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Uns ist ein Kind geboren

Von Ina Praetorius

Baby

Foto: Photocase/sofa38

Wir wissen es inzwischen: die meisten „grossen Denker“ haben vergessen, über unser aller Geborensein nachzudenken. Sie haben sich aufs Ende konzentriert: auf den Tod. Als „Sterbliche“ haben sie die Menschen wahrgenommen, ihr Dasein auf ein „Sein zum Tode“ (Martin Heidegger) reduziert.

Dadurch ist ihnen vieles entgangen: Lebendigkeit, Leiblichkeit, Pluralität, die Unvorhersehbarkeit des Zukünftigen, ursprüngliche und bleibende Bezogenheit, die weibliche Genealogie und die stete Erneuerung des menschlichen Miteinanders durch immer wieder überraschende Neuankömmlinge…

Die auffallende und merkwürdigerweise erst kürzlich entdeckte philosophische Leerstelle staunend zur Kenntnis zu nehmen, ist aber nur der erste Schritt. Danach, also jetzt, braucht es Leute, die uns erklären, wie genau man menschliche Herkünftigkeit ausgeblendet hat: wo brechen die Gedankengänge ab? Was schiebt sich vor das Nachdenken über den konkreten Anfang? Und die dann vor allem die zukunftsweisende Frage stellen: wie verändert sich unsere Selbstwahrnehmung, wenn wir den Anfang im Leib einer anderen, den, soweit wir wissen, alle Menschen ohne Ausnahme durchlebt haben, ins Nachdenken zurück holen?

Die Philosophin Christina Schües hat einen Anfang gesetzt. Lange habe ich auf ihr Buch gewartet, jetzt ist es da. Es beantwortet viele Fragen und öffnet noch mehr Türen für weiteres gemeinsames Nachdenken.

Vereinnahmung – Missachtung – Vergessen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den menschlichen, also auch eigenen Anfang in einem Mutterleib auszublenden. So kann man die Geburt zum Beispiel „metaphorisch vereinnahmen“ (17) wie Platon oder Friedrich Nietzsche, denen sich Schües im ersten Kapitel ihrer Studie zuwendet. Obwohl zeitlich weit auseinander liegend und hinsichtlich der Bewertung von Leiblichkeit diametral entgegengesetzt, sind beide Denkansätze „von einer hemmungslosen Nutzung … der Schwangerschafts- und Gebärmetaphorik motiviert“ (93):  In seinem berühmten „Höhlengleichnis“ bedient sich Platon des Geburtsvorganges, um sich den Weg des erkennenden Menschen aus der Verblendung ins höhere Reich der Ideen zu veranschaulichen. Und indem er die weise Priesterin Diotima gleichzeitig als Ur-Lehrerin des Denkens und als stets Abwesende zeichnet, erfindet er gewissermassen eine weibliche Garantin für die Übertragung weiblicher Fruchtbarkeit auf den männlichen Geist. Nietzsche seinerseits phantasiert den erkennenden Mann als die wahre Mutter: unter Schmerzen gebiert sein Zarathustra sich selbst als Übermenschen.

In der europäischen Aufklärung (Kap. II) erkennt man zwar erstmals an, dass alle Menschen „von Geburt an“ gleich sind. Dann aber konzentriert sich die philosophische Zunft ganz auf die „Selbstzeugung des Subjekts“(97): Erst durch die „zweite Geburt“ als Vernunftwesen wird der Mensch Mitglied der sittlichen Gattungsgemeinschaft, erst durch Erziehung erreicht er sein wahres Selbst (Rousseau), erst als (männlicher) Staatsbürger (Nation von nasci = geboren werden) kommt er eigentlich zur Welt. Die leiblichen Eltern werden, etwa von Descartes, auf ihre physiologische Rolle reduziert, an ihre Stelle tritt Gottvater als eigentlicher Erzeuger. Während Johann Gottlieb Fichte das Geborenwerden gänzlich hinter der Selbstsetzung des vernünftigen Subjekts verschwinden lässt, würdigt Immanuel Kant immerhin den ersten Schrei des Neugeborenen einer Interpretation: dieser Schrei erscheint ihm als Protest gegen die Zumutung des gewaltsam-fremdbestimmten Geborenwerdens und als erste Einforderung von Autonomie. Der anschliessenden Frage, wie der Mensch in seinem späteren Leben Autonomie erreicht und absichert, wie er seine Vernunft von der (geburtlichen?) Verunreinigung durch Erfahrung, Interessen und Vorurteile reinigt, hat Kant bekanntlich seine gesammelte Aufmerksamkeit zugewandt.

Die erstaunliche Konzentration der Aufklärer auf die „Selbsthervorbringung“ (166) des Menschen bleibt allerdings nicht unwidersprochen: „So gern der Mensch alles aus sich selbst hervorzubringen wähnet, so sehr hanget er doch in der Entwicklung seiner Fähigkeiten von anderen ab“ schreibt zum Beispiel Johann Gottfried Herder um 1790. (166f)

Im zwanzigsten Jahrhundert treten die Existentialisten gegen rationalistische Engführungen der Philosophie an. Nach Martin Heidegger soll es von nun an um „Daseinsanalytik“ gehen: um die „Auslegung von Phänomenen des tatsächlichen Lebens“(171). Dieses tatsächliche Leben, das menschliche „Dasein“ erscheint ihm allerdings nicht als geboren, sondern als „geworfen“, das heisst: der Mensch weiss nicht, woher er kommt, er findet sich irgendwie vor und muss sich selbst „entwerfen“. Obwohl Heidegger die „Gebürtigkeit“ zuweilen als Existential benennt, wählt er letztlich „den Weg der Todesprivilegierung“ (179), was laut Christina Schües zur Folge hat, dass ihm menschliche Beziehungen und Pluralität seltsam neutralisiert, als Störungen erscheinen, denen der Mensch in seiner Suche nach Eigentlichkeit immer wieder „verfällt“. Weil Heidegger die Geburt nur als vergangenes vergessenes Ereignis, nicht aber als Anfang konkreter Bezogenheit und formende Matrix denkt, bleibt sein Denken, bei allem Willen zur Daseinsnähe, in einer seltsam weltlosen Isolation verfangen.

Wie das Geborensein denken?

Philosophie des GeborenseinsIm zweiten Teil ihrer Studie gibt Christina Schües sich selbst als Phänomenologin zu erkennen: anknüpfend vor allem an die Terminologie Edmund Husserls wagt sie sich an die Frage, wie denn nun dieses Ereignis, das wir alle hinter uns haben, ohne uns daran erinnern zu können, und seine Auswirkungen auf unser Dasein als Erwachsene angemessener zur Sprache kommen können als bisher. Nachdem sie verschiedene psychologische Deutungen der Geburt – Trauma oder Übergang? Kontinuität oder Bruch? Bedingung von Intentionalität oder Ur-Teilung? – hat Revue passieren lassen, befasst sie sich zunächst ausführlich mit der Frage, wie überhaupt etwas Vergessenes zur Grundlage menschlichen Selbstverständnisses werden kann. Begriffe wie „Spur“, „Leibgedächtnis“ und „Anonymität“ erweisen sich als hilfreich, und es zeigt sich, dass die Anderen, auf deren Erzählungen ich angewiesen bin, will ich etwas von meinem konkreten Anfang erfahren, notwendigerweise an Bedeutung gewinnen. Hatte Edmund Husserl die Konstituierung von Welt-Bedeutung noch im Rahmen einer „Transzendentalphänomenologie“ als vorstrukturierten Bewusstseinsakt zu erfassen versucht, so bewegt sich Schües auf eine „generative Phänomenologie“ (Kap.V) zu: das menschliche Subjekt soll nicht länger als isolierte Einheit missverstanden, sondern denkerisch eingebunden werden in die „kreuzweise Beziehungsstruktur von Geschichtlichkeit und Mitwelt“ (358). Denn jeder Mensch beginnt faktisch in einem Netz von Beziehungen, das ihm oder ihr Bedeutung vermittelt.

Nach einem langwierigen, fast qualvollen und wenig ertragreichen, vielleicht am besten denkgymnastisch zu verstehenden Durchgang durch das Werk Husserls, an das Schües Anschluss sucht, ohne ihn letztlich zu finden, gelangt sie schliesslich zur erlösenden Auflösung oder Modifikation der Frage, die Generationen von Philosophen beschäftigt hat: „Philosophisch kann nicht die Hauptfrage sein, wie ein Subjekt zur Beziehung kommt, sondern umgekehrt kann nun die Grundfrage gestellt werden, wie es denn sein konnte, dass jahrhundertelang der Mensch oder das Ego als isoliertes, beziehungsloses Wesen den Ausgangspunkt des Philosophierens bildete…“ (399)

Der Anspruch der von Schües vorskizzierten, weiter zu entwickelnden „generativen Phänomenologie“ liegt folglich „darin, dass von einer Normalität ausgegangen wird, die die Beziehungen an den Anfang setzt und diese Beziehungen als grundlegend für die Co-Konstitution von Selbst, Welt und Geschichte sieht. … Die weibliche Genealogie, die sich so klar und offen in einer generativen Phänomenologie darstellt, wird in dieser Perspektive zu ihrer ursprünglichen, primordialen Berechtigung gebracht werden können.“ (399)

Hannah Arendt weiter denken

Den bis heute gültigen Kanon „grosser“ Philosophen als Geschichte einer wesentlichen Auslassung noch einmal zu lesen, ist harte Arbeit, erst für die Schreiberin, danach auch für die Rezensentin. Aber diese Arbeit ist notwendig, wollen wir zu einem fundierten anderen Denken gelangen, das nicht (wie mancher Entwurf aus den feministischen Anfängen) der Illusion erliegt, ohne Anschluss an Tradition, im sprachlichen Nichts neu anfangen zu können. Auch jedes Denken unterliegt den Bedingungen der Gebürtlichkeit, kommt also aus einer Geschichte, zu der unweigerlich auch die blinden, kurz- oder schwachsichtigen Väter gehören.

Dafür, dass ich als Leserin den langen Weg durch die Wüste der Geburtsvergessenheit mit ihr gegangen bin, belohnt Christina Schües mich mit einem Schlusskapitel, in dem sie, gut vorbereitet durch den Kampf mit den Vätern, an die Mutter des gebürtlichen Denkens anknüpft: an Hannah Arendt. Sorgfältig zeichnet sie nach, wie Arendt die Geburt „in den Stand einer grundlegenden menschlichen Kategorie“ (401) erhoben und sich so von einem Denken des Menschen (im Singular) auf eine Denkweise zu bewegt hat, die genuin politisch ist, also die Pluralität, die Verschiedenheit der Menschen ins Zentrum rückt. Und Schües stellt die richtigen Fragen: Warum hat Arendt nicht bedacht, von wem wir geboren wurden? Warum ist ihr die grundlegende symbolische Unordnung, die durch den philosophischen „Muttermord“ (Irigaray, Cavarero, Muraro) entstanden war, entgangen? Warum hat sie die Geschlechterdifferenz nicht für ihr Denken fruchtbar gemacht? Warum hat sie ihre Kritik am „metaphysischen Trugschluss von zwei Welten, einer des (wahren) Selbst und einer der (blossen) Erscheinung“ (405) nicht zu Ende gedacht? – Trotz solcher kritischer Fragen hält Schües das Weiterdenken der Arendt’schen Denkansätze entschieden für die eigentlich zukunftsträchtige philosophische Arbeit – eine Arbeit, die, wie sie ausdrücklich anerkennt, DenkerInnen wie Adriana Cavarero, Luisa Muraro oder Hans Saner schon teilweise geleistet haben und die mit Konsequenz auf eine politische „Ethik der Beziehung“ (445-470) hinaus läuft.

Christina Schües beschliesst ihre zukunftsweisende Studie mit einem Epilog, in dem sie den „Angriff auf die Gebürtlichkeit“ (471) thematisiert, der durch die Reproduktionstechnologie mit ihrem Bemühen um eine Technisierung oder gar Abschaffung der menschlichen Geburt in die Welt gekommen ist. Bei aller Anerkennung der Brisanz dieser Problematik hätte ich mir doch einen anderen, einen gebürtig-hoffnungsvolleren Schluss gewünscht: etwa einen Vorschlag, wie wir erreichen können, dass nicht weitere Generationen von Philosophiestudierenden sich semesterlang die Blindheit der Väter als eigentlich ernsthafte Philosophie, gar als Wahrheit verkünden lassen müssen.

Christina Schües, Philosophie des Geborenseins, Freiburg/München (Alber) 2008, 507 S., 49 Euro.

Am 5. Dezember 2008 hält Ina Praetorius einen Workshop zum Thema im Bildungszentrum Singen.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 06.11.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elfriede Dehlinger sagt:

    Die medizinische Seite

    Im Arbeitskreis „Ethik in der Medizin“ an der Uni Ulm (unter FOHU bei Google zu finden) sind wir an der Frage: Wieso ist die Schwangerschaft zu einem Risikozustand geworden? Weshalb führt dieser „Zustand“ in über 30 Prozent der Fälle zu einem Kaiserschnitt? Wie werden Frauen informiert, dass sie sich darauf einlassen, den ganzen Schwangerschaftskalender mit seinen vielen Untersuchungen abzuarbeiten?

    Bei FOHU den 1. Eintrag anklicken. Dann bei „Vorträge“ den 2. mit dem Titel
    „Schwangerschaft und Geburt im 20. Jahrhundert“ herholen.

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