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Rubrik vertrauen

Die Lehre der weisen Nachbarin Uma

Von Safeta Obhodjas

Jesus ist auch im Islam ein Prophet

Friedhof

Friedhof in Sarajewo

Als ich ein Kind war, lebte meine Familie in einem Dorf weit weg von jeglicher Moschee. Wenn uns der zuständige Imam einmal im Monat besuchte, lernten wir nur Suren des Korans auswendig. Es gab keine Zeit für religiöse Lehren oder Hintergrundwissen.

Wie sich das Leben des Propheten, seiner Freunde und Frauen im Alltag abspielte, das lernten wir von unserer klugen Nachbarin Uma. Ihre Geschichten von den ersten Muslimen auf der Erde konnte man im Heiligen Buch nicht finden. Sie erzählte uns davon, dass der Prophet unermüdlich versuchte, seinen Anhängern und Anhängerinnen Vorsorge und Vorbeugung beizubringen. „Zuerst passt ihr selbst auf eure Sachen und Kamele auf, dann wird sich auch Allah um sie kümmern“, wurden sie belehrt, wenn sie sich nur auf den Schutz Gottes verließen. Wunder kamen in Umas Geschichten selten vor. Die ersten Muslime, so brachte sie uns bei, waren Menschen wie wir auch.

Der Name Uma bedeutet in unserer Sprache „Weisheit“ – und es war ein passender Name für die Nachbarin. Einmal überraschte sie uns mit einem richtigen Märchen. Noch immer habe ich ihr Bild vor Augen. Sie saß auf der Schwelle ihres Hauses und zeigte uns, den neugierigen Kindern aus der Nachbarschaft, eine Seite im Heiligen Buch. „Hier ist die Botschaft geschrieben, dass Jesus – in unserer Sprache Isus, oder Isa – ebenfalls ein muslimischer Prophet ist. Er lebte viele Jahre vor dem Propheten Mohammed. Allah hat auch ihm ein heiliges Buch mitgegeben.“

Sie übersetzte die entsprechende Koran-Sure ins Bosnische, aber auch in der Muttersprache konnte ich sie nicht verstehen. Es war einfach nicht zu glauben, dass ein Mensch aus dem Nichts und ohne einen Vater entstehen konnte! Aber in diesem Fall hatte Uma doch ein Wunder parat, um es uns zu erklären.

„Lange Zeit vor dem Islam waren die heiligen Städte Mekka und Medina von Juden, die ihre Religion bereits hatten, und von arabischen Stämmen, die an viele verschiedene Götter glaubten, bewohnt. Viele Araber lehnten es damals ab, an einen einzigen Gott zu glauben. Das jüdische Volk wiederum vernachlässigte seine Religion und das heilige Buch, die Tora. Sie achteten Gottes Gebote nicht, und oft verfluchten sie ihren Prophet Moses oder Musa. Eine fromme Mutter jedoch betete inmerfort und flehte ihre Mitmenschen an, Gott und den Propheten Musa zu würdigen und auf Sünden zu verzichten. Aber kaum jemand hörte auf ihre Predigt. Dann passierte etwas Schreckliches in ihrer Familie. Der einzige Sohn starb eines Nachts ganz unerwartet, obwohl er nie krank gewesen war. Die verzweifelte Mutter beerdigte ihn in ihrem Garten, um ihn immer bei sich zu haben. „Gott will etwas von mir“, dachte sie. Zu den Füßen ihres Sohnes pflanzte sie einen Apfelbaum. Viele Jahre später, als der Baum erste Früchte trug, hörte die Mutter von einem jüdischen Mädchen namens Maryam oder Maria, das im Nachbardorf lebte und für seine Reinheit berühmt war. Die Mutter schenkte dem Mädchen einen Apfel vom Baum ihres Sohnes. Nichts ahnend aß Maryam die geschenkte Frucht, und einige Monate später begriff sie, dass sie schwanger war. Allah hat es so gewollt, um auf diese Weise einen neuen Gesandten auf die Erde zu schicken. Das reine Mädchen Maria gebar Gottes Geist, oder Gottes Botschaft in ihrem Sohn, den sie Jesus oder Isa nannte. Nur der konnte Juden und andere Menschen dazu bringen, sich ihrer Sünden bewusst zu werden.“

Später, als ich erwachsen war und viel mehr von Gott und der Welt verstehen konnte, suchte ich diese Geschichte in den theologischen Schriften. Aber nirgendwo fand ich eine Spur von diesem Märchen aus meiner Kindheit. Hatte meine weise Nachbarin die Geschichte für sich und uns erfunden, damit wir nicht daran zweifeln, dass der Prophet Isa ohne einen Vater gezeugt worden war? Damals versäumte ich es, Uma danach zu fragen. Jetzt kann ich es nicht mehr, weil sie im Krieg 1992 umgekommen ist. In einem Krieg, in dem sich die Völker gegenseitig bekämpften, die beide Jesus als Gottes Messias im Kern ihres Glauben hüten!

Deshalb muss ich mich darauf konzentrieren, was in den theologischen Lehren zu finden ist. Im Koran gibt es mehrere Suren, in denen Maria (Maryam) und Jesus (Isa) erwähnt sind. Maria ist hochgeschätzt als Auserwählte und Jesu Mutter. Wenn Jesus in der islamischen Religion genannt wird, ergänzt man seinen Namen immer mit „ibn-Maryam“ (Sohn von Maria). Es wird auch betont, dass Maria wegen ihrer Reinheit ausgewählt wurde, die Mutter des Geistes der Erneuerung zu werden. „O Maria! Wahrlich, Allah verkündet dir (das ist eine frohe Botschaft) durch ein Wort von ihm: Du wirst einen Sohn bekommen, sein Name ist Messias, Jesus, der Sohn der Maria, angesehen in dieser Welt und im Jenseits, einer der Allah Nahestehenden“ (Sure 2, Vers 45).

Vieles ist ähnlich wie in der christlichen Lehre. Die Engel überbringen Maria die Botschaft, dass sie Mutter wird, dass sie einen Sohn bekommt, der durch Gottes Willen entstanden ist. Allerdings entfernt sich der Islam dann vom christlichen Glauben: Zwar schickte Allah den Propheten Isa als Messias auf die Erde, aber er ist nicht sein Sohn. Sowohl die Verbindung Vater-Sohn als auch die Trinität: Vater, Sohn und Heiliger Geist lehnt islamische Theologie strikt ab. Jesus steht vielmehr in einer Reihe mit Adam (Adem), Noah (Nuh), Abraham (Ibrahim), Moses (Musa) und Mohammed (Muhammed). (Sure 46, Vers 35) Er ist einer der Gesandten, deren Aufgabe es war, die Menschheit mit den göttlichen Gesetzen vertraut zu machen.

In der islamischen Theologie ist Gott der ewige Schöpfer, der einem  Menschen die Möglichkeit gibt, das ewige Leben im Himmel zu erwerben. Das ewige Leben im Paradies kann ein Sterblicher nur durch Gehorsam und das Einhalten der göttlichen Gebote erreichen. Die Sünden der Menschen können nicht – wie im christlichen Glauben – von Jesus übernommen und erlöst werden, denn nach muslimischer Auffassung ist Jesus nie gestorben. Der Koran bestreitet die Kreuzigung ausdrücklich: „Doch sie töteten ihn nicht und kreuzigten ihn nicht, sondern es schien ihnen nur so. Es erschien ihnen eine ähnliche Gestalt. Und sie töteten ihn mit Gewissheit nicht.“ (Sure 4, Vers 157) Allah hätte niemals erlaubt, dass ein Träger seiner Botschaft auf solch schmähliche Art und Weise stirbt. Er hat Jesus zu sich in den Himmel genommen, ließ allerdings die Peiniger in der Überzeugung, dass sie die Macht gehabt hätten, Jesus zu töten. Dafür werden sie ewig in der Hölle brennen. Die islamische Theologie lehrt, dass der Prophet Isa bei Gott im Himmel bleibt, solange die Menschheit existiert. Er wird am Tag des Jüngsten Gerichtes auf der Erde wieder erscheinen. In welcher Rolle, bleibt unklar.

Auch die weise Uma in meiner Kindheit wollte nichts davon wissen, dass der Prophet Isa, der der Menschheit das zweite Heilige Buch nach der Tora – die christliche Bibel – geschenkt hat, so grausam am Kreuz gestorben sei. In ihrer Version floh Jesus, nachdem Allah ihn vor der Kreuzigung gerettet hatte, in ein fremdes Land. Er wollte nun kein Jude mehr sein; das war der Anfang einer menschlichen Neuorientierung und der Anfang des Christentums.

Auch für diese Theorie Umas gibt es in der theologischen Literatur keine Bestätigung. Doch in einer Ecke meines Herzens glaube ich an ihre Wundergeschichten aus meiner Kindheit. Weil ich so sehr wünsche, dass alle Menschen dieser Welt verstehen, dass der Ursprung der Religionen nicht nur einen Gott hat, sondern auch die gleichen Propheten.

Autorin: Safeta Obhodjas
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 19.04.2009

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