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Frauen und Fundamentalismus

Von Antje Schrupp

Ein Sammelband bietet interessante Analysen

Die halbierte Emanzipation?Alle fundamentalistischen Weltanschauungen vertreten sehr rigide Vorstellungen davon, was eine „gute“ Frau zu machen und vor allem zu lassen hat. So sehr sich die evangelikal-charismatischen Kirchen Lateinamerikas, die „Hardliner“ im Vatikan, die streng-jüdische Orthodoxie, islamistische Bewegungen oder auch der Rechtsradikalismus und der politische Fundamentalismus US-amerikanischer Prägung voneinander unterscheiden, sie alle teilen nicht nur eine gewisse Schlichtheit in ihrer Weltanschauung und geben viel zu einfache Antworten auf komplizierte Fragen, sondern sie vertreten auch vor allem klare Ansichten über die angeblich natur- und ordnungsgemäßen Rollen der Geschlechter.

Angesichts dieser frappanten Ähnlichkeit von Ideologien, die ansonsten vorgeben, einander spinnefeind zu sein, ist es verwunderlich, dass dieser Aspekt in den Massen von Fundamentalismus-Analysen, die seit einiger Zeit angestellt werden, normalerweise gar nicht oder nur am Rande behandelt wird. Dieser Sammelband schließt diese Lücke. Die Beiträge gehen zurück auf eine Tagung, die das Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung Ende 2006 an der Uni Marburg zu diesem Thema veranstaltet hat.

Dabei greifen die Autorinnen vor allem einen Umstand auf, der auf feministischer Seite für Irritationen sorgen muss: Dass nämlich in all diesen Bewegungen Frauen keineswegs nur Opfer sind, die unter die Räder männerdominierten Machtstrebens kommen, sondern sich im Gegenteil höchst aktiv beteiligen. Eine Analyse, die das Phänomen der fundamentalistischen Frauenfeindlichkeit einfach als Rückwärtswende zu alten patriarchalen Zeiten interpretiert und ihm einen westlich-aufklärerischen Blick erfolgreicher Gleichstellung der Geschlechter entgegensetzt, ergibt da wenig Sinn. Vielmehr ist zu fragen, warum so viele Frauen diese fundamentalistische Sicht auf Geschlechterrollen offensichtlich bis zu einem gewissen Grad attraktiv finden, wie sie innerhalb ihrer Communities damit umgehen und welche eigenen Vorstellungen sie entwickeln.

Eine Antwort bieten die Überlegungen vom Ende des Patriarchats, das den Zusammenbruch einer männlich-väterlichen Ordnung markiert, an deren Ende aber keineswegs eine neue und bessere Ordnung steht, sondern vielmehr die Unordnung der Brüder, die die Väter entmachtet haben und nun gewissermaßen „entfesselt“ von patriarchaler Autorität nur ihren eigenen Vorteil durchzusetzen trachten. (Vgl. dazu den Artikel von Dorothee Markert „Am Ende der Ordnung des Vaters“ in diesem Forum).

In dieser Situation bieten fundamentalistische Geschlechterrollen einen Hebel, diese „Brüder“ in ihre Schranken zu weisen: Auch die Männer haben sich nämlich in Gruppen mit einer rigiden Moral und starker sozialer Kontrolle einer klaren Ordnung der Dinge unterzuordnen. Die dort geltenden Geschlechterrollen geben ihnen zwar ein Gefühl der Überlegenheit, allerdings um den Preis einer moralischen „Einhegung“ und Zügelung. In gewisser Weise bietet der Fundamentalismus also durchaus eine Möglichkeit (wenn auch natürlich eine, die gegen die weibliche Freiheit gerichtet ist), um die Skrupellosigkeit und die bedrohliche Unordnung, die das Ende des Patriarchats mit sich bringt, zu begrenzen.

So schildern zum Beispiel Frauen, die in Lateinamerika evangelikalen Sekten beigetreten sind, dass ihre Ehemänner nun nicht mehr ständig betrunken sind und das Familieneinkommen verprassen. Musliminnen betonen, dass ihre Hingabe an den Islam und die Werte des Koran sie frei gemacht hätten von der Unterwerfung unter familiäre Hierarchien und patriarchale Kulturtraditionen. Daher steckt hinter der weiblichen Beteiligung an fundamentalistischen Bewegungen durchaus auch ein Körnchen von jenem Bemühen, das in postpatriarchalen Zeiten tatsächlich notwendig ist: der Arbeit an einer neuen symbolischen Ordnung, die über die einfache Kritik und die Abschaffung der „alten“ Ordnung hinausgeht. Das macht das Ganze natürlich nicht besser, aber verständlicher, und es bietet neue Ansatzpunkte zum Handeln und Argumentieren.

Dieser Band ist jedenfalls eine wichtige Lektüre für alle, die sich mit dem Phänomen des Fundamentalismus beschäftigen. Die einzelnen Beiträge enthalten gleich mehrere hilfreiche Informationen: Sie geben einen historischen Überblick über die Ideengeschichte der verschiedenen fundamentalistischen Strömungen sowohl allgemein als auch im Hinblick auf ihre jeweiligen Vorstellungen von Geschlechterrollen, sie lassen Frauen aus diesen Bewegungen selbst zu Wort kommen, und schildern mit interessierter, aber keineswegs unkritischer Perspektive die Initiativen von Frauennetzwerken und Frauenprojekten, die versuchen, die Idee der weiblichen Freiheit in diese Bewegungen hineinzutragen. Und bei all dem sind die Texte für akademische Verhältnisse auch noch verständlich und mit innerem Engagement geschrieben.

Elisabeth Rohr, Ulrike Wagner-Rau, Mechtild M. Jansen: Die halbierte Emanzipation? Fundamentalismus und Geschlecht. Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2007, 221 S., 19,90 Euro.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 23.03.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ina Praetorius sagt:

    Transformation oder Rückfall

    Danke für diesen spannenden Lesetipp! Was mich irritiert, ist der Titel des Buches: „Die halbierte Emanzipation“. Inwiefern halbiert? Ich hätte das Buch eher „Rückfall oder Transformation?“ genannt. Denn ich glaube, dass es da nicht um eine Halbierung, sondern um die Entscheidung geht, ob ich die Irritationen des ausgehenden Patriarchats im Paradigma der Rückkehr (in die zweigeteilte Weltordnung) oder in dem der Transformation (auf etwas noch Unbekanntes hin) zu lösen versuche. Im Gespräch mit Fundamentalistinnen fällt mir oft auf, dass sie sich über diese Unterscheidung zu wenig oder keine Gedanken machen. Zum Beispiel sind sie begeistert von Bibelsprüchen wie diesem „Das Alte ist vergangen, siehe, es ist neu geworden“ (2 Kor 5,17). Und in ihrer Begeisterung vergessen sie dann oft, die Patriarchatskritik zwischenzuschalten, bevor sie sich ins vermeintlich Neue stürzen, das ohne Patriarchatskritik das Alte bleibt, mit patriarchatskritischer Transformationsarbeit aber durchaus zum begeisternden Neuen werden könnte. – Andererseits: wir Feministinnen sind oft geneigt, von vornherein davon auszugehen, dass fundamentalistisch fromme Frauen ohnehin nichts anderes vorhaben als zurückzufallen. So einfach ist es aber auch wieder nicht, denn auch in der „Fundiszene“ gibt es ganz verschiedene Leute. Fazit: vertieftes Gespräch statt gegenseitige Berührungsängste würde uns weiterbringen. Angesichts der Tatsache, dass vor allem der christliche Fundamentalismus in Afrika und Lateinamerika exponentiell wächst, wäre ein solches Frauen-Gespräch weltpolitisch äusserst relevant.

  • Antje Schrupp sagt:

    Halbierte Emanzipation

    Der Titel „halbierte Emanzipation“ wurde gewählt in Anlehnung an einen Ausdruck von Bassam Tibi, der in der Fundamentalismus-Debatte Furore gemacht hat, nämlich es handele sich dabei um eine „halbierte Moderne“ – insofern die technisch-wissenschaftliche Moderne aufgenommen werde, nicht aber die Werte der kulturellen Moderne. Ich finde den Titel „halbierte Emanzipation“ auch unglücklich gewählt, faktisch hat er mich fast zwei Jahre (solange gammelt das Buch bei mir schon rum) davon abgehalten, es zu lesen, weil ich mir davon nichts erwartet habe. Umso besser, dass es mir jetzt doch wieder in die Hände gefallen ist.
    lg
    Antje

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