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Rubrik unterwegs

Wahrheit jenseits von Fakten Fakten Fakten

Von Antje Schrupp

Ausstellung zum 150. Todestag von Bettine von Arnim

Arnim

Bildnisse der Bettine von Arnim haben Schülerinnen und Schüler des Bettina-Gymnasiums zu der Ausstellung im Goethehaus beigesteuert. Foto: Antje Schrupp

Weil es heute regnete, aber ich doch mal raus wollte, habe ich mir die Ausstellung über Bettine von Arnim im Frankfurter Goethehaus anlässlich ihres 150. Todestages angeschaut. Diese Frauenleben der Romantik üben auf mich immer eine merkwürdige und politisch eher unkorrekte Faszination aus: Bettine von Arnim müsste frau sein, dachte ich mir, als ich mir so ihre Lebenszeugnisse anschaute, so ganz ohne Verpflichtungen, Geldnöte, Arbeitsdruck, mit Zeit genug, um Unmengen von Büchern zu lesen – eigentlich alle wichtigen, die es zu ihrer Zeit gibt (und mir kam der Gedanke, wie schön es gewesen sein muss, in einer Zeit zu leben, als die Menge der lieferbaren Bücher so ziemlich überschaubar war. Ich habe derzeit einen ungefähr meterhohen Stapel neuer Verlagskataloge auf dem Schreibtisch…)

Die Ausstellung ist nicht spektakulär – drei Räume mit Bildern von Bettine selbst und Personen aus ihrer Umgebung, ein bisschen aus dem Lebenslauf (sie hatte 19 (!) Geschwister und Halbgeschwister, der Vater war dreimal verheiratet) und ein großer Raum mit Glasvitrinen, unter denen hauptsächlich aufgeschlagene Bücher von Arnim selbst bzw. Texten, die sich auf sie beziehen, liegen.

Etwas neidisch schlenderte ich also da hindurch und dachte mir, wie schön es wäre, so eine Universalgelehrte zu sein. Zu dichten und zu komponieren, mich mit einem eigenen Entwurf an den Diskussionen um ein neues Goethedenkmal zu beteiligen, mit den Machthabern zu korrespondieren (und von ihnen Antwort zu bekommen), soziale Projekte für die Armen anzuleiern, zwischendurch mit Herder oder Goethe oder sonst welchen Berühmtheiten Kaffee zu trinken oder zu korrespondieren und dann wieder politische Pamphlete zu verfassen über die Revolution oder über Polen, die dann auch noch in wichtigen Zeitungen abgedruckt werden, medizinische Studien anzustellen (eine Lanze für die Homöopathie zu brechen)…

Sicher, das ist alles ziemlich „romantisch“. Bettine von Arnim führte ja keineswegs ein „normales“ Frauenleben zu ihrer Zeit sondern war in vielerlei Hinsicht ein Glückskind: Nicht nur stammte sie aus reicher Familie, sondern wuchs auch noch bei ihrer feministischen Großmutter Sophie de la Roche auf und war umgeben von Männern und Frauen, die auch ihre teilweise exzentrischen Ideen ernst nahmen. Wahrscheinlich hatte auch sie so ihre Probleme, allerdings hat die Ausstellung keine angesprochen und ich selbst bin nicht gerade eine Expertin für diese Zeit.

Interessant fand ich die Unerschrockenheit und fast schon Dreistigkeit, mit der Bettine von Arnim damals mit der so genannten „Wahrheit“ und mit dem „geistigem Eigentum“ anderer umgegangen ist. Eine Tafel zum Beispiel stellte einen original Goethe-Brief der von Arnim bearbeiteten Fassung aus „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ gegenüber. Fröhlich verändert und ergänzt hat sie da: Worauf es ihr ankam, war nicht die Fakten-Wahrheit, die heutzutage so verehrt wird, sondern die „innere“ Wahrheit dessen, was ihrer Ansicht nach zu sagen wäre, und zwar nicht nur von ihr selbst, sondern eben auch von anderen, und seien es auch solche Berühmtheiten wie Goethe. Das hat mich auch schon an Arnims Günderode-Buch so fasziniert (das einzige, was ich von ihr gelesen habe) in dem sie ihre Freundschaft zu der Schriftstellerin Karoline von Günderode, mit der sie sich inzwischen verkracht hatte, schildert – und eben auch nicht so, wie diese Beziehung war, sondern wie sie hätte sein können, sollen, müssen?

War das in ihrer Zeit normal? Hat sich da niemand drüber aufgeregt, ihr „Unwissenschaftlichkeit“ vorgeworfen und Unterlassungsklagen eingereicht oder Copyright-Prozesse angestrengt? Oder konnte Bettine von Arnim sich das leisten, weil sie eine Frau war, an deren literarische Produktion andere Maßstäbe angelegt wurden als an die von Männern? Oder weil sie so berühmt und in „kultivierten“ Kreisen bekannt war? Oder hat sie selbst sich diese Möglichkeit verschafft, indem sie von sich vorsorglich die Aura eines „Naturkindes“ erschaffen hatte, das gewissermaßen alles „aus dem Bauch heraus“ und mit naiv-kindlichem Blick beurteilt, ohne den Anspruch auf „Wissenschaftlichkeit“ zu erheben?

Und: Ist das vielleicht ein Vorbild für jene „weibliche Subjektivität“, die Ida Dominijanni kürzlich angemahnt hat? Jedenfalls wäre Bettine von Arnims außerordentlich selbstbewusste Annäherung an die „Fakten Fakten Fakten“ der Aspekt, der mich interessieren würde, hätte ich die Zeit, mich genauer mit ihrem Werk zu beschäftigen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 5. April zu sehen, mehr unter www.goethehaus-frankfurt.de

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 22.02.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Margarete Monheim sagt:

    romantisch verkärt?

    … das scheint mir doch ein sehr romantisch verklärtes Bild von Bettines freiem Leben. Immerhin hat sie sieben Kinder geboren und 20 Jahre einen großen Haushalt geführt und nicht ohne Grund erst nach dem Tod ihres Mannes angefangen zu veröffentlichen und dadurch wohl etliche Konflikte mit den Geschwistern und den Söhnen provoziert.
    Aber Deine Gedanken zum subjektiv freien Umgang mit den Fakten finde ich durchaus interessant.

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