beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik hervorbringen

Neue Gedanken in die Welt bringen

Von Antje Schrupp

Das Internetprojekt „beziehungsweise weiterdenken“.

Wie können neue Gedanken und Ideen in der Welt zirkulieren? Diese Frage stand hinter der Gründung des Internetprojekts „beziehungsweise weiterdenken“, das im Januar 2007 online gegangen ist. Hervorgegangen war es aus dem Wunsch nach einer deutschsprachigen Publikation für feministische philosophische und politische Themen. In einer kleinen Gruppe hatten wir, angeregt von der Rüsselsheimer Verlegerin Christel Göttert, die Möglichkeiten eines solchen Projektes ausgelotet. Wir wünschten uns ein Forum, in dem wirklich freies Denken möglich ist, in dem neue und ungewöhnliche Gedanken zirkulieren können, in dem es keine ideologischen Einschränkungen gibt und die unterschiedlichen Strömungen der Frauenbewegung wieder miteinander ins Gespräch kommen.

Dahinter stand unsere Erfahrung als publizierende, schreibende, denkende Frauen, dass es innerhalb der etablierten Medien kaum möglich ist, etwas öffentlich zu sagen (und damit Gehör zu finden), das nicht den Klischees und Erwartungen entspricht. Andererseits kannten wir alle auch diese positiven Momente: Begegnungen und Gespräche, bei denen überraschende, befreiende Gedanken und Erkenntnisse entstehen, aus der Lust am gemeinsamen Denken. Manchmal sind solche Ideen noch unfertig, aber fast immer befreiend, inspirierend, Weg weisend – und auf eine bereichernde Weise konfliktreich. Wir fragten uns also: Was macht den Unterschied aus? Woher kommt zuweilen diese Qualität des Gesprächs, des gegenseitigen Austauschs, die wir im öffentlichen Diskurs so häufig vermissen?

Die französische Philosophin Simone Weil hat darauf hingewiesen, dass es anstrengend ist und großer Aufmerksamkeit bedarf, eine neue Idee aufzunehmen und zu begreifen. Aufmerksamkeit ist aber – heute noch mehr als zu ihrer Zeit – ein rares Gut. Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Vielen hat in den Medien zu immer spektakuläreren Bildern, pauschalen Zuspitzungen, dramatisierenden Darstellungen geführt.

Aber entsteht Aufmerksamkeit, wenn immer lauter, greller, bunter geschrien wird? Simone Weil schenkt uns eine andere Erklärung: Wenn jemand versucht, etwas Neues darzulegen, schreibt sie, dann „wird man nicht auf ihn hören; weil die anderen diese Wahrheit nicht kennen, werden sie sie nicht als solche gelten lassen; sie begreifen nicht, dass das, was er ihnen da vorträgt, wahr ist; sie widmen dem nicht genügend Aufmerksamkeit, um es zu merken; denn nichts treibt sie, diese Anstrengung der Aufmerksamkeit zu leisten. Die Freundschaft aber, die Bewunderung, die Sympathie oder jedes andere Gefühl des Wohlwollens würde sie ohne weiteres zu einem gewissen Grad der Aufmerksamkeit veranlassen. Ein Mensch, der etwas Neues zu sagen hat – denn die Gemeinplätze bedürfen keiner Aufmerksamkeit -, kann zuerst nur bei denen Gehör finden, die ihn lieben.“

Simone Weil formuliert hier die große Bedeutung, die Beziehungen für den öffentlichen Diskurs haben. Sie schildert eine Erfahrung, die auch wir, die Initiatorinnen dieses Forums, selbst schon gemacht haben, in gemeinsamen Gesprächen und Treffen, bei öffentlichen Veranstaltungen in Frauenräumen, in Mailinglisten, bei Projekten. In einem Medium, in dem Autorinnen, Leserinnen und Redakteurinnen über Beziehungen miteinander verbunden sind, werden – so hoffen wir – Texte mit der notwendigen Aufmerksamkeit gelesen, auch wenn sie Gedanken enthalten, die eine vielleicht erst einmal sperrig oder sogar falsch findet.

Bei unseren Planungen wurde rasch deutlich, dass eine Internetplattform im Vergleich zu einer auf Papier gedruckten Zeitschrift die bessere Lösung ist: Nicht nur ist das Publizieren im Internet schneller und aktueller, auch die Herstellung ist viel einfacher – wir müssen uns nicht um Druck und Vertrieb und dergleichen kümmern. Außerdem kann man im Internet über Links Verweise zu anderen Texten herstellen und Themen immer wieder neu gruppieren – ideal also für die Pflege von Beziehungen, die ja auch Beziehungen zu den Gedanken und Ideen von anderen bedeuten. Und schließlich ist das Internet auch billiger. Für die Leserinnen ist das Angebot kostenlos, für uns war es bezahlbar.

Das Internet ist dabei nach unserem Verständnis kein virtueller Raum. Es kann nur sichtbar machen, was real ist, und seine Lebendigkeit gründet, wie alles im Leben, auf den konkreten Beziehungen zwischen Menschen aus Fleisch und Blut. Das Internet bietet lediglich eine leicht handhabbare Möglichkeit, sich zu den Ideen und Gedanken anderer in Beziehung zu setzen – sei es durch eigene Textbeiträge und Kommentare oder durch – im Sinne von Simone Weil – „liebevolles“ (und das heißt immer auch: kritisches) Lesen und Weiterdenken.

Derzeit sind wir sind neun, durchaus unterschiedlich aktive Redakteurinnen, und wir treffen uns etwa zweimal im Jahr zu einer ganztägigen Redaktionssitzung. Zwischendurch verständigen wir uns auf einer Mailingliste. Bei den Texten lassen wir uns gegenseitig freie Hand – es muss keinen Konsens von allen geben, bevor ein Text online geht, jede Redakteurin kann eigenverantwortlich neue Artikel einstellen oder Frauen, die etwas Interessantes zu sagen haben, einladen, etwas zu schreiben. Wenn sie mag, kann sie sich natürlich vorab mit einer anderen absprechen oder beraten.

Wie zu erwarten war, verläuft dieser Prozess auch bei uns nicht ohne Konflikte. Nicht einig sind wir uns zum Beispiel in der Frage, ob auch Männer als Autoren zugelassen sind oder nicht. Es ist nur schwer, einen solchen Dissens durch eine Mehrheitsentscheidung einfach aufzulösen, sondern aus- und offen zuhalten. Das Verhältnis der Frauenbewegung zu den Männern war jedenfalls nicht zufällig ein Themenschwerpunkt; Dorothee Markert hat ihn mit einem Artikel zum Thema „Traumatisierungen zwischen Frauen und Männern“ angeregt.

Inzwischen hat sich im Umfeld der Redaktion ein Kreis von Autorinnen gebildet. Insgesamt 47 Frauen haben bisher Beiträge beigesteuert, viele davon nur einen, manche schreiben aber auch immer wieder mit einer gewissen Regelmäßigkeit, darunter zum Beispiel Andrea Günter und Ina Praetorius. Über 100 Artikel stehen inzwischen auf der Seite, die Genres reichen von politischen Kommentaren und philosophischen Texten über Porträts und Glossen bis hin zu Gedichten und Rezensionen von neuen Büchern oder Ausstellungen. Manchmal dokumentieren wir auch Diskussionen, die auf Mailinglisten oder bei Veranstaltungen geführt wurden, zum Beispiel eine sehr kontroverse E-Mail Auseinandersetzung, die wir in der Redaktion zum Thema Spiritualität geführt hatten. Mit einem Newsletter informieren wir regelmäßig über alles, was neu im Forum ist – ungefähr einmal im Monat.

Besonders erfreulich ist, dass es, zumindest in Ansätzen, auch gelingt, nicht nur einzelne Artikel zu haben, sondern Diskussionszusammenhänge, die ein bestimmtes Thema aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Positionen aufgreifen. Ein Interview mit der Biologin Florianne Koechlin hat zum Beispiel eine Diskussion über das Verhältnis von Mensch und Natur angestoßen, aus Anlass des Bestsellererfolgs von Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“ entspann sich eine Debatte über die Frage, wie öffentlich über weibliche Sexualität geredet werden kann. Auch über den Wahlkampf in den USA, über die neue Feminismusdiskussion, über Essstörungen und vieles andere wurde inzwischen schon geschrieben. Eine Stichwortsuche ermöglicht es, das Forum gezielt nach Themen zu durchsuchen.

Schließlich berichteten wir über interessante Projekte und feministische Veranstaltungen, die von den Mainstream-Medien ignoriert werden: So haben die etablierten Zeitungen weder über einen interdisziplinären Kongress im Februar diesen Jahres an der Universität Frankfurt zum Thema „Neuer Feminismus“ noch über einen „Internationalen Muttergipfel“ im Mai in Karlsruhe berichtet, obwohl beide Veranstaltungen Hunderte von Teilnehmerinnen anzogen und mit hochkarätigen Referentinnenlisten aufwarteten.

„Beziehungsweise“ als Organisationsprinzip bedeutet nicht, dass nur diejenigen eingeladen sind, die uns bereits kennen. Wir freuen uns über alle, die sich mit eigenen Gedanken und Texten an diesem Projekt beteiligen möchten. Jede Frau, die einen Text veröffentlichen möchte, kann sich an eine Redakteurin wenden oder über eine Autorin Kontakt aufnehmen – zu jeder Mitwirkenden gibt es eine eigene Seite mit biografischen Informationen und Kontaktadressen. Wo noch keine Beziehungen sind, können ja immer neue entstehen.

Natürlich sagen statistische Zahlen nichts aus über die Intensität der Nutzung, aber sie geben doch einen Hinweis darauf, dass das Forum auf Interesse stößt: Bis August hatten wir über 400 Newsletter-Abonnentinnen, und pro Monat haben wir um die 8000 Besucherinnen auf den Seiten. Alles in allem hat uns das Projekt bisher rund 3500 Euro gekostet, die wir erst einmal aus eigener Tasche finanziert haben, unterstützt von Spenden aus dem Freundinnenkreis. Über weitere Spenden (oder auch Anzeigenkundinnen) würden wir uns natürlich freuen, damit wir zum Beispiel Übersetzungshonorare bezahlen können. Wir finden es nämlich wichtig, auch Texte aus der internationalen Frauenbewegung auf deutsch zugänglich zu machen. Bislang haben wir Texte italienischer Philosophinnen wie Luisa Muraro, Chiara Zamboni und Annarosa Buttarelli übersetzt.

Was die Zukunft betrifft, so hat sich das Bedürfnis gezeigt, mehr Zeit in der Redaktion für das gemeinsame Diskutieren zu haben. Deshalb haben wir in diesem Herbst erstmals eine Redaktionssitzung geplant, in der nicht über organisatorische Fragen, sondern über ein inhaltliches Thema diskutiert wird. Gerne würden wir uns häufiger als zweimal im Jahr treffen, aber das ist nicht möglich, weil wir aus allen Teilen Deutschlands anreisen müssen, eine Redakteurin wohnt sogar in Belgien.

Außerdem wünschen wir uns noch einen intensiveren Austausch mit unseren Leserinnen. Bislang hatten wir uns gegen automatische Antwort-Formulare entschieden, weil wir keine spontane und oberflächliche Kommentarkultur wollen, wie sie in vielen Internetforen vorherrscht. Wir laden die Leserinnen vielmehr ein, sich per Mail mit der Redakteurin oder Autorin des Artikels in Verbindung zu setzen, wenn sie dazu einen Kommentar abgeben möchte. Offensichtlich ist diese Hürde aber zu hoch, so dass wir nun doch ein Formular einrichten wollen, über das Leserinnen sich direkter äußern können.

Schließlich empfinden wir es noch als ein Defizit, dass wir häufig selbst nicht die Zeit und Energie aufbringen, die wir brauchen würden, um die vielen interessanten Artikel gründlich zu lesen und zu studieren und die darin formulierten Gedanken weiter zu spinnen, aufeinander zu beziehen, in anderen Worten: ihnen die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Aber wir wollen uns dabei auch nicht zu sehr unter Druck setzen: Das Schöne am Internet ist ja, dass nichts verloren geht und auch ältere Texte weiterhin zugänglich sind. Vielleicht wird es ja in Zukunft regelmäßig Hinweise darauf geben, was zu einem bestimmten Thema schon früher in unserem Forum geschrieben wurde.

Dieser Artikel erschien im Herbst 2008 in der Zeitschrift „Schlangenbrut“.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 27.12.2008

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gabriele Bock sagt:

    Schlangenbrut

    Liebe Antje, herzlichen Dank für den Artikel in der Schlangenbrut Nr. 103.
    Vernetzung ist so wichtig, zumal die Fragen „woher – wohin – warum“ auf so vielfältige Weise benatwortet werden können/müssen. Euch allen in der Redaktion vielen Dank für Eure Arbeit, ich lese fast alles und gebe es weiter in unsrem schrumpfenden Feministische-Theologie-Kreis.
    Euch allen wünschen wir ruhige und nachdenkliche Weihnachten. Gabi Bock

  • Giovanna Farinotti sagt:

    Liebe/Cara Antje Schrupp
    Für das Hochladen der Interviews mit Luisa Muraro und Chiara Zamboni auf YouTube möchte ich dir ganz herzlich danken. Dieses Material erlaubt, „vom Gesprochenen im öffentichen Raum“ zu lernen. Und weiter: durch „liebevolles Schauen“ auf deren Körpersprache, Gestik und Mimik direkt von „questa donna“ sich anregen zu lassen, bzw. weiter zu denken. Werden die Videos ohne Ton/Lautstärke still betrachtet und die Bildgrösse maximiert, entfalten sie für mein Empfinden eine besondere Sinnlichkeit, resp. Italianità.
    Praktischer Hinweis für weitere Interessierte: Unter Google im Suchfeld die Namen eingeben und jene Beiträge anklicken, auf welchen im Hintergrund italienische Häuserarchitektur sichtbar ist.

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