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Eine ganz persönliche Lektion in Sachen Feminismus

Von Barbara Linnenbrügger

Unter dem Titel „Das Dorf und die Welt“ hat Maria Mies ihre Autobiografie geschrieben

Das Dorf und die WeltEin Buch für die, die dem Zeitgeist der Frauenbewegung von den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts an nachspüren wollen; für die, die wissen wollen, wie eine dazu kommt, feministische Theorien zu entwickeln; für die, die erfahren wollen, was eine erleben kann, wenn sie es wagt, vom Dorf in die Welt zu gehen; für die, die erkennen wollen, wo die Frauen stecken bleiben und wo sie sich bewegen, und für die, die erfahren wollen wie Frauen etwas in der Welt und im Dorf bewegen und bewirken.

Maria Mies ist eine der aktivsten Feministinnen dieser Jahre. Ihre Aktivitäten liegen im Spektrum von praktischer Aktion zum Thema Gewalt gegen Frauen im Aufbau des Kölner Frauenhauses, in der Kreierung feministischer Theorien von den Postulaten feministischer Frauenforschung über die Subsistenzperspektive bis hin zum aktiven Kampf gegen Globalisierung und der Suche nach neuen Visionen.

Maria Mies weiß: „Meine Lebens- und Zeitgeschichten muss ich schon selbst erzählen und aufschreiben. Denn nur ich weiß, wie das alles zusammenhing und zusammenhängt: das Dorf und die Welt.“ In ihrer Autobiografie erfahren wir nicht ihre Lebenserzählung in allen Details, Maria Mies berichtet von Wendepunkten in ihrem Leben, in denen etwas Besonderes geschah, wenn sie, meist mit anderen, etwas bewegen und bewirken konnte. Sie machte Erfahrungen, gewann neue Erkenntnisse und veränderte sich selbst dabei.

In der Heimat, einem kleinen Dorf in den Vulkanhügeln der Eifel öffnet sich für Maria Mies durch glückliche Zufälle die Welt, sie geht fort – nach Indien. Ihr Leben entfaltet sich aber nicht nur zwischen Kontinenten, sondern auch zwischen Welterklärung und sozialen Bewegungen, zwischen Erfolgen und Niederlagen.

Mich begeistern auch, die prägnanten Kurzdarstellungen für komplizierte Zusammenhänge. So erklärt Maria Mies zum Beispiel die Subsistenz als Zukunftsperspektive, Ökofeminismus und die Zusammenhänge zwischen Globalisierung der Wirtschaft und Krieg. Immer bleibt sie dabei eng an ihren Lebenserfahrungen, vermittelt anschaulich, wie sich politische Aktionen und Theoriebildungsprozesse gegenseitig bedingen.

Für die feministische Diskussion um den Generationenwechsel in der Frauenbewegung gibt Maria Mies wichtige Erfahrungen preis, indem sie die immer wiederkehrenden Frustrationen beschreibt, wenn jüngere Frauen nicht von den älteren, erfahrenen lernen wollen. Sehr eindrücklich hier der geschilderte Prozess bei Feminist Attac. Das ist heute meines Erachtens eine zentrale Frage an die jungen Frauen: Was für sie in Zeiten von Gender, Emanzipation und Gleichstellung wohl am Feminismus wegweisend sein kann? Welche Fragen sie an die Aktivistinnen der letzten 40 Jahre haben?

Maria MiesIch halte es allemal für wichtig, dass die Bilanz dieser Frauenbewegungszeit vielfältiger wird. Noch mehr Feministinnen sollten aufschreiben warum sie was, in welchem Zusammenhang, mit wem und wann gemacht haben. Das erklärt die Zeit, die Errungenschaften und die Hinterlassenschaften. Die Auseinandersetzung mit individuellen Lebenswegen ermöglicht einen Blick auf die Frauenbewegung und den Feminismus, der aus den Lebens- und Alltagsvollzügen der Frauen heraus erfahrbar macht, mit welchem Herzblut, welchem Engagement und welcher Begeisterung die Frauen die Welt gestaltet haben und wie es funktioniert sie zu verändern.

Maria Mies schreibt gegen das Vergessen an. Ihre Richtschnur heißt: „Wir schreiben unsere Geschichte, während wir sie machen, denn es war noch nie so notwendig wie heute, den lebendigen Zusammenhang zwischen gestern, heute und morgen in den Köpfen und Herzen zu erhalten. Es kommt darauf an, zur richtigen Zeit das Mögliche und Richtige zu tun.“ Ich finde ihr Anliegen ist in Erfüllung gegangen: Maria Mies hat ein Buch mit  ganz persönlichen Geschichten geschrieben, die anderen wegweisend sein können, weiter für das „Gute Leben“ zu kämpfen.

Maria Mies: Das Dorf und die Welt, Lebensgeschichten – Zeitgeschichten. PapyRossa Verlag, Köln 2008, 19,90 €

Autorin: Barbara Linnenbrügger
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 08.11.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Christel Göttert sagt:

    Wesentliche Bausteine weitergereicht

    Das Buch habe ich auch mit großem Gewinn gelesen, dabei gleichzeitig viele eigene Wegstrecken passieren können und dankbar registriert, wie deutlich die Aufbruchzeit der 70er-, 80er- und 90er-Jahre dargestellt wird. In allen Bereichen, denen sich Frauen intensiv angenommen haben, wurde wirkliches Neuland beschritten, eine Voraussetzung, die den heutigen Frauen nicht in gleicher Weise mehr gegeben ist. Viele Felder sind abgesteckt und scheinbar bestellt, weshalb junge Frauen sich heute manchmal sehr schwer tun im Finden eigener Schwerpunkte, in der Orientierung, wofür sich ihr Einsatz lohnen würde. Es scheint nicht mehr notwendig zu sein, sich mit anderen Frauen auszutauschen, um gemeinsame Ziele zu verfolgen.

    Für eine alte Feministin eine Szene, die darüber nachdenken lässt: Was läuft da schief?

    Die Erfahrungen aus den Anfängen der Frauenbewegung lassen sich nicht mehr wiederholen. Was und wie könnte dann aber durch die bedeutungsvolle Lebensbetrachtung von Maria Mies lebendig weitergegeben werden für heutiges Handeln? Was sind die Bausteine, die sie großzügig allen Frauen zur Verfügung stellt?

    Ein kleiner Absatz auf S. 228, in dem die Autorin in ungewöhnlich kurzer, unpräziser Weise Gedanken – nein eben nicht Gedanken, sondern nur eine Bemerkung – über das Auftauchen der Differenz- Theorie macht, ließ mich aufhorchen: „Differenz galt plötzlich mehr und mehr als Bedrohung. Diese Tendenz verstärkte sich noch, nachdem unter dem Einfluss der neuen französischen Philosophie die Differenz-Theorie und der Konstruktivismus Einzug in die deutsche Frauenbewegung hielt.“

    Zunächst schloss ich bedauernd aus diesen Zeilen, dass Maria Mies der Differenz-Theorie ablehnend gegenüberstehen würde. Doch im nächsten Kapitel beschreibt sie ausführlich, wie sie erkannt hat, dass die Frauenfrage bzw. die Geschlechterfrage die umfassendste und tiefgreifendste Frage der Gesellschaft ist. Das machte mich neugierig.

    Im weiteren Verlauf achtete ich daher besonders auf Merkmale, die die Differenz markierten. Und zu meiner Freude wurde plötzlich eine klare Spur sichtbar, die sie konsequent auf der Erkenntnis von wichtigen Unterschieden zwischen allen Menschen, also auf der achtungsvollen Wahrnehmung der Differenz beschreitet – auch wenn sie das nie so benennt. Als ich das erkannte, fand ich auch gleich die gesuchten Bausteine, denn nun wurde für mich sichtbar, wie über die großartige Leistung von Maria Mies die Möglichkeiten zum Handeln zu erkennen sind. Sie sind von heutigen jungen und älteren Frauen jederzeit für sich selbst abrufbar, um das eigene Leben damit zu bauen.

    Was das ganze Buch auszeichnet, ist ihr strikter Weg, „von sich selbst auszugehen“. Sie gibt ihrem eigenen „Begehren“ die entscheidende Bedeutung für ihr Handeln. In gleicher beeindruckender Weise gesteht sie daher allen Menschen zu, dass sie ebenfalls jeweils von sich ausgehen mit einer subjektiven Sicht, wie sie selbst. Die „Praxis der Frauen“ ist für sie z.B. in Indien die „primäre Politik“. Im achtungsvollen gegenseitigen Zuhören entsteht sichtbar Neues, deutlich ist das „Wachsen am Mehr anderer Frauen“ spürbar. Ihre Theorien entstehen in der Regel aus dem vertrauensvollen Austausch mit Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof; die italienischen Philosophinnen würden vom „Affidamento“ sprechen. Ihre Kraft für den „Willen zu siegen“ ist phänomenal und immer wieder kämpft sie gegen politischen Unsinn, wie die Atomwirtschaft, die Globalisierung und Umweltvernichtung: sie sucht „Sinn – Grundlage von Politik“.

    Ich könnte unendlich fortsetzen im Aufzeigen, wie Maria Mies so aktiv und kreativ die Differenz vorlebt, auch gerade in Auseinandersetzungen oder auch im Zusammenarbeiten mit Männern, ohne es allerdings selbst so zu bezeichnen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie viel besser als ich in der Lage wäre, die Bausteine für „weibliche Freiheit“, die sie selbst hergestellt und benutzt hat, transparent und für alle wieder verwendbar zu machen. Es sind Bausteine, mit denen junge Frauen – wenn sie wollen, auch mit den dazu willigen Männern, – die Zukunft bauen können, weil sie unerschöpflich sind und immer neue Freiheit wachsen lassen. Das ist das wirkliche Erbe der Frauenbewegung, was noch als Schatz gehoben werden will.

    Maria Mies ist ein großartiges Buch gelungen. In ihr eine zu finden, die die Geschlechter-Differenz erlebbar macht und zeigt, wie sich aus der Praxis die Theorie entwickeln kann, macht mich froh, denn sie öffnet damit den Weg zwischen den Frauen, zwischen den Geschlechtern, zwischen den Generationen, zwischen …

  • Gudrun Kah sagt:

    Am eigenen Leibe

    Vielen Dank für diese Besprechung und den damit verbundenen Lese-Tipp! Ich habe das Buch mit großem Gewinn gelesen, und die Lebensgeschichte von Maria Mies ist (auch) mir unter die Haut gegangen. Zurück bleibe ich auch etwas melancholisch, nachdenklich, fast trübsinnig. Im letzten Kapitel „Am eigenen Leibe“ schildert die Autorin, wie ihre Arbeit an ihrem letzten Buch „Krieg ohne Grenzen“ ihr unter die Haut gingen und sie krank machten. Es macht mich traurig, es ist ehrlich und beschönigt nichts. – Wie hält frau es aus in dieser Welt?

    Ich bin dankbar für diese Lebensgeschichte. Ich hatte viele Aha-Erlebnisse, viele neue Einsichten. Und ich habe großen Respekt vor Maria Mies.
    Zurück bleibe ich mit vielen Fragen an mein eigenes Leben. –
    Und mit der Frage, warum habe ich „seinerzeit“ so einiges nicht mitbekommen, oder nur oberflächlich wahrgenommen, und muss es heute nachlesen. Muss frau aktiv in „der Frauenbewegung“ sein, um durchzublicken? Und woher sollte ich die Zeit nehmen? – Und woher nehme ich heute die Zeit?
    Und warum geht es ganz offensichtlich anderen Frauen ähnlich?

    Abschließend kann ich mich dem Wunsch der Rezensentin anschließen, es mögen noch mehr aktive Frauen ihre Geschichte und ihre Sicht der Dinge aufschreiben (und sich die Zeit nehmen …). Das gehört zur lohnendsten Lektüre. (In diesem Zusammenhang fällt mir übrigens ein weiteres Buch ein:
    „Wer die Erde nicht berührt, kann den Himmel nicht erreichen“, Elisabeth Moltmann-Wendel).

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