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Literarische Strategien Hedwig Dohms

Von Juliane Brumberg

„In meinen Romanen schrak ich vor nichts zurück“

Hedwig DohmHedwig Dohm: natürlich wusste ich, dass sie eine der wichtigsten und konsequentesten Frauenrechtlerinnen des 19. Jahrhunderts, der ersten Frauenbewegung, war, aber Genaueres wusste ich nicht. Inzwischen habe ich herausgefunden, welche Fülle von Veröffentlichungen es zu und von Hedwig Dohm gibt, sogar eine eigene Homepage. Der Anstoß, mich mit ihr zu beschäftigen, war jedoch das jüngst erschienene Buch „Literarische Strategien Hedwig Dohms“ von Gundula Thors. Der Titel und der Untertitel „In meinen Geschichten schrak ich vor nichts zurück“ weckten meine Neugier. Über ihre literarischen Strategien wollte ich Hedwig Dohm endlich näher kennenlernen. Das hat funktioniert.

Mich reizte, dass Hedwig Dohm offenbar ihre politischen Ziele nicht nur über sachliche Texte, sondern auch auf der künstlerischen, literarischen Schiene unter die Frauen (und Männer?) bringen wollte. Schnell zeigte mir die Lektüre, dass Hedwig Dohm nicht nur eine besondere, sondern eine wirklich außergewöhnliche Frau gewesen sein muss, und zwar weniger in Bezug auf ihr Auftreten in der Öffentlichkeit – da scheint sie gütig und zurückhaltend, wenn auch eindeutig in ihren Forderungen gewesen zu sein – sondern eher, was die Klarheit und Weitsicht ihres Denkens und politischen Begehrens angeht. Wie hätte Hedwig Dohm wohl die neue Frauenbewegung nach 1968 erlebt? Und welche Rolle hätte sie eingenommen, als die Frauen das, was sie schon vor mehr als 100 Jahren erkannt und gefordert hatte, auf breiterer Ebene neu entdeckten und nun endlich umsetzen konnten? Sie war ihrer Zeit voraus: Zu ihren Lebzeiten wurden ihre Schriften außer in den einschlägigen intellektuellen Kreisen eher belächelt und nicht weiter für wichtig befunden, so hielt es insbesondere auch ihre Nachkommenschaft.

Hedwig Dohm, geboren 1831, wuchs in Berlin in einer kinderreichen Familien auf und haderte schon früh damit, dass ihr nicht dieselbe Bildung wie ihren Brüdern zuteil wurde. Ihre Schulzeit endete mit 15 Jahren, später durfte sie immerhin eine Lehrerinnenausbildung absolvieren. Darüber hinaus eignete sie sich autodidaktisch eine Fülle von Wissen an. 1851 heiratete sie Ernst Dohm, Redakteur der satirischen Zeitschrift Kladderadatsch, und bekam mit ihm fünf Kinder sowie Zugang zu völlig neuen gesellschaftlichen Kreisen. Im berühmten Salon der Dohms trafen sich Künstler, Wissenschaftler und Politiker.

Hedwig Dohms in den 1870er Jahren erhobene Forderungen nach völliger rechtlicher, sozialer und ökonomischer Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie dem Stimmrecht für Frauen machten sie zwar berühmt, stießen jedoch bei der damaligen bürgerlichen Frauenbewegung, die sich auf die Wohltätigkeit für ledig gebliebene Mütter und den Einsatz für eine bessere Schulbildung von Mädchen beschränkte, auf Ablehnung. Diese Forderungen erschienen der damaligen Frauenbewegung zu radikal. Hedwig Dohm aber ließ nicht locker. Sie schrieb neben vielen politischen Essays zunächst Theaterstücke und nach dem Tod ihres Mannes ab 1883 auch Novellen und Romane. Es war ihr ein Anliegen, die Leserinnen auf einer anderen Ebene anzusprechen.

Hiermit nun beschäftigt sich Gundula Thors. Sie arbeitet heraus, wie Hedwig Dohm am Beispiel von Romangestalten ihre Leserinnen immer wieder darauf aufmerksam machte, dass sie nur durch Bildung und umfangreiches Wissen zu einem eigenen Urteilsvermögen kommen können. Sie wählte in der Regel leicht nachvollziehbare Themen, sie wollte unterhalten. Doch ihr Ziel war, auf diesem Weg Neugierde und Verständnis für reformerische Bildungsideen zu wecken. Besonders spannend ist, wie Hedwig Dohm mit dem „Selbsteigenen“ umgeht, also die Frage thematisiert, was inmitten der patriarchalen Welt und der patriarchalen Sprache das wirklich Eigene ist. Hierbei plädierte sie für den suchenden und mutigen Weg, indem sie ihre Romanfigur es vorziehen ließ, „auf ein falsches Geleise zu geraten, denn sich auf alten Geleisen weiter zu bewegen.“

Häufig bediente sich Hedwig Dohm einer sehr schwülstigen Sprache, doch nicht, wie Gundula Thors nachweist, weil sie es nicht besser konnte, sondern um das in jener Zeit durch genau diese Sprache vermittelte Frauenbild ad Absurdum zu führen.

Als weitere Taktik Hedwig Dohms beschreibt Gundula Thors das Zurückgreifen auf bekannte Protagonisten und Protagonistinnen anderer Autoren in leicht abgewandelter Form. Sie wollte den Leserinnen mit zunächst vertrauter Handlung den Zugang erleichtern und überraschte dann später mit unerwarteten Wendungen oder auch Persiflierung der Vorlage. Dies beschreibt Gundula Thors an Beispielen von Ibsen, Gerhard Hauptmann, Chamisso und nicht zuletzt Goethe. Für mich ein anregender Nebeneffekt der Lektüre: hier mit meinem heutigen Horizont den Themen des einstigen Deutschunterrichts wieder zu begegnen und diese ein wenig entzaubert zu erleben.

Noch interessanter wird es umgekehrt: Gundula Thors stellt dar, dass wichtige Figuren, die in Effi Briest von Theodor Fontane und den Buddenbrooks von Thomas Mann auftauchen, schon Jahre früher und mit andern Intentionen von Hedwig Dohm skizziert wurden. Literatur von Frauen galt damals zwar als nicht besonders wertvoll, reichte offenbar aber aus, sich von ihr inspirieren zu lassen!

Gundula Thors tappt nicht in die Falle, Hedwig Dohm über einen Mann, ihren berühmten Schwieger-Enkel Thomas Mann zu definieren (was immer wieder geschieht), aber sie enthält uns auch nicht vor, mit welch herablassendem Wohlwollen dieser die Großmutter seiner Frau Katia Pringsheim in „Little grandma“ über ihre Äußerlichkeiten beschreibt und ihre Romane aufgrund ihrer frauenpolitischen Thematik als „nicht gerade sehr wichtig“ abtut. Genau dies spiegelt, so Gundula Thors, „die gesellschaftlich sanktionierte Geschlechterhierarchie und zeigt exemplarisch, wogegen Hedwig Dohm sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gewehrt hat.“

Wie erfolgreich Hedwig Dohm mit ihren literarischen Strategien war, ob die Leserinnen ihre Botschaften empfangen haben, wie viele Leserinnen es überhaupt gab, darüber erfahren wir leider nichts. Trotzdem halte ich es für bemerkenswert, dass wir durch dieses Buch nachvollziehen können, in welch intelligenter Weise Hedwig Dohm der Tatsache Rechnung getragen hat, dass gute und wichtige Inhalte auch einer entsprechenden Verpackung bedürfen. Vielleicht war sie auch hierin ihrer Zeit voraus.

Obwohl es sich bei dem Buch um die Magisterarbeit von Gundula Thors handelt, die ohne eine gewisse Formalität und einen gewissen Fachduktus nicht auskommt, ist es nicht nur für Literaturwissenschaftlerinnen und Germanistinnen interessant. Im Gegenteil: es hat mich inspiriert, mich nun auch mit den Originaltexten von Hedwig Dohm, ihren Essays, ihren Romanen und ihrer Biographie zu beschäftigen.

Gundula Thors, Literarische Strategien Hedwig Dohms, trafo Verlag Berlin 2008, 199 S., 29,80 Euro. ISBN 978-3-89626-767-2

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 10.12.2008

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