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Erfahrenen Beleidigungen öffentlich entgegentreten

Von Christiana Puschak

unterwegs verlorenBerühmtheit erlangte die 1931 in Wien geborene Ruth Klüger mit ihrem Erinnerungsbuch, das 1992 unter dem Titel weiter leben. Eine Jugend erschien. Darin schildert sie mit unbestechlicher Klarheit, wie „freudlos“, „kinderfeindlich“, „judenkinderfeindlich“ sie ihre Geburts- wie Heimatstadt empfand und wie sie in diesem „Gefängnis“ ihre ersten Lebensjahre verbrachte, bevor sie 1942 zusammen mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert wurde. Theresienstadt war „der Stall, der zum Schlachthof gehörte“, zu Auschwitz. Das Vernichtungslager Auschwitz überlebte sie durch „einen unbegreiflichen Gnadenakt“, ehe ihr die Flucht gelang. Schonungslos und beklemmend ist ihr Augenzeugenbericht, das Protokoll der Demütigungen, Grausamkeiten, Entrechtungen und Vernichtungen. Ruth Klüger will gehört werden und sucht die Auseinandersetzung, „denn die Folter verläßt den Gefolterten nicht, niemals, das ganze Leben lang nicht.“

Unterwegs verloren ist die Fortsetzung ihres Lebensrückblicks, umfasst ihre Jahre nach der Flucht in Amerika und reicht bis in die Gegenwart. Darin beschreibt sie ihren steinigen, von Benachteiligungen, Diskreditierungen und Herabsetzungen gepflasterten Weg auf der Karriereleiter als Literaturwissenschaftlerin in einer weitgehend von Männern dominierten Universitätswelt. Den verschiedenen Spielarten des amerikanischen Antisemitismus  ist sie ausgesetzt, muss Anfeindungen über sich ergehen lassen: „Jede Diskriminierung schnitt mir ins eigene Fleisch.“ Ihr gegenüber werden gehässige Vorwürfe erhoben, „weil (sie) offen zur Schau trüge, was die Nazis (ihr) angetan hätten“, nämlich ihre KZ-Nummer. Sie wird als „störendes Element“ angesehen. Unbeugsam, widerständig und mutig stellt sie sich den Gewalttätigkeiten, die ihr als Jüdin und als Frau angetan werden, entgegen und erwehrt sich der infamen Angriffe öffentlich: „Ich bin über das normale Maß beleidigt worden und möchte das mit einem kämpferischen Einsatz klarstellen, nicht nur zahm zu Protokoll geben“.

Ruth Klüger bricht verschiedene Tabus. Sie äußert sich kritisch über die Rolle der Frau im Judentum und beschönigt in keinster Weise ihre bitteren Eheerfahrungen  mit einem angesehenen Historiker: „Ich war neun Jahre lang verheiratet und am Ende der Ehe kam es mir vor, als falle ich aus dem Gefrierfach des Küchenkühlschranks heraus, um endlich aufzutauen“. Sie nimmt es eher auf sich, aus dem Kreis der „Fakultätsfamilien“ ausgestoßen zu werden, als in der Rolle einer „Hausangestellte(n)  des Professors“ zu verbleiben. Von den immensen Anstrengungen einer allein erziehenden Mutter zweier Söhne erzählt sie, von den Entbehrungen und den Zweifeln, die sie ob ihrer Berufswahl plagen und von dem, was sie wirklich wollte, Gedichte schreiben. Verse zu schreiben, um die Spannungen im Leben produktiv werden zu lassen, während die Lebensumstände sich ändern.

Ihrer Wiederannäherung an die „Alte Welt“ und an Deutschland widmet sie ein eigenes Kapitel. In Göttingen auf einem internationalen Germanistenkongress 1985 wird nicht nur „die verschüttete Europäerin“ in ihr „wieder lebendig“, sondern es entwickelt sich auch eine Beziehung zu diesem Ort, „die man … eine späte Liebe nennen kann.“ Aber auch hier ist sie antisemitischen Ausfällen und offen zur Schau getragener Frauenverachtung wie in der „Schmierfinkenaffäre“ ausgesetzt, die bei ihr einen bitteren Beigeschmack hinterlassen und das neue Verhältnis zu Deutschland belasten.

Breiteren Raum nimmt die zerbrochene Freundschaft zu Martin Walser ein, der in seinem Roman Tod eines Kritikers die Darstellung des  Kritikers als jüdisches Scheusal nach klassischem Muster gestaltet. Ruth Klüger fühlt sich von dieser Art der Darstellung betroffen, gekränkt, beleidigt und verzeiht ihm dieses Buch nicht, bedient es doch eine gemäßigte Judenverachtung weiter Bevölkerungsschichten.

Besonders bewegt haben mich bei der Lektüre Ruth Klügers unversöhnliche Haltung unhaltbaren Zuständen gegenüber, ihr Mut, Nein zu sagen und sich dem Mainstream, sei es in der Familie, sei es an der Universität, sei es in der Gesellschaft, entgegenzustellen; oder auch, wie sie sich mit Zähigkeit und Festigkeit der Auseinandersetzung stellt, wie sich ihr Blick auf die Gesellschaft durch die Frauenbewegung verändert, wie sie die Welt des Ausgegrenztwerdens erfahren und verarbeitet und welche Kraft sie aus Literatur und vor allem Lyrik geschöpft hat. Als problematisch empfand ich das mitunter harte Umgehen mit sich selbst, das Verharren „in … unerschütterlicher Undankbarkeit“ vertrauten Menschen gegenüber und das Verbergen trauriger Gefühle anderen gegenüber, ein vielleicht zu hoher Preis und der von ihr gewählten Form des dialogischen Prinzips der Auseinandersetzung eher abträglich.

Unterwegs verloren ist ein Erinnerungsbuch, das nicht von Verbitterung oder heuchlerischer Versöhnung getragen ist, sondern von einer unbeugsamen Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber.

Ihre Aufzeichnungen sind in einer lebendigen und anschaulichen Sprache verfasst. Vergessen werden sollten nicht ihre brillanten Essays und germanistischen Studien wie ihre Interpretationen literarischer Texte wie z.B. Frauen lesen anders.

Ruth Klüger: unterwegs verloren. Zsolnay-Verlag 2008, 240 S., € 19,90.

Autorin: Christiana Puschak
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 08.01.2009

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