beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik lesen

Dem Bösen einen Namen gegeben

Von Juliane Brumberg

Der neue Roman von Connie Palmen trägt den Titel „Luzifer“

PalmenLuzifer! Der Titel des neuen Buches einer meiner Lieblingsautorinnen, Connie Palmen, benennt – welch Zufall – das „Böse“ oder auch das „Teuflische“, das Thema, das uns schon seit einem Jahr in diesem Internetforum beschäftigt.

Bei ihr nun wird die Frage nach dem Bösen nicht philosophisch-wissenschaftlich untersucht, sondern in Romanform eher spielerisch hin und her gewendet. Das Buch ist ungeheuer spannend, obwohl eigentlich nicht wirklich viel passiert und die Handlung von Anfang an klar ist: Die Frau des niederländischen Komponisten Lucas Joos stürzt während eines Griechenlandurlaubs im Sommer 1981 in einen Abgrund und ist sofort tot. Aber: Alle, die von dem Tod erfahren, sind einer Meinung: „An diesem Tod ist etwas seltsam.“

Connie Palmen greift das Thema, das auf einem realen Ereignis beruht, nach mehr als zwanzig Jahren literarisch auf, pirscht sich auf vielen Ebenen an das Umfeld des Komponisten und seiner Frau heran und belauert die Frage nach Unfall, Mord oder „Ereignis höherer Ordnung“. Nach 416 Seiten wissen wir: Es ist völlig unwichtig, ob es Mord war oder nicht. Es geht um was ganz anderes.

Dabei enttäuscht die holländische Autorin meine hohen Erwartungen niemals. Luzifer knüpft in seiner Intensität an ihre beiden herausragenden Bücher Die Freundschaft und I.M. – In Memoriam – Ischa Mejer an. Wie viele ihrer Veröffentlichungen, erzählt auch diese einiges über die Autorin selbst, über ihr Nachdenken und ihr Interesse an allen Fragen des Lebens. Keine Minute scheint ihr Gehirn zu ruhen, auch das neue Buch kommt mir vor wie das Produkt einer intellektuellen Hochleistungssportlerin, in brillanter Form zu Papier gebracht. Was steckt an Erkenntnis in Sätzen wie „Für Quint tut sie alles, außer behutsamer mit sich selbst umzugehen.“ (S.154) Oder „Er stellt fest, dass der Schreck sofort eine Hierarchie des Schlimmsten verlangt, als suche er einen Punkt, an dem er zur Ruhe kommt.“ (S. 190)?

Die Kunst ist, wie Connie Palmen es schafft, solche Weisheiten, die unweigerlich das eigene Nachdenken in Gang setzen, nicht nur aneinanderzureihen, sondern sie in einer gekonnt konstruierten spannenden Geschichte miteinander zu verknüpfen. Dabei geht sie sogar noch einen Schritt weiter und lässt durch einen vermessenen Protagonisten ihren Berufsstand, also die schreibende Zunft, eine provozierende Macht beanspruchen: „Weil ich es ersonnen habe, ist es wirklich geworden“, betont Aaron regelmäßig (….), „seit wir Gott und den Teufel schreiben, existieren sie und wir müssen mit ihnen umgehen.“ (S. 221) Da haben wir es also, das Böse und dessen Kraft.

Wir wissen, eine gute Absicht bewirkt noch lange nicht immer, was sie will. Doch weiter: Wie viel Böses steckt in mir selber, wenn ich etwas, das geschehen ist, als unheilverkündendes Programm für das lese, was geschehen wird? (S. 288)

Und nicht zuletzt: Wie viel Böses darf getan werden zur Vollendung einer „guten“ Sache? Auch die Selbstaufopferung kommt ins Spiel – für die gute Sache. Und wie dicht liegen eigentlich Schmerz und Kraft für „das Gute“ beieinander? Messerscharf beobachtet Connie Palmen: „Auch Gut und Böse unterliegen nämlich der Mode. Du kommst dir besser vor als alle anderen, weil du deiner Meinung nach immer mit der Mode des Guten gehst. Und wenn die veraltet ist, wirfst du deinen alten Mantel des Guten weg und ziehst einen neuen an.“ (S.265)

So weit, so gut, Connie Palmen hat mich einmal mehr begeistert und in ihren Bann gezogen und das, obwohl sie sich in einem Interview im Jahr 2000 dezidiert als Antifeministin bezeichnet hat und über den Feminismus sagte: „So eine beschissene Philosophie hat es noch nie gegeben.“ Starker Tobak. Dass sie im selben Interview die „Unabhängigkeitstheorie“ des Feminismus ablehnt, deutet darauf hin, dass diese kluge und belesene Frau sich nicht wirklich mit dem Feminismus beschäftigt hat, warum auch immer.

Diese Haltung spiegelt sich auch in „Luzifer“. Die genialen, kreativen Handlungsträger, die mit ihren Ideen der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, sind Männer – die Frauen das schmückende Beiwerk für die Ausgestaltung der Handlung. Okay, vielleicht beschreibt sie die Realität der Amsterdamer Künstlerbohème im Dunstkreis der 68er Jahre, wenn sie einen der Protagonisten auf die Tischplatte hauen und brüllen lässt „dass alles, was Frau und Mittelmaß sei, schleunigst zu verschwinden habe.“ Und wie lässt sie die Frauen auf so ein Macho-Gehabe reagieren? „Die Beleidigung mit Gekicher entkräftend, schließen sich die Frauen solidarisch zusammen und lassen sich wie ein Vogelschwarm auf dem nächsten Chesterfieldsofa nieder“. (209/210) Was wird – wenn auch sprachlich genial – da für ein Frauenbild (re-) produziert?

An anderer Stelle beweist sie, dass sie sich sehr wohl Gedanken um die Differenz der Frauen machen kann: „Alle verrückten Frauen sind gleich, alle normalen Frauen sind verschieden.“ (S.193)

Die Gabe der Connie Palmen ist es in meinen Augen, dass sie große Themen der Menschheit literarisch meisterhaft verarbeiten kann, doch verfolgt sie auch eine literarische Strategie, so wie etwa Hedwig Dohm in der Frauenfrage? Wo ist das Begehren der Autorin? Was wünscht sie sich für die Welt? Das sind Fragen, die in diesem überaus lesenswerten Buch offen bleiben.

Connie Palmen, Luzifer, Roman, Diogenes Verlag Zürich 2008, 416 S., 21,90 Euro.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 30.01.2009

Weiterdenken