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Rubrik heilen

Heilen – heil werden – was ist das?

Von Ute Schiran

Einige Gedanken zum Bewahren, sich Verändern, zum Lebendig-Sein

Ute SchiranIn diesem Text möchte ich

  • einige schon zu Gemeinplätzen geworden Schlagworte hinterfragen, die heutzutage in unserer westlichen, weißen Gesellschaft, vor allem in den spirituellen Kreisen, im Zusammenhang mit dem Wort „heilen“ kursieren;
  • auf die unterschiedlichen Bewegungen und Ansätze hinweisen – indigene und von der europäischen Kultur formulierte – und was die jeweiligen Worte, die jeweiligen Sichtweisen bedeuten;
  • meine Sicht (denn eine übereinkünftliche haben wir im Augenblick unter den europäischen Frauen nicht) von Heilen, und heil-werden/heil-sein darlegen.

Dies alles soll dargeboten werden als Anregung, auf dem eigenen Weg der Wahrhaftigkeit und Wirklichkeit dieser Bereiche näher zu kommen; eigene, bereits gefestigte Standpunkte noch einmal auf ihre Klarheit und Tiefe hin zu überprüfen und sich von dem hier Formulierten eventuell inspirieren zu lassen.

Je mehr ich mich darin vertiefe desto mehr finde ich heraus, dass wir nichts wissen

Vorausschicken möchte ich, dass ich mich mit der Thematik und den Fragen, die sie mit sich bringt, seit vierzig Jahren beschäftige. Je mehr ich mich darin vertiefe, desto mehr finde ich heraus, dass wir nichts wissen, dass wir immer und ausschließlich einen kleinen Ausschnitt des komplexen Geschehens auf unsere europäische Weise des Herangehens erfassen (ich schränke das auf „europäische Sichtweise“ ein, weil ich nicht wissen kann, ob es traditionelle, indigene Heilweisen gibt die vom GRUND her – ohne unsere fast unausrottbare „Kopfigkeit“ – die gesamte Őkologie/ sprich KORE-spondenz eines Körpers erfassen).

Mein eigener Weg hat mich von der erlernten Schulmedizin über die Arbeit mit Homöopathie und Akupunktur, über Hausgeburtsarbeit und Pflanzenheilkunde innerhalb der ersten Frauengesundheitszentren immer weiter von allem, was als „Heilkunde“ bezeichnet werden kann, fortgeführt.

In den 90-er Jahren habe ich mit Kolleginnen schamanische Rituale für Frauen angeboten, die Probleme hatten – körperlicher, spiritueller, wie immer gearteter Natur. Zu diesem Zeitpunkt war für uns „heilen“ längst zu etwas geworden, das sich am besten mit einer Art „Feld-herstellen-in-dem-sich-die-Kraft-dieser-spezifischen-Frau-den-Weisheitsimpulsen-ihrer-eigenen-Musik,-ihrer-eigenen Verbundenheiten-ergeben-kann“ umschreiben lässt.

Anstoss des Erinnerns

Wir nannten es immer noch so: Heilen, obschon dieses Heilen davon ausging, dass nicht wir es sind, die heilen, sondern dass der Körper jeder Frau weise ist und lediglich einen Anstoß des Erinnerns braucht.

Das Wort „heilen“ und alle Assoziationen, die damit zusammenhängen bekam im Laufe der Jahre mehr und mehr Fragezeichen, allen voran das grundlegende: Was ist das eigentlich, „heil-sein“…? Zumindest das scheinbare Gegensatzpaar von Gesund-sein und Krank-sein verließen wir, weil es Etiketten waren, die nichts erklärten, außer dass die Tatsache von körperlichem Wohlbefinden und normierten, messbaren Werten mit dem Etikett „gesund“ versehen wurde und jeder andere Zustand, der sich dieser Norm nicht beugte als „krank“. Diese beiden Begriffe schienen so klar und für jede Frau/jeden Mann verständlich und sagten doch nichts. Wir befanden sie für untauglich und wollten nicht weiter mit ihnen spielen, da sie von so vielen Seiten eingeengt und unhinterfragt waren, die wir als plakativ und verschleiernd empfanden.

Meine nächste Station auf dieser Reise war das erschütternde Jahr, als meine damalige Lebensgefährtin einen Knoten in ihrer Brust entdeckte und knapp ein Jahr später in andere Welten als die körperliche entschwand. Sie war immer eine Herausforderin gewesen, hatte alle ihre Freundinnen immer dazu gebracht, auf den GRUND zu kommen, und dieses – ihr letztes – Erdenjahr hat sie uns alle, die wir sie umgaben, noch einmal abgeprüft in vielen Bereichen und eben auch in diesem, dem „heilen“, dem „heil-sein“, dem Gehen und Kommen und den vielen unterschiedlichen Strömungen, die in einer sein können, die sich ergänzen können, aber auch widersprechen.

Ein Jahr später hatte ich selbst einen schweren Autounfall und war von Neuem auch mit ganz konventionellen, schulmedizinischen Methoden dessen, was unter Heilen verstanden wird, konfrontiert: eine komplexe Situation, denn einerseits war ich über den exzellenten Handwerker-Chirurgen, der mir meinen rechten Fuß dort wieder annähte, wo er kurz vorher noch gewesen war, außerordentlich froh, andererseits war ich bei allen begleitenden Maßnahmen mit der kriegführenden, einseitig materialistischen Seite, die mir schon während meines Studiums mehr als suspekt geworden war, konfrontiert und musste sie als untauglich für mich ablehnen. Das führte zu einem sehr kurzen Krankenhausaufenthalt und ziemlich grotesken Situationen auch danach, bis hin zum Verlust aller Zahlungen durch die Autoversicherung.

Mit den verbannten und als böse und verderblich gebrandmarkten Ebenen wieder in Verbindung treten

BergeDanach habe ich die Worte „heilen“ und „heil-sein“ nicht mehr in den Mund genommen, so wie ich es mit vielen Worten gemacht habe, die mir zu undurchsichtig, zu belastet waren, damit sie sich von den riesigen Höfen an Bedeutung, die sie umgaben und ihre wahre Sinnlichkeit verschleierten, erholen konnten, eingebettet in Stille und Nicht-Benutzen.

Alles in allem viel Zeit und viel Beschäftigung mit dem was „heilen“ sein könnte, und was unter „heil-sein“ verstanden werden kann.

Egal, wie viele Ebenen wir mit einbeziehen in den Begriff „heil-werden/heil-sein“, ganz zuunterst ist in unserer Kultur (auch wenn wir uns vielleicht schon weit von ihren Werten entfernt haben) eine fast unausrottbare Vorstellung von etwas Endgültigem, so wie bei Erleuchtet-Sein, einem Zustand jedenfalls, auf den eine sich hin bewegen kann – ein Ziel, das erreichbar ist… Und genau das ist es eben nicht: Heil-werden/heil-sein ist keine erreichbare Größe, kein endgültig rundes Ding, es ist – wenn es überhaupt definierbar ist – eine Beweglichkeit, die vor nichts zurückschreckt, vor keiner Berührung, auch vor der nicht, die in den dualistischen Vorstellungen und Konzepten als böse, als verderblich und unheil-bringend beschrieben wird.

Es scheint paradox: Aber je mehr wir mit den verbannten und als böse und verderblich gebrandmarkten Ebenen wieder in Verbindung treten, desto komplexer, desto „heiler“ empfinden wir uns: mit Erde und Natur (und glaubt nur nicht, weil das zwei so friedlich und in aller Munde geführte Worte sind, dass bei der Berührung, beim wieder Natur-sein-erlernen nicht genau all die Ängste aufkommen, die uns eingepflanzt sind: Stichworte wie verstrahlte Pilze und krankheitsübertragende Tierchen, die Angst vor so genannten Naturkatastrophen und „esst-dies-nicht-und-das-nicht … weil der Fuchsbandwurm und die was-weiss-ich überall sein können“, sind nur die alleroberflächlichsten Merkmale dieser Berührungsangst), und mit Geistern und Sternenfeldern, die schon dadurch schwer zugänglich sind, dass die Leugnung ihrer Existenz als gesund und normal gilt und das Wahrnehmen mit der Angst vor dem Verrücktsein einhergeht, und weil wir keine Ahnung mehr haben von den vielen Ebenen, den unterschiedlichsten Welten, deren Weisheiten und deren Verzerrungen.

Je mehr wir also mit diesen – aus der materialistischen Welt ausgewiesenen – Realitäten in KORE-spondenz gehen, desto deutlicher wird, was wirklich lebendig und berührbar macht und ist, und was – selbst wenn es in einem friedfertigen Gewand daherkommt – festhaltend und ausgrenzend, mörderisch neutralisierend und verachtend ist.

Still halten und bescheiden werden: Wir wissen nichts, aber wir tun ständig etwas

Beim „Heilen“ kommt mir immer wieder der Satz „die Erde heilen“ unter. Auch da will ich mich nicht, und kann ich mich nicht zu dem Sinn, der Sinnlichkeit, die dieser Satz in indigenen Gesellschaften haben mag, äußern. Das meiste aber, was ich aus dem weißen Europa und dem weißen Amerika dazu höre, erscheint mir suspekt. Ich höre dahinter oft: „Mutter Erde“ soll uns weiter ernähren. Ich spüre die Angst, dass wir aussterben.

Der erste Haken an der Sache ist schlicht, dass wir uns ihr nicht gegenüberstellen können. Das ist uns zwar in Fleisch und Blut übergegangen, deshalb ist es aber nicht stimmiger. Wir sind nämlich Natur. Das ist die größte Krux an der ganzen Geschichte, dass wir diesen Tatbestand  – jede vielleicht an einer anderen Stelle ihres Körpers – nicht mehr wirklich begreifen. Wenn wir es noch im vollen Umfang wüssten, könnten wir die Erde nicht Mutter nennen. Das ist ein Nachgeplapper aus den indigenen Zusammenhängen, die mit diesem Wort mit großer Wahrscheinlichkeit ganz andere Zusammenhänge assoziieren als wir, jedenfalls sicher keine so konfrontativen, so unverbundenen. Wir können uns nicht einfach Sätze aus ganz anderen Sichtweisen (und Sichtweise ist eine Lebensform und nichts, was nur mit „sehen“ in unserem Sinn zu tun hat) aneignen und dann erleichtert benutzen, ohne weiter darüber nachzudenken.

Wenn wir „Mutter“ sagen, dann ist das – durch unsere kulturelle Konditionierung – „nicht-wir“. Wir können uns Erde und Natur aber nur im Versuch des „das-bin-ich“ annähern, im „das ist die Liebe zu mir“  (dieses „ich“ ist nicht klein und persönlich, sondern wird immer weiter und tiefer und umfasst immer mehr Welten, „ich“ ist dabei nichts weiter als eine Standortbestimmung, ein Ortungswort). Wenn uns klar ist, dass wir Erde, dass wir Natur sind, dann ist die Konsequenz daraus, dass es dieser Ort ist, dieses Erde-Ich ist, um das wir uns zu bemühen haben: Beweglich, berührbar, mit allen Schönheiten, mit allen Wunden, mit allen Wundern, mit allen Zusammenbrüchen, mit allen Veränderungen und Ungewissheiten.

Wenn wir wirklich in der körperlichen Gewissheit leben, wenn wir also erfahren haben – und es nicht nur ein gescheiter Satz aus unserem intellektuellen Verständnis heraus ist und aus dem modernen Übereinkunftsvokabular ökologisch und spirituell Orientierter – wenn wir also physisch, sinnlich begriffen haben, dass alles mit allem zusammenhängt, genügt es vollkommen, sich dieses Erde-Ichs anzunehmen. Nicht im Sinne eines Konzeptes, wie es heil sein soll und heil aussehen soll, sondern wie es berührbar wird, KOREspondenzfähig mit ALLEM. Es geht um das Erlangen der Fähigkeit des All-Ein-Seins (etwas vollständig anderes als die Isolation, die wir für gewöhnlich leben).

All-Ein-Sein, KOREspondierend, vibrierend mit Allem, ist eine körperliche Erfahrbarkeit. Es bedeutet Transparenz, Durch-scheinen, Er-Scheinen, sich-zeigen, eine Art des umfassenden DA-Seins. Es hat nichts mit Transzendenz zu tun, was „hinübergehen“ heißt, und was mit übersinnlichen und übernatürlichen Phänomenen erklärt und gleichgesetzt wird.

Transparenz ist eine sinnliche und natürliche Lebensweise, da braucht es nichts über, in keine Himmels-,  keine Erdrichtung. Es ist nicht unser Körper, der uns in seiner Natürlichkeit und in seiner Materialität einengt, uns die sinnlichen Berührungen mit vielen Welten und Zusammenhängen verunmöglicht. Es ist die Feindlichkeit diesem Körper gegenüber, die das Phänomen der Unberührbarkeit, der Undurchdringlichkeit hervorbringt, und mit ihr die Bewegung fort von hier, auf das Hinübergehen gerichtet, auf etwas Endgültiges hin gezielt, statt sich dem sinnlichen, durchscheinenden, durchsungenen DASEIN zu widmen.

Es gibt noch etwas zu bedenken an diesen „Mutter-Erde-Heilen“-Projekten die da überall sprießen: Vielleicht braucht sie uns nicht, vielleicht empfindet sie sich nicht als zu behandelnde Patientin… Denkt nur an das Bikiniatoll – Säugetiere, einschließlich unserer Spezies, sind dort nicht lebensfähig, ansonsten gibt es nichts zu bemäkeln, alles blüht und gedeiht. Nicht dass ich dem, was Menschen durch Technologie und Gier bedenkenlos tun, zurede. Aber eben nicht nur die so genannten Bösewichte, die ausgemachten Materialisten haben keine Ahnung von wirklichen Zusammenhängen, von den vielen Welten die in einem Körper zusammenspielen.

Ich gebe also zu bedenken, dass das „Mutter-Erde-Heilen“,  nur weil das altruistisch und friedfertig und liebevoll aussieht was da getan wird, nicht weniger bewusstlos und arrogant und übergriffig sein könnte, als das, was wir als umweltschädlich, zerstörerisch und zynisch ansehen.

Und noch einmal, um jedes Missverständnis in dieser Hinsicht auszuschalten: Wenn indigene Menschen diese Worte verwenden, mag das (und soweit ich je mit welchen gesprochen habe, war das auch deutlich) aus einer grundlegend anderen, weniger zersplitterten Weltsicht herrühren als es das für gewöhnlich (Ausnahmen will ich auch hier nicht bestreiten) in unseren Breiten, auch bei all unseren Bemühungen von Ganzheitlichkeit ist.

Es ist immer angebracht, die Motive des eigenen Handelns zu untersuchen. Die Motive bei vielen „Mutter-Erde-Heilungen“ sind oft von der Angst diktiert, dass wir hier nicht mehr existieren können, nicht mehr atmen, uns nicht mehr ernähren können, kein Wasser zum Trinken mehr haben… An dieser Angst ist nichts Ehrenrühriges. Es wäre aber viel ehrlicher und wahrhaftiger, dieses Motiv bei den Ritualen zu formulieren, diese verängstigte Hilflosigkeit mit einzubringen, statt großartige Sessions zu machen, die über diese Beweggründe hinweggehen.

Ihr könntet sagen: „Ja, aber, was kann eine denn tun, man kann doch nicht gar nichts tun .“ Ich bin geneigt zu nicken. Jedenfalls was unseren Hintergrund des ewigen Tuns und Machens angeht, da könnte ich sagen: „Ja, haltet mal still, hört mal erst eurer Herz schlagen und wie viel Angst darin ist. Ja, haltet mal still und legt die Hände auf euren Nabel und spürt die wilden Rhythmen, die da gegeneinander branden, das Durcheinander, die Verwirrung. Ja, haltet mal still und werden bescheiden und klar: Wir wissen nichts, aber wir tun ständig etwas …“

Das Lassen lernen

Das, was wir am meisten zu tun hätten, ist das Lassen, das „wieder-lernen mit viel weniger auszukommen“: Mit viel weniger an Nahrungsmitteln, viel weniger an Heilsessions und Tees und Kräutern und Zusatzstoffen und all dem Zeug, das uns „gesund-erhalten“ oder „gesund-machen“ soll, viel weniger Gebastel an Seelen und Energiehaushalten … mit viel weniger von allem … auch mit viel weniger großartigem „Tun-Wollen“/“Tun-Müssen“.

Lernen wir also wieder, zu begreifen, dass wir nicht so schrecklich wichtig, so unersetzlich, so gescheit sind, wie wir uns gerne glauben machen wollen, und dass wir gleichzeitig einzigartig und zum Ganzen beitragend sind. Und bedenken wir dabei, dass auch unser unübersichtliches, scheinbar liebevolles Eingreifen sich auf das Ganze der Welten auswirkt.

Da wir so wenig von den wirklichen Zusammenhängen sinnlich begriffen haben, sind unsere Sinne auch nicht in der Lage, die ungeheuren, lebendigen Bewegungen der Selbstregulation sowohl des Erd- als auch des Menschenkörpers zu erfassen. Dazu gehören  Rhythmen, Zeit eben, die wir weder unseren eigenen Prozessen noch denen der anderen zugestehen. Wir vertrauen ihr nicht, dieser „Mutter-Erde“, die wir vorgeben zu lieben, so wenig wie wir uns selbst und anderen Wesenheiten vertrauen. Kaum eine hat noch erlebt – ob mit sich selbst oder im Außen – dass einem körperlichen/irdischen Prozess Zeit gelassen wird. Kaum eine hat noch erfahren, wie Bewegungen verlaufen könnten, wenn nicht gleich etwas dafür oder dagegen getan wird.

Weltsicht selbst erschaffen – aus Körpererinnerungen, aus Anregungen, aus Erfahrungen, aus dem tiefen Begehren dessen „ohne-das-sie-nicht-lebendig-sein-kann.“

Kommen wir zum Bewahren, was das Heilen und das Heil-Sein, Heil-werden angeht: Seit dem Jahre 2004 sind 13 Großmütter (wie sie sich nennen) aus indigenen Völkern unterwegs. Sie sagen: „Wir sind zusammen gekommen als eine neue globale Allianz der Gebete, der Belehrung und des Heilens, für unsere Mutter Erde, all ihre BewohnerInnen, alle Kinder und die nächsten sieben Generationen. Wir sind zutiefst beunruhigt“ sagen sie, „über die anhaltende Zerstörung unserer Mutter Erde und die Zerstörung der indigenen Lebensarten. Wir glauben, dass die Unterweisungen unserer Vorfahren uns den Weg weisen werden in diese ungewisse Zukunft. Wir wollen die unterschiedlichen indigenen Kulturen – unsere Länder, die Art der Medizin, die Sprachen und die zeremoniellen Wege des Gebetes – bewahren dadurch, dass wir die Vision dieses Bewahrens durch verschiedene Projekte unterstützen, wie das Projekt, unsere Kinder unterweisen und nähren zu können.“

Wenn solche Frauen aus Kulturen, die eine alte Tradition (durch welche kolonisatorischen Greuel auch immer gefährdet und zum Teil fast zerschlagen) bewahren und erhalten konnten, zu ihrem Wieder-Erstarken beitragen und die Weisheit dieser Traditionen für alle Menschen und die Erde zur Verfügung stellen, ist das etwas anderes als die Versuche aus unserer Kultur heraus. Wenn sie die Worte „Mutter-Erde“ sagen, wissen wir nichts über die Verbundenheit dieser Großmütter mit diesem Wesen; wissen wir nicht, wie diese Verbundenheit in ihren Körpern ankert.

Sie alle wurden berufen als Stammesälteste, als Vertreterinnen ihrer Region, und sie machen keinen Hehl aus ihren Motiven. Sie haben eine Absicht, nämlich ihre Kulturen vor dem Untergang zu retten und die Weisheiten, die dort gesammelt sind, zu bewahren. Sie wollen auf ihre jeweilige überlieferte Weise leben können. Es geht um Respekt der Erde und indigenen Menschen gegenüber, um die Möglichkeit, auf dieser runden Schönheit den jetzigen und den nächsten Generationen von Menschen eine würdige Möglichkeit des Lebens zu gewährleisten. Ihre Zusammenkunft ist in fast allen ihren Volksgruppen vorausgesagt worden.

Wir hier sind keine Stammesältesten und wir haben auch keine. Wir sind nicht als Vertreterinnen einer Kultur unterwegs, sind nicht abgesandt von einer ganzen Gruppe von Leuten. Jede von uns muss sich ihre Weltsicht, für die sie einsteht, selbst erschaffen – aus Körpererinnerungen, aus Anregungen, aus Erfahrungen, aus dem tiefen Begehren dessen „ohne-das-sie-nicht-lebendig-sein-kann.“

Wir haben keine gemeinsame Sprache und keine tief greifenden gemeinsamen Rituale. Das, was jede von uns zu bewahren hat, ist der Rest an Körperwahrhaftigkeit der ihr verblieben ist – und jeder von uns ist ein Rest davon geblieben – um von dort aus den Weg zu gehen, der dieser körperlichen Wahrhaftigkeit – nicht den Gefühlen, nicht dem was wir denken – mehr Raum, mehr Gesang, mehr Weite gibt. Das ist ihre Verantwortlichkeit in dieser Welt, das ist ihre Loyalität den lebendigen Welten gegenüber. Das ist, was sie beitragen kann zu dem, was wir – zögerlich vielleicht – „heil-werden“ nennen können. Das ist es, was in jeder von uns zu bewahren, zu bekräftigen und zu stärken ist.

Einander mit Respekt begegnen

Was wir uns gegenseitig darin an Unterstützung erweisen könnten ist: Einander in diesem Prozess des Zusammensetzens, des Beweglich-Werdens mit Respekt zu begegnen, mit dem Respekt gegenüber einer sich wieder erinnernden kulturellen Einheit, dieser „ein-frau-kultur“. Dann wäre schon viel gewonnen, wäre schon viel von dem, was manche vielleicht heilsame Energie nennen, unterwegs. Wenn eine zum Beispiel eine ist, die sich selbst oder die von anderen als „depressiv“ einstuft/eingestuft wird, gebührt ihr Respekt für die Körperweisheit, die sie in sich trägt. Die liegt vielleicht unter und in diesem Phänomen, das hierzulande Depression genannt wird. Respekt vor ihrem Weg statt sie davon kurieren zu wollen. Die dunklen Zonen, die nebeligen Landschaften, die Schluchten und Krater, die Landstriche des Schweigens, des Tauchens, dort wo kein Laut hinfindet, gehören mit zu den Welten. Statt daraus heraus zu wollen, statt eine mit allen Mitteln da heraus heilen zu wollen: Wie wäre es, diese Landschaften zu ergründen, ohne die es keine Höhen, keine Flussufer, keine fruchtbaren Felder, kein lebendiges Sprechen, kein Aufsteigen gibt?!

Oder eine, die in dieser Kultur als „magersüchtig“ gilt, mit einem Blick zu betrachten, der in dieser Art eine erkennt, die etwas über Transparenz, über Durchlässigkeiten weiß und es – auf diese vielleicht verzweifelte – Weise zum Ausdruck zu bringen versucht, gegen alle die Sichten und Realitätskonzepte, die ihr hierzulande entgegen stehen.

Das sind nur zwei von vielen Beispielen. Es würde schon ungeheuer viel an Bestärkung bedeuten, wenn wir einander nicht mit den normativen Gemeinplätzen die Sicht auf andere, kaum formulierbare Wahrhaftigkeiten verstellen würden. Wenn wir uns ermutigen würden in unserem Wissen – egal wie schräg es daher kommt, egal wie sehr wir allein schon mit Widerstand beschäftigt sind und das Wissen sich schon dadurch verzerrt und einen Ausdruck annimmt, den wir nicht mehr oder nur schwer enträtseln können.

Schattenarbeit

Wie oft wollen wir, obschon wir so aufgeklärt, so alternativ, so spirituell sind, doch zur Norm hin kurieren, zum Schönen hin, zum Unauffälligen hin, zum so genannten Zufriedenen hin. Die dreizehnte Fee, Kali, die Todin – sie sind noch immer nicht zu Tisch geladen in den meisten Heilungszeremonien Europas, in den Licht-und Friedensarbeiten.

Schattenarbeit als eine Arbeit, Dunkles in Lichtes zu transformieren, ist eine Unmöglichkeit, denn ein Wesen ohne Schatten ist kein irdisches Wesen. Und ich meine damit nicht „ein Mensch ohne Fehler existiert nicht“. Ich meine tatsächlich „Schatten“, so wie ein irdisches Wesen ohne Aura nicht existieren kann. Das heißt nicht, die nicht-bewussten Seiten einer Person sollen weiterhin nicht-bewusst sein. Sie sind es ja, die unsere Leben dynamisch viel mehr bestimmen als das, was wir fűr unser Wollen, unsere Entscheidungen, unsere Einsichten halten. Das sinnliche Erfahrbarmachen dieser dynamischen Strömungen ist ein völlig anderer Vorgang als der Versuch, das Verborgene zu verdammen und/oder es ans Licht zu zerren, um es zum Guten, zum Hellen, zum Heilen hin transformieren zu wollen. Die Höhle ist eine andere Behausung als ein Adlerhorst, der unterirdische See hat andere Bedingungen als das Mittelmeer.

Heilen also: Das ist nicht immer ein und dasselbe. Da gibt es unterschiedliche Vorstellungen von Gesundheit/Ganzheit, nach denen sich die Heilenden und die Heilsuchenden richten. Ein Konzept also, das je nach Mensch, je nach Kultur, je nach Schule  unterschiedlich ist und die Methoden nicht weniger bestimmt wie die Vorstellung, wohin da geheilt wird, in welchen Zusammenhängen sich das abspielt, was da mit hineinspielen darf und was nicht, was als heil und was als unheil angesehen wird…  Wir haben ein Wort für viele Bewegungen, aber es sagt nicht mehr viel Konkretes aus.

Autorin: Ute Schiran
Redakteurin: Astrid Wehmeyer
Eingestellt am: 09.02.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bodahn sagt:

    Wachsen am Mehr eines Wortes

    Das war das längste Wort Zum Sonntag, das ich je gelesen habe!!
    und erst am Schluß fiel mir auf, dass ich beim Lesen – ab irgendwann –
    meine Hände gefaltet hatte…
    Ute, du schreibst als letzten Satz: „Wir haben ein Wort für viele Bewegungen, aber es sagt nicht mehr viel Konkretes aus.“ – Nach dem Lesen meine ich, dass es mir mit einem anderen (oder vielleicht gar nicht so anderen?) Wort – mit „Gott“ – in meinen vergangenen 30-40 Jahren ähnlich wie dir ergangen ist: …seitdem ich „es“ nicht mehr mit immer neuen Zuordnungen -mit Namen und neuen Bildern, mit Gedanken von hier oder dem Osten…- festhalte(n muss), erfahre ich dieses als etwas Bewegendes. Und das immer wieder und immer aufs Neue. Und ganz konkret in meinem Leben. –
    Danke, Ute, für deine für mich so lebendigen Worte! Fidi Bogdahn in München

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Kulturmischung, eine Herausforderung für Kunstwerke aller Art.

    Liebe Ute Schiran,
    Erst heute habe ich Deine Gedanken und
    Erfahrungen in Umgang mit dem Heilen
    gelesen.Du hast viel erlebt und viel gearbeitet.Danke für die Ausführung.
    In April-July`09 bin ich zu einem ähnlichen starken Befinden gekommen.Ein geglückter Umzug war es, ich habe dies als Kommentar kurz im Thema: Erleuchtung-Auferstehung kund getan.Da ich am See aufgewachsen bin, hat mir dieser „Segel/Seil/Faden“ Grundsatz im Leben nie verlassen.
    Dazu kommen, die im Körper vorhandene, Du sprichst vom Rest,“gross-klein“ Ueberlieferungen. Bei mir sind es die Geschichten und Geschichte vom See. Sie leben fort,sind aufgehoben,sind kreativ,ohne Angst.
    Jeden Tag geben sie die Kraft und das Bewusstsein weiter.Sie reichen aus und noch Mehr, ich lebe darin und andere damit.
    Nach viele Jahren: Heute lebe ich wieder an einem See, in der Schweiz,als Schweizerin, mit Brettli/Seil/Faden Grundsatz, ohne grosse Surfgedanken und alles ist einfacher geworden.Der Genuss in die Natur beheimatet zu sein, mit den Schafen zu reden und zu antworten wenn sie bläken.Das schwimmen im freien Wasser.Sich umdrehen und den Raum in sich aufnehmen wie eine Künstlerin am Werk, dass ist es was glücklich macht.Es gibt Antwort auf das auch nicht immer einfach gewesene Leben, wo man(n)/Frau sich jetzt glücklich schätzen darf, wie so etwas an „gutes Leben“ möglich ist.Der Dank gilt als erstes meine Ahnen die mit den Elementen zu kämpfen hatten und die Insel-Kultur bis heute aufrecht gehalten haben. Wie alle andere Lebewesen auch,arbeite ich
    so und so dran,allein und in der Mitte von anderen.Gott segne auch unsere Tatkraft dazu.

  • ulla hoffmann sagt:

    subsistenzbäurin gelesen….und

    zunächst eine irritierende berührung erfahren.
    musste erst bei wikipedia nachlesen um zu verstehen. Habe ich es denn richtig verstanden, dass es wohl den prozess des selbständigwerdens, der individualisierung, bezeichnet?

    oder was verbirgt sich für dich, ute, dahinter.
    auf eine antwort freue ich mich, denn dieser prozess beschäftig mich seit fast 14 jahren.

    es grüsst dich aus der vulkaneifel
    ulla hoffmann aus retterath

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Nach wochenlangen unerklärlichem Ausfall
    von Festnetz und Internet
    musste ich zwangsläufig „das Lassen lernen“. Zunächst eine
    „Qual“ für eine leidenschaftliche Schreiberin, dann stellte sich eine gewisse unerklärliche Dankbarkeit ein. Ich lernte, mich nicht so unendlich wichtig zu nehmen. Ute: „Lernen wir also, zu begreifen, dass wir
    nicht so schrecklich wichtig, so unersetzlich, so gescheit sind…“

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