beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik denken

Die menschliche Abhängigkeit organisieren

Von Ina Praetorius

Handliche Zusammenfassung des postpatriarchalen Beitrags zum Krisendiskurs

Käfer

Rückenlage. Foto: Suze/photocase.com

Noch mehr als die Klimakrise wirbelt die globale Wirtschaftskrise eingespielte Diskursgefüge durcheinander: Neuerdings ist es wieder möglich, dass junge wollbemützte Männer per Megaphon auf Karl Marx Bezug nehmen, dieweil andere, fast ebenso junge Männer, die jahrelang mit Finanzspekulationen grosses Geld verdient haben, öffentlich ihre Sünden bekennen und Schulen in Afrika gründen (1). Die niemals ausgesetzte, aber jahrelang als Gutmenschentum belächelte Suppenküchenarbeit vorwiegend älterer, eher weiblicher Kreise gewinnt wieder mediale Aufmerksamkeit.

Der Papst predigt weiterhin, wie schon seit Menschengedenken, Mässigung und Verantwortung, und damit diese niemals ganz falsche Botschaft auch ankommt, legen sich die milderen Gurus ins Zeug, die den altgedienten Herrgottswertekanon in eine halbwahre postsäkulare Praxis spiritueller Gelassenheit übersetzen. Regierungen retten Grossbanken, ohne bekanntzugeben (und vermutlich auch ohne selbst zu wissen), was solche Notübungen für ihr zukünftiges Politikverständnis bedeuten sollen, während altgedient standhafte Kritiker der neoliberalen Globalisierung ihre Genugtuung darüber, dass sie es schon immer gewusst haben, kaum verbergen können. Liberale Wirtschaftsethiker definieren den Bankensektor neu als public service, der, wie Bahn, Post und Schule, mit einem klaren Leistungsauftrag zu versehen sei, dieweil die feministische Idee, mit mehr Frauen in den Chefetagen liessen sich zukünftige Krisen möglicherweise begrenzen oder gar verhindern, in Leserbriefen massiv abgekanzelt wird. Während die einen noch über Sinn und Unsinn von Freihandel oder Protektionismus streiten (2) und Davos geradezu lächerlich ratlos dreinschaut, hält das Weltsozialforum von Belem es längst für ausgemacht, dass der entscheidende Übergang hin zu einem neu verstandenen Primat des Politischen bereits stattgefunden hat. (3)

Und was haben wir, die postpatriarchalen Denkerinnen, zu diesem interessanten, wenn auch etwas konfusen Meinungskonzert beizutragen? – Auch wir haben eine bereits in die Jahre gekommene Predigt zu bieten, die ich hier der einfachen Handhabung zuliebe noch einmal kurz zusammenfassen will:

Die Kernaussage lautet: Statt die (Re-)Organisation des Ganzen weiterhin vom erwachsenen, in politikfernen Intimsphären gratis erzeugten und täglich wiederhergestellten (Mann-)“Menschen“ aus zu entwerfen, sollten wir noch einmal von vorne darüber nachdenken, wer wir als Menschen eigentlich sind. Und zwar diesseits des in fast allen verhandelten Positionen latent weiterwirkenden Dogmas, vorzugsweise junge, weisse, clevere Männer seien für Fortschritt und Dynamik zuständig, während unsichtbare Frauen (jeglicher Couleur) und nichtjunge, nichtweisse, unclevere Männer den Dreck wegzuputzen hätten, den der Fortschritt in all seinen Varianten hinterlässt.

Wer also sind wir, diesseits der ausgeleierten  Idee von der im Wesentlichen entlang einer imaginierten Geschlechterhierarchie zweigeteilten Welt?

Wir sind alle vor wenigen Jahrzehnten als blutige, schleimige, schreiende Säuglinge aus dem Leib einer Anderen in die Welt eingetreten. Von Anfang an waren wir angewiesen auf die Zuwendung derer, die schon vorher da waren, also darauf, dass Andere uns Neuankömmlinge schützen, nähren, wärmen, uns Sinn, Sprache, Regeln, Moral, Kulturtechniken vermitteln. Die Abhängigkeit nimmt im jahrelangen Prozess des Begleitetwerdens ins Erwachsenenleben zwar allmählich ab, hört aber nie auf. Wer die reale Matrix (= Mutterleib) verlassen hat, bleibt gleichwohl eingebettet in und angewiesen auf die erweiterte Matrix aus natürlicher Umwelt und menschlicher Kooperation. Auch sogenannt selbständige Erwachsene, gleich welchen Bildungs- oder Wohlstandsniveaus, können keine fünf Minuten ohne Luft und keine Woche ohne Wasser und Nahrung überleben. Und sie bleiben abhängig davon, dass Andere für sie Lebensmittel erzeugen, Essen kochen, Strassen, Schulen und Wohnhäuser bauen und erhalten, Sinn stiften, neue MitspielerInnen in die Welt setzen, Gesetze schreiben, Währungen und Wechselkurse definieren, Computerprogramme erfinden, Bilder malen und so weiter.

Die so genannte Selbständigkeit ist eine fragile Zwischenstufe im menschlichen Leben. Sie ist nicht das Gegenteil von Abhängigkeit, sondern ein relativ geringer Grad von Abhängigkeit. Im Alter oder durch Krankheit, Behinderung oder Unfall nimmt sie wieder ab oder geht verloren. Sie ist keineswegs der Normalzustand „des Menschen“, von dem das Denken des Ganzen sinnvollerweise ausgeht, sondern ein Punkt am Ende einer Skala aus unterschiedlichen Graden von Angewiesensein. „Freiheit“ kann also nicht bedeuten, sich von Bezogenheit und Bedürftigkeit abzulösen. Freiheit bedeutet vielmehr, dass Menschen als verschiedene, stetig sich wandelnde, bedürftige und verletzliche, geborene und sterbliche Wesen „das Neue, das in die Welt kam, als sie geboren wurden, handelnd als einen neuen Anfang in das Spiel der Welt … werfen:“ (4) dass sie nähren, was sie nährt.

Weil alle in diesem Sinne frei in bleibender Bezogenheit sind, kann der seinerseits nur vermeintlich freie Markt, der per Definition nicht Grundbedürfnisse befriedigt, sondern Überschüsse verteilt, nicht die primäre Institution des menschlichen Zusammenlebens bilden, was sich durch sein gegenwärtiges Scheitern ja auch deutlich zeigt. Die primäre Institution muss vielmehr ein Gemeinwesen sein, das die stets im Wandel befindliche Abhängigkeit, Verletzlichkeit und Freiheit aller Menschen zum Massstab seines Handelns macht, sprich: sich als Grosshaushalt versteht und organisiert, der allenfalls gewisse zweitrangige Aufgaben an Märkte delegieren kann. Eine naheliegende Möglichkeit, den vorhandenen Gemeinwesen unmissverständlich diese Richtung zu geben, wäre die Einführung eines garantierten existenzsichernden Grundeinkommens für alle.

Heute zeigt sich, dass die Verwechslung erstrangiger („männlicher“) mit zweitrangigen („weiblichen“) Wirklichkeiten, wie sie seit Aristoteles’ „Politeia“ die Organisation des Zusammenlebens – zumindest in der seit Jahrhunderten dominanten westlichen Hemisphäre – prägt, keine Zukunft hat: Keine Putzfrau und kein postmoderner Sklave kann die Trümmer des überstrapazierten Finanzsystems stillschweigend beseitigen. Die Pole schmelzen ab, auch wenn noch so viele zu DienstleisterInnen degradierte Menschen weiterhin bereit wären, die Welt zu heilen und zu pflegen. Auch die allabendlichen Striplokalbesuche der Cityboys konnten nicht verhindern, dass der testosterongesteuerte Umgang mit dem zum Lebensmittel avancierten Medium Geld im gemeingefährlichen Desaster endete. Es braucht deshalb eine Politik, die die Jahrhunderte lange eingeübte Zweiteilung der Welt in „höhere“ symbolisch männliche (Geld, Markt…) und „niedere“ weiblich-funktionale Sphären (Liebe, Haushalt…) als solche aus den Angeln hebt und Ernst macht mit der Tatsache, dass alle Menschen ohne Ausnahme frei und abhängig zugleich und daher auf das haushälterische Handeln der Gemeinwesen, in denen sie leben, angewiesen sind.

Anmerkungen

(1) „Es war nicht nur Gier, es war auch Skrupellosigkeit und Bösartigkeit“, Gespräch mit dem „Cityboy“ Geraint Anderson, in: Sonntagszeitung (Zürich) vom 22. März 2009, 23-25

(2)  Jacques Sapir, Den Welthandel gestalten. Warum Protektionismus kein Zeichen von Feigheit ist, in: Le Monde diplomatique März 2009, 8f.

(3) Markus Büker und Rolf Bossart, Tendenzen am 9. Weltsozialforum in Belem, in: Neue Wege 3/2009, 78f.

(4) Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München 1981 (orig. 1958), 199.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 23.03.2009

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