in den Lebensvollzug eingebunden, mit ihnen wurde im Alltag gelebt, sie wurden Teil der gelebten Rituale.

Figur

Da sitzt sie nun, Mutter Erde – unsere Ur-Ahnin persönlich –, archaisch kraftvoll und hingegeben an die Fülle, die sie uns schenkt.

Mir war klar, ich würde mich den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen nicht entziehen können, in einer Zeit, wo alle Lebensbereiche aufgespaltet gelebt werden und weit weg von einem ganzheitlich orientierten Denken. Es war klar, dass ich mich – ohne auszustellen – zu diesem Zeitpunkt nicht sichtbar und bekannt machen konnte. Aber ich wusste auch, dass mir die matriarchale Weltsicht näher lag und dass ich mit meiner künstlerischen Gabe den Menschen dienen wollte. Wie das dann mal aussehen könnte, stand in den Sternen. Allein wichtig war zu dem Zeitpunkt: Die innere Ausrichtung war in mir in Gang gesetzt.

Und dann geschah auch etwas in der „Außenwelt“. Die Besitzer eines großzügigen wunderschönen Weinguts in Westhofen/Rheinhessen hatten mich in meinem Keller besucht und sich in meine Eva-Figuren verguckt. „Das sind ja die Skulpturen für unseren Garten!“ Und so konnte ich 1984 meine Evas in ihren wahren Paradies-Garten integrieren. Dagmar von Garnier, die ich kurz vorher in Frankfurt am Main kennengelernt hatte, schenkte mir, dass einen Tag lang die Skulpturen und ihr Umfeld tanzend er-lebbar wurden.[2]

So nahm ich Eva gerne in meinen Namen auf. Sie wurde als Mutter alles Lebendigen für mich zur Erneuerung und Kraft spendenden Ahnin, die sie bis heute geblieben ist.

Meine Erfahrung mit der Gestalt der Eva hatte mir ganz grundsätzlich die Augen geöffnet dafür, wie von Frauen in der Geschichtsschreibung gesprochen wurde oder aber wo sie darin bewusst verschwiegen wurden.

Das waren meine nächsten Themen als Künstlerin über Jahre.

So entstand das erste ehrende Denkmal für die als „Hexen“ Verfolgten und Getöteten in Gelnhausen.

Das war der Grund für meine vielen Reisen alleine und mit andern Frauen nach Malta zu den dortigen Tempeln, auf der Suche nach der Göttin und den noch erlebbaren Spuren matriarchaler Kultur. (Als Künstlerin arbeitete ich inzwischen ausschließlich mit Steinen.)

So entstand meine aktive Zusammenarbeit mit Dagmar von Garnier, Judy Chicagos „Dinner Party“ in der Alten Oper von Frankfurt im Fest der 1000 Frauen Realität werden zu lassen.

So entstand mein jahrelanger Dialog mit der damals noch „verschollenen“ französischen Künstlerin Camille Claudel, verbunden mit vielen Reisen auf ihren Spuren und zahlreichen Ausstellungen des daraus entstandenen eigenen Skulpturen-Zyklus „Der Kopf der Medusa“.

Die verschiedenen Themen verwoben sich intensiv miteinander. In Malta schuf ich z.B. ein Medusa-Werk zu Camille Claudel, was im Rahmen dieses Zyklus’ von großer Bedeutung wurde. Das wiederum zeigte ich im Archäologischen Museum in Valletta/Malta als einen Beitrag meiner Begegnung mit den dortigen Göttinnen. Und so weiter.

Immer weitere Ahninnen bevölkerten inzwischen meinen Weg und halfen mir, vielerlei Ungereimtes zu verkraften.

Manche meiner Schritte als Bildhauerin empfand ich als schon recht nahe dran an dem, was mir für meine künstlerische Zukunft vorschwebte, doch noch ging es immer wieder ums Ausstellen. Auch wenn ich glücklich darüber war, meinen Dialog mit Camille Claudel zu deren 60. Todestag in der Anstalt zeigen zu können, in der sie tragischerweise 30 Jahre ihres Lebens zugebracht hatte, es blieb auch dort eine Aus-Stellung – wenn auch eine lebensnahe Form davon.

Mir wurde bewusst, dass alle diese Themen meine Themen waren, d.h. dass ich mit ihnen in Resonanz ging. Sie spiegelten meine lebendige Auseinandersetzung mit mir als Frau. Meine Empörung darüber, wie Frauen über Jahrhunderte immer und immer wieder massivsten Ungerechtigkeiten ausgeliefert waren, mein Mitleiden daran und mein daraus resultierendes Engagement, mit meinen künstlerischen Mitteln etwas beizutragen zum Zurechtrücken davon. Beizutragen zur Transformation von Geächtetem in Achtung, von Kraftlosigkeit in Kraft, von Übersehenem in Gesehenes, von Kampf in Ausgleich. Ich erlebte diese jahrelangen Auseinandersetzungen als einen Aus-Heilungsprozess meiner persönlich oder auch überpersönlich verletzten inneren Frau und meines inneren Kindes.

Es war ein Selbst-Findungsprozess von mir als Frau und zugleich von mir als Künstlerin.

Viele alte Denkmuster wurden in diesem Prozess aufgelöst. Immer mehr wurde die Kraft, die Freude und die Schönheit zu der Quelle, aus der ich schöpfen konnte und meine Wesen gestaltete. Das Leiden als Schöpfungsquelle verabschiedete sich mehr und mehr.

Immer mehr entwickelte sich in meinem künstlerischen Tun der spirituell meditative Zugang. Die Erde wurde mehr und mehr zu meiner Lehrmeisterin. Immer stärker ließ ich mich von den Steinen führen und gewann so einen neuen achtsamen Zugang zur Natur. All diese Vorgänge in mir veränderten meinen Blick und meine Ausrichtung. Ich öffnete mich den Anliegen der zu mir kommenden Menschen. Begleitsteine zu den verschiedensten Anlässen und in ganz unterschiedlichen Größen entstanden. Sie entstanden für Gärten wie für Handtaschen, für Friedhöfe wie für den Nachttisch neben dem Krankenbett, für öffentliche Plätze wie für intime private Anliegen.

Nun kamen die Themen auf mich zu, ich konnte empathisch darauf reagieren, aber sie wurden nicht mehr die meinen.

Eva, Mutter alles Lebendigen, verschmolz für mich immer mehr mit der Großen Mutter, die Ahninnen-Kraft schlechthin.

Die Große Mutter in der Ausprägung von Mutter Erde rief mich in ihren Dienst.

Ich war angekommen, wo ich mich viele Jahre zuvor hingesehnt hatte.

1999 habe ich mich vom Ausstellen verabschiedet. (Hier und da lass ich mich noch einmal hinreißen – wie auch beim Muttergipfel – aber die Richtigkeit meines Entschlusses bestätigt sich dann schnell erneut.)

Indem ich mich als Künstlerin mit meiner Art von Kunst gefunden habe, kann ich allen Widerstand gegen die mich umgebende Kunst-Szene loslassen. In dieser von mir bestimmten Weise bin ich selbstbewusst ein klarer Teil von ihr.

Wenn jetzt im Odenwald, wo ich nun wohne und noch einmal Wurzeln schlagen möchte, auf meine Initiative hin ein Pilgerweg „Quellendank im Odenwald“ entsteht, fühle ich mich mit Mutter Erde im Einklang. Jährlich wird eine kleine Skulptur für einen bestimmten Quellort entstehen und zusammen mit der Bevölkerung in einem Ritual dem Ort übergeben – ein Dank an Mutter Erde, dass sie uns mit dem Element Wasser beschenkt. Unsere Ahninnen und Ahnen wussten um die Bedeutung für den Erhalt des Lebens, wenn Nehmen und Geben im Ausgleich gehalten wurden. Zwei solche Steine des Dankes grüßen inzwischen am Weißfraubrunnen und an der Irrbachquelle.

Seit Anfang Juni steht im Weinberg von Heppenheim an der Bergstraße eine dort vor Ort gearbeitete Skulptur mit dem Titel „zwischen Granit und Sandstein wird der Wein geboren“. (Weitere Infos: www.ErlebnispfadWeinUndStein.de) Eine Tafel zeigt den Entstehungsprozess, auf ihr ist zu lesen:

„Schon bald sah ich im Stein eine Gestalt sitzen und in mir zeichnete sich ab, dass hier eine Mutter-Erden-Skulptur den Wein gebären wird. Die Elemente und dabei besonders die Luftwesen – Wind und Vögel – waren mir während des Werdeprozesses starke Begleiter. Kein Wunder, dass sie als „Windkind“ und Vogel nun auch im Stein eingefangen sind. Wenn wir wieder anfangen, die Erde als unsere Mutter zu sehen und zu achten, wird sich unsere Lebensqualität schlagartig verändern. Ich hoffe als Künstlerin zu solch einer Umorientierung beitragen zu können.“

Anmerkungen

[1] Heide Göttner-Abendroth: Die tanzende Göttin. Prinzipien einer matriarchalen Ästhetik, München 1982 (vollständig überarbeitete Neuauflage 6/2001)

[2] Die Tanzpädagogin, Organisatorin großer Frauenfeste und Initiatorin des Frauen-Gedenk-Labyrinthes lud dorthin zu einem Tanz-Treffen ein.

Autorin: Eva-Gesine Wegner
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 09.10.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Irmgard Gottschlich sagt:

    Danke an die Künstlerkollegin. Mein Denkweg hatte fast die gleichen Quellen. Noch dazu Marija Gimbutas „Sprache der Göttin“Ich stimme total überein, die gängige Ausstellungspraxis als unsinnig anzusehen. Eine einzige Farce.Ich zeichne all die wunderbaren Themen/Gedanken auf Papier, auf Betten, auf Tisch und Stühle. Habe aber noch keinen Weg gefunden, den Ausstellungsbetrieb zu verlassen, weil ich noch nicht weiß, wie ich mich dann bemerkbar machen kann. Mit dem Erdmaterial Stein/Ton geht es wohl etwas leichter. Aber, wie du sagst, der Gedankenweg ist unumkehrbar. Ich freue mich und fühle mich bestätigt.

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