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Mit offenen Augen

Von Christiana Puschak

Shani Katayuns Roman „Augen in Teheran“

AugenIn dem Roman „Augen in Teheran“ wächst die Protagonistin Jasmin während der Zeit des Schah-Regimes im Iran auf. Ihre Kindheit ist von einschneidenden Erlebnissen geprägt. Ihr Vater, ein Schah-Anhänger und ein eher ruhiger Mann, verwandelt sich vor allem in Gegenwart seines im selben Haus wohnenden dominanten Bruders zu einem aggressiven Patriarchen, der die Regeln des Zusammenlebens in der Familie bestimmt und durchsetzt. Er schlägt seine hochschwangere Frau und zwingt seine älteste Tochter Shirin, Jasmins Lieblingsschwester, zu einer versprochenen Heirat, obwohl sie in einen anderen, einen Alawiten, verliebt ist: „Er gehört zu den Alawiten, das passt nicht zu uns.“

In ihrer Jugend empfindet Jasmin die widersprüchliche Atmosphäre in ihrer Familie als „stellvertretend für die Stimmung im Land“, als „ein Gefühl tiefer Zerrissenheit“. Früh erkennt sie die Unterdrückung der Frauen in ihrer Familie, einer Familie ohne männlichen Nachwuchs, und in ihr erwacht ein Bewusstsein für diese Ungerechtigkeit. Sie will ein selbstbestimmtes Leben als Frau führen, studieren, nie heiraten, allenfalls einen Europäer, was in ihrer Vorstellungswelt eine Garantie für ein eigenständiges Leben bedeutet.

In ihrem Selbstfindungsprozess betreibt Jasmin Koranstudien, die in ihr einen kritischen Blick auf den Herrschaftsstil des Schahs und auf die sozialen Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft auslösen. An der Universität, an der sie persische Literatur studiert, lernt sie den in der kommunistischen Untergrundbewegung aktiven Medizinstudenten Mehrdad kennen und lieben. Seine politischen Ansichten sagen ihr zu und lassen das Erreichen sozialer Gerechtigkeit in der Gesellschaft wie der Emanzipation der iranischen Frauen zu ihrer Lebensaufgabe werden. In dem Wunsch zu einem vorübergehenden Studienaufenthalt in England bestärkt Mehrdad sie. Dort erfährt sie erstmals, was freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit heißen.

Nach dem Sturz des Schah-Regimes und der Etablierung eines Gottesstaates durch die Mullahs sieht sich Jasmin mit neuen Gegnern konfrontiert: „Wir haben nicht gegen eine verwestlichte Diktatur gekämpft, um uns einer religiösen zu beugen“. Ihr Freund wird zu langer Haft verurteilt. Dass sie gegen die Mullahs ist, ist ein offenes Geheimnis, und auch ein Gefängnisaufenthalt zermürbt sie nicht.

Wieder in Freiheit lernt sie Uwe, einen deutschen Kameramann, kennen. Sein liebevolles Wesen, seine politischen Ansichten wie seine Ausstrahlung erwecken in ihr Vertrauen und lassen sie seinen Heiratsantrag annehmen: „Bei ihm muss ich nicht um meine Rechte kämpfen“. Als „Liebesbeweis“ empfindet sie seine Zustimmung zu einer muslimischen Trauung, die ihm aber zugleich mehr Rechte ihr gegenüber einräumt. In Deutschland sollte sich die Heirat als fataler Fehler entpuppen: „Über Persönliches und über Gefühle sprachen wir nie.“ Zudem findet sie auf schmerzhafte Weise heraus, dass er sie während seiner Arbeitsreisen ständig betrügt. Nach zähem Ringen gelingt ihr die Scheidung; ihr „Traum von Partnerschaft“ ist zerplatzt. Diese Enttäuschung wie die Nachrichten von Mehrdads Hinrichtung und vom Freitod ihrer Schwester Shirin führen zu dem Entschluss, in Deutschland zu bleiben.

Shani Katayun gelingt es mit ihrem Roman, zu berühren, aufzurütteln und die unterschiedlichen Kulturen wie Politikstile informativ wie anschaulich zu präsentieren. Gewidmet ist  das Buch den Frauen im Iran: „Ihrer Freiheit gehört mein Herz“. Dem Buch ist ein historischer Abriss über den Iran und ein aufschlussreiches Glossar beigefügt.

Shani Katayun, Augen in Teheran, Drei Schwestern zwischen Iran und Deutschland, Ulrike Helmer Verlag 2008, 12,90 € , 185 S.

Autorin: Christiana Puschak
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 11.03.2009

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