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Das Unglück als Folge des Bösen

Von Antje Schrupp

Bei unserer Beschäftigung mit dem Bösen in diesem Forum drehte sich die Diskussion häufig um die Frage, ob es richtig ist, unter diesem Begriff des „Bösen“ auch solche Quellen des Leids zu fassen, die nicht von Menschen gemacht, sondern „normal“ und „natürlich“ sind, wie zum Beispiel Krankheiten oder das (nicht-gewaltsame) Sterben. Bei unserer Redaktionsitzung im September, als wir Redakteurinnen das Thema diskutierten, brachten einige bereits Widerspruch gegen diese Gleichsetzung vor, und kürzlich hat Birgit Kübler in einem Kommentar geschrieben, sie verstehe nicht, „was am Sterben, was an einer Krankheit ‚böse‘ sein soll“. Sie findet auch die Reihung von Tod, Krieg, Arbeitslosigkeit „beliebig“ und bemängelt darin eine „Ungenauigkeit im Bezeichnen der leidvollen Erfahrungen des Lebens“ und eine Ignoranz gegenüber „Gewalt- und Armutserfahrungen, denen eine Herrschaftsstruktur zugrunde liegt“ (am Ende des Artikels).

Ich las Birgits Kommentar im Dezember 2008 in Brasilien, wo es gerade eine Überschwemmungskatastrophe gegeben hatte, bei der über hundert Menschen getötet und fast 100.000 Menschen obdachlos geworden waren. Ich verfolgte die Interviews der Betroffenen im Fernsehen: Ihre weinenden Gesichter, ihre Verzweiflung über den Tod von Angehörigen, die zerstörten Häuser und Lebensperspektiven – das alles vermittelte mir sehr stark den Eindruck, dass die Opfer diese Naturkatastrophe als etwas „Böses“ empfanden, das in ihr Leben eingebrochen war. Mich brachte das auf die Idee, ob es vielleicht möglich sei, sich über den Begriff des „Unglücks“ an das Thema anzunähern.

Nicht vom „Bösen“ (als aktivem Part) auszugehen, sondern vom Unglück, das Menschen erleiden, ist jedenfalls eine Perspektive, aus der die Ursache des Leids zweitrangig ist. Das Unglück ist zunächst dasselbe, ob das Haus nun von den Wassermassen der innertropischen Konvergenz oder von marodierenden Kriegshorden zerstört wird, ob die Tochter durch einen Autounfall, eine tödliche Krankheit oder eine Flutkatastrophe ums Leben kommt. Weshalb auch sollte der Verlust weniger schmerzlich empfunden werden, wenn die Ursache eine „natürliche“ ist?

Das Interesse an einer Unterscheidung zwischen „menschengemachten“ und „natürlichen“ Ursachen des Leids liegt, so vermute ich, nicht in erster Linie bei denen, die Unglück erleiden, sondern vielmehr bei denen, die es (noch) nicht erlitten haben. Denn sie haben noch die Chance, sich dagegen abzusichern. Nicht die Opfer, sondern die (noch) Nicht-Opfer des „Bösen“, wenn man so will, möchten das Böse verstehen, Schuldige identifizieren, Maßnahmen ergreifen, damit es sich nicht wiederholt und dann möglicherweise auch sie trifft. Das Unfallopfer, das bereits querschnittsgelähmt ist, hat jedenfalls nichts mehr davon, wenn die Straßen in Zukunft sicherer werden, und den Menschen, die jetzt in Brasilien ihre Häuser verloren haben, nützt es nichts, wenn in gefährdeten Regionen künftig keine Baugenehmigungen mehr erteilt werden.

Die Unterscheidung zwischen „natürlichem“ Leid und „bösem“, menschengemachtem Leid erscheint mir auch deshalb problematisch, weil sie selten überhaupt so genau möglich ist. Fast immer ist Unglück auf eine Mischung all dieser Faktoren zurückzuführen. Die brasilianische Theologin Ivone Gebara zitiert in ihrem Buch „Die dunkle Seite Gottes“ eine Frau aus einem Armenviertel, die Unglück folgendermaßen schildert: „Die Frauen in den Slums leiden alle unter denselben Problemen. Sie waschen die Wäsche. Wenn es Wasser gibt, fehlt die Seife. Wenn sie Seife haben, gibt es kein Wasser. Sie tragen einen Wäschezuber, um die Wäsche an einer Wasserstelle waschen zu gehen. Sie gehen zur Arbeit. Sie haben viele Kinder, für die sie sorgen müssen. Der Ehemann kommt oft entnervt nach Hause. Er trinkt, und die schwierige Situation verführt ihn zum Trinken. Die Frau streitet mit ihm. Oft ist sie sich nicht der Tatsache bewusst, dass es die Gesellschaft ist, die uns diese Momente der Müdigkeit, Aggressivität und Unruhe aufzwingt. Nachts wacht man auf, weil es in das Haus hineinregnet. Man hört die Ratten in der Küche. Man pflegt sein Kind, das sich am Fuß verletzt hat, als es mit dem Ball auf der Straße gespielt hat.“

Betis Beschreibung zeigt, wie unentwirrbar miteinander verbunden all die verschiedenen Faktoren sind: Die gesellschaftlichen Umstände (wenn es Seife gibt, gibt es kein Wasser, wenn es Wasser gibt, keine Seife), das individuelle Verhalten anderer Menschen (der trinkende Ehemann) sowie das eigene Zutun (viele Kinder bekommen), das Nichterkennen des Bösen, das als Schicksal akzeptiert wird, sowie die unvermeidlichen Unwägbarkeiten und Risiken des Lebens (der beim Spielen verletzte Fuß des Kindes). Oder, in den Worten von Ivone Gebara: „Jede persönliche Erfahrung mit dem Bösen macht die Erfahrung des Bösen insgesamt um so komplexer und schwerer verständlich, als die verschiedensten Elemente eine Rolle spielen. Es ist wie ein Labyrinth ohne Ausgang. Darin ist man versklavt und frei zugleich.“

Weil sich in jedem konkreten Unglücksfall die Ursachen des Leids unentwirrbar vermischen, ist es jedenfalls nur aus einer distanziert-objektiven Perspektive heraus möglich (und unter Umständen vielleicht auch sinnvoll), zwischen all diesen Ursachen zu unterscheiden, sie zu systematisieren und entsprechende Maßnahmen einzufordern. Wenn dies jedoch zu schnell geschieht, besteht die Gefahr, das Unglück der Opfer gerade aus dem Blick zu verlieren, das nämlich trotz aller Analysen real erlittenes, einzigartiges und nicht wieder rückgängig zu machendes Unglück ist.

Die „Leere“, die durch einen (vorläufigen) Verzicht auf Analysen entsteht, schafft erst den Raum, den es braucht, um die Erfahrungen der vom Unglück Getroffenen ernst zu nehmen. Jedenfalls empfand ich es als höchst wohltuend, dass in der Berichterstattung des brasilianischen Fernsehens nicht (wie es in Deutschland vermutlich der Fall gewesen wäre) sofort die Suche nach den Schuldigen losging, sondern sich viel Zeit genommen wurde, Mitgefühl mit den Betroffenen zu äußern, Spenden zu sammeln, die Opfer zu Wort kommen zu lassen.

Den „Knackpunkt“ in der Annäherung an das Böse nicht in der Quelle zu suchen – ist sie menschengemacht oder natürlich – bedeutet aber keineswegs, dass keine Unterscheidungen möglich sind. Simone Weil zum Beispiel schlägt eine andere Unterscheidung vor, die mich weit mehr überzeugt, und zwar die des freien Handelns oder des ohnmächtigen Erleidens. Eine schwere körperliche Verletzung zum Beispiel bedeutet unterschiedlich viel Unglück, je nachdem ob sie von einer Revolutionärin im Kampf gegen ein faschistisches Regime (also als Folge des eigenen freiwilligen Handelns) oder von einer Ladenbesitzerin bei einem Raubüberfall (die nichts dagegen tun kann) erlitten wird. Nicht die Verletzung oder der Verlust als solches verursacht Simone Weil zufolge das Unglück, sondern die Ohnmacht, die Erfahrung, als individueller Mensch keine eigene Rolle im Geschehen zu spielen. Und dieses Ohnmachtsgefühl gibt es eben häufig, ob es nun um eine tödliche Krankheit geht, um eine Naturkatastrophe, einen Krieg oder den Verlust des Arbeitsplatzes.

Die politische Frage – und Birgit Kübler hat Recht, wenn sie darauf besteht, dass es um diese gehen muss – wäre also nicht: Wie können wir das „Böse“ erkennen, vom natürlichen Leid unterscheiden und dagegen vorgehen, sondern: Wie werden Menschen im Angesicht des Unglücks frei, also in die Lage versetzt, sich nicht nur als Spielball der Gewalten zu sehen, sondern aufgrund ihres eigenen Denkens zu handeln und zu urteilen?

Dies zumindest wäre die politische Frage aus der Perspektive derer, die Unglück erleiden oder erlitten haben. Die Suche und Bestrafung der Schuldigen ist dabei nur ein und unter Umständen eher untergeordneter Aspekt. Ebenso wichtig ist die Arbeit am eigenen Selbstverständnis und Selbstbewusstsein. Vor allem aber kommt es darauf an, den Einzelfall in den Blick zu nehmen und keine pauschalen Lösungen zu suchen. Für diejenigen, die Unglück erleiden, sind nämlich die gesellschaftliche und die persönliche Perspektive auf eine Weise miteinander verbunden, wie es sich diejenigen, die Unglück nicht erlitten habe, kaum vorstellen können.

Welche Maßnahmen auch immer gesellschaftlich ergriffen würden: Sie werden niemals das Unglück generell aus der Welt schaffen. Die Notwendigkeit, sich der Frage zu stellen, wie Unglück nicht nur verhindert, sondern vor allem überlebt werden kann und inwiefern Menschen auch angesichts des Unglücks frei und handlungsfähig sein können, bleibt. Und dies ist keine psychologische Frage, sondern eine dezidiert politsche. Denn erstens sind frei denkende und handelnde Menschen die Grundlage alles Politischen, und zweitens ist die Frage der Handlungsfähigkeit und Freiheit keine nur individuelle, sondern eine der symbolischen Ordnung.

Die Unterscheidung zwischen „natürlichen“ und „menschlichen“ Quellen des Leids birgt jedenfalls die Gefahr in sich, diese Frage nach den Bedingungen der Handlungsfähigkeit der Einzelnen aus dem Blick zu verlieren. Denn in der Diskussion über das von Menschen verursachte „Böse“ spielen unweigerlich allgemeine Kategorien eine Rolle, sie sind immer Konvention. Ist es überhaupt „böse“, eine Frau zu vergewaltigen? Ist es „böse“, Arbeitsplätze abzubauen, damit die Firma konkurrenzfähig bleibt? Ist es „böse“, eine Krankheit, die nur wenige haben, nicht zu erforschen, um Geld für die Heilung verbreiteter Krankheiten zu haben? Die Antworten variieren von Epoche zu Epoche, von Kultur zu Kultur, von Partei zu Partei, von Mensch zu Mensch. Wer ist hier der Richter? Die Mehrheitsmeinung? Der liebe Gott? Die Vernunft? Ich?

Das Dilemma, das daraus entsteht, etwas in persönlicher Verantwortung als „böse“ zu identifizieren, was nach Ansicht der Mehrheit nicht böse ist (in seinem Fall: Adolf Hitler in den 1930er Jahren) hat vor allem den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer beschäftigt. Obwohl Bonhoeffer heute – wo sich die Mehrheitsmeinung im Bezug auf das „Böse sein“ Hitlers bekanntlich gewandelt hat – als Held des Widerstandes gefeiert wird, ist seine Ethik leider nicht sehr beachtet. Bonhoeffer empfand seinen Widerstand nämlich keineswegs als Kampf des „Guten“ gegen das „Böse“. Dass er Selbstmordattentate unterstützte, bei denen auch Unschuldige sterben konnten, hielt er für Sünde und fühlte sich keineswegs dadurch gerechtfertigt, dass es gegen einen „Bösen“ wie Hitler ging. Er war nicht der Meinung, dass er moralisch im Recht sei. Im Gegenteil: Er verurteilte Attentate, „musste“ sie aber dennoch unterstützten (vgl. dazu auch meinen Artikel „Über das Müssen„). Für diese seine persönliche Tat war Bonhoeffer auch bereit, gerade zu stehen. Seine Hinrichtung durch die Nazis empfand er nicht als „ungerecht“, sondern als folgerichtig (auch wenn er sich sicherlich gewünscht hat, ihr zu entgehen, was dann aber Glück gewesen wäre und nicht eine Art höherer Gerechtigkeit).

Bonhoeffer war, genau wie Simone Weil, ein religiöser Mensch. Der „Richter“ über das, was getan werden muss, war für beide Gott. Aber kein Gott, der seine Gebote in der Welt machtvoll durchsetzt, sondern einer, dessen Wille nur erkennbar ist für diejenigen, die Gott lieben. Simone Weil hielt sogar gerade das erlittene Unglück für die beste Quelle der Gotteserkenntnis, weil genau die damit verbundene Ohnmacht es Menschen überhaupt nur ermöglicht, von ihren eigenen Interessen und Meinungen abzusehen und die Realität in ihrer ganzen Wahrheit zu erkennen. So machte Weil aus der Leere, der Lähmung, der Orientierungslosigkeit im Angesicht des Bösen (aus dem Unglück also) einen Hebel, der zur Erkenntnis des göttlichen Willens, der Wahrheit des Seins führt (aber man könnte auch einfach ganz weltlich sagen: der Erkenntnis dessen, was „richtig“ ist) und damit zu der Stärke, die für freies Handeln im Angesicht von übermächtiger Herrschaft notwendig ist.

Die „Richtigkeit“ eines politischen Handelns zeigt sich also nicht darin, ob ich andere davon überzeugen kann, ob mein „Programm“ mehrheitsfähig ist. Die Gewissheit, die es braucht, um wie Bonhoeffer oder Weil politisch gegen den Mainstream und das, was im eigenen Umfeld jeweils für richtig und falsch gehalten wird, zu handeln, muss notwendigerweise persönlich sein, denn würde sich diese Gewissheit gesellschaftliche Macht verschaffen, wäre sie diktatorisch oder totalitär (ein Gottesstaat eben). Man kann natürlich versuchen, andere mit Argumenten von den eigenen Einsichten zu überzeugen, aber man kann sie nicht dazu zwingen, diese Einsichten auch zu haben.

Dies ist das Dilemma, in dem wir stehen, wenn es um das „Böse“ geht: Wir können andere nicht zwingen, einzusehen, dass das, was sie für „natürlich“ halten, aus unserer Sicht „menschengemacht“ ist. Diese Unterscheidung deshalb aufzugeben und sich auf die Perspektive derer einzulassen, die Unglück erleiden – aus welcher Quelle auch immer – ist kein moralischer Appell. Es ist vielmehr eine Haltung, die es uns ermöglicht, angesichts der Realität des Bösen politisch handlungsfähig zu bleiben (oder zu werden).

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 26.12.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Das böse Glück

    Meine Gedanken (zu Antjes Gutem bzgl. des Bösen) kann/darf ich hier mitteilen, – das wurde mir da oben hingeschrieben. Und so will ich die Gelegenheit nützen und ich will vor allem geDANKen sagen:
    ich danke allen, denen Antje in ihrem Beitrag das Wort erteilt hat!
    also danke ich vor allem zuerst Antje selbst, aber somit und gleichzeitig auch all den anderen, durch sie sprechenden, wie Ivone Gebara, Birgit Kübler, Simone Weil, Dietrich Bonhoeffer,…
    Ihr alle redet nicht über mein Unglück, sondern ihr sprecht zu und mit mir; mir, die ich das „Unglück
    habe an MS zu leiden“. –
    Das ist wunderbar! Drum danke ich euch allen. Und was ich im Einzelnen so wunderbar empfinde, ist in diesem Sinne alles unschwerlich in Antjes Text nachzulesen.
    Ich will nur noch dazu sagen und das klingt möglicherweise etwas überspitzt: ich danke auch diesem, „meinem“ Unglück, das seit über 20 Jahren zu meiner ständigen Begleiterin geworden ist! Also, dass ich mir die Begleitung selbst (aus)gesucht hätte… -so wird mir manchmal gesagt, ufff-, ist mir nicht bewusst. Sie ist einfach da, und ich lebe mit ihr. Die Frage, ob ich diese „Begleiterin“ nicht mehr haben wollen würde, stellt sich mir gar nicht, – jedenfalls so nicht.
    Denn heute steh -bzw. rolle ich, so wie es ist, mitten im Leben, – was immer das sein mag; und ich hoffe, so bleibt es auch dann, wenn das Rollen zum stillen Stand kommen sollte. – Aber nicht mißverstehen: bitte und gerne nehme ich weiterhin jede Linderung und Hilfe an, aber nur wenn ich die sein und bleiben kann und die ich in Begleitung geworden bin:
    ich bin schon immer Fidi Bogdahn,
    und das/die ist gut so!
    (…und wenn ihr mal wieder was für die MS-Gesellschaft spenden werdet, könnt ihr sicher sein, das Geld fließt an mir vorbei – rein in die Forschung. Und dort wird dann das „böse Unglück“ für mich so richtig bekämpft…na denn mal zu!)

  • birgit kübler sagt:

    kommentar zu fidi bogdahn

    liebe fidi bogdahn,
    ich finde das auch etwas seltsam, dass vom unglück nur als etwas gedacht wird, das andere betrifft. Aber so ganz schlau kann ich aus deinem schreiben nicht werden.

  • birgit kübler sagt:

    Jede Aussage ist vorläufig

    Liebe Antje Schrupp,
    Deine Einführung des Begriffs „Unglück“ gefällt mir wesentlich besser, als der moralisierende Begriff des „Bösen“, und ich finde es befreiend, dass du dadurch die politische Perspektive der persönlichen Handlungsfähigkeit ins Zentrum rückst, was bisher eher als Rückzugsstrategien vom „wirklichen“ Leben zum Zwecke des Gut-Bleibens zu verstehen war.
    Etwas verworren finde ich die Unterscheidung in diejenigen, die Unglück erlitten haben und diejenigen, die das noch nicht erlebt haben. Wer bitte sollte das sein? Es bleibt immer noch eine Spaltung im Denken. Nun ist es nicht mehr: „Wir sind gut, das Böse ist woanders“, sondern „Uns geht es gut, das Unglück erleiden die anderen.“ (Das scheint auch Fidi Bogdahn zu nerven, wenn ich das gerade richtig verstanden habe.)
    Ich vermute, dass meine Formulierung des Beobachtens Missverständnisse hervorgerufen hat. Dies war keine Aufforderung zu politischer Analyse.
    Das Beobachten von Leid ist eine Möglichkeit auf die Krishnamurti hingewiesen hat, und dieses Tun ist vielleicht die radikalste Möglichkeit zu handeln. Das ist schwer zu verstehen, und ich weiß nicht, ob ich das gut vermitteln kann, denn ich erfasse das nur bruchstückhaft und vor allem intuitiv, aber es ist ganz in eurem Sinne.
    Also: Wenn mich etwas quält, und ich schaue mir das genau an – ich laufe nicht davor weg, ich wehre mich nicht dagegen, ich suche keine Schuld in anderen, ich sehe mir das einfach nur an, ich hänge nicht an einer Vorstellung von Glück, ich höre auf zu denken, dass ich aber etwas Besseres verdient hätte, wie gesagt: ich sehe mir das einfach nur an und bin das Leiden, sonst nichts. Dann werde ich bemerken, dass das Leiden vorüberzieht, wie alles vorüberzieht. Ich bemerke zum Beispiel die Haus-wand gegenüber, weil mein Blick aus dem Fenster gleitet. Und erst in dem Moment, wo ich wieder in der Gegenwart stehe, in der das Leiden nicht mehr ist, bin ich frei von Leid. Deshalb, so sagt Krishnamurti, ist richtiges Beobachten ein Handeln.
    Diese Praxis ist ebenso wie die Techniken, die Butarelli vorschlägt eine sehr individuelle Praxis, die sehr viel Zeit und Konzentration, das heißt auch Zurückgezogenheit verlangt. Auch sie ist eine psychische Strategie. (Ich habe den Eindruck, dass auf meine Begriffe allergisch reagiert wird, ohne die Zusammenhänge, in die ich sie stelle, so wahrzunehmen, wie ich mir Mühe gebe, sie zu formulieren.) Von der Perspektive der Einzelnen aus, die auch die meine ist, ist das keine dezidiert politische Strategie, obwohl das natürlich die Gigapolitik wäre, könnten alle diese Praxis üben.
    Natürlich ist das Private politisch und die Zusammenhänge von Individuellem und Politischem im Be-reich des Erlebens untrennbar. Meine Politik findet seit Jahren ausschließlich auf der symbolischen Ebene statt.
    Ich denke aber, dass es, um Erkenntnis zu gewinnen, um im Leben handlungsfähig zu sein, gut ist, wenn man weiß, wo man steht. Stehe ich hier auf dem Marktplatz, bin ich in meinem einsamen Kämmerlein, mit Freundinnen am Tisch oder vor einem Richter?

    Sofern man das Privileg hat, gerade wieder frei von Leid zu sein, sollte man auch nicht darauf verzichten, sich ein Urteil über dieses Leid zu bilden. Manchmal lässt sich da nicht nur etwas denken, sondern auch verhandeln, und auch hier gibt es riesige graduelle Unterschiede. Auch „menschengemacht“ ist nicht gleich „menschengemacht“.
    Man muss nicht gleich an totalitäre Systeme denken, wenn man einen klaren Gedanken formuliert. Jede Aussage ist vorläufig. Sonst bräuchten wir hier nicht zu reden.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    weitergedacht

    Ich schrieb anfangs von mir als eine „die das Unglück hat an MS zu leiden“. Nun sehe ich mich eingerahmt zwischen Antjes und Birgits hingeschriebenen Gedanken.
    Einerseits koste ich von dem Honig eures Sprechens, andererseits sehe ich euch und eure Worte als Teil eines Rahmens, der mich und meine Worte umgibt, der mich aber nicht einengt, sondern wie beim bekannten Bild der Bienenwaben ein Teil dessen ist, in dem ich und allllllle anderen um mich ebenso verwoben sind, jede in ihrem symbolischen Raum (Wahrnehmen, Urteilen, Sprechen und Handeln eingeschlossen).
    Wenn ich nun – zusammen mit euch – aus diesem Rahmen voller Erträge geschleudert werde, dann fließt Honig heraus; und dieser Honig wird in seinem Geschmack, seiner Konsistenz etc einzigartig sein – durch den Nektar all der verschiedenen Blüten, die die Bienen angeflogen haben (und wir hier bei „bzw“ sind doch bunt und weit(er) und glücklicherweise keine Monokultur im Denken).
    In diesem Sinne rückschauend auf meinen obigen Gänsefüßchengedanken heißt das:
    Für mich ist es kein UnGlück, MS „bekommen“ zu haben, aber es ist ebenso wenig ein Glück; ein Leid ist es schon, aber das heißt doch nicht, dass ich damit verurteilt bin, daran leiden zu müssen!
    Ich habe z.B. einen Rollstuhl; der ist mir soo wichtig geworden. Ich lebe damit in meinem Sinne. Aber ich bin nicht dran gefesselt!! Wie immer wieder von anderen über RollstuhlfahrerInnen -erst das Leid bringend – von außen interpretiert wird.
    Ich meine, wenn ich mein eigenes Leben in den Mittelpunkt meines Denkens stelle (das heißt für mich in Beziehung mit allen/m um mich herum sein!), und wenn ich davon ausgehe, dass andere das auch so tun, dann erst mag ich (von mir) hier sagen: Leid ist normal, auch in dem Sinne, dass alle Menschen im Leid sind!
    Es ist ja nicht nur das als „Leid“ zu nennen, das ich selbst erfahre(n habe) oder das ich mir noch vorstellen kann; das meiste Leid ist doch unvorstellbar oder wird erst gar nicht als solches wahrgenommen -´“es“ passt dann einfach was nicht in unseren abgesicherten, vorgeplanten Kram und der Wahrnehmung davon … mit allen bekannten Folgen.
    Und gegen solch unvorstellbares bzw. KramLeid gibt es keine wirkliche Absicherung.
    Natürlich gibt es für mich auch kein „böses“ Glück…; nur bei entsprechender Betrachtung im vermeintlichen Wissen, was Böse, was Unglück – vor allem für andere – ist, gibt es dieses „böse Unglück“.
    Antje, die Antwort auf die von dir gestellte politische Frage: „Wie werden Menschen im Angesicht des Unglücks frei, also in die Lage versetzt, sich nicht nur als Spielball der Gewalten zu sehen, sondern aufgrund ihres eigenen Denkens zu handeln und zu urteilen?“ kann nicht eine Handlungsanweisung für die besondere Unglückzeit sein;
    da ist vor allem Erste Hilfe etc. gefragt! Meine hier geschriebenen (Ant)Worte kommen aus der Zeit des ohne „UnGlückSeins“. Denn ich wusste auch damals schon, dass Leid nicht etwas ist, das nur andere (be)trifft. Es war immer auch da, ebenso wie das Glück. Das zu wissen/zu leben ist meine Freiheit, aus der heraus ich handeln und urteilen kann!

  • Dorothee Markert sagt:

    Böses wird anders erlebt als anderes Unglück

    Auch wenn es verführerisch logisch klingt, aus der Sicht der Betroffenen nicht zwischen dem Bösen, das Menschen einem antun, und einem anderen Unglück zu unterscheiden, und damit das Böse zu relativieren und es hinter den anderen unheilvollen Erfahrungen verschwinden zu lassen, die Menschen machen können, bin ich nicht mit dieser „Lösung“ einverstanden. Mich schmerzt es jedenfalls ganz anders, wenn mir jemand aktiv und absichtlich weh tut oder mich sonstwie schädigt. Während Schmerzen durch Unfälle, Krankheiten oder einen Verlust von Geld oder Dingen mit der Zeit verblassen, scheint der Schmerz, dass mir jemand absichtlich weh getan oder mich geschädigt hat, viel lebendiger in Erinnerung zu bleiben. Hier findet noch zusätzlich zum „Unglück“ eine tiefe Verunsicherung statt: meine kindliche Vorannahme, dass Menschen einander im allgemeinen freundlich oder doch zumindest gleichgültig begegnen,wird erschüttert. Außer dem Schock, von einem Unglück betroffen zu sein, kommt hier noch eine andere Art „Grauen“ hinzu, das Erschrecken darüber, dass Menschen „so etwas“ tun.
    Karl Jaspers unterscheidet das „Unheil in der Natur, in allem Lebendigen und so (auch) im Menschen“ von dem Bösen, das der Mensch sich selbst und das Menschen einander antun. Das Unheil in der Natur, das er als „Übel“ bezeichnet, entspringe einer blinden Notwendigkeit, das Böse einer sehenden Freiheit. Der Erbarmungslosigkeit der Natur müsse der Mensch sich fügen, soweit er ihrer nicht „Herr“ werde. Eine andere Sache sei die Erbarmungslosigkeit dessen, was Menschen aus ihrer Freiheit sich selber und einander antun.
    In den Diotima-Texten spielt diese Unterscheidung deshalb keine Rolle, da hier die Arbeit des NEGATIVEN das Hauptthema ist, nur in dem Buttarelli-Artikel geht es explizit um das Böse.

  • Antje Schrupp sagt:

    Freiheit, Bezogenheit und das Böse

    Dass das „Böse“ im Unterschied zum „Unglück“ als Folge der menschlichen Freiheit interpretiert wird, wie Jaspers das tut (und nicht nur er, es ist eine verbreitete Annahme in der westlichen Philosophie) ist gerade das, was ich bestreite. Denn ich teile diese Vorstellung von Freiheit, die sozusagen losgelöst von der eigenen Bezogenheit in die Dinge sich für das Böse „entscheidet“, nicht mehr (vgl. dazu Iris Murdoch, die ich in meinem Artikel „über das Müssen“ zitiere). Und auf der anderen Seite gibt es auch die „blinde Natur“ heute nicht mehr, wo natürliche Übel meist auch verwoben sind mit menschlicher Verantwortlichkeit, weil wir ja fast nie „der Natur“ unmittelbar ausgeliefert sind, sondern praktisch immer „Kultur“ dazwischen geschaltet ist. Meine These ist eben, dass beides sich nicht wirklich trennen lässt. Das zeigt sich auch an deinen Beispielen, Dorothee, wie Leid unterschiedlich erlebt wird. Der Unterschied ist, ob du in einer Leid-Situation Beziehungen siehst, herstellst und ihnen Bedeutung gibst, oder nicht – es ist ein Unterschied, ob mir jemand Leid zufügt, die ich für eine Freundin gehalten habe, oder jemand Fremdes, der gerade durch das Fremdsein, die Beziehungslosigkeit, gewissermaßen in den Bereich der Natur „überwechselt“. Es gehört, glaube ich, zu dem, was ein Kind lernen muss, dass andere Menschen ebenso wie die Natur potenziell „böse“ sein, also mir Unglück zufügen können. Im Umgang mit Gewalterfahrungen zum Beispiel ist es befreiend, das Leid, das andere mir zufügen, von der persönlichen Beziehung zu lösen und als strukturelles Phänomen zu sehen (die Vergewaltigung gilt nicht nur mir als Person, sondern ist eine Folge hierarchischer Geschlechterverhältnisse zum Beispiel). Ich kann also bis zu einem gewissen Grad das „Böse“ zum „Unglück“ machen, indem ich die Beziehung zum Urheber des Unglücks verändere oder auch löse. Den Unterschied zwischen dem „Negativen“ und dem „Bösen“ würde ich vielmehr darin sehen, ob es kreatives Potenzial hat (das Negative zum Beispiel, das verkrustete Strukturen auflöst und Raum für Neues schafft) oder ob es einfach nur Unglück hervorbringt, ohne dass ein weiterer Sinn darin liegt (die Vergewaltigung, der tödliche Unfall).

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Weitere Gedanken

    Jetzt kommen noch – etwas verspätet – paar Gedanken von mir zu Dorothees Reaktion auf Antje ThemenBeitrag bzw. auf die Zuschriften: Mir geht es schon auch so, dass ich es unterschiedlich empfinde, ob ich eine allgemeine Krankheit etc erlebe oder persönliche Kränkung etc. Es bleibt nicht beim Empfinden, sondern es erfolgt ein je anderes Handeln.
    Du, Dorothee, schreibst von deiner Verunsicherung der kindlichen Vorannahme…, die erschüttert wird; ja, das kenne ich in mir, aber ich weiss heute zusätzlich, dass dieses Erschrecken eigentlich meine positive Grundannahme nur bestätigt; denn dieses erfahrene Böse ist immer eine – mich zutiefst treffende – Ausnahme, also letztlich eine Bestätigung der Urerfahrung, MIT der ich in Wirklichkeit lebe. Und „mein Grauen“ ist für mich, bei allem, was ich auch erlebe, dann am größten, wenn ich merke, dass auch ich „so etwas tue“ -wie „gering“ es auch sein mag (und da will ich für andere deren erlebtes „Tun“ keineswegs alles gleichsetzen!).
    In dieser meiner Sichtweise könnte ich, ja müsste ich, verrückt werden, hätte ich nicht gleichzeitig mit der Ursicht auch das Wissen um die Kraft der Vergebung mitbekommen. Den Zugang zu dieser Kraft muss ich mir immer von neuem freilegen. Das ist nstrengend. Aber anders kann ich nicht leben,
    genauso wie ich die Existenz der Unabänderlichkeit von so vielem Unglück kenne.
    Ist also das Böse immer auch ein Begriff bzw. ein Erleben aus dem Religiösen??
    Und, Dorothee, verstehe ich deinen Hinweis auf die Arbeit des NEGATIVEN recht, dass damit eben nicht eine Abstufung in der Bewertung von Unglück/Bösen (welches ich persönlich sehr wohl unterschiedlich empfinden kann!) gemeint ist, sondern dass das Negative als selbstverständlicher Teil des Seins gesehen wird; und das heißt eben, dieses „Negative“ nicht automatisch als etwas Böses zu sehen,
    sondern dass – so gesehen – im Anblick dessen frei und anders gehandelt werden kann?
    Ich danke euch Schreibenden für all eure Gedanken zu dem Thema!
    Gruß von Fidi

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