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Rubrik denken

Über das Böse

Von Antje Schrupp

Fear No EvilSpätestens seit der US-amerikanische Präsident George W. Bush nach den Terroranschlägen des 11. September den „Kampf gegen die Achse des Bösen“ ausgerufen hat, ist die Figur des „Bösen“ wieder in den politischen Diskurs eingegangen. Indem im politischen Bereich andere, gegnerische Positionen als das „Böse“ tituliert werden, werden politische Ereignisse wie Terroranschläge oder Kriege, aber auch Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen und Religionen sozusagen metaphysisch aufgeladen: Der Feind ist nicht einfach ein Gegner, sondern eben der das Böse. Ihm gegenüber gibt es daher kein Verhandeln, keine Kompromisse, kein Pardon.

Weibliche Denkerinnen haben diese Gleichsetzung des Anderen und des Bösen oft kritisiert. Vielleicht deshalb, weil ja lange Zeit die Frauen auch die anderen, also die Bösen waren – aus männlicher Perspektive. Sie wiesen darauf hin, dass eine Theorie der kulturellen Differenz solch Unterschiede und Konflikte nicht als Ausdruck des Kampfes des Guten gegen das Böse interpretieren muss, sondern als Ausdruck der menschlichen Pluralität verstehen kann: Das Fremde, das Andere, ist nichts, was unsere Identität bedroht, sondern eine Ressource für Auseinandersetzung, Lernen und Veränderung.

Doch so richtig das sein mag: Bedeutet es, dass alles, was normalerweise „das Böse“ genannt wird, nur eine Frage des Standpunktes und der Perspektive ist?

In ihrem Buch „Die magische Kraft des Negativen“ haben Autorinnen der Philosophinnengemeinschaft Diotima in Verona vorgeschlagen, zwischen „dem Negativen“ und „dem Bösen“ zu unterscheiden. Sie wollten „von der Tendenz, das Negative zu ignorieren, es zuzudecken oder austreiben zu wollen … dahin gelangen, über die Arbeit nachzudenken, die das Negative erfolgreich leistet, beispielsweise unfreie Bindungen zu lösen, unnütze Konstruktionen aus dem Geist zu räumen, dem Willen unvernünftige Lasten abzunehmen“.

Dabei beschäftigte sie die Frage: „Wie können wir verhindern, dass das Negative, das in jedem Leben vorkommt, ‚böse’ wird, sich also in etwas unheilbar Zerstörerisches verwandelt?“ Sie vertrauten darauf, dass das Negative, wenn es in den Diskurs eingeführt werden kann, „ein wenig oder auch recht weit aus seiner absoluten Negativität herausgekommen ist und nicht so tut, als könne es allein siegen. Dann hat es aufgehört zu zerstören und nimmt am Spiel des Symbolischen zwischen Anwesenheit und Abwesenheit teil.“

Wenn das Negative auf diese Weise als Teil des notwendigen „Spiel des Symbolischen“ verstanden wird, was ist dann das Böse? Und kann die „magische Kraft des Negativen“ sich möglicherweise sogar auf das Böse selbst richten – und so Möglichkeiten eröffnen, sich dem Bösen gegenüber zu verhalten, ohne seine Existenz zu leugnen?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Annarosa Buttarelli in ihrem Beitrag, den Dorothee Markert für „beziehungsweise weiterdenken“ ins Deutsche übersetzt hat.

Buttarelli beschreibt darin drei Möglichkeiten, in Kontakt mit dem Bösen zu bleiben, ohne es zu verstärken und durch Widerstand oder den „Willen zum Guten“ zu nähren und am Leben zu halten: Verfluchen, beten, nicht fragen.

Vor allem zu ihrer Beschreibung des Verfluchens als einer alten weiblichen Praxis im Umgang mit dem Bösen gab es zahlreichen Widerspruch. So sieht zum Beispiel Sigrid, eine unserer Leserinnen, im Fluch einen Missbrauch weiblicher Kraft.

Auch Birgit Kübler ist skeptisch geblieben, vor allem gegenüber Buttarellis Vorschlag, „die Existenz eines auf rätselhafte Weise unheilbaren Bösen zu akzeptieren, das nicht von uns ausgeht, eines Bösen, das mit aller Kraft versucht, uns zu schaden, ohne dass es notwendigerweise dazu bei uns einen Widerschein oder eine Entsprechung geben muss.“ Sie gibt zu bedenken, dass das Böse auch in uns selbst sein kann und plädiert dafür, dies nicht zu leugnen oder zu bekämpfen, sondern zu akzeptieren – zumal es ihrer Ansicht nach in bestimmten Situationen auch positive Kräfte und Energien freisetzen kann.

Bei unserer letzten Redaktionssitzung im September 2008 haben wir uns dann noch einmal eingehend mit dem Thema auseinandergesetzt. Um Buttarellis Text im Kontext des Diotima-Projektes besser einordnen zu können, hat Dorothee Markert dafür einige der anderen Aufsätze aus dem Sammelband auszugsweise übersetzt und zusammengefasst.

Das führte wiederum zu einer Diskussion über das Politikverständnis (vgl. Kommentare), auf die Antje Schrupp dann mit ihrem Artikel „Das Unglück als Folge des Bösen“ reagierte.

Außerdem erinnerte sich Juliane Brumberg an das Buch „Das Gute und das Böse“ von Carola Meier-Seethaler, in dem diese an Hand von vielen Abbildungen über die mythologischen Hintergründe des Fundamentalismus in Ost und West geschrieben hat. Sie bat Meier-Seethaler, uns ein Manuskript zur Verfügung zu stellen, das in anderem Zusammenhang entstand, das wir aber hier dokumentieren, weil es interessante kulturgeschichtliche Einblicke zum „Bösen“ bietet.

Vielleicht ist es ja auch so, wie bei jenem Mädchen, das nicht acht werden will, weil es im Radio gehört hat, dass Mädchen in diesem Alter in den Keller gesperrt werden, das aber sagt: „Ich kann mit meiner feinen Nase das Böse riechen“. Ihre Mutter schieb einen Text, den Dorothee Markert hier veröffentlichte, nachdem sie in der Zeitung von dem Tod eines achtjährigen Mädchens gelesen hatte, das auf dem Heimweg vom Hort verschleppt, gequält, missbraucht und umgebracht worden ist. Als „eine Art Gedenken an dieses Kind, aber auch an die Eltern, die nicht nur damit leben müssen, ihr Kind verloren zu haben, sondern auch damit, dass sie es nicht schützen konnten“.

Ist es sinnvoll, zwischen „menschengemachten“ und „natürlichen“ Ursachen von Leid zu unterscheiden – und nur die ersten als „Böse“ zu bezeichnen? Antje Schrupp bezweifelt das, denn sie fidnet, dass für diejenigen, die Unglück erleiden, die Suche nach den Schuldigen nicht das Entscheidende ist. Eine These, die nicht unwidersprochen blieb, wie die zahlreichen Kommentare zu ihrem Artikel zeigen.

Juliane Brumberg steuert zu der Debatte eine Rezension bei. Denn der aktuelle Roman einer ihrer Lieblingsautorinnen, Connie Palmen, trägt den Titel „Luzifer“.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 26.10.2008

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