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Fruchtbarer Kompost für das gute Leben aller

Von Dorothee Markert

Gott dazwischen:  Zu Ina Praetorius‘ „unfertiger“ Theologie

Gott dazwischenBeim ersten Lesen von Ina Praetorius‘ neuem Buch blieben mir nicht so sehr einzelne inhaltliche Punkte im Gedächtnis hängen, als vielmehr ein genereller Eindruck: Ich staunte über ihre Kühnheit, eine Theologie zu schreiben, und war überrascht, dass diese Theologie zwar nach vielen Seiten hin offen bleibt, aber dennoch Hand und Fuß hat. Wie bei allen Texten von Ina Praetorius genoss ich ihre sprachliche Kreativität, freute mich über ihre neuen eingängigen Formulierungen, Bilder und Vergleiche. Beispielsweise wenn sie im Vorwort die biblische Tradition als „fruchtbaren Kompost“ bezeichnet, als einen „Haufen organischer Abfälle aus vielen hundert Jahren Geschichte, der, wenn gute Nahrung aus ihm wachsen soll, der kundigen Bearbeitung bedarf“ (S. 9). Oder wenn sie das Kirchenjahr, an dessen loser Ordnung sie sich beim Schreiben ausgerichtet hat, beschreibt als: „… nicht Kreis, nicht Gerade. Es ist vorgegeben und wandelbar. In beruhigender Wiederkehr lässt es mich Überraschungen erleben. Es gibt mir die Freiheit zu scheitern und weiterzugehen, denn immer wieder werde ich an den wesentlichen Stationen vorbeikommen: Wenn ich es dieses Jahr nicht begreife, dann vielleicht nächstes Jahr“ (S. 10). Oder wenn sie am Ende des Buches, bevor sie ihre eigene „Vertrauensaussage“ formuliert, für herkömmliche Glaubensbekenntnisse das Bild „steifer Kleider“ findet: „Obwohl sie überall drücken und klemmen, kann man sie sich durchaus anziehen. Zuweilen sehen sie gut aus: klassisch, gebügelt. Sie bieten den Schutz der Unauffälligkeit wie alles Konventionelle …“ Gefreut habe ich mich auch über die zahlreichen neuen Gottesnamen, die wie in der „Bibel in gerechter Sprache“ im Druck hervorgehoben sind, die aber im Gegensatz dazu in den jeweiligen Kontext passen bzw. aus ihm erwachsen. Während Ina Praetorius damit vorführt, wie heute auf neue Weise von Gott gesprochen werden könnte, wie vieles aus der biblischen Tradition „übersetzt“ werden kann, übt sie scharfe Kritik an der kirchlichen Beibehaltung des Gottesnamens „Herr“: „Heute noch so von Gott zu sprechen ist ängstlich, denkfaul und bequem, denn wir wissen es längst besser. Schon lange ist die Vielfalt der Umschreibungen für das Unsichtbare um-uns-her-Sein wieder entdeckt. Wir können diese Vielfalt nutzen, um uns neu, befreiend, überraschend zum Sinn des Ganzen in Beziehung zu setzen“ (S. 49).

Bei einem Buch, mit dem ich inhaltlich so sehr einverstanden bin wie mit diesem, probiere ich beim ersten Lesen immer auch aus, wie es wohl auf die Menschen wirken würde, die ich mir als LeserInnen dafür wünschen würde. Ich überlege, wem ich es empfehlen oder schenken könnte und wo es Anknüpfungspunkte bietet, um ins Gespräch zu kommen.

Im Hinblick auf das Gespräch mit den Frauen aus der Frauenbewegung, die sich von der christlichen Religion und den Kirchen wütend abgewandt haben, weil sie ihnen als durch und durch patriarchal erschien, war ich froh, dass das Geborensein durch eine Mutter und die mütterliche Ordnung in Inas Buch breiten Raum einnehmen. Traditionelle Kirchenleute werden vielleicht Schwierigkeiten haben, wenn Ina im Kapitel „Maria und die gute Ordnung der Welt“ schreibt: „Immer wieder glaubten rechtschaffene Theologen der Tendenz entgegentreten zu müssen, Maria zur Göttin zu erheben. – Hat aber die sogenannte Volksfrömmigkeit so Unrecht, wenn sie sich die mütterliche Gottheit nicht einfach austreiben lässt? Der Wunsch nach himmlischer Mütterlichkeit lässt sich nicht ohne Weiteres aus der Welt schaffen“ (S. 24). Noch deutlicher wird sie, wenn sie die Vermutung äußert, dass es das Christentum heute nicht mehr gäbe, wenn die frühe Kirche nicht das Zugeständnis gemacht hätte, Maria wenigstens als „Gottesgebärerin“ zu ehren: „Eine Religion, die keinen Platz für die Ehrung der Mütter lässt, ist nämlich nicht mehrheitsfähig. Deshalb hat sich in der Kirche der Kult um die Gottesmutter, den etliche Forscherinnen und Forscher wohl nicht zu Unrecht als gezähmtes Weiterleben altorientalischer Göttinnenkulte deuten, immer wieder zielstrebig durchgesetzt. Vielleicht ist die Verbannung der Marienverehrung auch der eigentliche Grund dafür, dass der Protestantismus, aller vernünftigen Theologie und Freiheit zum Trotz, mit einem notorischen Popularitätsdefizit zu kämpfen hat?“ (S. 25) Eine Theologie, die ihre Ordnung aus dem Kirchenjahr, also auch aus den Jahreszeitenfesten gewinnt, die ja für die Spiritualität vieler kirchenferner Frauen eine große Rolle spielen, könnte ebenfalls Gelegenheit zu gegenseitigem Austausch und Wiederannäherung bieten.

Auf der anderen Seite kommt Ina Praetorius mit einer „Theologie“ (wie schon vorher mit ihrer „Ethik“) den Männern entgegen, sowie den Frauen, die sich ausschließlich an männlichen Autoritäten orientieren. Denn diesen fällt es vielleicht leichter, sich mit den hier zusammengestellten und für sie neuen Gedanken zu befassen, wenn diese als ein großes Gedankengebäude daherkommen, das zumindest in seinem Aufbau und seinen Formen den Gebäuden ihrer Tradition vergleichbar ist. Obwohl Ina Praetorius sich der immer noch stark nachwirkenden „mangelnden Achtung gegenüber Frauenworten“ (S. 52) im Patriarchat schmerzlich bewusst ist, sucht sie selbstbewusst und auf immer neue Weise das Gespräch mit denen, die ebenfalls das Ziel haben – wie sie es auch für Immanuel Kant annimmt – „eine wohnliche Welt“ zu schaffen, „in der Frauen und Männer und Kinder, egal, woher sie kommen, keine Angst mehr voreinander haben müssen, …“ (S. 61). So schreibt sie sogar einen Brief an Papst Benedikt XVI. (mit der Anrede „Lieber Herr Ratzinger“) und schließt selbst die Möglichkeit nicht aus, mit Paulus, „dem widerspruchsvollen Wahrheitssucher“ trotz seiner Frauen ausschließenden Äußerungen neu ins Gespräch zu kommen, da er auch noch anderes, Befreiendes gesagt hat: „Weshalb sollte Paulus sich nicht widersprechen, da er doch, wie ich, noch auf der Suche ist nach angemessenen Worten für seine große Erfahrung“ … „Immer wieder überraschen mich seine Texte, seit ich weiß, dass ich mit ihm zusammen auf der Suche nach dem Sinn des Ganzen bin“ (S. 90/91).

Was mir auch gleich beim ersten Lesen gefallen hat, ist die Tatsache, dass Hannah Arendt für dieses Buch Patin gestanden hat. Ein Kapitel ist ihr sogar explizit gewidmet, doch von Anfang bis Ende ziehen sich ihre Gedanken und Formulierungen durch das Buch. Immer wieder ist vom „Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten“ die Rede, von den Vielen – Ina Praetorius spricht von den „Milliarden Würdeträgerinnen und Würdeträgern, die gemeinsam in immer neuen Generationen den Planeten Erde bewohnen“, immer wieder denkt Ina Praetorius vom Anfang aus, von der Geburt, der Bedürftigkeit aller Menschen, aber auch von den Möglichkeiten und der Freiheit, die darin liegt, dass neue Menschen und Neues in die Welt kommen.

Über das, was ich beim zweiten Lesen entdeckt habe, könnte ich nun mindestens noch einmal so viel schreiben wie über meine ersten Eindrücke. So viele Themen werden angesprochen, so viele gute Gedanken formuliert. Ich finde, es ist nicht eine unfertige Theologie, sondern ein Buch, das mehr oder weniger ausgearbeitete Ansätze bietet für mehrere neue „Theologien“, beispielsweise für eine Theologie der Bezogenheit oder der Abhängigkeit und Bedürftigkeit, für eine politische Theologie einer wohnlichen Welt, eine Theologie der Wirt(in)schaft, eine Theologie der Fülle und des Reichtums. Mir hat am besten die Idee der Karsamstagstheologie gefallen, in der derer gedacht wird, die auch dann weitermachen, wenn alles hoffnungslos erscheint (S. 80-85). Auch deshalb, weil, „karsamstäglich begangen, der Ostersonntag nicht der Tag des triumphierenden Glaubens“ wäre, „sondern des ungläubigen Staunens“ (S. 85).

Einiges werden wahrscheinlich diejenigen an dem Buch zu kritisieren haben, denen es für eine Theologie nicht ausgearbeitet genug ist, obwohl das ja im Titel angekündigt wird, oder jene anderen, die nicht verstehen wollen, warum eine Feministin in postpatriarchaler Zeit überhaupt eine Theologie schreiben wollte. Für mich ist dieses Buch ein wirklich nährendes, stärkendes Geschenk und ich wünsche mir, dass viele Menschen sich gönnen, es zu lesen.

Ina Praetorius: Gott dazwischen. Eine unfertige Theologie. Matthias-Grünewald-Verlag, Ostfildern 2008, 143 S., € 14,90

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.10.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gabriele Bock / Bonn sagt:

    Gut, dass Ihr dieses Buch besprochen habt!

    wie gut, dass Ihr dieses Buch besprochen habt, es gibt im Moment so wenig Erfreulich-Vertändliches über die Feministische Theologie. Unsere kleine dahinschmelzende Fem-Theo Gruppe in Godesberg wird das Buch lesen, wie alle davor von Ina Preatorius.
    Alles Gute und Dank. Gabi Bock

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