beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik leben

Gezeichnet

Von Bianka Brankovic

Behindert, Frau, Ausländerin, ist das nicht eine tolle Randgruppensammlung? Drei Begriffe, drei Etiketten, als ob ein Preisschild nicht ausreicht. Oder sind es eher drei Stempel? Und wer wagt es hier, dieses menschliche Wesen abzustempeln, es seinen/ihren Vorstellungen zu unterwerfen oder ihm gar fremde Vorstellungen über das Leben einfach überzustülpen?

Und ich, die Betroffene: Kann ich den Stempel abwaschen, ein Stempelverbot erteilen oder gar meinen großen Bruder schicken, der den Abstemplern mal zeigt, wo es lang geht?

Das ein oder andere mal mag mir das gelingen, doch irgendwie kommt immer ein Stempelkissen geflogen. Manchmal fliegen alle drei gleichzeitig, als ob es ein Nest gäbe. Und ich kann mich drehen und wenden, ihm ausweichen, wie ich will, es wird mich treffen, irgendwann. Und das meist zu den ungünstigsten Zeitpunkten. Am schlimmsten ist es, wenn ich in dem Werfer einen guten Freund erkenne – er hätte ja zumindest fragen können, ob mir gerade nach dieser Art Schmuck zumute ist.

Auch Behinderteneinrichtungen können gut stempeln und abstempeln. Ich bekomme dort oft den Eindruck, dass vor allem die dort angestellten Pädagogen und Psychologen häufig in ihren eigenen Vorstellungen gefangen sind und diese natürlich auch an ihre Klienten weitergeben. Hierzu fällt mir die Tischordnung in manchen Kur- und Erholungsheimen oder Pensionen für Blinde ein. Die Besucher werden willkürlich an einen Platz gesetzt, mit der Begründung, dass man es ihnen nicht zumuten könne, nach einem freien Platz zu fragen. Ein festes Bild von Behinderten kenne ich auch von den Schulen her. Zwar müssen Blinde nicht mehr „fromm, erotikfrei und alkoholfrei“ sein, wie ich dies in einer Chronik der Blindenselbsthilfe las. Dafür wird nun gesagt, Blinde müssten unbedingt mehr leisten, um überhaupt mit ihren sehenden Mitmenschen mithalten zu können. Ist doch beruhigend, wenn Frau gleich von Anfang an weiß, was ihr blüht, wenn sie mit dem richtigen Stempel gezeichnet ist!

Meinen ersten Stempel muss ich wohl von meinen Eltern kurz nach der Geburt erhalten haben, ich erinnere mich nicht wirklich daran. Der Stempel hatte zur Konsequenz, dass ich erst einmal zu Verwandten gebracht wurde, weil die Stempelnden sich selbst sortieren mussten. Das war der Stempel „behindert“ bzw. „blind“.

Der zweite Stempel wurde mir in der Schule bewusst, wenn ich Weihnachten anders feierte oder nicht dieselbe Art Urlaub machte wie meine Mitschüler. Auch manche Lehrer waren sehr erstaunt, als ich auf einmal gute Leistungen brachte, ich als Ausländerin machte es meiner Umgebung nicht leicht, weil ich nicht alle Eigenschaften des Begriffs „Ausländerin“ annehmen konnte und wollte.

Der dritte Stempel, das Frausein und seine gesellschaftlichen Konsequenzen, kam gleich von zwei Seiten geflogen. Erst einmal von meiner Familie, die mir verständlich machen wollte, dass es meine Aufgabe sei, mich fleißig zu zeigen und voller Lust den Haushalt zu führen. Irgendwie ist ihre Pädagogik gescheitert, zumindest, was den Haushalt betrifft. Später dann im Berufsleben stellte ich fest, dass meine weiblichen Interessen, die sich auch in meiner Berufswahl niederschlugen, wohl nicht so gefragt sind wie die männlichen, und dass dies zusammen mit meiner Behinderung es mir nicht leicht macht, meine Frau zu stehen. Dabei darf ich noch dankbar sein, zu den 25 % der erwerbsfähigen Blinden zu gehören, die überhaupt einen Arbeitsplatz haben, während die meisten trotz guter Qualifikationen bei Hartz IV landen.

So steh ich also hier mit meinen Stempeln und könnte von vielen Situationen berichten, an die ich mich inzwischen gewöhnt habe, in denen Stempelkissen geflogen kommen. Mein ganzes Leben scheint voll davon zu sein, ich muss nur in der Öffentlichkeit auftauchen, Straßenbahn fahren, in ein Geschäft gehen, usw. Mehrmals habe ich schon Geld angeboten bekommen, und nur ein Obdachloser ließ sich von mir dazu überreden, das Geld, das er mir geben wollte, zu spenden. Auch für meine Heilung wollten schon einige beten, ohne mich vorher zu fragen. Natürlich und fast immer geht man davon aus, dass ich ja wohl meinen Kassenzettel jemandem vorlegen muss oder dass ich im örtlichen Heim der Lebenshilfe wohne. Fragen scheint in diesem Falle doch einiges zu kosten. So rechne ich immer mit tieffliegenden Stempelkissen.

Ich frage mich, was kann ich tun, damit ich und andere nicht mehr so viel Farbe mit Stempeln vergeuden?

Nach viel Klage und Trauer, die manchmal bis heute in mir wirkt, jedoch auch nach vielen Begegnungen mit Menschen, denen das Stempeln nicht so leicht von der Hand ging, bin ich für mich zu der so uralten wie modernen Erkenntnis gekommen, dass ich nur eine Möglichkeit habe, aus der Stempelfalle herauszukommen, nämlich meinen eigenen Stempel, mit dem ich andere Menschen beehre, langsam aber sicher einer sinnvollen Verwertung zuzuführen. Ich gebe ihm eine schöne Form und Farbe und benutze ihn als Unterschriftenstempel – und das ist gut so.

Autorin: Bianka Brankovic
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 08.03.2009

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