beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik unterwegs

Erstaunliches Interesse und eine gewisse Scheu

Von Cornelia Roth

Ende Oktober hatte der Verein Frauenstudien in München zu einer Veranstaltung eingeladen, auf der Barbara Streidl von den „Alphamädchen“ und Ulrike Moeller vom Verein Frauenstudien diskutierten. Moderiert wurde die Diskussion von Marina Lessig, einer jungen Frau vom Schülerbüro des Kreisjugendrings in München.

Ungefähr dreißig Frauen saßen im Kreis, die meisten um die fünfzig Jahre alt, aber auch einige Frauen um die Mitte dreißig. Eine ganze Reihe kamen aus verschiedenen Frauenprojekten in München. Thema der Veranstaltung war „Autorität unter Frauen“: Können, wollen Frauen einer anderen Frau Autorität zugestehen? Und: wollen neue Feministinnen Feministinnen der zweiten Frauenbewegung Autorität geben?

Über Autorität wurde gesprochen. Aber auch über eine Reihe anderer Themen der Frauenbewegung, zum Beispiel über die Tatsache, dass ganz junge Frauen nicht dazu zu bewegen sind, auf Veranstaltungen mit feministischen Themen zu gehen. Und über ungleiche Bezahlung, Kindererziehung, Beteiligung von Frauen und Männern an Hausarbeit.

Was frau je nach Erwartung enttäuschend oder ermutigend an der Diskussion finden konnte, war: es gab nur in kleineren Teilen eine klare kontroverse Diskussion. Eher war es ein vorsichtiges Sichkennenlernen von Frauen zweier verschiedener Generationen des Feminismus anhand verschiedener Themen. Ansatzweise kontrovers verlief das Gespräch, als Barbara Streidl über verschiedene Frauenrechte sprach und Ulrike Moeller dagegen hielt, dass Frauen nicht primär Rechte fordern sollten, zum Beispiel auf Teilhabe; denn als Bürgerinnen hätten sie nicht ein Recht als vielmehr die Verantwortung und die Pflicht zur Teilhabe. Unterschiedliche Auffassungen gab es auch zur Forderung nach Solidarität unter Frauen – ist sie trotz Ungleichheit unter Frauen nötig oder hemmt sie eher die Entwicklung von Frauen?

Was für mich als ältere Feministin und Mitorganisatorin das eigentlich Spannende war, waren weniger die Inhalte dieses Gesprächs als das erstaunliche Interesse, ja die Bereitschaft, sich etwas sagen zu lassen, mit der Barbara Streidl in das Gespräch mit Ulrike Moeller ging. Ulrike Moeller andererseits gab sich Mühe, die Anliegen der „Alphamädchen“ nach so unmittelbaren Forderungen wie Karrieremöglichkeiten, mehr Kinderbetreuung, gleicher Bezahlung aufzugreifen und nicht gleich als zu eng abzukanzeln.

Und dann geschah noch etwas, das für mich ebenso wichtig war: Mit der Öffnung des Gesprächs für alle Teilnehmerinnen der Veranstaltung eröffnete sich eine Diskussion über die zweite Frauenbewegung, und zwar insbesondere unter den älteren, aber auch mit den jüngeren Teilnehmerinnen. Zum Beispiel darüber, wie zeitweise eine Atmosphäre rigider Regeln entstanden war, wie eine Frau zu sein hatte. Oder wie sich bei Kontroversen mangelnde Solidarität vorgehalten wurde. Es hatte eine befreiende Wirkung, denn die Teilnehmerinnen verbanden es nicht mit einer grundsätzlichen Absage an die zweite Frauenbewegung, wie es jetzt zum Teil mit der 68er-Bewegung gemacht wird.

Diese Diskussion entstand auf dem Hintergrund eines neuen Feminismus, ist also dem Vorhandensein junger Feministinnen wie der „Alphamädchen“ zu verdanken, und das finde ich nicht zu unterschätzen. Es war wie ein unhörbares Aufatmen etlicher Teilnehmerinnen: Endlich kann wieder über Feminismus diskutiert werden – es lohnt sich, weil etwas weiterzugehen scheint!

In einem Artikel auf dem bzw-Forum zu einem Vortrag der neuen Feministinnen Jana Hensel und Elisabeth Raether wird gefragt und nicht gefunden: „Was ergibt sich daraus“?

So unbestimmt, wie es dort offenbar schien, ist es bei den „Alpahmädchen“ nicht – weder in ihrem Buch, noch in ihrem Auftreten. Sie wollen politischen Wandel, was Möglichkeiten der Teilhabe in Beruf und Gesellschaft angeht und sie wollen kulturellen Wandel im Umgang mit Frauen, Stichwort zum Beispiel die Werbung. Und es geht auch um praktische Schritte.

Es gibt ganz unterschiedliche Meinungen unter älteren Feministinnen zum Beispiel in meinem Umfeld zu dem Auftreten der „Alphamädchen“ –  wie auch unter jüngeren Feministinnen. Manche älteren Feministinnen finden die Anliegen zu sehr beschränkt auf das Karriereinteresse jüngerer Mittelschichtsfrauen und haben das Gefühl, dass es den Feminismus nicht weiterbringt. Manch jüngeren „Pop-Feministinnen“ sind die Alphamädchen in der Form zu traditionell, nicht subversiv genug. Wieder andere Jüngere setzen ganz auf die individuelle geistige Durchsetzungs- und Leistungskraft von Frauen, die eine neue Bewegung nicht nötig haben.

Ich selber finde, dass in der Begegnung und dem Austausch von alten und neuen Feministinnen, zum Beispiel den „Alphamädchen“ eine Chance liegt. Es könnte ein Austausch sein von einem großen Schatz an Denken und entwickelter Kultur im Verlauf der zweiten Frauenbewegung mit den neuen Anliegen und dem neuen Antrieb jüngerer Frauen, die den feministischen Faden wieder aufgenommen haben. Wieso neu? Es sind doch die immer gleichen alten Forderungen nach gleicher Bezahlung undsoweiter undsoweiter? Auf den ersten Blick ist nicht viel neu. Aber auf den zweiten Blick ist die Situation neu, nämlich, sie ist zwanzig, dreißig Jahre weiter. Was hat sich für jüngere Frauen geändert und was bedeutet das für das Verständnis ihrer Anliegen? Das finde ich als Ältere gar nicht so leicht zu erfassen und es ist so etwas wie genaues Zuhören nötig. Und was bedeutet es für die „alten“ Forderungen? Dass sie vielleicht neu begriffen und in einen größeren Zusammenhang gestellt werden müssen. Austausch muss nicht Konfliktfreiheit bedeuten. Aber er bedeutet Begegnung, Neugier.

Es gibt da noch etwas: eine gewisse Scheu, die sich aus dem Altersunterschied ergibt, der für ein „Leben in zwei verschiedenen Kulturen“ sorgt. Und wo manches vielleicht ein bisschen peinlich erscheint. Aber da können ja alle ein wenig großzügig mit umgehen.

Autorin: Cornelia Roth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 20.11.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Antje Schrupp sagt:

    Nicht nur eine Generationenfrage

    Liebe Cornelia, danke für den Bericht! Ich habe mir beim Lesen gedacht, dass es sich hier nicht nur um eine Generationenfrage handelt. Auch „früher“, in der 80er-Jahre-Frauenbewegung, gab es schon viele, die Feminismus nur als Interessensvertretung oder Frauen-Lobbyarbeit verstanden haben, und deshalb hatte mich die Bewegung damals (als ich so Mitte 20 war) immer gelangweilt, bis ich dann die „politischeren“ (im Sinne von nicht bloß Rechte fordern, sondern Verantwortung für eine gute Welt für alle übernehmen) Italienerinnen traf. Und auch heute, als quasi „mittelalte“ Feministin (mit 44) führe ich solche Auseinandersetzungen eigentlich fast häufiger mit älteren Frauen als mit jüngeren. Erst kürzlich war ich bei einer Jubiläumsveranstaltung 90 Jahre Frauenwahlrecht und war allein auf breiter Front mit meiner Kritik an der Quote, und es waren ganz überwiegend ältere Frauen oder solche in meinem Alter, die da der Meinung waren, es sei das Wichtigste den Frauenanteil überall zu erhöhen, egal um welchen Preis. Andererseits war ich im Frühjahr in Wien auf einem Anarchismuskongress, wo es einen feministischen Anarcha-Abend gab, und die Frauen waren natürlich komplett gegen jede Frauen-in-die-Institutionen-bringens-Politik, und die waren überwiegend ganz jung, so Anfang zwanzig. Also die Generationenfrage spielt sicher eine Rolle und es ist wichtig, sie mitzudenken. Aber ich habe den Eindruck, das drängt sich momentan etwas arg in den Vordergrund und das Interessante wäre es jetzt, die politischen Differenzen in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen, die sich nämlich durchaus auch quer zu den Altersgruppen verhalten.

Weiterdenken