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Schon wieder und immer noch: Die Vermännlichung der Welt

Von Antje Schrupp

Schirrmacher

Frank Schirrmacher bei seiner Fastenpredigt in der Katharinenkirche. Foto: Rolf Oeser

Frankfurt Katharinenkirche am Aschermittwoch: Beim Gottesdienst zum Auftakt der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche in Deutschland predigt der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Das Thema ist „Sich entscheiden“ (getreu dem Motto der diesjährigen Aktion) und Schirrmacher nimmt sich in seiner Rede das Zaudern vor. Vor lauter Abwägen nicht zum Entschluss zu kommen, das Nichts-Tun wählen, immer erstmal Abwarten – das sei eine typisch deutsche Haltung. Aber in solchen kollektiven Zauder-Zeiten wie den heutigen gebe es auch Hoffnung, und zwar auf die mutige Tat des Einzelnen (als Beispiel führte er den Piloten an, der in New York ein Passagierflugzeug auf dem Hudson-River notlandete).

Die Predigt hatte alle Attribute von „Männlichkeit“, die man sich nur denken kann: Nicht nur stand Schirrmacher selbst in extrem männlicher Rednerhaltung an der Kanzel, die Arme durchgedrückt und links und rechts aufgestützt. Er hat auch in seinem Rundgang durch die Kulturgeschichte ausschließlich Männer zitiert. Lediglich als Gegenbeispiel wählte er weibliches: eine Frau, die zögert, morgens auf die Straße zu gehen, weil sie sich über alle möglichen Eventualitäten den Kopf zerbricht. Und schließlich gibt es wohl kein männlicheres Heldenbild als das des mutigen Piloten. Da bräuchte es gar nicht mehr den Subtext, der dieses Bild noch verstärkt: Das Wissen darum, dass Schirrmacher die deutsche Geistes- und Medienwelt für verweiblicht hält und das bedenklich findet. Oder das Wissen darum, dass sich sein Lob auf Entschlossenheit und Tatkraft angesichts politisch-kollektiver Zauderei gegen eine Regierung richtet, die zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands von einer Frau geführt wird. (vgl. dazu auch Andrea Günters Artikel „Politik und Zeiten der Ratlosigkeit)

Nun ist das alles für Schirrmacher nichts Besonderes und inhaltlich enthielt seine Rede eigentlich nichts wirklich Schlimmes oder Falsches (was allerdings auch daran lag, dass sie keinen großen Tiefgang hatte, die Beispiele kamen mir alle irgendwie zusammengegoogelt vor, aber das ist eine andere Sache). Was mich nachdenklich machte, war vielmehr das Setting, in dem diese Rede sich abspielte: Ein Gottesdienst in einer evangelischen Kirche, also einer Organisation, die sehr auf die Gleichberechtigung der Geschlechter achtet – das ist schließlich eines ihrer „Alleinstellungsmerkmale“ gegen die anderen, Frauen diskriminierenden orthodoxen oder römisch-katholischen Kirchen. Das kam auch im Gottesdienst selbst zum Ausdruck: Gebet und Segen von einer Pröpstin im Talar, die Liturgie von einem Pfarrer, der eigens und inklusiv betont, dass Jesus zu seinen „Jüngerinnen und Jüngern“ gesprochen habe.

Allerdings hatte dieser „geschlechter-egalitäre“ Rahmen eben genau die Wirkung, dass die „Männlichkeit“ des Schirrmacher-Auftritts nicht mehr thematisierbar war und als solche nicht weiter auffiel. Es wäre interessant gewesen, hinterher unter dem (etwa halbe-halbe zusammengesetzten) Publikum eine Umfrage zu machen, wie die Predigt gefallen hat. Ich wette, dass sie den Männern deutlich besser gefallen hat als den Frauen. Jedenfalls war ich sehr verwundert, dass ein mir bekannter eher „linker“ Pfarrer, der in meiner Nähe saß, halblaut kommentierte, das sei „Spitze“ gewesen.

Das erinnerte mich an eine Szene im hessischen Wahlkampf: Wir schauten uns in einer Gruppe von Frauen und Männern gemeinsam das TV-Duell zwischen Roland Koch und Andrea Ypsilanti an. Roland Koch ist ja ebenfalls ein Politiker mit einer großen Aura von „Männlichkeit“. Jovial und souverän geht er mit Medien um, lässt nie einen Zweifel an seiner „starken Hand“ und weiß auf alles eine Antwort (Zaudern käme ihm nie in den Sinn). Ebenso also auch in diesem Fernsehduell, obwohl Andrea Ypsilanti sich besser geschlagen hat, als viele ihr vorher zugetraut hatten. Nun waren alle, die sich da vor unserem Fernseher versammelt hatten, inhaltlich und politisch ganz klar gegen Roland Koch. Und doch war bei vielen (aber nicht allen) Männern deutliche Bewunderung für diesen „Kerl“ zu spüren. „Genial“ würde er die Fragen der Reporter parieren, „wirklich souverän“ noch die bescheuertsten Thesen rüberbringen. Ich war sprachlos. Denn bei mir war es genau andersherum: Nicht das, was Koch inhaltlich sagte, verärgerte mich so – jedem seine Meinung -, sondern gerade der Gestus, die Jovialität, die betonte Souveränität, mit der er auftrat. Eben diese überhebliche Schröder-Fischer-Koch- und-wie-sie-alle-heißen-Haltung.

Inzwischen bin ich der Auffassung, dass dieser männliche „Gestus“ das eigentlich Entscheidende im Bezug auf die Geschlechterdifferenz in der Politik ist und nicht so sehr der Inhalt dessen, was gesagt wird: Er begegnet bei „Rechten“ wie Schirrmacher und Koch ganz genauso wie bei „Linken“, wovon ich mich im vergangenen Oktober bei einem Grundeinkommens-Kongress in Berlin überzeugt habe. Ich fühle mich „kulturell“ den meisten Frauen viel näher, selbst wenn wir unterschiedliche Auffassungen haben, als den meisten Männern, mit denen mich gemeinsame Auffassungen verbinden. Und insgeheim sehen das auch alle Beteiligten so: Einmal war ich auf einem Podium mit drei Männern und noch einer Frau. Die Frau und ich waren ganz unterschiedlicher Meinung, während einer der Männer praktisch dasselbe sagte wie ich – nur sagte er es eben ganz anders und sie sagte ihres so ähnlich wie ich. Als die Diskussion herum war, stellten sich die drei Männer sofort zusammen und diskutierten weiter, die Frau und ich blieben etwas ratlos abseits stehen. Wir spielten keine Rolle in der Debatte – die Männer hatten ja untereinander die verschiedenen inhaltlichen Rollen längst besetzt. Es fehlte ihnen nichts.

Das Problem daran ist: In einem Kontext, in dem alle der festen Überzeugung sind, die Gleichberechtigung der Geschlechter im Prinzip verwirklicht zu haben, kann sich der männliche Habitus umso ungestörter wieder verbreiten, weil er nicht benennbar und nicht kritisierbar ist. Frauen, die sich dem nicht fügen, die mit anderem Gestus und einer anderen Grundhaltung Politik machen, werden abgestraft, wie es Andrea Ypsilanti passiert ist – und zwar mit einer eindeutig frauenfeindlichen Grundargumentation, die heute eben funktioniert, ohne dass das Wort „Frau“ dabei überhaupt nur ausgesprochen werden muss (vgl. dazu auch Andrea Günters Analyse).

Oder anders gesagt: Die männliche Selbstbehauptung und Definitionsmacht über das, was „normal“ ist, funktioniert in einer sich als „gleichberechtigt“ verstehenden Gesellschaft umso besser, weil man so tun kann, als sei sie gar nicht vorhanden. Nichts ist beweisbar, alles ist immer nur Zufall. Wo es keine Frauen und Männer mehr gibt, sondern nur noch „normale“ Menschen, sind Leute wie Roland Koch oder Frank Schirrmacher quasi nur „zufällig“ Männer und Leute wie Andrea Ypsilanti nur „zufällig“ eine Frau (nur trampelige Blätter wie die Bildzeitung sprechen das tatsächlich noch aus). Und man will doch niemandem eine bestimmte Verhaltensweise nur aufgrund des Geschlechts unterschieben oder zuschreiben? Die Folge: Das Männliche bleibt von außen unkritisierbar, wer etwas anderes will, muss zunächst  zum selben werden (also ebenso jovial und eloquent im Umgang mit den Medien zum Beispiel). Und das Weibliche selbst wird gar nicht mehr thematisiert, weil es als abgeschafft gilt, und es kann sich daher auch nicht solidarisieren – oder wenn, dann nur über den Opferstatus der Frauen.

Vielleicht hat mich der Gottesdienst neulich abends auch nur deshalb so frustriert, weil ich ohnehin einen schlechten Tag hatte. Mittags hatte ich von den sich häufenden Frauenmorden in Tschetschenien gelesen: Frauen werden dort offensichtlich reihenweise exekutiert, weil sie sich nicht an das halten, was die Männer für „moralisch“ und „gute Tradition“ ausgeben.

Es besteht in meiner Sicht ein enger Zusammenhang zwischen beidem. Schließlich war die Frauenunterdrückung in „anderen Kulturen“ im Westen schon immer ein Argument, um die eigenen Frauen in die Schranken zu weisen nach dem Motto: Seht mal, im Vergleich zu denen geht es euch doch gut! Und wer wollte das bestreiten!

Diese beide Weisen der Vermännlichung der heutigen Welt – die konkrete Unterdrückung wenn nicht gar Ausrottung von Frauen auf der einen Seite und ihre quasi „theoretische“ Abschaffung auf der anderen – sind zwei Seiten derselben Medaille. Es handelt sich keineswegs um den Gegensatz, den die westliche „Moderne“ hier gerne sieht. Sondern hinter beidem steht eine tiefe Respektlosigkeit gegen weibliche Subjektivität, nämlich gegen das, was Frauen an Anderem wollen und einzubringen haben. Deshalb laufen auch die westlichen Hinweise auf „Menschenrechte“ in diesem Zusammenhang so ins Leere (und dass sie ins Leere laufen, dürfte mittlerweile jedem, der nur ab und zu die Nachrichten liest, klar sein): Solange die westlichen Kulturen das Töten von Frauen lediglich aus neutralen Gerechtigkeits- und Gleichheitsgründen ablehnen – man darf Frauen nicht töten, weil man auch Männer nicht töten darf – aber ansonsten selbst nicht wissen, wofür Frauen, die weibliche Differenz, überhaupt gut sein soll, bleibt ihr Engagement schal und ist wenig überzeugend. Auch die westlichen Männer scheinen, ebenso wie die Männer in Tschetschenien, gar nicht zu verstehen, dass etwas Entscheidendes fehlt, wenn keine Frauen da sind oder man sie mundtot macht. Deshalb können sie immer noch so tun, als wäre ihr Bekenntnis zur Gleichberechtigung so etwas wie eine gute Tat für die Frauen (für die wir entsprechend dankbar zu sein haben, denn wir werden ja nicht wie die Tschetscheninnen erschossen, wenn wir etwas „falsch“ machen).

Natürlich hat das westliche Modell für uns Frauen einen entscheidenden und extrem wichtigen Vorteil, den ich keineswegs geringschätze: Es ist im Westen nicht lebensgefährlich für uns. Und wir haben zumindest theoretisch die Möglichkeit, uns einzumischen und etwas zu tun, und viele Frauen versuchen das auch. Aber es werden, soweit ich es beurteilen kann, immer weniger. Das war nämlich der zweite Grund, warum ich bei jenem Gottesdienstbesuch einen schlechten Tag hatte.

Nachmittags hatte ich erfahren, dass eine meiner Kolleginnen, die ich sehr schätze, ihre Stelle gekündigt hat. Sie hat zwar keinen neuen Job, aber sie konnte jenen „männlichen Gestus“, der sich auch in unserer Institution immer breiter macht, nicht mehr ertragen. Ich kann sie gut verstehen, aber durch ihren resignierten Weggang wird die Situation für uns Zurückbleibende natürlich nicht besser.

Solche Erlebnisse habe ich in letzter Zeit massenweise – Geschichten von Frauen, die angesichts der Vermännlichung der Welt resignieren, sich in ihre „weiblichen“ Nischen, die sie sich geschaffen haben, zurückziehen und die Welt da draußen sich selbst überlassen.

Nur ein Beispiel noch: Kürzlich war ich bei einem Workshop von Frauenprojekten, also Beratungsstellen gegen sexuelle Gewalt, Frauenhäusern und so weiter. Diese Institutionen sind bekanntlich von der Frauenbewegung geschaffen und – gegen männlichen Widerstand übrigens – erkämpft worden. Sie haben inzwischen jahrzehntelange Erfahrung und leisten so unbestritten gute Arbeit für die Allgemeinheit, dass sie heute fast vollständig aus Staatsgeldern finanziert werden. Allerdings erzählten diese Frauen davon, wie trotzdem die weibliche Autorität in der öffentlichen Debatte zu diesem Thema systematisch und gerade mit Hinweis auf die „Gleichstellung der Geschlechter“ demontiert wird. Männliche „Genderexperten“ (die aus dem Boden sprießen, seit der Staat für dieses „Thema“ viel Geld locker macht) schreiben Studien und Gutachten, in denen sie die „Unwissenschaftlichkeit“ und „Einseitigkeit“ feministischer Beratungsansätze beklagen und ihnen ihren eigenen „neutralen, wissenschaftlich objektiven“ (sprich: männlichen) Blick entgegenstellen. Auch das ist natürlich nichts Neues, neu war für mich aber die Resignation, mit der die eigentlich politisch sehr engagierten Frauen darauf inzwischen reagieren: Sie haben keine Lust, sich erneut und immer wieder öffentlich zu solchen Dingen zu äußern, Stellungnahmen zu schreiben, sich zu rechtfertigen, ihren Ansatz zu begründen. Sie begnügen sich damit, sozusagen „im Verborgenen“ weiterhin gute Arbeit zu leisten – und können das im Übrigen auch, weil nämlich „insgeheim“ die Qualität ihrer Arbeit auch den Männern durchaus bekannt ist (Frauenhäuser tragen zur Befriedung der Gesellschaft bei). Außerdem haben sie Unterstützerinnen in den Parlamenten und Gremien. Um ihre Finanzierung müssen sie sich grundsätzlich keine Sorgen machen. Aber es geht nicht nur ums Geld, es geht um die öffentliche Anerkennung weiblicher Autorität und Differenz!

Ich weiß nicht, wie dieser Situation zu begegnen wäre. Die Resignation der Frauen ist verständlich und ihr Gefühl, es habe „doch alles keinen Zweck“ nachvollziehbar. Was passiert, wenn sie mal aus der Reihe tanzen und Ambitionen auf Veränderungen, ist ja mit dem „Fall Ypsilanti“ spätestens allen Frauen klargemacht worden (ein anderes Beispiel für diese männliche Bestrafung weiblicher Dissidenz war im Übrigen auch schon die unsägliche Debatte um die „Bibel in gerechter Sprache“ – auch hier fand eine ganz ungenierte Demontage weiblicher Autorität unter dem Deckmantel der „Neutralität“ und „Objektivität“ statt).

Moralische Appelle an mehr „Staatsbürgerinnenverantwortung“ liegen mir nicht. Und so beobachte ich den Rückzug der Frauen etwas ratlos. Ich beobachte nur, wie die „Vermännlichung“ unserer Gesellschaft voranschreitet, wie die Männer es genießen, sich jetzt wieder so richtig männlich ausleben zu können, und zwar heute eben ganz ohne schlechtes Gewissen, da das schlechte Gewissen ja schließlich bei den Tschetschenen und ihresgleichen gut aufgehoben ist. Und Frauen können nichts sagen, weil sie ja prinzipiell überall „zugelassen“ sind und selbst dran schuld, wenn sie ihre Chancen nicht nutzen (wahrscheinlich zaudern sie eben immer zu viel). Ein paar Frauen sind schließlich immer dabei, um die Männlichkeit einer Veranstaltung zu verschleiern, wie die Pröpstin in dem Aschermittwochsgottesdienst.

Aber was Frauen zu sagen haben, ist nicht wichtig. Wenn sich keine Frauen finden, machen eben Männer den Job – so what? Wie oft habe ich das Argument, es hätten sich keine Frauen gefunden, als Rechtfertigung für männerdominierte Gremien oder Tagungen gehört! Und genau das ist die gemeinsame Grundlage für die Vermännlichung der Welt, ob in Tschetschenien oder in Deutschland: Solange westliche Männer Frauen nur aus Gerechtigkeitsgründen zuhören und nicht aus echtem Interesse daran, was Frauen an möglicherweise anderem zu sagen haben, kommen wir nicht weiter. Denn das führt dazu, dass Frauen sich entweder anpassen oder aber resigniert zurückziehen, und beides hat zur Folge, dass das Weibliche verschwindet. Vielleicht nicht unbedingt einmal zum Schaden der Frauen selbst, die im Geheimen, Verborgenen, vermeintlich „privaten“ ganz sicher viele interessante Betätigungsfelder finden. Aber zum Schaden der Allgemeinheit.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 27.02.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Bernd Schrupp sagt:

    Verstehen-Vorurteile

    Hi Antje, ich habe deinen Artikel ganz und ganz langsam gelesen. Du wirst sicher nicht verwundert sein, dass ich einen großen Teil deiner Thesen nicht nachvollziehen kann und auch nicht verstehe. Vielleicht liegt das Problem genau da, wir (Männer) verstehen es einfach nicht (im Sinne von „Naturgesetz). Es ist nach meiner Meinung auch zuviel durchsetzt von pauschalierenden Vorurteilen und nicht beweisbaren (deinen) Ansichten.
    „Was passiert, wenn sie mal aus der Reihe tanzen und Ambitionen auf Veränderungen, ist ja mit dem „Fall Ypsilanti“ spätestens allen Frauen klargemacht worden“ Sie ist nicht gescheitert weil sie eine Frau ist. Sie ist wegen geschlechtsneutralen Charakterschwächen gescheitert. Daher hat ihr auch die Unterstützung ihrer Geschlechtsgenossinnen gefehlt.

  • Femininelesbians sagt:

    Frauenfeindliche Berufs-Männer-Welt

    Hallo Antje,
    ich finde deinen Text sehr gut, er spricht mir direkt aus der Seele. Für mich ist der Moment in dem ich meine Wohnung verlasse der Eintritt in die mir fremde Männer-Berufswelt, mit ihren ungeschriebenen Regeln und Gesetzen, die mich einschränken und zur bloßen Statistin und Gehilfin des Mannes degradieren. Überall wo man hinschaut machen Frauen die niederen Arbeiten (zu denen sie körperlich in der Lage sind), und nur wenn man als Frau sich männlich gibt, seine Weiblichkeit verleugnet oder extrem betont, hat man die Chance irgendwo eine Nische für sich zu finden. Die Berufswelt separiert die Frauen noch mehr voneinander, es bleibt kaum Raum für zwischenmenschliche Dinge, geschweige denn, die Möglichkeit seine eigene Sichtweise und Welt auszuleben.
    Da ich Frauen liebe und ich mit Männern nicht leben könnte, kommt für mich ein Rückzug a la Eva Herman auch nicht in Frage, ich bin gezwungen mich für einen „Beruf“ zu entscheiden und für alle Ewigkeiten um den „Maulbeerbaum des Geldes“ zu tanzen. Denn das kritisiere ich an vielen Heterofrauen, dass sie sich immer noch die andere Option offenhalten und sich deswegen nicht der Wucht der Unterdrückung stellen. Sie sind wie schlafende Dornröschen und warten ihr ganzes Leben vergeblich auf den Prinzen. Und dann wird immer gesagt, dass man sich ja alles nur einbildet und es übertrieben sieht. Ich begreife nicht dieses Ausmaß in welchem Frauen verdrängen können.
    Zu Bernd kann ich nur sagen: Das hätte die Argumentation von meinem 20jährigen Bruder sein können!

    Lieber Gruß,
    Sophia

  • Ruth Luschnat sagt:

    Ypsilanti war halt nicht Schröder

    Nein, Ypsilanti wäre als Schröder gefeiert worden, aber Sie war ja ypsilanti.
    ruth

  • Astrid Wehmeyer sagt:

    Das Verstärken der weiblichen Differenz ist kein Rückzug

    Liebe Antje,
    eine spannende und wenig entspannende Diskussion hast du da ein- und auch weiter geführt. Die Grundfrage, die du – wieder einmal (danke!) – aufwirfst, ist ja die nach dem Einzug und Umgang mit der Differenz. Zwar „wertest“ du den weiblichen Gestus, indem du ihn „Rückzug“ und „Resignation“ nennst, meiner Meinung nach falsch, aber es ist richtig, dass er, entgegen dem omnipräsenten männlichen Gestus nahezu unsichtbar ist. Wie sollte es auch anders sein, hat sich der männliche Gestus ja als allein-herrschend und „richtig“ im Sinne von „gut und nützlich“ durchgesetzt. Und in einer Welt, in der es nur das Entweder-Oder, das Gut oder Böse gibt, ist logischerweise dann alles, was nicht „eloquent, souverän, übersichtbar“ ist, eben das andere „verschämt, schüchtern, dumm und unsichtbar“.
    Wir kennen das doch, und es wundert mich wenig, dass Männer wie Bernd Schrupp gar nicht wahrnehmen können, was hier passiert. Gefangen in der patriarchalen Dichotomie ist weibliche Differenz inexistent, ist im Kanon der Zweiwertigkeit alles, was nicht männlich ist, eben nicht weiblich, sondern schlecht. Eben ein persönlicher Charakterfehler – weil ja Charakter auch eine Option des männlichen Gestus ist.
    Was ich verstehen kann, ist dein Schmerz und dein Zorn darüber, dass auch (und nach meiner Meinung ja wieder) deine Heimat protestantische Kirche „infiziert“ ist. Es macht ja eben keinen Unterschied, ob da nach dem männlichen Redner eine weibliche Pröpstin spricht. Und nicht einmal die scheinbar „geschlechtergerechte“ Sprache macht das. Denn auch hier, wie überall, herrscht die Vorherrschaft des „guten Mannes“, des patriarchalen Gott-Vaters, der die Zügel eloquent, gerecht und fest in der Hand hat …

    Bevor wir uns aber wieder auf dieses Gleis begeben (das ist ja eine unserer Differenzen): Ist doch die eigentlich wichtige Frage, die dein Artikel aufwirft:
    Wenn du die weibliche Differenz nicht als Rückzug und Resignation wertest, sondern als Hinwendung zu einem anderen Grundprinzip, in dem sich der weibliche Gestus besser auffindet – wie kann es uns gelingen, diese Welt nicht als „Gegenwelt“ zu definieren/ gestalten/ behaupten? Ist es möglich, den weiblichen Gestus einzubringen, ohne die eigene Leistungs- und Leidensfähigkeit überzustrapazieren? Und macht es überhaupt Sinn, in den „Kampf der Gesten“ einzusteigen, oder sollten wir nicht Annarosa Buttarelli ernst nehmen und durch „Schweigen, Beten und Fluchen“, vor allem aber durch Abstand das todgeweihte System des „männlichen Omnipräsenzanspruchs“ ins Sterben begleiten?

  • Antje Schrupp sagt:

    Ja, genau, aber…

    Liebe Astrid, ja, da gebe ich dir völlig recht – und normalerweise sehe ich das auch so wie du. Zu schaffen macht mir nur die Tatsache, dass die Frauen in Tschetschenien unterdessen sterben und viele Frauen (und auch Männer) hierzulande unter diesem Zustand zu leiden haben. Ich fürchte eben, diese männerdominierte Welt dort „stirbt“ gar nicht, sondern feiert gerade eine Wiederaufstehung, ermöglicht auch durch eine bstimmte Art des Feminismus. Die evangelische Kirche steht ja hier nur als Beispiel für die „gleichberechtigten“ Teile der Gesellschaft allgemein. Vielleicht ist das ein Unterschied zwischen uns, dass ich nicht glaube, dass die männliche symbolische Ordnung insgesamt „böse“ ist, sondern nur Teile von ihr. Mit dem „Bösen“, da hast du recht, ist nicht zu verhandeln. Mit dem Rest aber schon, da ist es sogar notwendig. Wenn Frauen das sein lassen, ohne dass dieser Rückzug politische Relevanz bekommt, ist das durchaus eine bedenkliche Tendenz…

  • Astrid Wehmeyer sagt:

    Eine echte eigene Stimme

    Ja, und es geht meiner Ansicht nach genau um diese Frage: Von welchem Ort aus verhandeln wir?! Und mit welchem Ziel?!
    In den letzten 50 Jahren (und länger) haben Frauen vom Ort – oder vom angestrebten Ort – der Gleichberechtigung unter dem kulturellen Paradigma des Patriarchats aus „verhandelt“. Und hatten – so sehe ich es – bis auf Ausnahmen „nichts zu sagen“. Auch während dieser Zeit wurden Frauen weltweit vergewaltigt, beschnitten, gefoltert und ermordet. Also hat uns diese „Verhandlungsbasis“ – ausgehend vom von dir nun formulierten Ziel, dass keine Frauen weltweit mehr ermordet werden, weil sie Frauen sind (!) – auch nichts genützt.
    Ich glaube, dass es jetzt und aktuell um die Frage geht, welchen Entwurf wir tatsächlich dem – wie auch immer ausgehenden, sterbenden oder doch noch aktiv „überlebens“-kämpfenden – Patriarchat entgegensetzen können. Und woran sich entscheidet, ob und für welche/wen dieser Entwurf verführerisch sein könnte …

  • Undine sagt:

    Männer Frauen zuhören

    Eigentlich ist es mir egal, ob mir Männer oder Frauen oder beide zuhören wenn ich spreche. Hauptsache, jemand hört zu. Warum sollte es mehr wert sein, wenn (auch) die Männer zuhören, wenn frau redet? Denn die nächste Frage wäre: wenn einfach alle Frauen mal zuhören würden, wenn eine Frau spricht – wen kümmerten dann noch die Männer?

    Mit Befremden nehme ich zur Kenntnis, dass Männer eben ‚mehr Eindruck‘ machen, egal was sie sagen, egal wem sie zuhören, es ‚zählt‘ einfach mehr. Dass Frauen zuhören, ist ja selbstverständlich. Die haben ja nichts besseres zu tun, das ist nichts besonderes. Wenn aber ein Mann sich die Zeit nimmt (vielbeschäftigt, wie er per Definitionem ist), dann ist es, als stehe die Welt für einen Augenblick still und Gott persönlich hörte uns. Diese Werte sind so fest drin, männlich = wertvoll und weiblich = ? (ja, was eigentlich?) … dads jedem Menschen nur bleibt, sich zu fragen: möchte ich wertvoll sein, oder?, ja was eigentlich?

  • Cornelia Roth sagt:

    Ich weiß nicht, was ich sagen soll, hab aber trotzdem Vertrauen

    Liebe Antje,

    ich möchte nicht schweigen, obwohl ich nicht weiß, was ich sagen soll.

    Viele Männer kommen mir so gefangen in ihrem Selbstverständnis vor, wie verstockt; aber vielleicht ist es Angst, die sie sich nicht öffnen lässt. Angst vor Machtverlust im Sinn von Machen und Angst davor, was von ihnen noch übrigbleiben wird, wenn sie dies Gehabe ablegen. Ich habe gerade ein Buch von Hans-Peter Dürr gelesen („Liebe – Urquelle des Kosmos“), wo er im Grunde das Gleiche beklagt: seine Physikerkollegen ignorieren seit über 70 Jahren, dass ihre eigenen Forschungen die männlich-naturwissenschaftliche Betrachtungsweise überholt haben. Sie wollen es nicht wissen. Weil es eine Abkehr vom Machen und ein in Beziehung treten bedeuten würde, auch auf dem Gebiet der Physik. Vielleicht ist es bei den heutigen jüngeren Männern etwas anders, manche Frauen sagen das ja, dass es zaghafte Ansätze gibt, zumindest traditionell den Frauen zugeschriebene Tätigkeiten wertzuschätzen, wenn auch damit noch nicht Frauen oder ihr Denken.
    Mir tut das auch schrecklich weh, wenn ich den Artikel über Tschetschenien lese, und in Pakistan, in Afghanistan, in etlichen weiteren Ländern ist es nahezu identisch, wie Frauen leben müssen (und sich auch aus Verzweiflung umbringen). Ich stimme mit Dir überein, dass Frauen sich nicht heraushalten sollen aus der „Öffentlichkeit“, auch wenn Frauen die ganze Fülle ihrer eigenen Kultur und Beziehungen haben, und dies mehr als vor Jahren. Wir leben nun mal in einer gemeinsamen Welt mit Männern und ich habe immer noch die Vision, dass es sich gut gemeinsam leben lassen könnte und manchmal auch lässt.
    Vielleicht ist es nötig, dass wir den männlich-patriarchalen Gestus und auch die damit verbundenen Werte und Kultur noch oder wieder klarer benennen – eigentlich ist gerade die Finanzkrise dafür ein gutes Feld. Und ebenso den Gestus weiblicher Kultur. Da ist auch Auseinandersetzung in der Frauenbewegung nötig – wie schon oft besprochen – dass der Wunsch, gesellschaftliche Positionen einzunehmen nicht bedeuten kann, sich in männlichem Gehabe fit zu machen. Schwierig finde ich dabei, Frauen nicht vorschreiben zu wollen, wie sie sich zu verhalten haben. Seltsam finde ich übrigens, dass auch in den sogenannten Talk-Runden im Fernsehen, die zu großen Teilen von Frauen geleitet werden, sich so wenig Frauen „finden“ lassen. Ich würde gern mal wissen, was die Moderatorinnen dazu sagen. Auch wenn dieser Medienrummel ebenfalls eher von Gehabe geprägt ist.
    Manchmal denke ich daran – wie auch schon oft von Ina Praetorius hervorgehoben – dass sich mit der Anerkennung des Geborenseins durch eine Frau viel ändern würde. Aber wie eine Vermittlung schaffen? Wie gelingt manchen indigenen Völkern eine echte Wertschätzung zwischen Frau und Mann?
    Ich habe momentan immer noch Vertrauen – ich spüre viel weibliche Beziehung in meinem Rücken und vertraue darauf, dass auch Männer sich ändern können.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    aus dem Bauch

    Als ich am Schluß Cornelias Beitrag las,
    dachte ich bei ihrem letzten Satz: „warum im Rücken…?
    …lieber im Bauch!“ – das ist mein heutiger Beitrag.
    Und ich danke euch allen „aus tiefstem Bauch“ für euer lautes bzw-Denken!

  • Fidi Bogdahn sagt:

    noch ein kleiner Beitrag

    und, liebe Astrid, meinst du, wir sollten – im Beitrag deiner „eigenen Stimme“ gesprochen – wirklich dem Patriarchat einen Entwurf entgegen setzen? Wer hindert uns, „die Entwürfin“ lieber gleich in unsere eigene(!) Richtung zu werfen?!
    Für mich ist/wäre das schon wahrhaft verführerisch.

  • Andrea Günter sagt:

    Liebe Antje, zufällig hat mir gestern Abend eine psychotherapeutisch arbeitende Nachbarin und Ärztin einen Artikel zum Thema Männlichkeit, narzißtische Depression und Kapitalismus(un)kultur gegeben. Der Autor Rolf Haubl, ein Psychoanalytiker, beschreibt seine Coaching-Erfahrungen mit Führungskräften, die zunehmend verdeckt depressiv sind, verdeckt, weil die Depression kaum für Männer spezifiziert ist. Da Männer nach wie vor meinen, die Helden spielen zu müssen, sind sie dem kapitalistischen Konkurrenzdruck mehr ausgesetzt als Frauen: in Alphamännchenmanier der beste sein wollen und es nicht zu schaffen, in Anbetracht von Rankinglisten, dem schnellen Zugriff auf Psychopharmaka usw. führt zu einer Spirale, in der man(n) sich selbst immer mehr verzweckt – versklavt -, Angst und das Gefühl der Nutzlosigkeit aufbaut, was letztlich zu Wut und Scham führt. Die falsche Konsequenz daraus ist gerade der Verzicht auf das gute Leben: darauf, weniger aktiv, „weiblich“ zu sein.
    (Vgl. Rolf Haubl: Die Angst, persönlich zu versagen oder sogar nutzlos zu sein, Forum der Psychoanalyse 4, 2008,317-329)
    Wenn Frauen in diesem Systemzwang nicht mitmachen wollen, dann schützen sie sich immer auch und zeigen, dass sie ihren Sinn für das gute Leben noch nicht verloren haben. Und ich glaube, dass eine Einzelperson sich dem Mainstream einer Gesamtkultur innerhalb einer Organisation nicht entgegenstellen kann, das geht nur gesellschaftspolitisch.
    Außerdem ist es nicht so, dass alle Frauen dem zunehmenden Zwang zur Selbstdisziplinierung etwas entgegensetzen. Barbara Holland-Cunz hat für den Hochschulbereich eindrücklich herausgearbeitet, dass hier vorwiegend Frauen einen Platz finden, die entsprechend angepasst sind, d.h., die keinen Sinn dafür haben, zu ihrem Leiden an beruflicher Belastung eine verändernde Haltung einzunehmen und sich zumindest nicht mit dem System zu identifizieren. (Vgl. B. H.-C.: Die Regierung des Wissens, Opladen 2005. v.a. die Schlusskapitel.)
    Was mich persönlich am meisten an der ungebrochenen Gültigkeit der Alphamännchenkultur beschäftigt: in den 70er und 80er Jahren war die homo faber-Verzweckungsrationalität so gründlich kritisiert, dass ich geglaubt habe, sie würde so langsam ausbluten und wir würden neue Verhaltensweisen finden. Nun muss ich hingegen feststellen, dass diese so stark wie vermutlich nie zuvor unser Leben bestimmt …

  • Ina Praetorius sagt:

    Da hilft wohl (leider) nur Geduld.

    Ich habe am vergangenen Wochenende vom Altorientalisten Othmar Keel (Mann) gelernt, dass wirklich tiefgreifende Wandlungen im Welt- (Gottes-, Menschen-) Bild Jahrhunderte dauern. Er hat das konkret erforscht und uns dargelegt anhand der Entwicklung des androzentrischen Monotheismus im ersten Jahrtausend vor unserer Zeit. Tja, und jetzt befinden wir uns vermutlich in einer Art Umkehrbewegung weg vom androzentrischen Monotheismus, und die dauert halt auch. Das ist gleichzeitig traurig, weil wir alle von diesem Prozess nur ein kleines Stück mitkriegen, und tröstlich, weil Langsamkeit nicht das Ende bedeutet. (Das Traurigste: dieses Wissen hilft den tschetschenischen u.a. Frauen nicht.)

  • Antonie Brinkmann sagt:

    Mädchen werden nicht geboren?

    Manchmal frage ich mich, ob nicht viele Frauen unabsichtlich selbst zur Vermännlichung der Welt beigetragen haben, wenn sie darauf bestanden: „Mädchen werden nicht geboren, …“. Das wurde von vielen so verstanden, daß eigentlich alle Menschen Männer sind und die Frauen sich nur bemühen müssen, es nun auch zu werden, indem sie die falsche Erziehung abstreifen.
    Das ist es, was mir an Antje so gefällt, daß sie auf dem Recht der Frauen, anders zu sein, besteht.
    Und ich glaube schon, daß Ypsilanti vor allem ihrer Inhalte wegen abgestraft wurde – aber nach meiner Auffassung waren es weibliche Inhalte!

  • Ute Plass sagt:

    Herrschaftsverhältnisse erkennen um sie abzuschaffen!

    Wenn von männlichen und/oder weiblichen Verhaltensweisen oder Inhalten in der Diskussion die Rede ist, dann frage ich mich, was genau die schreibende Person damit meint? Z.B. wenn Antonie Brinkmann schreibt:
    „Und ich glaube schon, daß Ypsilanti vor allem ihrer Inhalte wegen abgestraft wurde – aber nach meiner Auffassung waren es weibliche Inhalte!“ Das suggeriert, als gäbe es eine Eindeutigkeit in Bezug auf das, was weibliche Inhalte sind!
    Richtig und notwendig finde ich, wenn Antje Schrupp darauf verweist, dass, wenn frau sich eine gleichberechtigte Welt wünscht, es nicht damit getan ist, sich in das vorherrschende System einzuhegen bzw. sich resignativ eine Art von Rückzugsnische zu schaffen,
    sondern sich zu solidarisieren mit den Menschen, die für eine humane Gesellschaft kämpfen. Danke, Antje, dass du auf das mörderische Schicksal der Frauen in Tschetschenien aufmerksam machst.
    Ermutigend, wenn wir nicht aufhören die Frage nach dem guten Leben für alle zu stellen. Das heißt für mich ganz aktuell, dass wir uns nicht von einer durchökonomisierten Ideologie Herz und Verstand vernebeln lassen!

  • edda neitz sagt:

    Was braucht das Land – mutige Nänner oder mutige Frauen…

    Liebe Antje, das ist vielleicht eine ziemlich provokative Überschrift, aber sie stimmt meines Erachtens auf jeden Fall im Hinblick auf die Forderung nach mutigen Frauen, die auch Durchhaltevermögen haben. Und nun zu deinen Anmerkungen: Männlicher Gestus. Ich stimme dir bei deinen Beobachtungen voll zu, die ich nur betsätigen kann. Denn auch ich stelle oft fest, dass Männer sich gegenüber Frauen beweisen müssen und zeigen müssen, dass sie (fast) alles besser wissen. Aber -gerade in der Diskussion über den Amoklauf in Winnenden hörte und las ich einige Interviews. Da hieß es u.a. , dass die Jungen/ Männer besonders in der Pubertät die Herausforderung brauchen, ihre Kraft zeigen wollen, aber wir dieses immer mehr verkennen. Als meine Töchter noch in die Grundschule gingen und ich sie dort manchmal abholte, sah ich, wie die Jungen auf dem Schulhof tobten, die Mädchen dagegen in Grüppchen zusammenstanden und quatschten. – Was will ich damit sagen? Ich meine, dass es ein männliches und weibliches Temperament mit entsprechenden Habitus gibt. Auch durch die biologischen Vorausetzungen ist es für Frauen schwieriger, zu Wort zu kommen bzw. gehört zu werden, z.B. viele Frauen haben eine sehr hohe Stimme, die nicht so eindringlich wirkt wie die Stimme eines Mannes. Ich glaube, dass wir acht geben müssen, dass unsere Forderungen nicht zu einem gesellschaftlichen Chaos führen. Besonders wichtig sehe ich dagegen den Aufruf nach mehr mutigen Frauen, die trotz der hohen Stimme sich an ein Rednerpult wagen, die Kraft zeigen und sich für ihre Interessen einsetzen usw. Ich hoffe, dass trotz der Kürze meine Ansicht verständlich wirkt.

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Ein Beispiel von Gré Stocker-Boon

    Ein Beispiel:Vor einigen Jahren tat ich folgendes häufiger:Bei Gelegenheiten die sich ergaben, oder die ich selber inszenierte, meistens mit oder unter Männern.Auf einem langen Holzbalken schlug ich im voraus leicht etliche lange Nägel
    ein und band die Männer in eine kleine Geschichte ein, welche zur Aufgabe gehörte.Ich als Frau und die „starken Männer“ sollten im Wettbewerb,nach dem Startzeichen, mit einem Hammer die Nägel exakt und „bündig“ ins Holz schlagen.Nicht immer, aber meistens habe ich dabei gewonnen.- Und weshalb wohl, was will ich damit sagen? Mit Witz,Erfahrung,Einschätzung der Lage und mit der Kombination von Sprache und Geschick blieb ich als Frau stark, ohne überheblich zu sein.

  • Claudia / Humanvoice sagt:

    Ist Durchsetzungskraft, Souveränit und Eloquenz tatsächlich nur MÄNNLICH?

    Ja, das frage ich mich nun wieder, nachdem ich einige Artikel von dir mit diesem Tenor gelesen habe.

    Ein aktuelles Beispiel, dem man begegnen kann, wenn man spät Nachts durch die Kanäle zappt und bei BibelTV landet: Joyce Meyer habe ich da entdeckt und bin ziemlich beeindruckt von der Art ihres Auftretens: sie bindet locker die Aufmerksamkeit mehrerer 1000 Zuhörer/innen und steht in ihrer Art männlicher Souveränität und Eloquenz in NICHTS nach!

    Schon früher, zur schwer frauenbewegten Zeit (70ger, 80ger) konnte ich nicht wirklich einsehen, warum Frauen auch von bewegten Frauen nur die „Hälfte des Himmels“ zugesprochen wird – erlebte ich doch selbst immer wieder Frauen, die sehr wohl im Stande waren, das, was du als bloß „männlichen Gestus“ bezeichnest, zum Nutzen aller zu zeigen: ein kraftvolles Auftreten, das nicht immer verbindlich und „lieb“ bleibt, sondern auch kämpferisch und eloquent ein Interesse vertritt – mit Erfolg!

    Ich war früher selbst zeitweise in verschiedenen Leitungspositionen informeller und expliziter Art – der „Kampf für die Sache“ hat mir da allermeist großen Spass gemacht. Man muss ja nicht immer laut rumdöbern wie etwa Schröder, sondern kann auch in einem leiseren Stil mit Ironie und Sarkasmus Land gewinnen – auch mit einer höheren Stimme. (Und an Angela Merkel kann man sogar sehen, wie man Macht ausüben kann, indem man schweigt!)

    Nun, du hast mich jedenfalls nach vielen Jahren mal wieder zum Nachdenken über die Geschlechterfrage angeregt – das finde ich jetzt neu spannend und danke dir dafür!

  • Antje Schrupp sagt:

    Das seh ich auch so

    Liebe Claudia, ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass bestimmte Verhaltensweisen typisch „männlich“ sind im Sinne einer inhaltlichen Bestimmung oder natürlichen Wesens oder so. Im Gegenteil. Ich verwende „männlich“ oder „weiblich“ im Sinne von „das machen (derzeit) mehr Männer als Frauen so“, also rein vom Faktischen, Vorgefundenen ausgehend. Ich habe schon länger vor, das mal systematischer aufzuschreiben, aber erst – nächstes Jahr, da jetzt erst mal im Urlaub :))

  • Carla L. sagt:

    Danke

    Intelligenter kann man die ganze Problematik nicht erläutern. Danke!

  • Hanna De Weer sagt:

    Vermännlichung der Welt

    Naja, Ypsilanti wurde ja nicht abgestraft, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie Wahlbetrug begangen hat.

    Man könnte auch sagen typisch Frau, weiss nicht was sie will, erst gegen Linkspartei, dann dafür…

    Nicht das ICH das denke, aber so kommt es nunmal rüber.

    Roland Koch kann ich nicht leiden, aber er ist das kleinere Übel, bei ihm weiss man wenigstens wo man dran ist.

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