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Obamas mütterliches Erbe

Von Luise Pusch

Was die Kulturanthropologin Ann Dunham ihrem Sohn mitgegeben hat

Baramama

Ann Dunham 1963 mit ihrem zwei Jahre alten Sohn Barack Obama.

„Sie war sehr gut darin, eine Sprache zu finden, die andere verstehen konnten, egal, woher sie kamen oder welchen sozio-ökonomischen Hintergrund sie hatten. Das ist das größte Geschenk, das sie uns mitgegeben hat“ (Maya Soetoro-Ng über ihre Mutter Ann Dunham)

Bei unserem letzten Treffen fragte ich meinen Bruder und meine Schwägerin: „Und, was wisst Ihr über Obamas Mutter?“ – „Sein Vater war schwarz und kam aus Kenia, und sie war weiß und starb an Krebs“, sagten sie sinngemäß. „Warum fragst du?“

„Obamas Mutter, Stanley Ann Dunham Soetoro, war Anthropologin und hat eine 800 Seiten starke Dissertation verfasst. Außerdem war sie eine der ganz frühen Kämpferinnen für Mikrokredite für Frauen.“ Davon hatten sie bis dahin nichts gehört, immer nur die traurige Geschichte von ihrem Kampf gegen amerikanische Krankenversicherungen vor ihrem frühen Krebstod – und wie das Obama motivierte, sich für die Reform des Gesundheitswesens stark zu machen.

Ich hatte Genaueres auch nur zufällig erfahren von einem befreundeten Professor der Anthropologie, der sich im Wahlkampf intensiv für Obama eingesetzt hatte (während ich für Hillary Clinton gewesen war). Um mich darüber hinwegzutrösten, dass Clinton nicht nominiert worden war, und zugleich, um für sein Fach Reklame zu machen, schickte er mir einen Aufsatz seiner Kollegin Ruth Behar über die „anthropologischen“ Ursprünge der Lichtgestalt Obama – angelegt von dessen Mutter, der Kulturanthropologin mit ihrem authentischen Interesse für „andere“ Kulturen. (zum – englischen – Artikel)

Obama selbst sagt über seine Mutter: „Sie war der wichtigste Mensch in meinen Entwicklungsjahren. Die Werte, die sie mir beibrachte, sind für mich noch immer der Prüfstein, wenn es um politisches Handeln geht.“

Im vergangenen Jahr habe ich mich intensiv mit den Anfängen der Anthropologie beschäftigt, insbesondere mit dem Liebespaar Ruth Benedict (1887-1948) und Margaret Mead (1901-1978). Ihre fruchtbare Zusammenarbeit bescherte der Welt in den 1930er und 1940er Jahren nichts Geringeres als die theoretischen Grundlagen für die Überwindung von Rassismus, Homophobie (Benedict) und Sexismus (Mead).

Ganz im Geiste dieser schönen Überzeugungen tat Obamas Mutter in den 1960er Jahren etwas für die damalige Zeit und die US-amerikanische Mittelschichtskultur Ungeheuerliches: Sie heiratete einen Schwarzafrikaner, und, nachdem der die kleine Familie verlassen hatte, einen Indonesier, den Vater von Obamas Halbschwester Maya Soetoro-Ng.

Der akademische Lehrer und Mentor von Benedict und Mead war Franz Boas, der Vater der modernen Anthropologie. Der deutsche Jude Boas (1858-1942) kehrte schon in den 1880er Jahren dem Antisemitismus im deutschen Kaiserreich den Rücken, und als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, setzte der inzwischen 75-Jährige alles daran, um die Welt über Hitlers mörderische Absichten aufzuklären und seinen verfolgten jüdischen Landsleuten beizustehen.

Ich fasse zusammen: Boas, Benedict und Mead begründeten die moderne Kultur-Anthropologie, Obamas Mutter erzog ihren Sohn im Geiste dieser Kultur-Anthropologie: Sie lehrte ihn Respekt vor anderen Kulturen, Einsatzbereitschaft für die Schwachen, Empathie, Zuhörenkönnen, Neugier, Offenheit für das Fremde und das für Obama so typische Bemühen, Gegensätze zu transzendieren statt sie zu zementieren. Somit geht also das weltumarmende und völkerverbindende Charisma Obamas letztlich auf einen deutschen Juden im Exil und seine genialen Schülerinnen Benedict und Mead zurück, zwei amerikanische Lesben.

Jüdisch, schwarz, weiblich, lesbisch – alle „Makel“ der Welt stehen also sozusagen Pate an der Wiege des Hoffnungsträgers Barack Obama. Friedlich vereint und stolz liefern sie sein geistig-moralisches Fundament. Wie alle Welt sehen konnte, hat Amerika soeben einen Riesenschritt zur Überwindung des Rassismus geschafft. Bleibt noch die Überwindung von Homophobie und Sexismus, damit das Vermächtnis von Boas, Benedict und Mead, zugleich das Vermächtnis der Mutter Obamas, ganz erfüllt werde.

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Autorin: Luise Pusch
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 25.01.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Annegret Stopczyk sagt:

    Weit hergeholte Kurvenschleife

    Jüdisch, schwarz, weiblich, lesbisch – fehlt nur noch „Deutsch“, wie vorher im Artikel betont. Mit dieser weit her geholten Kurvenschleife in der Argumentation läßt sich für die Mutter von Obama fast alles behaupten. Über sie selber hätte ich mehr Information erwartet, nicht nur eine Ableitung zur Selbstbeweihräucherung von Jüdisch, schwarz, weiblich, lesbisch.

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