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Die Welt als Haushalt denken

Von Ina Praetorius

Selbstbefragung zu einem philosophischen Experiment

Frau im SaalWarum gelten Haushalt und haushälterische Tätigkeiten im allgemeinen als lästig und langweilig, obwohl sie notwendig sind? Empfinden wir sie als Last, gerade weil wir ihnen letztlich nicht entkommen? Warum schämen sich Frauen, wenn sie „nur Hausfrauen“ sind? Warum verschwinden die Schulfächer, in denen haushälterische Tätigkeiten wie Kochen oder Nähen gelernt werden, mehr und mehr aus den Lehrplänen?[1] Warum werden haushälterische Tätigkeiten schlecht oder gar nicht bezahlt? Warum gelten sie als „typisch weiblich“? Wie organisiert sich das haushälterische Tun neu in der Zeit des ausgehenden Patriarchats, das heißt jenseits der veralteten Institution der „Versorgerehe“? Was passiert, wenn ich die ganze Welt versuchsweise als einen Haushalt wahrnehme, statt – wie heute üblich – als einen Markt?

In diesem Text, der sich wie ein Interview liest, bei dem es sich aber um einen inneren Dialog handelt, befrage ich mich zu einigen Aspekten meines Denkexperiments im Umfeld des Haushaltsbegriffs. Der Text entstand im Jahr 2003 und ist bereits auf Englisch und Italienisch erschienen – aber interessanterweise erst jetzt zum ersten Mal auf Deutsch.

F: Eines deiner Bücher heisst „Die Welt: ein Haushalt“[2]. Dieser Titel ist ein Ausdruck dafür, dass du in den vergangenen Jahren den Begriff „Haushalt“ mehr und mehr ins Zentrum deines Denkens gestellt hast. Warum?

A: Der wichtigste Grund ist sicher, dass ich schon immer gern im Haushalt gearbeitet habe. Ich geniesse es, Dinge zu tun, die sichtbar und unmittelbar zum Wohlbefinden bestimmter Menschen beitragen, auch zu meinem eigenen Wohlbefinden. Nichts mache ich lieber, als für viele Leute ein gutes Essen zu kochen oder Gastzimmer wohnlich herzurichten. Ich putze auch gern unser Badezimmer, weil ich dabei körperlich wahrnehme, mit wie viel mehr Genuss wir uns danach wieder in diesem wichtigen Raum aufhalten werden.

Die verbotene Liebe zum haushälterischen Tun

F: Du liebst also traditionell weibliche Tätigkeiten.

A: Ja, und das war mir lange Zeit geradezu peinlich. Zwar hat mir in meiner Kindheit und Jugend meine Mutter täglich vorgelebt, dass es kein Problem ist, gleichzeitig eine liebevolle und kenntnisreiche Hausfrau und in der Oeffentlichkeit tätig zu sein. Sie war Professorin an der Stuttgarter Musikhochschule und hat damals viele Konzerte gegeben. In der Frauenbewegung der späten Siebziger Jahre habe ich dann aber gelernt, dass es gewissermassen zur Ehre einer richtigen Feministin gehört, Hausarbeit unter ihrer Würde zu finden. Unser Heil sahen wir damals in weiblicher Erwerbstätigkeit, wir Studentinnen speziell in einer akademischen Karriere. Zwar habe ich auch in meinen studentischen Wohngemeinschaften viel und gern gekocht, aber ich habe mich dabei sehr bemüht, nicht wie eine Hausfrau auszusehen. Eine möglichst dreckige Wohnung zu haben, galt damals als chic. Frauen, die gern eine gewisse Reinlichkeit um sich hatten, belächelten wir als (zukünftige) Hausmütterchen und verdächtigten sie, männlichen Mitbewohnern die Arbeit abzunehmen, damit die einen Vorsprung im Studium aufbauen konnten.

F: Inzwischen scheinst du dich von solchen Wertungen befreit zu haben.

A: Ja, einigermassen. Die Welt und mit ihr die Frauenbewegung hat ja inzwischen unterschiedliche Phasen durchlaufen, und wir alle sind älter geworden, haben neue Erfahrungen gemacht und uns einiges dazu gedacht. Die strenge Moral des Feminismus der  Siebziger und Achtziger Jahre war aus Opposition gegen die klassische weibliche Rolle der abhängigen und isolierten Hausfrau entstanden. Diese Protesthaltung war dringend nötig und hat politisch viel bewirkt. Aber keine persönliche Lebensform kann sich auf die Dauer im blossen Dagegensein begründen. Mir wurde klar, dass die Kritik der patriarchalen Konstruktion abhängiger Weiblichkeit nicht bedeutet, dass ich die notwendigen und schönen Tätigkeiten abwerten muss, die das Kerngeschäft des Haushälterischen bilden. Heute zensiere ich meine Freude am Haushalten nicht mehr, sondern lebe sie aus. Das kann ich mir leisten, weil ich anderweitig finanziell abgesichert bin. Ich nutze meine ökonomische Unabhängigkeit bewusst, um den jahrhundertelang trivialisierten Arbeitsort Haushalt praktisch und theoretisch zu erforschen. Es ist ein Paradox, dass es sich heute vor allem vermögende Leute leisten können, in Freiheit sinnvolle und notwendige Dinge zu tun und in Ruhe über den Sinn des Ganzen nachzudenken. Und dieses Paradox ist natürlich ein Hinweis darauf, dass die gesellschaftliche Organisation der verschiedenen Tätigkeiten immer noch vollkommen verkehrt läuft. Dass einige der entsprechenden Zusammenhänge schon Karl Marx bei seinem Nachdenken über arbeitende Männer aufgefallen sind, macht die Sache nicht besser. Es ist und bleibt ein Skandal, dass Menschen, die notwendige und grundlegende Leistungen für das Zusammenleben erbringen, systematisch in ökonomischer Abhängigkeit von anderen gehalten werden: zum Beispiel von Leuten, die mit irgendwelchen überflüssigen Dingen handeln, alberne Talkshows verkaufen  oder an Schreibtischen Verwaltungsjobs machen, die niemand braucht.

Jenseits der Geschlechterrollen: die Welt neu organisieren

Frau mit KindF. Du versuchst also, jenseits der traditionellen, zu Recht kritisierten Hausfrauenrolle das haushälterische Tun neu als ein notwendiges und freies Tun zu erfinden. Das hört sich nach einer alltäglichen Gratwanderung an.

A: Ja, es ist eine Gratwanderung. Wer quer zu den androzentrischen Vorschriften – und das heisst auch: quer zur Opposition dagegen – spricht und handelt, begibt sich aufs Glatteis. Meine theoretische und praktische Liebe zum haushälterischen Tun wird oft missverstanden als „Aufwertung“ der alten Frauenrolle. Tatsächlich gibt es ja in bestimmten Kreisen der Frauenbewegung Frauen, die glauben, wir könnten die Gesellschaft verbessern, indem wir beschliessen, von nun an einfach „selbstbewusste“ Hausfrauen zu sein – ohne an der kulturellen und ökonomischen Minderbewertung dieser Position etwas zu ändern. Im Unterschied dazu setzt meine neue Zuwendung zu den haushälterischen Tätigkeiten sowohl die Phase des egalitären Feminismus als auch die darauf folgende Dekonstruktion der androzentrischen symbolischen Ordnung voraus. Es ist sehr wichtig, dass wir die grundsätzliche „Gleichheit“ von Frauen und Männern vor ungefähr drei Jahrzehnten offensiv auf die politische Tagesordnung gesetzt haben. Und es war ebenso wichtig, dass wir im Anschluss daran die vermeintlich naturgegebenen „Identitäten“ von Frauen und Männern gründlich auseinander genommen haben. Heute sind wir, meine ich, an einem anderen Punkt angekommen: Es geht jetzt darum, die feministischen Erkenntnisse, Analysen und Erfolge zu nutzen, um die „Ganze Welt“ neu zu denken und zu organisieren. Dass Frauen frei sind und dass sie keineswegs von Natur aus für bestimmte untergeordnete Rollen prädestiniert sind, das wissen inzwischen alle, oder nicht? Na jedenfalls fast alle. Die neue Frage heisst, wie eine Gesellschaft sich organisieren kann, in der alle gleichzeitig frei und angewiesen sind, dienen und bedient werden, definieren und definiert werden, in vielfältigen Tauschprozessen agieren…

F: Und in diesem Sinne wäre nun der Buchtitel „Die Welt: ein Haushalt“ zu verstehen?

A: Ja, diesen Titel verstehe ich heute als jüngste Etappe meiner denkerischen Entwicklung, in der sich verschiedene Phasen des Feminismus spiegeln: Vor diesem Buch habe ich drei andere publiziert. Das erste ist vor zehn Jahren erschienen. Es war meine Dissertation und befasst sich mit der Kritik des Menschen- und Frauenbildes in der deutschsprachigen protestantischen Ethik nach dem Zweiten Weltkrieg.[3] Das zweite heisst „Skizzen zur Feministischen Ethik“.[4] Das dritte ist – nicht ganz zufällig – im Jahr 2000 erschienen, heisst „Zum Ende des Patriarchats“[5] und ist deutlich vom roten Sottosopra des Mailänder Frauenbuchladens inspiriert.[6] Das neue Buch „Die Welt: ein Haushalt“ ist also zu verstehen als mein persönlicher Einstieg ins postpatriarchale Denken. In vielen einzelnen mehr oder weniger theoretischen oder spirituellen Anläufen umkreise ich die Frage, ob sich die Strukturen, die Tätigkeiten, die Sprache des Haushalts eignen als Modell für die „ganze Welt“. Die erste Aufgabe ist, meine Erfahrungen im Arbeits- und Lebensbereich Haushalt, in dem ich viel Zeit verbringe, ernst zu nehmen und präzise zu benennen. Dann geht es darum, diesen traditionell weiblichen Tätigkeitsbereich zu enttrivialisieren und (wieder) in Beziehung zur Welt zu bringen. So möchte ich zum heute gängigen Bild von der Welt als „Markt“ eine Alternative entwickeln, die vielleicht menschenfreundlicher ist und es vielen Frauen ermöglicht, sich von ihren realen Erfahrungen her ins Welt-Denken einzufinden.

Notwendige Naivität

F: Wer deine früheren Bücher nicht gelesen hat, kann tatsächlich problemlos auf die Idee kommen, du seist naiv.

A: Ja, damit rechne ich. Die Arbeit der Vermittlung hört bekanntlich nie auf. Ich kann anderen Menschen nicht vorschreiben, eine Geschichte hinter sich zu habe, die mit meiner vergleichbar ist. Die Ungleichzeitigkeit von Erfahrungen und den entsprechenden denkerischen Verarbeitungsprozessen ist ein unveränderliches Kennzeichen des Zusammenlebens, das die Notwendigkeit der permanenten Vermittlung begründet. Es stimmt: wer sich mit meinen früheren Texten auseinander gesetzt hat, versteht dieses Buch bestimmt besser. Aber ich habe auch schon erlebt, dass Frauen die postpatriarchale Rede vom Haushalt Welt inspirierend finden und gut verstehen, ohne altgediente Feministinnen zu sein. Im übrigen habe ich nichts dagegen, als naiv zu gelten. Der Begriff leitet sich vom lateinischen Adjektiv „nativus“ ab, das „zur Geburt gehörig, geburtlich, mit der Geburt beginnend“ bedeutet. Tatsächlich versuche ich, mit dem Denken nicht irgendwo in der Mitte oder hinten, sondern am Anfang anzufangen: beim Geborensein. Mein Denken ist also im ursprünglichen Sinne des Wortes naives Denken. Es braucht diese Naivität, um in der Zeit des ausgehenden Patriarchats die Welt neu zu benennen.

F: Inwiefern bedeutet die Haushaltsmetapher, „am Anfang“ zu beginnen?

A: In Haushalten fängt vieles an, zum Beispiel die meisten Biographien. Kinder kommen als Weltneulinge zur Welt und halten sich zunächst fast ausschliesslich in Haushalten auf. Hier bekommen sie nicht nur Nahrung, Schutz und Liebe. Hier lernen sie auch, zumeist im Austausch mit ihren Müttern, die Grundbegriffe des Zusammenlebens: Sprechen, Streiten, Verhandeln, Moral, Metaphysik. Auch für die meisten erwachsenen Menschen ist der Haushalt der Ort des täglichen Neubeginns: des Aufwachens am Morgen. Jeder Morgen ist eine Neubegegnung mit der Welt, birgt in sich unendliche neue Möglichkeiten. Wer nicht obdachlos ist, erlebt den täglichen Neubeginn im Schutzraum des Haushalts: Aufstehen, sich reinigen, sich kleiden, erste Nahrung zu sich nehmen. Und sogar in der Obdachlosigkeit entstehen immer wieder rudimentäre, tragbare Haushalte.

F: Der „geschützte Raum“ des normalen Privathaushaltes ist aber  auch ein abgeschotteter, isolierter Raum, in dem – oft ungestraft – Gewalt ausgeübt wird, gerade an Kindern, den Anfängerinnen und Anfängern des Lebens.

A: Dass faktische Haushalte oft Orte von Gewalt sind, hängt mit ihrer patriarchalen Struktur zusammen. Sie gelten als „Intimsphären“, zu denen die Oeffentlichkeit, z.B. in Form der Staatsgewalt, keinen Zutritt haben soll. Im Patriarchat sind Privathaushalte gewissermassen kleine Königreiche, in denen der Hausherr unumschränkt über seine Untergebenen – Frau, Kinder, Bedienstete – herrschen darf. Das kann man z.B. bei Aristoteles und Platon schön nachlesen. Dieses alte Bild vom Haushalt und die entsprechenden Verhaltensweisen sind zwar noch weit verbreitet. Aber auf der juristischen Ebene z.B. gilt in vielen Ländern inzwischen etwas anderes. Heute hat die Polizei vielerorts schon das Recht, gewalttätige Ehemänner aus der Wohnung zu weisen, sogar wenn die Wohnung dem Mann gehört.[7] Solche Neufassungen des öffentlichen Rechts interpretiere ich als Erfolge der Frauenbewegung und als Indizien für das Ende des Patriarchats. Im übrigen erkenne ich an den schlimmen Folgen, die häusliche Gewalt für die betroffenen Menschen hat, gerade die Wichtigkeit des „guten“ Haushalts. Wäre gutes Haushalten nicht so wichtig, dann würde uns schlechtes Haushalten, z.B. in Form von Gewalt gegen Frauen und Kinder, nicht so empören.

Haushalt und Markt

F: Dass Haushalte für vieles, das unser Leben ausmacht, so grundlegend sind,  bringt dich nun also dazu, mit der Vorstellung der „ganzen Welt als Haushalt“ zu experimentieren?

A: Im Gegensatz zum Markt ist der Haushalt eine Institution, die nichts mehr „unter“ sich hat, das die Versorgung der Menschen notfalls übernehmen könnte. In diesem Sinne ist der Haushalt primär, der Markt sekundär. Märkte verteilen den Ueberfluss, Haushalte leisten die Grundversorgung. Beides ist notwendig für das menschliche Zusammenleben. Aber im Patriarchat gibt es die Tendenz, das Grundlegende zu vergessen bzw. das Zweite mit dem Ersten zu verwechseln. Wenn ich z.B. den Wirtschaftsteil irgendeiner Tageszeitung lese, bekomme ich den Eindruck, das menschliche Zusammenleben funktioniere ausschliesslich als Markt, der allenfalls noch vom Staat reguliert und kontrolliert wird. Die Menschen erscheinen als autonome, stets entscheidungsfähige, erwachsene Einzelne, die in transparente Tauschbeziehungen zueinander eintreten und jederzeit aus solchen Beziehungen wieder austreten können und sollen, sobald ihr persönlicher Vorteil nicht mehr gegeben ist. Dass diese gängige Vorstellung von „Wirtschaft“ unrealistisch ist, zeigt sich zum Beispiel dann, wenn eine offizielle nationale Oekonomie aus den Fugen gerät, wie es z.B. in den vergangenen Jahren manchmal in Osteuropa oder in Lateinamerika der Fall war. Die offiziellen Statistiken sagen dann, dass die Menschen in diesen Ländern eigentlich Hungers sterben müssten. Die meisten Menschen leben aber weiter. Warum? Weil es die Haushalte mit ihren verborgenen, oft nicht über Geld vermittelten Tauschkulturen, weil es verwandtschaftliche und nachbarschaftliche Wirtschaftsweisen, haushälterische Subsistenzwirtschaft in Gestalt von Privatgärten, „schwarze“ Märkte usw. gibt, d.h. verstecktes Wirtschaften, das Ueberleben ermöglicht, aber nicht als richtige Oekonomie gilt. Es ist ja keineswegs so, dass die Praxis des Tauschens auf den Markt beschränkt wäre. Auch in Haushalten und zwischen Haushalten wird getauscht, allerdings oft nicht über das vermeintlich allgemeine Tauschmittel Geld und nicht immer nach dem Prinzip der individuellen Gewinnmaximierung Unser Bild von der Welt würde realistischer, wenn wir all dies anerkennen und zur Sprache bringen würden, statt uns von patriarchalen Denkern verführen zu lassen, das Sekundäre für das eigentlich Wichtige zu halten.

Eine wirklichkeitsgerechte Vorstellung vom Menschsein

F: Das würde dann bedeuten, beim Wort „Mensch“ nicht mehr in erster Linie an einen weissen erwachsenen Mann zu denken?

A: Genau. Hausfrauen wissen, dass Menschen nicht immer erwachsen, gesund, wach und zurechnungsfähig sind. Alle Menschen, nicht nur die sogenannten „Schwachen“, sind angewiesen auf andere. Es gibt Phasen im Leben, in denen die Abhängigkeit offensichtlicher ist: die Kindheit, Zeiten der Krankheit und das Alter. Aber auch die vermeintlich starken erwachsenen Männer erleben Hausfrauen vor allem, wenn sie abends erschöpft aus dem „feindlichen Leben“ nach hause kommen und umsorgt sein wollen. Vielen Männern gelingt es heute noch, ihre eigene Abhängigkeit vor den Blicken ihrer Brüder zu verbergen. Männern wird es im Patriarchat systematisch leicht gemacht, die Abhängigkeit von „ihren“ Frauen zu verstecken, denn was Mütter und Ehefrauen im Haushalt alles für sie tun, das bleibt ja eben in den öffentlichen Diskursen unsichtbar. Viele Leute leben deshalb noch mit der Vorstellung, „Autonomie“ sei nicht nur ein Ideal, sondern sogar die eigentliche Normalität, an der sich alle zu messen haben. Die sogenannten „Schwachen“ schiebt man systematisch ins Abseits, nicht nur in die Privathaushalte, sondern auch in andere Nischen mit vergleichbarer Struktur: in Heime, Krankenhäuser, Eckkneipen, Sonderschulen, Kirchgemeinden usw. Je mehr sich das Prinzip Markt als vermeintliches Allheilmittel in den Mittelpunkt stellt – das konnten wir in den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gut beobachten -, desto mehr soll auch der Staat hausfrauliche Pflichten übernehmen, d.h. für den Ehemann Markt den „Alltagskram“, d.h. reale Menschlichkeit möglichst effizient, billig und unsichtbar verwalten.

Den Haushalt zum Modell für die ganze Welt zu machen bedeutet demgegenüber, mit der Illusion des „starken Mannes“ in all ihren symbolischen Varianten Schluss zu machen. Wer die Welt als Haushalt erkennt, weiss, dass Abhängigkeit nicht „Schwäche“ ist, sondern Normalität. Alle Menschen sind gleichzeitig oder in kurzen Zeitspannen wechselnd wach und müde, frei, angewiesen, energiegeladen, deprimiert, arbeitsunfähig, behindert, und irgendwann sterben sie auch. Der Haushalt Welt muss wie wirkliche Haushalte Platz für all dies haben, denn für ihn gibt es kein Ausserhalb, in das sich Menschen abschieben liessen, sobald sie nicht im Sinne des Autonomieideals „funktionieren“.

F: Du meinst: wenn wir den Haushalt als die erste Institution des menschlichen Zusammenlebens zum Bild für das Ganze machen, dann können wir Ausblendungen vermeiden, die uns heute schwer zu schaffen machen.

A: Ja. Wie der Haushalt ist die Welt eine Behausung, in der allen Menschen gleichermassen in Geburtlichkeit, Sterblichkeit, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit gewisse Grenzen auferlegt sind, die ihnen gleichzeitig eine Fülle von Möglichkeiten eröffnet, in Abhängigkeit frei zu sein, d.h. „das Neue, das in die Welt kam, als sie geboren wurden, handelnd als einen neuen Anfang in das Spiel der Welt (zu) werfen.“[8] Ich glaube, dass eine wesentliche Ursache der sozialen Frage und auch der ökologischen Problematik darin liegt, dass im Patriarchat Abhängigkeit als Schwäche gilt, deren man sich zu schämen hat und die man möglichst aus der Welt schaffen sollte, um endlich „sein eigener Herr“ zu werden. In Wirklichkeit gehören Freiheit und Angewiesensein in jedem einzelnen menschlichen Leben untrennbar zusammen. Dass ich die Abhängigkeit als unausweichliche Gegebenheit der menschlichen Existenz betone, bedeutet allerdings nicht, dass ich mich zurücksehne in irgendwelche archaischen Zustände. Ich will das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, sehe im Gegenteil das starke Bewusstsein von Individualität, das sich in der Moderne entwickelt hat, als Ausgangspunkt für eine notwendige Neuordnung der Gesellschaft. Diesen Gedanken hat kürzlich auf der europäischen Frauensynode in Barcelona die bulgarische Soziologin Tanja Reytan Marincheshka sehr überzeugend dargelegt.[9]

F: Es ist dir also wichtig, immer wieder zu betonen, dass es nicht um ein nostalgisches Sichzurücksehnen in alte Zeiten geht, in denen „die Familienbande noch intakt“ waren?

A: Es geht nicht um Nostalgie, auch wenn ich manchmal ganz gut verstehen kann, wenn die alten Bäuerinnen in meinem Dorf sich ihre „gute alte Zeit“ zurück wünschen und damit die schönen Seiten ihrer Jugend meinen. Trotzdem: Ich unterscheide dezidiert zwischen der patriarchalen Familien- und Haushaltsstruktur und dem, was in Haushalten tatsächlich für das Zusammenleben der Menschen geleistet wird. Die Wirklichkeit, von der ich ausgehe, ist der postpatriarchale enttrivialisierte Haushalt. Ich selbst lebe in einem solchen Haushalt, und ich kenne viele Menschen, die schon in solchen Haushalten leben. Deshalb weiss ich, dass es sich  nicht um eine weltfremde Utopie handelt.

Der Haushalt Welt und die Frauenbewegung der Gegenwart

F: Wie situierst du dein Denken im Kontext der Frauenbewegung der Gegenwart?

A: Ich kenne viele Frauen und einige Männer, die angefangen haben, neu über den Sinn der Welt nachzudenken, und zwar ausgehend von der Hypothese, dass das Patriarchat am Ende ist.[10] Die herkömmliche Forderung der Frauenbewegung nach „Gleichberechtigung“ und das Nachdenken über „Geschlechtsidentitäten“, das uns nun jahrelang beschäftigt hat, sind für solche Denkerinnen und Denker zwar nicht einfach irrelevant geworden, aber doch aus dem Zentrum ihres Nachdenkens an den Rand gerückt. Die Suche nach neuen Namen und Bildern für die eine Welt, die von sehr verschiedenen Menschen bewohnt wird, hat begonnen – jenseits der herkömmlichen akademischen Disziplinen und der entsprechenden Begrenzungen, jenseits auch der veralteten „grossen Erzählungen“ und ausgeleierter Ideologien. Meine Arbeit sehe ich als Teil dieser Bewegung, die in Italien den Namen „Arbeit am Symbolischen“ bekommen hat. Mein persönliches Experimentierfeld für die postpatriarchale Neubenennung der Welt ist der Haushalt und damit auch die unterschiedlichen haushälterischen Tätigkeiten. Zum Beispiel so: Was hat Kochen mit Denken gemein diesseits der herkömmlichen hierarchischen Vorstellung, dass körperliche Nahrung Mittel zum Zweck geistiger Nahrung ist? Was passiert, wenn ich postpatriarchales Philosophieren mit der Tätigkeit des Aufräumens in einem Wohnzimmer vergleiche? Wenn ich zum Beispiel eine verdreckte Fensterscheibe putze, dann fühlt sich das ganz ähnlich an, wie wenn ich einer jungen Frau die Funktionsweise der androzentrischen symbolischen Ordnung erkläre: ich ermögliche ihr den klaren Blick nach draussen. Je länger je mehr erübrigt sich so für mich der klassische weibliche Konflikt zwischen „interessanten“ Tätigkeiten ausser Haus und dem „notwendigen Uebel Haushalt“. Diesen Konflikt gibt es nämlich gar nicht, wenn ich mein ganzes Leben als nährendes Tätigsein für das Zusammenleben der Menschen begreife.

Meine bisherigen Erfahrungen mit meinem philosophischen Experiment sind so erfreulich, dass ich vorhabe, noch eine Weile daran weiter zu arbeiten. Allerdings meine ich nicht, dass die Haushaltsmetapher einfach alle Probleme lösen wird. Ein Denken, das Dogmatik werden will, d.h. das danach strebt, sich nach allen Seiten abzusichern und für alles und jedes eine Lösung zu wissen, ist in der Gefahr, gewalttätig zu werden. Ich will mit dem konzentrierten Nachdenken über den Haushalt Räume öffnen und wohnlich machen, in die man eintreten, die frau aber auch in Freiheit wieder verlassen kann. Deshalb ist mein Buch „Die Welt: ein Haushalt“ auch kein kompaktes Opus, sondern eine Sammlung von Essays. Die Einheit stifte nicht ich. Die Einheit liegt verborgen in dem, was ich als fromme Christin immer noch und heute wieder mit wachsender Freude „Gott“ nenne.

Dieser Text ist erschienen in: – Ina Praetorius, Pensare il mondo come ambiente domestico. Autointervista su un esperimento filosofico, in: Oggi Domani Anziani , 4/2003, 101-113 – Ina Praetorius, Thinking of the World as a Household. Questioning  Myself about a Philosophical Experiment, in: Feminist Theology 17(1)  Sept. 2008,118-127

Anmerkungen

[1] Vgl. zu dieser Fragestellung: Ina Praetorius, La filosofia del saper esserci. Per una politica del simbolico, in: Via dogana n. 60, marzo 2002, 3-7.

[2] Ina Praetorius, Die Welt: ein Haushalt. Texte zur theologisch-politischen Neuorientierung, Mainz 2002.

[3] Ina Praetorius, Anthropologie und Frauenbild in der deutschsprachigen protestantischen Ethik seit 1949, Gütersloh 1993.

[4] Ina Praetorius, Skizzen zur Feministischen Ethik, Mainz 1995.

[5] Ina Praetorius, Zum Ende des Patriarchats. Theologisch-politische Texte im Uebergang, Mainz 2000.

[6] Libreria delle donne di Milano, Das Patriarchat ist zu Ende. Es ist passiert – nicht aus Zufall, Rüsselsheim 1996.

[7] Vgl. Ulrike Wagener, Frauen in Gewaltverhältnissen und das Handeln staatlicher Institutionen. Neue Ueberlegungen zu einem alten Thema – zugleich ein Beitrag zum Verhältnis von Frauen und Staat(sgewalt), in: Michaela Moser, Ina Praetorius Hg., Welt gestalten im ausgehenden Patriarchat, Königstein 2003, 200-211.

[8] Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München/Zürich 1981 (Erstauflage 1958).

[9] Tanja Reytan Marincheshka, Our Life Journeys in Times of Radical Change, erscheint demnächst im Dokumentationsband der 2. Europäischen Frauensynode „Compartir Culturas“ (Barcelona, 5.-10.August 2003)

[10] Vgl. dazu: Michaela Moser, Ina Praetorius Hg., Welt gestalten im ausgehenden Patriarchat, Königstein 2003.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Astrid Wehmeyer
Eingestellt am: 13.02.2009

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