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Rubrik erinnern

Frauenstudien München feiert Jubiläum

Von Maria Börgermann-Kreckl

20 Jahre Frauenstudien München e.V. – und ich bin dabei. Wie bin ich zu dem Verein gekommen, was hat mich angesprochen und was wünsche ich mir für die nächsten Jahre?

Eule

Die Frauenstudien-Frauen suchen nach der Weisheit – die Eule als Symbol dafür ist ihr Logo.

Ich bezeichne mich als spät berufene Feministin, denn erst durch ein Zweitstudium in den Fächern Soziologie und Politik kam ich nach meinem 40. Lebensjahr in Kontakt zur Frauenforschung und beschäftigte mich zunehmend mit frauenbezogenen Themen. Neben diesem theoretischen Zugang hatte ich das Bedürfnis, ganz konkret etwas mit Frauen zu machen und mit ihnen in Beziehung zu gehen. Also besuchte ich Veranstaltungen verschiedener Vereine und Projekte in München. Ich erinnere mich an einen schwierigen Abend ganz zu Anfang: Bei einer Diskussion zur beruflichen Emanzipation saß ich mit nur zwei weiteren Frauen fünf Veranstalterinnen gegenüber. Alle konzentrierten sich derartig auf uns Teilnehmerinnen, dass mir die Luft zum Atmen wegblieb – ich wollte doch erst mal hineinschnuppern.

In einem Buch über die Geschichte der Frauenbewegung fand ich um die Jahrtausendwende den Verein „Frauenstudien München“ erwähnt. Also machte ich mich auf den Weg dorthin, zu einem Abend mit Carola Meyer-Seethaler, deren Buch „Ursprünge und Befreiungen“ ich gelesen und in meinen Studienarbeiten zitiert hatte. Ich war verblüfft, überrascht, beeindruckt – und verstand nichts: Die Referentin sprach vor großem Publikum über grüne Männer. Sie hatte Dias mitgebracht von diesem fast immer von Laub umgebenen Archetypus der Erdverbundenheit, der für die Ahnung der Menschen steht, dass sie nur überleben können, wenn sie die Naturgesetze respektieren. Die Teilnehmerinnen diskutierten fachkundig mit der Referentin und alle waren engagiert. Ich kannte niemanden, fühlte mich aber von der Atmosphäre sehr angesprochen, ließ mir das Programm geben und schaute nach weiteren Angeboten.

Das nächste Aha-Erlebnis hatte ich bei einem so genannten „Generationengespräch“: An einem sonnigen Frühlingsnachmittag versammelten sich rund 60 Frauen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Nationalität – dazu gehörten Studentinnen ebenso wie eine Postbotin – um zu Themen wie Partnerschaft, Beruf, Sexualität, Spiritualität und Feminismus miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich lernte eine für mich ganz neue Methode kennen: Eine kleine Gruppe, die das jeweilige Thema schon vordiskutiert hatte, begann in einem Innenkreis mit einigen freien Stühlen; Frauen von außen, die etwas beitragen wollten, setzten sich mit in diesen Kreis und räumten nach ihrem Beitrag ihren Stuhl wieder für die Nächste. So etwas hatte ich noch nie erlebt: Absolut konzentriert lauschten die Frauen über viele Stunden den Diskussionen und beteiligten sich nach der neuen Methode ganz geordnet und ohne einfach dazwischen zu rufen. Ob eine Frau, die etwas sagen möchte und erst auf einen freien Stuhl warten muss, sich genauer überlegt, was sie zu sagen hat? Es war großartig, sehr persönlich und dicht. In der Pause gab es selbst mitgebrachte Leckereien und viele Möglichkeiten zum Kontakt – auch für mich.

Vorträge, Seminare, Workshops und Exkursionen

Generationengespräch

Zuhören, nachdenken, diskutieren – Generationengespräch 2006. Foto: Maria Börgermann-Kreckl

Diesem Verein wollte ich beitreten. Und freute mich sehr, dass es, zwar in größeren Abständen, immer wieder Veranstaltungen in dieser Form gab und gibt. Vor zwei Jahren diskutierten wir wieder in großem Kreis ein ganzes Wochenende darüber, wie Frauen die Welt bewegen können. Zunächst war es eine Reflexion des Wirksam-Werdens der teilnehmenden Frauen im und am Gesellschaftlichen. Im zweiten Schritt ging es um Zukunftsperspektiven, nach dem Motto: „Der beste Weg, die Zukunft zu vorauszusagen ist, sie zu gestalten“. Ganz konkret überlegten wir, wie die Situation für Frauen in der Stadt München in 15 Jahren aussehen soll und wie wir das erreichen können – eine durchaus kontroverse und gerade deshalb anregende Aufgabenstellung. Es gab Ideen zu stadtteilbezogenen Vernetzungen für die Verbesserung der Kinderbetreuung. Andere überlegten, ob es geschickter sein könnte, ihre Ziele nicht länger unter dem Oberbegriff Feminismus anzustreben, sich aber trotzdem nicht von ihnen abzuwenden.

Highlights sind immer die Vorträge und Exkursionen von Erni Kutter, die mit ihren kulturanthropologischen Forschungen, etwa zu Frau Perchta und den zwölf heiligen Nächten, Fastnachtsbräuchen oder Schöpfungsmythen regelmäßig viele Frauen anspricht. Im Jahr 2008 war unser Verein Herausgeberin der von Erni Kutter verfassten kleinen Stadtführerin „Isaras Töchter“ über mittelalterliches Frauenleben in München. Sie ist inzwischen 800 mal verkauft – ein stolzes Ergebnis.

Ganz aktuell bin ich noch sehr angetan von einer Abendveranstaltung Anfang November: Die neue Reihe: „Ewige Rivalinnen?“ möchte Frauen ins Gespräch bringen, die oft mehr übereinander, als miteinander reden. Zur Eröffnung ging es um das Thema: Mütter und Kinderlose. Nach einem persönlichen Einstieg, in dem Jede ihren Zugang zum Thema darlegen konnte, vermittelte die Referentin Antje Schrupp in einem historischen Überblick, wie das Mutterbild bis heute von bestimmten Ideen und Interessen geleitet wird und nicht etwas ist, das jede Frau leben muss, um „ihrer Natur“ nachzukommen. Die anschließende Diskussion zeigte, wie sehr wir Erwartungen als Druck nach innen nehmen. Wenn wir neu überlegen, was „mütterlich sein“ bedeuten kann, entsteht eine Perspektive dahingehend, dass jede Frau die Möglichkeit hat, sich mütterlich, d.h. zuverlässig, sorgsam und intensiv zu verhalten; die Eine gegenüber einem Kind, die Andere gegenüber einem Buch, einer Idee, einem Projekt, einem Garten usw.

Längst arbeite ich als Ehrenamtliche mit, vor allem in der Programmgruppe; es ist nicht leicht, herauszufinden, welche Themen geeignet sind. Sie sollen das Leben von Frauen in der Welt reflektieren, ihren verschiedenen Interessen und Fragen Raum geben, Neugier wecken, Ungewohntes anregen und gleichzeitig möglichst viele Teilnehmerinnen ansprechen, da dies wichtig für die finanzielle Stabilität des Vereins ist. Der Input und die unterschiedlichen Herangehensweisen bei diesen Beratungen – anstrengend und anregend zugleich – sind die Motive meines Engagements. Außerdem übernehme ich ab und an die Moderation einer Veranstaltung und komme dabei mit Teilnehmerinnen ins Gespräch, die hier Frauenkultur erleben und pflegen wollen. Nach unserer letzten Veranstaltung sagte eine neue Besucherin: „Das habe ich gesucht; ich habe es noch nie erfahren, dass Frauen miteinander so diskutieren können.“

So erlebe ich also hautnah, welch großer Aufwand hinter jeder einzelnen Veranstaltung steht und schaue zum Jubiläum fasziniert auf die letzten 20 Jahre.

Ein langer Blick zurück

Um das, was Frauen forschen, denken und erfahren, für andere Frauen sichtbar zu machen, gründeten zwei Journalistinnen, Helma Mirus und die 2001 verstorbene Erika Wisselink, dieses Bildungsangebot, das seit 1988 vom Kulturreferat der Stadt München gefördert wird.

Ein Renner waren von Anfang an die Kurse zur „Einführung in feministisches Denken“ – ein Angebot, das häufig wiederholt und ausgebaut wurde. Im Programm der Folgejahre ging es, immer aus weiblichem und patriarchatskritischem Blickwinkel, um Themen aus Philosophie, Psychologie, Geschichte, Ökologie, Ökonomie und Spiritualität. Hier nur einige Beispiele: Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit, Frauensprache – Männersprache, Emanzipation ja – Feminismus nein?, Frauenpower weltweit, Selbstbildnisse von Künstlerinnen durch die Jahrhunderte, Philosophinnen – Liebhaberinnen der Weisheit.

Neben Vorträgen, Seminaren und Workshops wurden und werden Denk – und Diskussionsangebote in jährlich stattfindenden Studienreisen angeboten, wie etwa in die machtvolle Stadt der Frauen nach Paris, auf den Spuren der Margarete Maultasch nach Meran, zu Wanderungen in die Altsteinzeit auf der schwäbischen Alb oder zu den Überresten des kretischen Matriachats. Gerade sind Frauen von einer Reise nach Prag zurückgekehrt, wo sie sich auf den Spuren adliger, heiliger, feministischer, schreibender und malender Frauen bewegten und die Stärke der tschechischen Frauenbewegung entdeckten.

Der Feminismus ist nicht tot

Entgegen aller Versuche, den Feminismus totzusagen – schon Ende der 1990iger Jahre reagierte der Verein darauf mit entsprechenden Veranstaltungen – zeigt das Jubiläum, wie immer wieder und immer wieder neu, Frauen sich anstecken und inspirieren lassen zum Nachdenken und Weiterdenken.

Mit Sonderveranstaltungen zu aktuellen Fragen der Geschlechterpolitik stellt Frauenstudien München e.V. eine Plattform zur Verständigung bereit und entwickelt Perspektiven für das Zusammenleben von Frauen und Männern: Zukunftsfragen, für die es nicht nur viel zu denken, sondern auch noch viel zu tun gibt.

Zum Geburtstag wünsche ich mir, dass das Begehren nach einem Raum für Frauen, die über die Welt nachdenken und sich verständigen wollen, nicht nachlässt und dass die nächste Generation diese Kultur weiterführen möge.

Für Frauen, die mitfeiern möchten

Samstag, 29.11.2008, 14 bis 22 Uhr
Frauen denken anders – Frauen denken weiter
Frauenstudien feiert 20. Geburtstag

mit Vorträgen aus der Geschichte: „Was waren unsere Motive – was bewegte uns?“, „High-lights aus 20 Jahren!“ und für die Zukunft:
Festvortrag von Ina Praetorius: „Zukunftsperspektiven denken – Welt gestalten“,
Kabarett mit Gisela Marx, Büfett und Musik mit Djane Anna Mika

Feierbeitrag EUR 20,-
Ort: München Atelierhaus, Baumstraße 8, Rückgebäude
Anmeldung, weitere Infos und eine ausführliche Chronik unter
www.frauenstudien-muenchen.de

Autorin: Maria Börgermann-Kreckl
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 13.11.2008

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