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Glück ist mehr als die Summe unserer Möglichkeiten

Von Astrid Wehmeyer

Müde Vagabundinnen oder gescheiterte Erbinnen – die Frauengeneration 40+

Halbierte Frau

Frauen zwischen den Welten

Die nachfolgenden Gedanken konnten nur zustande kommen, weil andere Frauen ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit mir teilten und sich wiederum für meine Erfahrungen öffneten. Diesen Satz  an den Anfang meiner Ausführungen zu stellen bedeutet mir mehr, als meiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Es ist Ausdruck eines sich verändernden Bewusstseins, welches anerkennt, dass es mehr als ein Leben und ein Hirn braucht, um neue Gedanken in die Welt zu bringen. Ich bin davon überzeugt, dass alles, was wir sind, tun und denken erst auf dem Hintergrund der Menschen, mit denen wir in Verbindung stehen, Gestalt an nimmt und mit diesem Hintergrund untrennbar verbunden ist.

Weil dieser Artikel auch der Frage nachgeht, inwiefern sich die individuellen Glücks- und Lebensentwürfe verschiedener Frauengenerationen aufeinander und vor allem in die Zukunft übertragen lassen, und dies eine kritische Fragestellung ist, möchte ich mich ausdrücklich vor aller kritischen Betrachtung bei den mir vorausgegangenen Frauengenerationen bedanken. Für ihre gesammelten und weiter gegebenen Erfahrungen, ihre Brüche und Weltöffnungen, für ihr Scheitern und ihre Erfolge. Durch das Wagnis ihrer Leben und ihrer Kämpfe gaben sie mir den Mut und die Sprache, über mein eigenes Leben in einem größeren als nur privaten Kontext nach zu denken. Es ist dieses Vertrauen in die Bedeutsamkeit unserer persönlichen Erfahrungen, das mich die Frauen der Frauenbewegung lehrten. Ihre Überzeugung, dass es unser eigenes Leben und Erleben ist, von dem wir in unserem öffentlichen Handeln und Sein ausgehen müssten, ist für mich bis heute wichtigste Inspirationsquelle. Ohne dieses geschenkte Vertrauen wären diese Gedanken nicht denkbar.

Alles ist möglich

Ich bin eine Tochter der Frauenbewegung. 1965 geboren, bin ich aufgewachsen in dem  – historisch gesehen – gerade eben erst erkämpften Bewusstsein, endlich auch als Frau alles tun und haben zu können, wonach mein Herz begehrt. Lebensentwürfe und Berufe, die noch vor einer Frauengeneration undenk- und erreichbar gewesen waren, rückten in greifbare Nähe. Mit ein wenig Willen und guter Schulbildung konnte ich Pilotin werden oder Philosophieprofessorin, Maschinenbauingenieurin oder Rennfahrerin.  Alles war möglich. Ich konnte mein eigenes Geld verdienen und meine eigene Familie haben unabhängig vom Vorhandensein eines Erzeugers und Ernährers. Als eigenständige Steuerzahlerin konnte ich Einfluss nehmen auf politische Entscheidungsprozesse, als selbstverantwortliche Konsumentin die Weltwirtschaft ankurbeln. Alles war perfekt, die Welt – ließ man uns wissen – wartete nur auf uns junge Frauen, die wir nun in der glücklichen Lage waren, unser Wohlergehen und das unserer potenziellen Kinder in die eigenen Hände zu nehmen. Um die Welt nach unserem Bilde um zu gestalten. Meine durch gute Bildung und Ausbildung erreichte wirtschaftliche Unabhängigkeit in der Form einer eigenständigen Berufstätigkeit schien der Garant zu sein für persönliches Glück und Erfüllung auf allen Ebenen.

Glück ist – Freiheit von Abhängigkeiten

Es war diese vermeintliche Freiheit von Abhängigkeiten, die das Glücksversprechen an meine Frauengeneration in sich trug. Bis heute werden Verwandte und Medien nicht müde, uns diese Errungenschaften immer wieder vor Augen zu führen: Die Emanzipationsbewegung hat uns von geschlechtsspezifischen Abhängigkeiten befreit. Jetzt liegt es an uns, glücklich zu werden. Nutzet die Stunde und macht was draus – das ist das Credo meiner Generation.

So wurden wir die Frauengeneration, von der man viel erwarten durfte: Wir machten Abitur, promovierten und habilitierten, stiegen auf der Karriereleiter bis ganz nach oben. Lernten, unsere Autos, Waschmaschinen und Computer selbst zu reparieren und unsere Bankgeschäfte selbst zu verwalten. Wir lernten die Vorteile von Lebensversicherungen, Hedgefonds und Klimaanlagen zu unterscheiden und für uns selbst zu nutzen. Wir bestiegen auch den Himalaja, tauchten auch in die Tiefsee und gewinnen bestimmt demnächst auch für irgendeine unserer herausragenden Leistungen den Nobelpreis. Wir kämpfen für das Vaterland, bauen Panzer und operieren am offenen Herzen. Wir leiten die Geschicke ganzer Nationen und sehen dabei noch verdammt gut aus. Niemand soll uns nachsagen, wir seien dämlich.

Freiheit ist – Freiheit von Weiblichkeit ?!

Wir haben sie erobert, die einstmals männlichen Domänen von Freiheit, Erfolg und Karriere. Wir haben sie hinter uns gelassen die Festschreibungen einseitiger weiblicher Rollenmodelle und die biologischen Fesseln eingetauscht gegen das Recht, zu leben wie ein Mann. Wobei wir allerdings weiterhin allen Attributen weiblicher Attraktivität zu entsprechen haben, laufen wir doch sonst Gefahr, für Mannweiber gehalten zu werden. Dass dieser Spagat so manche Frau an den Rand der Verzweiflung treibt, ist klar.

Heute scheint die Emanzipation von gestern vor allem eine Anpassung an die Bedürfnisse einer von Männern geprägten Welt von heute. Das „Haus“ als Hort der Frau ist tabu, was zählt ist die „Welt“. Das haben wir selbst so definiert, indem das „Haus“ in der weiblichen Freiheitsbewegung Synonym wurde für alle Unfreiheiten, die der Frau eingeschrieben schienen. Es hinter uns zu lassen hieß Welt und damit Freiheit gewinnen. Doch „Welt“ heute ist „Markt“ mit Gesetzen, die der Kapitalismus schreibt. Und mit dem Verlust des „Hauses“ haben wir auch verloren, was uns in der Welt Wurzel gegeben hätte. Anstatt das Private politisch zu machen haben wir beim Kehraus geholfen.

So sehen sich Frauen heute den gleichen sozialen Kränkungen ausgeliefert, die früher den Männern vorbehalten waren: Persönliche Wünsche, Bedürfnisse und Beziehungen haben Nachrang nach den Erfordernissen eines modernen Berufslebens. Deshalb auch die Reduktion der „Frauenfrage“ auf die „Betreuungsfrage“: Zeit, Lebenszeit ist Zeit für Arbeit, nicht etwa für andere Dinge und Menschen, denen Frauen (und auch Männer) Bedeutung zumessen würden.

So brodelt es unter der nach außen stolz getragenen Schicht der gelungenen Emanzipation. Etwas Anderes, Unbenanntes drängt an die Oberfläche, ein Gefühl des Verlustes, welches sich all der errungenen „Mehrs“ zum Trotz nicht beruhigen lassen will von den Allgemeinplätzen scheinbarer Unabhängigkeiten.  Der Wunsch, ein als Frau geborenes Leben auch als solche zu leben, stößt an die Grenzen der Vereinbarkeit mit Definitionen von Weiblichkeit, die sich in vielen Jahren nur abgeleitet haben aus dem: „Nicht mehr so wie früher und mehr wie die Männer leben dürfen.“ Was für Gleichberechtigung und die damit verbundenen Fragen formal-rechtlicher Emanzipation ausreichend erschien, ist heute zu wenig.

Wie konnte also der Wunsch der einen Frauengeneration, den einengenden Festschreibungen früherer weiblicher Rollenbilder zu entkommen, zum Zwang für die nächste werden, Frau zu sein ohne Frau sein zu können? Ist die Frage nach Freiheit für Frauen nur zu beantworten als Freiheit von Weiblichkeit? Ist Beschränkung das Wesen der Weiblichkeit?

Isolierte Vagabundinnen

Liegende FrauEs dauerte lange, ehe ich in meinem Leben an den Punkt kam, diese Fragen und das damit verbundene Unbehagen überhaupt zu formulieren. Zu nahe kam eine Kritik an den Befreiungsoptionen der Frauenbewegung einem vermeintlichen Revisionismus. Zu schnell waren Freundinnen und Mitdenkerinnen mit den psychologisierten Standards bei der Hand, dass es doch an mir alleine läge, wo ich in meinem Leben die Prioritäten setzte, und dass es mein Begehren wäre, welches ich in die Welt bringen sollte – ohne die Frage, ob andere dieses teilten oder nur gut fänden.

Das machte mich immer schnell stumm. Ich stellte die unausgesprochene Annahme, dass ja nun mal jede ihres Glückes Schmiedin auf dem Markt der Möglichkeiten sei, nicht in Frage. Ich bin ein Kind dieser Generation. Endlich befreit, hatten wir uns nun einmal zum Donnerwetter nicht zu beschweren. Ich war Tochter einer Rebellinnengeneration – da kam es uncool rüber, die Entwurzelung des eigenen Geschlechts und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Zustimmung anderer zum eigenen Lebensentwurf zu suchen. Eine Vagabundin hatte die Einsamkeit als notwendigen Ort für Selbstverwirklichung anzuerkennen. So verhinderte das Antreten unseres kämpferisch-mütterlichen Erbes genau das, wofür sie gestritten hatten: Anstatt uns anderen Frauen näher zu bringen, trieb uns der Anspruch, auch ja unser individuelles Glück zu machen, tief in die Isolation. Offen und miteinander über unser Scheitern an diesem Anspruch zu sprechen hätte bedeutet, die Kämpfe einer ganzen Frauengeneration, ja die ganze Frauenbewegung in den Abgrund zu ziehen. Also wahren wir die Fassade – auch aus Achtung unseren Müttern gegenüber: Als Tochter einer Mutter, die viel gekämpft und gelitten hatte, wollte ich ihr Andenken nicht damit beschmutzen, dass ihre Opfer für mich vielleicht nichts gebracht hatten. Ich bin eine Mutter-Tochter, die erst langsam lernt, dass Kritik nicht Vernichtung bedeutet.

Das Erbe der Mütter

Das Erbe meiner Mütter anzutreten hieß also für mich, so wenig weiblich wie nötig und so erfolgreich wie möglich zu sein. Wir, meine Frauengeneration und ich, waren die Nutznießerin ihrer Kämpfe. Alleine schon deshalb hatten wir die Implikationen nicht anzuzweifeln. Unser Erfolg rechtfertigte ihre Opfer. Es blieb uns also gar nichts anderes übrig, als siegreich voran zu schreiten und ihre Thesen zu belegen: Frauen können alles, und das meiste besser. Glück? – die Frage nach „Glück“ schien irrelevant gegenüber den Erfordernissen, Befreiung in Freiheit zu verwandeln. Frau-Sein? Eine unsinnige Frage angesichts des Umstands, das wir „Frau-Sein“ jetzt ja mit jedem Inhalt füllen konnten, der uns einfiel. Nur zu weiblich durfte er nicht ausfallen. Aber bitte auch nicht zu männlich. Und die Antwort war da draußen zu finden – in der Welt. Nicht etwa hier, bei mir zu Hause.

Frauen in der Mitte von Nirgendwo

Nahezu jede von uns kann also heute jeden vergleichbaren Mann in die Ecke stellen. Wo gleichaltrige Männer schon mit Schmerbauch und Cholesterinspiegel kämpfen, glänzen wir fitnessstudiogestärkt und ernährungsbewusst durch erfolgreiches Multitasking-Management unserer vielen parallelen Leben. Doch das Mehr an Möglichkeiten, welche uns die Frauenbewegung eröffnet hat, hat uns nicht automatisch ein Mehr an Glück gebracht. Höchstens mehr Anstrengungen, es auf noch mehr Lebensbühnen zu etwas zu bringen: Als Karrierefrau, die zur Selbstverwirklichung auch noch Kinder bekommt – natürlich erst nach erfolgreicher Platzierung am Arbeitsmarkt. Als Mutter, die sich in einem schlecht bezahlten Nebenjob verwirklicht. Oder als Full-Time-Workerin mit einer Latte ehrenamtlicher Engagements  als Entschuldigung für den Umstand, dass wir der Gesellschaft nicht die fälligen Kinder schenken. Dass wir bei all diesen Aktivitäten natürlich auch noch gut aussehend, gesund sind und reinlich, innovativ und modern, aufgeschlossen und nach wie vor beziehungstauglich versteht sich von selbst.

Bei all dieser Anstrengung, den gewachsenen Ansprüchen an ein modernes Frauenbild zu entsprechen, haben wir uns irgendwo zwischendrin wohl selbst verloren. So wir uns jemals hatten. Der Zwang, durch die Erfüllung der Wünsche unserer Müttergeneration glücklich zu werden, hat uns als luftleere Zombies voller Orientierungslosigkeit zurück gelassen. Und macht uns damit zu willfährigen Opfern einer Gesellschaft, die es gerne sieht, wenn eine keinen Plan hat. Denn da, wo schon längst keiner mehr an das Glück durch Erwerbstätigkeit glaubt, rennen wir noch immer den Jobs hinterher, die schon gestern auf der Abschussrampe standen.

Weil der in meiner Generation in der gesellschaftlichen Mitte angekommene Feminismus uns weibliche Emanzipation als „Freiheit von“ weiblichen Identifikationsmerkmalen mit dem Ziel der „Freiheit für“ Erwerbstätigkeit vermittelte, blieben wir in dem Dilemma hängen, keine Ahnung zu haben, was es bedeutet, eine Frau jenseits der Frage unserer Arbeitsplatzgestaltung zu sein. Können wir also weibliche Freiheit mit nichts anderem füllen als damit, unser eigenes Geld zu verdienen und es auch selbst auszugeben? Frausein 2009 – eine marktwirtschaftliche Unterfunktion?

Glück ist mehr als die Summe unserer Möglichkeiten

Langsam – und ich meine wirklich l-a-n-g-s-a-m – beginnen immer mehr Frauen meiner Generation zu spüren, dass da etwas nicht stimmt. Der Druck wird zu groß. Wir entdecken, dass die Möglichkeit einer Wahl noch nicht bedeutet zu wissen, was aus welchem Grund ich wählen sollte. Glück ist mehr als die Summe unserer Möglichkeiten. Glück, das könnte sein: die Übereinstimmung unserer persönlichen und überpersönlichen Bedürfnisse mit der eigenen Lebenspraxis. Und das Wissen, welche der vielen Möglichkeiten mir wirklich möglich sind.

So jung diese aufkeimenden Erkenntnisse sind, so stark sind die sich schon formierenden Widerstände. Angesichts sich verschärfender existenzieller Grundbedingungen für alle scheint es fast schon blasphemisch, über persönliches Glück auch nur nachzudenken. Die Welt wird enger, wir haben uns zu bescheiden. Einfachheit ist en vogue. Und da stehen wir mit unseren komplexen Lebensentwürfen schon wieder im Regen. Da wird der Wunsch einer full-time berufstätigen Frau nach Zeit für die Beziehung zu ihren Kindern ein Politikum derart, dass sie wohl eine von den ewig Gestrigen ist. Wird die Anerkennung unserer tief sitzenden Müdigkeit in Form eines Rückzugs ins Privatleben  eine Kampfansage an alle, die sich doch für uns alle engagieren. Wird denjenigen unter uns, die sich aus Verzweiflung gar allem verweigern, weil sie deutlich spüren, dass sie in all dem Tohwabohu in und um uns herum gar nicht wissen können, was sie denn wollen wollten, das Stigma der Versagerin und gesellschaftlichen Schnorrerin aufgedrückt. Da wird viel laut geschrien und lamentiert, und die leisen Töne werdeb unhörbar. Diese Welt mit ihrem inzwischen zum allgemeingültigen erklärten Überwert „Erfolgskurs“ braucht erfolgreiche Frauen – quasi als Legitimationsform für die Richtigkeit ihrer Annahme, dass Mehr immer mehr und besser ist.

Mehr ist manchmal auch weniger – oder Das Glück des Herdes

Aber mehr ist eben manchmal auch weniger. Viele Frauen in meiner Generation fühlen sich kein Stück freier, obwohl sie faktisch von so vielem befreit sein müssten. Im Gegenteil – und noch mal weil´s so gruselig ist: Sie fühlen sich gezwungen, immer freier zu werden.

Über die Bedeutung der Fülle der Möglichkeiten, die uns die Frauenbewegung gebracht hat, nachzudenken, kritisch nachzudenken, rückt eine sehr schnell in den Verdacht des Revisionismus. So, als wäre eigentlich allen außer mir klar, dass ich hier „in Wahrheit“ nicht bloß offen über Freiheit und Glück, Frauenbewegung und Feminismus nachdenke, sondern zwischen den Zeilen die Antwort schon parat hätte: Zurück an den Herd! Tatsache ist aber nun einmal, dass wir da ja wohl immer noch und schon wieder sind. Und das nicht ohne Grund – und tatsächlich oft aus freier Wahl. Und zwar nicht, weil wir es alle quasi aus biologischen Gründen so lieben, uns um die Versorgungs-„Arbeiten“ zu kümmern. Sondern weil manche von uns eben lieber gut essen als zwischen zwei Meetings einen Fast-Food-Lunch einzuschieben. Oder es genießen, eine schöne Umgebung zu gestalten. Oder es zu schätzen wissen, dass die Küche schon immer ein Ort war, an dem Menschen zusammen kamen, um zu sprechen und ihre lebendigen Beziehungen zueinander zu pflegen. Weil der „Herd“ im „Haus“ steht und das „Haus“ nicht bloß Ort unserer historischen Unterdrückung als Frauen ist, sondern auch Heimat und Zugehörigkeit und Glück.

Doch selbst wenn wir all diese Gründe, sich positiv und selbst gewählt für „den Herd“ zu entscheiden beiseite ließen – selbst diejenigen von uns, die diesem Ort nichts abgewinnen können, werden spätestens seit dem Siegeszug des Schlankheitswahns oder der Hetzjagd auf dicke und damit schlecht sozialisierte Kinder mit der Notwendigkeit konfrontiert, an diesen Ort zurück zu kehren wenn sie erfolgreich bleiben wollen. Erfolgreiche Frauen ernähren sich gesund – und wenn sie Kinder haben, auch diese. Fette Frauen sind Versager, ebenso wie die Mütter fetter Kinder.

Sagen, was ist

Wenn wir also schon längst wieder in der Verantwortung für Heim und Leibesumfang stehen, können wir das auch gleich laut sagen. Könnten uns eigentlich stolz darauf beziehen, dass wir ziemlich schnell erkannt haben, dass sich ein 16-Stunden-Tag ganz schön schlecht mit Lebensqualität und vor allem mit dem Bedürfnis nach Beziehungen – und nicht nur zu möglichen eigenen Kindern – verträgt. Dass es zwar cool ist, in einem Mercedes SLK durch die Gegend zu fahren, aber leider auch nichts hilft, wenn wir die Landschaft, durch die wir da PS-verstärkt donnern, schon lange aus dem Blick verloren haben. Außen wie Innen.

Dann könnten wir auch ehrlich darüber sprechen, dass es manchmal ein Zuviel am Mehr gibt. Und dass der Antrieb, aus Mehr immer Mehr machen zu müssen, auf dem Boden eines Wirtschaftssystems gewachsen ist, in dem mehr-haben und mehr wollen immer schon in (Selbst-)Ausbeutung und Zerstörung geendet ist.

Freiheit, Frauen und Neoliberalismus

Die Emanzipationsbewegung der letzten Jahrzehnte wird scheitern, wenn sie sich nicht damit auseinander setzt, was sie Frauen auch aufgebürdet hat, weil ihr Entstehen und ihr Freiheitsanspruch zusammenfiel mit dem Entstehen und (vermeintlichen) Freiheitsanspruch eines „neoliberalen“ Wirtschaftssystems. In dem Klima „Jede/r soll und kann machen, was er/sie will“ wurde die letzte Frauenbewegung in einzelnen Aspekten deshalb so erfolgreich, weil sie ins Credo passte. Und nicht etwa, weil irgendwer davon überzeugt gewesen wäre, dass Frauen Freiheit gehört. Unsere Befreiung als Befreiung zu Teilhabe am allgegenwärtigen Wirtschaftssystem diente nur einem: Den Beweis zu untermauern, dass die Nachfrage des „Marktes“ alles reguliert. Und um mehr Zugang zu noch mehr Ressourcen zu öffnen, nämlich denen der Frauen. Frauen als Markt – da passte die Frauenbefreiungsbewegung genau ins Konzept. Aus ähnlichen Gründen unterstützen heute multinationale Konzerne Befreiungsbewegungen in Afrika, Südamerika und China: Die Kunden kaufen besser wenn sie „mehr“ Freiheiten „haben“. So wie die Frauen.

Frauenbewegung als Tochter der Vollbeschäftigung

In einer Zeit, in der sich die Welt durch die Frauenbewegung und über sie hinweg so grundlegend verändert hat, müssen die Ideen und Konzepte, die unter völlig anderen sozialen und wirtschaftlichen Umständen ersonnen wurden, einer neuen Betrachtung unterzogen werden. Freiheit und Glück zum Beispiel mit Erwerbstätigkeit in Beziehung zu setzen, macht in einer Zeit, in der Arbeit immer weniger und immer weniger wert wird, überhaupt keinen Sinn. Wenn Menschen bereit sind, sich um eines Arbeitsplatzes willen total zu erschöpfen und der Kampf um die Partizipation auf einem beschränkten Luxus-Arbeits-Markt mit aller Härte geführt wird, ist es wirklichkeits- und betriebsblind, über Elternzeiten und geteilte Hausarbeit zu politisieren. Und sind Frauen die Verliererinnen – und zwar nicht deshalb, weil sie eh schon schlechtere Ausgangsbedingungen hätten. Sondern weil sie sich als Versagerinnen auf der ganzen Linie fühlen, nur weil viele von ihnen und immer mehr dem Reiz eines auf Ausbeutung hin orientierten Systems in Wahrheit nichts mehr abgewinnen können. Und als solche gebrandmarkt werden, wenn sie sich öffentlich dazu bekennen. Vor allem von anderen Frauen – logischerweise.

Weiblicher Gestaltungswille als Abwendung von Partizipation

In ihrer Abwendung von untauglich gewordenen (Wirtschafts-) Systemen verdeutlichen Frauen um die Vierzig heute seismografisch, wo der sprichwörtliche Hund begraben liegt. Und wo möglicherweise die Antworten zu finden sind, die wir alle suchen, Frauen wie Männer, Kinder wie Alte. Das wirkliche Erbe der Frauengeneration vor uns anzutreten, würde dann für mich darin bestehen,  Frauen in ihren Erfahrungen ernst zu nehmen und aus ihren Beweggründen Erkenntnis zu schöpfen.

Weibliche Emanzipation in Zeiten sich rücksichtslos verschärfender Ausbeutung von Arbeitskraft, Ressourcen und Möglichkeiten sollte in den Blick nehmen, dass es gerade die Abwendung von den Orten der „Welt“ und der öffentlich zelebrierten und eingeforderten Partizipation sein könnte, die weibliche Gestaltungskraft und weiblichen Gestaltungswillen zum Ausdruck bringt. Dieses Abwenden von den öffentlich inszenierten Plätzen ist ja in allererster Linie ein Hinwenden zu den Orten und Geschehen, in denen Frauen sich (noch?) als Akteurinnen und Meisterinnen empfinden. Indem sie so für sich die Gewissheit zurückgewinnen, wirklich etwas gestalten zu können und dauerhafte Werte zu schöpfen jenseits der Frage ihrer marktwirtschaftlichen Verwertbarkeit, erfahren sie den Kräftezuwachs und die Anerkennung, die zum essentiellen Mehr ermutigt. Ohne sie bleiben wir die angemalten Aufziehpüppchen, zu denen wir in den letzten 30 Jahren wurden.

Niemand – am allerwenigsten die Frauen – hat gewonnen, wenn wir weiterhin vorgeben, froh darüber zu sein, am Ende unserer Kräfte angelangt zu sein. Dass es uns glücklich macht, zwar viel und eigenes Geld zu verdienen, dies aber größtenteils dafür auszugeben, uns die Zeit und Kraft zu erkaufen, dies zu tun. Die Sicherung unserer Existenz und der uns angehörenden Menschen ist notwendig. Aber zu glauben, dass wir unabhängig seien, nur weil wir diese Sicherung inzwischen durch unsere eigene Erwerbstätigkeit sichern müssen, um nicht als rückwärtsgewandte Parasiten zu erscheinen, ist ein Irrtum. Wir haben nur die Abhängigkeit von den Männern, die ihrerseits wiederum abhängig waren von den wirtschaftlichen Gegebenheiten ihrer Zeit, eingetauscht gegen eine direkte Abhängigkeit von eben selben. Es sind nicht wir, die entscheiden, welchen Wert unsere Arbeit hat und für wen. Freiheit, die sich ausschließlich über den Zugang zu Erwerbstätigkeit, die neue Abhängigkeiten mit sich bringt definiert, ist keine Freiheit.

Das andere Mehr des Lassens

Eine Frage, mit der wir uns heute auseinander setzen müssen, besteht darin, ob nicht der Rückzug von Möglichkeiten der bessere weil förderlichere Weg ist. So, wie uns die 70er, 80er und auch noch 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts glauben machen wollten, dass das Glück für alle draußen in der Welt und der Aneignung ihrer Ressourcen läge, so zwingt uns die Erschöpfung genau dieser global wie persönlich sprichwörtlich „an unseren eigenen Herd“ zurück und „vor unserer eigenen Haustür“ zu kehren. Das ist kein Rückzug aus der Welt in dem Sinne, dass wir diese aus dem Blick verlören, sondern eine radikale Umdeutung der Prioritäten: Zuhause bei mir beginnt die Welt.

Von mir aus – und dann in die Welt

Indem Frauen heute – also die Generation der heute 40-Jährigen – sich hinwendet zu ihren persönlichen Belangen, bringen sie etwas zum Ausdruck, das uns alle bewegt: Glück, das hat vor allem auch etwas damit zu tun, in Beziehung von mir aus zu anderen die Welt zu gestalten. Diese Beziehungen können sich bis nach Timbuktu strecken, doch es sind die hier und da, wo ich Tag für Tag lebe, die für die Qualität, für die Zufriedenheit meines Lebens und der Menschen um mich herum entscheidend sind. Erst wenn das stimmt, kann ich dieses Glück in mir hinaustragen in die Welt.

Die Frauenbewegung neu werden lassen – Die Politik der Muße

Statt also den Druck auf Frauen, sich „in die Welt zu begeben“, zu verstärken – durch Denunziation als am Weltgeschehen allgemein und der Frauenbewegung ins Besondere Uninteressierte oder durch 30 Jahre zu spät kommende Förderinstrumente und Kinderbetreuungsangebote – täte der heutigen Frauenbewegung vielleicht eine „Politik der Muße“ besser. Durch die Anerkennung der Beweggründe, aus denen Frauen heraus den so genannten „Rückzug aus der Welt“ attraktiver empfinden als das Mitspielen beim Wettrennen vor Toreschluß  könnte Frauenpolitik heute ganz eigene und originelle Quellen für Sinn und politische Praxis auftun. Und so zu der innovativen Kraft werden, die als Möglichkeit in ihr liegt.

Weibliche Freiheit als Freiheit vom „Mehr“

Freiheit und Emanzipation heute denken müsste also logischerweise bedeuten, über die Loslösung der (weiblichen) Freiheit aus dem Kontext der Abhängigkeit von Geldmitteln zur Sicherung des existenziellen Überlebens nachzudenken.  Frauen, die sich ja angeblich auf dem Rückzug befinden, tun das bereits. In dem sie über regionale Beziehungssysteme, eine Ökonomie des Schenkens oder eine Kultur der Bezogenheit forschen, schaffen sie Alternativen zur gängigen, allumfassenden Wahrheit kapitalistisch-patriarchaler Wirtschaftsmodelle mit einem Gültigkeitsanspruch für die ganze Welt. Frauen heute setzen dem die Verhandlungsbereitschaft in ihren überschaubaren Beziehungen entgegen. Ein Rückzug?!

Erst unter derart veränderten Bedingungen können Frauen – und auch Männer – wirklich frei entscheiden, welchem Bereich menschlicher Gestaltungsmöglichkeiten sie sich und ihre Zeit widmen wollen. Und ob sie sich entscheiden, sich dabei auf wenige Bereiche zu fokussieren oder lieber vielfältigen Möglichkeiten folgen möchten. Dann ist die Frage, ob Frauen Kinder haben (wollen) eine Frage, wie sie die Beziehung zu diesen gestalten wollen und nicht, ob sie die zeitlichen Anforderungen der Kinderbetreuung mit den Anforderungen der Erwerbstätigkeit vereinbaren können. Dann erst gibt es Raum für Muße und Gebet, für Ganzwerden und Glück. Indem diese existenziellen Fragen herausgelöst werden aus dem Kontext der Abwägung, was denn wie viel „Mehr“ bringt (was vor allem ja eigentlich immer „mehr“ Geld heißt) können die Kräfte Raum gewinnen, die das zu Gestaltende vor, in und um uns mit Sinn und Zweck füllen. Und eine Antwort auf die Frage ermöglichen, was uns denn glücklichen machen würde, könnten wir so, wie wir wollten.

Wir, die betroffenen Frauen und solidarisch mitfühlende und -denkenden Menschen, müssen unsere Belastungsgrenze ernst nehmen und sie umwandeln in unsere Emanzipationsbewegung. So wie die Frauen vor uns das für sie Unerträgliche – die Beschneidung ihrer freien Ausdrucks- und Wahlmöglichkeiten und den dadurch verursachten Ausschluss aus der Welt – verwandelten in die Quelle ihres Veränderungswillens.

Aus dem Persönlichen schöpfen

Als Frau Mitte vierzig, angekommen in der Mitte meines Lebens, nicht mehr jung und noch nicht alt, möchte ich mich damit auseinandersetzen, was an und in meinem Leben stimmt und gut (für mich!) ist. Ich möchte die Vergangenheit – meine persönliche, aber auch meine kollektive als Teil einer Generation – dahingehend überprüfen, inwiefern sie mir Bausteine liefert, die mich in die Zukunft tragen. Und nicht nur mich.

Dabei muss ich berücksichtigen, dass ich zu einer Generation gehöre, die wohl am umfassensten mit dem Scheitern des „Projekts Mensch“ konfrontiert ist. Von der Schwere dieser Erkenntnisse können wir uns nicht emanzipieren. Viele von uns drückt sie zu Boden und in die Unsichtbarkeit hinein. Wir haben gewählt (man versprach uns Partizipation!), wir haben gelernt (man versprach uns Verstehen!), wir haben demonstriert (man versprach uns Gehör!) und wir waren auf vielen Ebenen politisch, sozial, kulturschaffend und menschlich aktiv (man versprach uns eine Welt nach unseren Bedürfnissen!). Nichts davon hat sich eingelöst. Kein Wunder also, dass viele von uns sich fragen, warum wählen, warum aktiv werden, warum träumen.

Unsere Generation – und sicher nicht nur die Frauen – ist von einer tiefgreifenden Resignation erfasst, aus der uns auch kein „Yes, we can!“ herausreißt. Das haben wir auch schon gehört, irgendwo einmal. Vielleicht wäre es ehrlicher, erst einmal mit: Nein, wir können nicht! anzufangen als uns gleich wieder in den nächsten mediengeschürten Hype zu begeben. Und uns weiterhin darin zu erschöpfen, auf alle Fragen die perfekte Antwort zu parat zu haben.

Was wir heute 40-jährigen Frauen – und sicher auch Männer – zu diesem Zeitpunkt in unseren individuellen Leben, aber auch angesichts unserer Stellung im Weltgeschehen bräuchten, wäre vielleicht ein Innehalten. Loslassen vom Druck, „es in die Hand zu nehmen“. Loslassen vom Anspruch, das Erbe unserer Mütter und Väter welcher Art auch immer antreten zu müssen. Vielleicht müssen wir darüber erst noch verhandeln. Vielleicht gibt es noch entscheidende Fragen, die noch nicht gestellt sind. Statt uns aufzureiben zwischen der Erfüllung der Erwartung unserer Mütter und den Anforderungen unserer Kinder, denen wir eine auch nicht gerettete Welt hinterlassen werden, wäre es vielleicht an der Zeit, erst einmal nur für uns und bei uns zu sein. Und den großen Fragen der Welt  mit hausgemachten Antworten zu begegnen.

Autorin: Astrid Wehmeyer
Redakteurin: Astrid Wehmeyer
Eingestellt am: 09.02.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ina Praetorius sagt:

    Eine andere Frauenbewegung

    Liebe Astrid, ich bin fast zehn Jahre älter als Du, und vielleicht macht das tatsächlich einen Unterschied: Für mich war Frauenbewegung von Anfang an nicht einfach „Schneller Besser Höher“ sondern: „Kritik von Schneller Besser Höher“. Mich zu befreien hiess für mich schon 1977: mich nicht Karrierezwängen ausliefern, sondern gegen das Hochschulrahmengesetz demonstrieren (später gegen den NATO-Doppelbeschluss uä.), Seminare boykottieren und trotzdem Examen machen. Natürlich kenne auch ich den Druck, alles (besser) zu können: Auto reparieren und Diss schreiben, gut aussehen und Kind kriegen… Aber als bruchlos habe ich diese Art Lebensgestaltung nie empfunden. Und 2002 habe ich „Die Welt: ein Haushalt“ geschrieben, ein Buch, das ziemlich schnell vergriffen war – was wohl bedeutet, dass schon vor sieben Jahren viele Leute diesen Gedanken interessant fanden. Mit einem herzlichen Gruss
    von Ina

  • Astrid Wehmeyer sagt:

    Persönliches in Praxis verwandeln

    Liebe Ina,
    ich finde das interessant – du bist eine weitere „zehn-Jahre-ältere“ Frau, die mir schreibt um zu sagen: Die Frauenbewegung war nie nur „schneller, besser, höher“ … Ich finde das sehr spannend, denn mir stellt sich dabei die Frage: Wie kommt es dann, dass es aber genau DIESER Teil der Message war, der angekommen ist?!
    Ich fühle mich in diesem Zusammenhang wie „zweigeteilt“: einmal ist da mein inneres Empfinden, das so in der Art einer Matrix unter allem liegt – und die beschreibe ich in meinem Artikel ja: Als Tochter einer Rebellinnengeneration ist es ein Dilemma, sich an Rebellion anpassen zu müssen. Da kann dann nur „noch besser auf noch mehr Bühnen“ bei rauskommen. Und dann gibt es daneben sozusagen die vielen Begegnungen mit Frauen, Feministinnen (die mich dann eigentlich auch zur Feministin gemacht haben), durch die ich den Feminismus als genau diese sensible, seismografische, menschliche Denk-und-Fühl-Plattform erfahre(n habe), die sie heute für mich ist.

    Meinem Artikel ist eine rege Debatte innerhalb unserer bzw-Redaktion voraus gegangen, die ich als unglaublich befreiend empfand: Da saßen plötzlich wir drei 40+-jährigen und sprachen (für mich) zum ersten Mal offen über unsere Überforderungsempfindungen. Vielleicht ist das ein Phänomen der 40er-Lebensphase, da du dein Buch ja auch in dieser Zeit geschrieben hast. Eben in der Zeit, in der eine „mittendrin“ steht. Weil ich an die (politische, aber auch sonstige) Sprengkraft der offen verhandelten persönlichen Erfahrungen glaube, ist es mir ein Anliegen, diese Erfahrungen ernst zu nehmen und daraus eine politische/lebendige Praxis abzuleiten. Denn es reicht doch nicht mehr, nur zu beschreiben, dass wir müde sind – es geht doch auch um die Frage, wie wir das Freiheitsversprechen in uns wirklich einlösen können …
    In diesem Sinne, danke für deine Reaktion und mit Freude aufs Weiterdenken,
    deine Astrid

  • Ina Praetorius sagt:

    Also los…

    Liebe Astrid,
    Dein Text läuft auf die Idee hinaus, eine Frauenbewegung in Gang zu setzen, die selbst sagt, was gut ist und sich dabei nicht scheut, „Traditionelles“ neu ins Spiel zu bringen. Das ist genau das, was ich „Postpatriarchales Denken“ nenne und seit ungefähr zehn Jahren betreibe. Meiner Erfahrung nach ist das eine permanente Seiltänzerei, die sich trotz allen Missverständnissen lohnt. Frau wird dabei zunehmend „unberechenbar“, aber das ist sie ja laut Hannah Arendt ohnehin, auch wenn sie sich noch so stromlinienförmig dem anzupassen versucht, was das System (in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor allem, wie Du schreibst: der Neoliberalismus) vorschreibt.
    Ich bin dabei. Wie gesagt: schon seit zehn Jahren bin ich dabei. Aber es kommt ja eigentlich nicht so drauf an, wer zuerst war.
    Mit noch einem herzlichen Gruss
    von Ina

  • Reiner Fugger sagt:

    An den neuen Möglichkeiten verzweifeln …

    Liebe Astrid,
    Habe gerade deinen Artikel gelesen. Sehr gut! Auch meine „Männergeneration“ ist die erste, die das Vatermodell nicht mehr leben mussten, und an den neuen Möglichkeiten verzweifeln. Auch der Mann hat mittlerweile ein Packet an „Freiheiten“ und Erwartungen zu tragen, dass nicht von schlechten
    Eltern ist. Er sollte kreativ und häuslich sein, kochen können, sehr liebevoll mit Frau und Kind umgehen. Aber auch ein Kämpfer sein, Geld
    verdienen, die Rivalen gnadenlos ausschalten. Die Forderungen an das Aussehen von Männern, wenn sie denn erfolgreich sein wollen, decken
    sich auch mit denen an Frauen. Auch ein dicker Mann wird mittlerweile höchstens „Germany´s biggest loser „und sonst nichts. (Die Dicken, die
    noch an der Macht sind, sehe ich als Altlasten).
    Alles Liebe Rene

  • Astrid Wehmeyer sagt:

    Eine Politik des „Glücks“

    Lieber Reiner,
    Ich finde es spannend, wenn wir Frauen und Männer dieser Generation miteinander ins Gespräch kommen über diese Gefühle der dauernden Überforderung.
    Mich bewegt hier am meisten die Frage nach dem „Glück“: Klar, das ist ein schwer fassbarer Begriff, aber ich glaube dennoch, dass jede/r von uns in ihrem/seinem Inneren ein klares Verständnis davon hat, was „Glück“ für sie/ihn bedeutet. Aber irgendwie konnte es geschehen, das „Glück“ uns aus dem Blickwinkel geraten ist, ja fast schon zu einem Anachronismus wurde: Wen interessiert im Zeitalter von „everything goes“ noch so ein altmodisches Ding wie „Glück“ …

    „Glück“ ist für mich nämlich mehr als ein Ding, dessen ich habhaft werden kann. Mir scheint es mehr ein Prozess, ein Balanceakt, in dem alle Faktoren aufeinander Einfluss haben und in ihrem Verhältnis zueinander stetig neu justiert werden müssen. Nimm z.B. das Verhältnis von Frauen und Männern zueinander: Das Gelingen dieses „Verhältnisses“ gehört für mich zum „Glück“: das Wissen, dass ich meine Gedanken, Bedürfnisse, Wünsche, Hoffnungen, mein Sein gelungen vermitteln konnte – und das umgekehrt bei mir angekommen ist, was deren Entsprechungen bei meinem Gegenüber sind. Die italienischen Feministinnen haben in die Fragestellungen um das Gelingen von Beziehungen die Anforderung der Vermittlung eingebracht: Doch schau an, wer und was uns als Frauen und Männern heute vermittelt, was Männer resp. Frauen „wollen“! Werbung, Fernsehen, die Medien überhaupt kreieren Bilder, die wir nicht mehr auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. So kommunizieren wir nur mit diesen, statt mit den „wirklichen“ Menschen „dahinter“ – oder davor.
    So gerät Glück – z. B. als direkte, gelungene Beziehungen – aus dem Blickwinkel, weil es unmöglich scheint. Ich plädiere also für nichts weniger als für die Renaissance der Politik des Glücks.

    Liebe Grüße, deine Astrid

  • Astrid Wehmeyer sagt:

    Die Politik des Herdes

    Liebe Ina,
    das ist für mich ja ein Leitgedanke: Wie die Erfahrungen von uns einzelnen Frauen so zu verbinden, dass aus ihnen eine gemeinsame starke Strömung entsteht. Ich fand es dabei schon immer unglaublich banal, Traditionelles nur deswegen zu verbannen, weil es „älter“, eben traditionell ist. Natürlich müssen die alten Wahrheiten überprüft werden dahingehend, in wie weit sie für mich Gültigkeit haben – und in wie weit ich sie anpassen muss – und offen halten für das, was ich ja auch noch nicht weiss, also für das, was noch kommen wird. Damit nicht die nächsten Frauen/Männer/Menschen das Gefühl haben, gegen Betonwände zu laufen …
    Auch hier geht es für mich um die Balance – und um die Vermittlung: Können mir die, die das, was mir heute „Tradition“ ist, entwickelt haben, vermitteln, was die Absicht dahinter und darin war. Und zwar so, dass ich verstehe … Und kann ich vermitteln, was mein Begehren ist – um zu überprüfen, ob die einmal gefundenen Wege und Antworten für mich passen könnten oder nicht …?
    Für mich ist der – im Übrigen politische – Ort für diese Verhandlungen der „Herd“: Hier, bei mir zu Hause, an „Kessel der Ceridwen“, in den alles geworfen, aufgelöst und neu zusammen gesetzt wird. Ein uralter Ort, von dem immer schon Weltenschöpfung ausging. Ich wünsche mir eine Bewegung, die diese Orte wieder für sich gewinnt. Und das ist – zumindestens meiner Ansicht nach – alles andere als traditionell.
    Liebe Grüße, deine Astrid

  • Juliane Brumberg sagt:

    Mediengeleitete Irreführung

    Liebe Astrid,
    das ist ein spannender Artikel, der mir zeigt, wie manipulierend mit bestimmten Begriffen und Leitwörtern umgegangen wird. Spontan erinnere ich mich an eine Warnung, die ich in den neunziger Jahren, als ich mich intensiver mit dem Feminismus zu beschäftigen begann, von Christa Mulack gehört habe, sinngemäß etwa: Feminismus heißt nicht, dasselbe wie die Männer zu kriegen und zu tun; Feminismus heißt, die Welt zu verändern zum Wohl von Frauen, Kindern und Männern. Aber da haben wohl viele Männer und Systemerhalter dafür gesorgt, dass diese Töne bei den jüngeren Frauen, die heute um die 40 sind, damals gar nicht angekommen sind. Seinerzeit – und sie tun es heute immer noch – haben die männerdominierten Medien sich fortschrittlich geriert und den Emanzipationsfeminismus nach dem Motto „alles ist möglich“ getrommelt, ohne genau hinzuschauen, was die Frauen wirklich wollen. Das war und ist eine brutale Irreführung nachfolgender Generationen.

  • Annekatrin Zint sagt:

    auch ich werde 44

    Auch ich werde dieses Jahr 44….und stelle fest, dass Glück nicht die Summe der vermeintlichen Möglichkeiten ist. Superartikel! Danke!

  • Karla sagt:

    Ja !

    Ich bin zwar „schon“ 58 – aber ich danke Astrid sehr für ihren Artikel !!

  • Mechthild Alber sagt:

    Viel haben, um viel zu verlieren

    Hallo!

    In einer mußevollen Abendstunde las ich Ihren spannenden Text. Ich bin ein bißchen älter (Jahrgang 1960) und doch kamen mir viele Gedanken sehr vertraut vor. Auch ich habe zwei Kinder und bin nach einer längeren beruflichen Unterbrechung wieder eingestiegen und kämpfe mich wie so viele Frauen meiner Generation so durch, um viel zu haben und zugleich auch viel zu verlieren.(Muße, Beziehungen etc.) Die noch ausstehende Freiheit, von der Sie sprechen sehe ich v.a. in einer Befreiung aus gesellschaftlich vorgegebenen Werten und dem Mut zu eigener Wertesetzung. Ein kleines Beispiel dazu: Oft, wenn ich mittags heim eilte, um für meine Familie zu kochen, tat ich dies immer unter Optimierungszwang: Wie kann ich möglichst schnell etwas auf den Tisch bringen. Und immer öfter ertappte ich mich dabei, dass ich mein Bemühen in Frage stellte: Wäre es nicht sinnvoller, dass die Kinder doch in einem Hort wären und dort zu essen bekämen etc.?!
    Inzwischen versuche ich bewußt, Kochen, Einkaufen, Aufräumen etc. als einen wichtigen Teil meiner Arbeit zu sehen, als etwas Wesentliches, das ich meiner Familie gebe (also letztlich wie Muttern) und mir dafür auch manchmal mehr Zeit zu nehmen… . Das macht zumindest mich zufriedener und oft genießen wir als Familie auch das gemeinsame Essen.

    Vielleicht ist es an der Zeit, das Gewöhnliche wieder zu würdigen und darin auch die Möglichkeit zum Glücklichsein zu entdecken, verbunden mit dem Mut, nicht perfekt zu sein.

    Mit freundlichen Grüßen aus Stuttgart

    Mechthild Alber

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