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Rubrik handeln

Mehr als Nachdenken über ein gutes Leben

Von Juliane Brumberg

grünes Land

So grün ist das Land in Namibia nur während einer ergiebigen Regenzeit. Foto: Juliane Brumberg

Viel Platz und eine große Weite der Erde und des Himmels prägen die Landschaft Namibias, es ist ein beeindruckendes, bevölkerungsarmes Land. Ist es möglich, als Weiße in diesem Land, in dem die eigene (weiße) Kultur soviel Unheil und Durcheinander angerichtet hat, heute etwas Sinnvolles zu tun? Diese Frage beschäftigt mich nach einem Besuch der Farm Krumhuk am Ende einer Reise durch Namibia.

Herzlich begrüßt uns unsere Gastgeberin: „Was wollen wir heute Abend kochen? Ihr mögt doch Fleisch? Dann braten wir Oryx-Steaks.“ „Aber Christiane, Du warst doch immer Vegetarierin“? „Ja, in Europa bin ich das immer noch. Aber hier ist das anders. Erstens brauche ich für die Arbeit auf der Farm etwas zum Zusetzen und zweitens ist Fleisch hier Lebensgrundlage und wir gehen ganz anders damit um.“

Was heißt das?

Während ich darüber noch nachdenke, ist Christianes Aufmerksamkeit schon wieder woanders: Ein Farmarbeiter fragt nach dem kranken Kälbchen. In der Nacht hat er es mit hohem Fieber gebracht, es hat nicht mehr getrunken. Nun liegt es auf der Terrasse vor dem Schlafzimmer von Ralf und Christiane und wird stundenweise mit der Flasche gefüttert.

Im Garten tollen die halbwüchsigen Kinder der Farmer-Familie zusammen mit den Farmarbeiterkindern an der Tischtennisplatte, Hühner picken auf dem Rasen, der Hund hat im Gebüsch ein angebrütetes Ei gefunden und versucht es zu knacken, selbst die Pferde machen ihren Rundgang vorsichtig an den Blumen und Bäumen vorbei und die Katze hüpft der verdutzten Besucherin auf den Schoß.

Wie im Kleinen, so im Großen

Dieser friedliche Mikrokosmos im Garten spiegelt das Miteinander von Mensch und Tier auf der riesigen, 8500 Hektar großen, Farm. Wohin ich auch schaue, alles was ich sehe, der Schildkröten-Berg im Süden, die goldene Aue im Osten, die spärlich bewachsene Gebirgskette im Westen, das Gewächshaus und die kleinen Häuser der FarmarbeiterInnen, alles gehört zu Krumhuk. Allerdings ist das Land nicht besonders fruchtbar und die Sorge um genügend Wasser ein allgegenwärtiges Thema.

Wichtige Grundlage der Farm sind rund 500 Rinder, die extensiv auf dem Farmgelände weiden. Es dürfen nicht zu viele sein, damit das Land nicht weiter erodiert und auch nach einer wasserarmen Regenzeit genug trockenes Gras zum Weiden oder zum Heumachen übrig bleibt. „Wir haben ein Weidemanagement, das Haustiere und Wildtiere nebeneinander zulässt“, erklärt Christiane Ahlenstorf, die mit ihrem Mann vor 14 Jahren aus Deutschland hierher gekommen ist. Neben den Haustieren ernähren sich außerdem Oryxe, Kudus, Bärenpaviane, Warzenschweine, Steinböcke, Bergzebras und ganze Springbockherden in dieser Naturlandschaft. Es reicht für alle. Selbst die Geparden und Leoparden in den Bergen werden nur dann gejagt und geschossen, wenn sie zu viele Jungtiere reißen. Ab und an ein Beutetier wird ihnen zugestanden. Auch sie gehören hierher und sollen leben.

Die natürliche Haltung der Rinder ist in Namibia üblich und ernährt herkömmlicherweise eine europäische „Chef-Familie“ und ein paar schwarze Mitarbeiter. Doch auf welchem Hintergrund findet das Leben hier eigentlich statt?

Namibia – ein Land mit Zukunft?

Miteinander

Vergnügtes Miteinander im Garten auf Krumhuk; hinten in rot Christiane Ahlenstorf. Foto: Juliane Brumberg

Namibia, im südlichen Afrika gelegen, ist kein reiches Land. Es gibt wenig Wasser, unzählige Sonnentage und viel Wüste. Das Land ist viermal so groß wie die Bundesrepublik und hat nur 2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Sie setzen sich aus verschiedenen afrikanischen Ethnien zusammen, die unterschiedliche Lebensvorstellungen haben und deren Vergangenheit von Kriegszügen gegeneinander überschattet ist. Eine homogene Gruppe der „Schwarzen“ gibt es also nicht. Fünf Prozent der Bevölkerung haben eine weiße Hautfarbe. Viele von ihnen haben eine enge Beziehung zu Deutschland, denn von 1884 bis zum ersten Weltkrieg war Namibia deutsche Kolonie: Deutsch Südwestafrika. Danach wurde das Land von Südafrika verwaltet und infolgedessen von der Apartheidpolitik, der strikten Trennung nach einzelnen Volksgruppen sowie zwischen schwarzen und weißen Menschen, geprägt. Nach einem langen Befreiungskampf ist Namibia seit 1990 unabhängig und hat eine demokratische Verfassung.

Aids und Arbeitslosigkeit sind große Probleme, bei der Wirtschafts-, Bildungs- und Gesundheitspolitik liegt vieles im Argen. Die Regierung wird zum größten Teil von dem Volksstamm der Ovambos aus dem Norden Namibias gestellt, die etwa 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie versucht, keinen Konfrontationskurs einzuschlagen. Viele Weiße wiederum, die seit mehreren Generationen im Land leben und, was Bildung und Besitz angeht, zu den Privilegierten gehören, sind verunsichert, befürchten Korruption, halten sich bei der Gestaltung des Landes zurück und trauen der Regierung nicht zu, die Probleme in den Griff zu bekommen. Sie lieben das Land, aber die Angst vor Enteignung und Verhältnissen wie in Simbabwe ist deutlich spürbar.

Zum Beispiel der Busfahrer auf unserer Rundreise: Er kommt aus einer weißen, deutschstämmigen Farmersfamilie, kann sich nicht vorstellen in Europa zu leben, schimpft auf die Unfähigkeit der Schwarzen in der Regierung und berichtet resigniert, dass seine Eltern das in Namibia erwirtschaftete Geld nach Europa schafften und nicht in die Gebäude und den Erhalt ihrer Farm investierten. Sie hätten kein Vertrauen in die Zukunft des Landes.

So eine Haltung lähmt.

Wir weißen Touristinnen und Touristen im Bus diskutieren heftig über die Lebensumstände in Namibia und die Chancen eines friedlichen Miteinanders. Wie kann dies möglich werden, in einem Land, das Deutsche sich vor mehr als 100 Jahren unter den Nagel gerissen haben, in dem deutsche Schutztruppen den Herero-Aufstand auf brutale Weise niederschlugen und in dem viele Weiße heute noch glauben, ihre Kultur und ihr Lebensstil seien das einzig Richtige? Der Reiseleiter betont die Vielschichtigkeit der Problematik und wendet die Dinge hin und her. Doch es bleibt, wie könnte es in dieser Urlaubs-Situation anders sein, beim Darüber-Reden.

Ein Platz wird verwandelt

Die Krumhuker dagegen handeln und reagieren anders auf die Situation im Land. Die vermeintliche Hoffnungslosigkeit und auch Skrupel, sich als Weiße in Afrika zurückhalten zu müssen, hindern sie nicht daran, tätig zu werden, einen Anfang zu machen. „Es geht uns um den Platz Krumhuk und den wollen wir verwandeln“, berichtet Christiane. „Eine namibische Farm kann nur Zukunft haben, wenn die Betreiber ihr Bewusstsein für das Land und die Mitmenschen verändern. Farmarbeiter sind in der Gesellschaft die ‚Alleruntersten‘ und als ich hierher kam, kam es mir vor wie Sklaverei.“

Eine ihrer ersten Aktionen war deshalb die Gründung eines Farmkindergartens nach den Prinzipien der Waldorf-Pädagogik. Als Folge der Generationen währenden Traumatisierungen durch den weißen Mann hatten viele der Schwarzen eine sehr unterwürfige und passive Haltung. „Wir haben gesehen, dass wir ganz unten anfangen müssen, wenn wir etwas verändern wollen“.

Vorausgegangen war jedoch eine Grundsatzentscheidung von Ralf und Christiane Ahlenstorf sowie Kine und Ulf-Dieter Voigts. Um Verwandlung möglich zu machen, hat Ulf Voigts, dessen Vorfahren seit rund 100 Jahren Besitzer von Krumhuk waren, sich 1996 quasi selbst enteignet und sein riesiges Land, 8500 Hektar, einer Betriebsgemeinschaft übertragen, in der er und seine Frau sowie Ralf und Christiane gleichberechtigt entscheiden.

Mit dem Engagement und der Kraft Aller sowie dem Fachwissen des damals knapp vierzigjährigen Dipl. Agrar-Ingenieurs und biologisch-dynamischen Landwirts Ralf Ahlenstorf wurde zunächst eine kleine Milchkuhherde aufgebaut. Schnell führten sie auch die Milchverarbeitung selbst durch, sodass mittlerweile jeden Samstag Joghurt, Quark, Frischkäse und Feta aus Krumhuk auf dem Ökomarkt in der 25 Kilometer entfernten Hauptstadt Windhuk verkauft werden. Dazu kommt Bio-Gemüse aus dem 1998 errichteten Schattengewächshaus, dann Fleisch, z.B. Steaks und Rauchfleisch, aus eigener Produktion. „Wenn wir selber schlachten und veredeln, bekommen wir einen besseren Preis“, erzählt Christiane, „deshalb haben wir ein neues Schlachthaus gebaut und das Ganze professionalisiert mit Einschweißmaschinen etc.“

Damit unterscheidet sich Krumhuk ganz erheblich von anderen Farmen, auf denen die Rinder an die EU verkauft und dem heimischen Kreislauf entzogen werden. Auf und von Krumhuk leben mittlerweile um die 70 Menschen und die Vision ist, das Ganze langfristig zu einem partnerschaftlichen Betrieb auszubauen.

Feste feiern schafft Verbindung

Ein Schritt auf diesem Weg ist der Montagmorgenkreis, bei dem alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Platz zwischen Farmhaus, Milchküche und Schlachthaus zusammenkommen, ein Gebet sprechen, gemeinsam singen und immer ein anderes Mitglied der „Farmfamilie“ den 23. Psalm in der jeweiligen Muttersprache spricht – denn auch auf Krumhuk finden sich die verschiedenen Ethnien Namibias wieder. Weitere Schritte sind der Krumhuk-Chor und die Mitarbeiter-Eurythmie für alle, die Christiane Ahlenstorf alle zwei Wochen während der regulären Arbeitszeit anleitet. Ursprünglich ist sie nämlich ausgebildete Eurythmistin. Eurythmie ist eine Bewegungskunst, die Sprache und Musik in Bewegung sichtbar macht und dazu beiträgt, die inneren Werte der Menschen zu entwickeln und zu kräftigen. Die Krumhuker wissen dies zu schätzen, auch die Männer machen gerne mit. „Und“, sagt Christiane, „wir feiern viele Feste miteinander, um ein Plateau zu schaffen, bei dem die Hierarchie nicht mehr greift.“

Daneben wird aber auch viel für die Bildung, insbesondere der jungen Menschen, getan. „Wir wollen die Leute qualifiziert ausbilden, damit sie lernen, selbst Verantwortung für Farmbereiche zu übernehmen. Damit kommen sie auch in andere Verdienstklassen.“ So entstand die Idee für eine eigene Landbauschule inklusive Internat, die im Februar 2009 auf Krumhuker Gelände eröffnet wurde und mit Mitteln aus der deutschen Entwicklungshilfe gefördert wird. Hier werden die Einheimischen aus dem ganzen Land auf einer eigenen kleinen Schulfarm in nachhaltiger Landwirtschaft ausgebildet, lernen kompostieren, Milchwirtschaft und Nahrungszubereitung in Theorie und Praxis. Der Leiter Andreas Fellner hat mit seiner Familie in Deutschland alle Zelte abgebrochen und über ein Jahr darauf hingearbeitet. Wettergegerbt und an der Grenze seiner Kapazitäten blickt er dennoch zuversichtlich in die Zukunft: „Es ist die erste Einrichtung dieser Art in Namibia; das Landwirtschaftsministerium in Windhuk steht uns sehr offen gegenüber und möchte unsere Kriterien zum Maßstab für weitere Landbauschulen machen.“

Christiane Ahlenstorf ergänzt: „Auch die normale Schulbildung ist uns wichtig. Weil die staatlichen Schulen pädagogisch sehr schlecht ausgestattet sind, haben wir an der Gründung einer Waldorfschule in Windhuk mitgewirkt. Wir wollten, dass unsere eigenen Kinder zusammen mit den schwarzen Farmarbeiterkindern zur Schule gehen können, und zwar in eine Schule, in der sich die multikulturelle Gesellschaft Namibias widerspiegelt.“ Es war gar nicht so einfach, die Windhuker zu überzeugen, so ein gemeinsames Projekt zu starten. Für die ärmeren Kinder, deren Eltern das Schulgeld nicht zahlen können, hat Christiane durch persönliche Vermittlung Patenschaften arrangiert.

Niemand etwas überstülpen

Doch nicht alle Krumhuker Kinder gehen auf die Windhuker Schule: „Unsere Vision ist es, jeden Menschen nach seinen Fähigkeiten zu fördern, vom Neugeborenen bis zum alten Menschen. Wir wollen ihnen jedoch nicht überstülpen, so sein zu müssen, wie wir.“ Diese Vision bezieht mit ein, dass die Weißen in diesem Land ursprünglich Fremde waren und den Schwarzen viel Unrecht zugefügt haben. Die Farmbetreiber auf Krumhuk versuchen, obwohl oder gerade weil sie Weiße sind, dazu beizutragen im Hier und Jetzt die Lebensumstände zu verbessern, wohl wissend, dass ihre Kultur nicht die einzig wahre ist.

Währenddessen sind die Männer Ulf und Ralf mit Jagdgästen aus Deutschland unterwegs. Denn auch das ist ein Standbein von Krumhuk: Sanfter Tourismus in den drei kleinen Gästehäusern und eben Jagdgäste. Doch dabei geht es nicht um Schießlust. Die Jagd auf Krumhuk ist integraler Bestandteil der ganzheitlichen Bewirtschaftung. Es wird der Zuwachs des Wildes bejagt und das Wildbret kommt hauptsächlich den auf der Farm lebenden Menschen zu Gute oder wird in Windhuk auf dem Markt verkauft. Und manch einen deutschen Jäger regt es zum Nachdenken an, das Krumhuk-Projekt kennenzulernen.

Abends beim Essen, die Oryx-Steaks für eine große Runde sind gebraten, fallen Ralf oder Christiane fast die Augen zu. So ein Tag auf Krumhuk ist lang und neben der landwirtschaftlichen Arbeit ist auch immer wieder menschliche Begleitung nötig. Doch nach 14 Jahren in Namibia sagt Christiane: „Ganz viel von dem, was ich für die Welt für wichtig halte, findet hier auf Krumhuk statt und das ist sehr befriedigend. Ich kann Dinge bewegen, wie ich es mir in meinem früheren Leben in Deutschland nicht hätte erträumen können“.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 20.03.2009

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