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Bilder einer gemeinsamen Zukunft entwickeln

Von Andrea Günter

Christiane Köhler-Weiß ist auf diesem Weg mit ihrem Buch „Das perfekte Kind“. Eine Streitschrift gegen den Anforderungswahn.

KindheitMit den Veränderungen im Mutterbild der letzten 30 Jahre und der offensiv und selbstbewusst gelebten Berufstätigkeit von Frauen haben sich auch die Anforderungsprofile an Mütter und Eltern verändert. Sie sind so vielschichtig, komplex und widersprüchlich geworden, dass vielen Müttern und Vätern immer wieder die Orientierung verloren geht. Eltern und Kinder bewegen sich zwischen unerfüllbaren Ansprüchen, Orientierungslosigkeit und Perfektionswahn. Dieser Problematik widmet sich Christiane Kohler-Weiß, Theologin, Pfarrerin und Mutter von drei Kindern, in ihrem 200 Seiten langen Büchlein „Das perfekte Kind. Eine Streitschrift gegen den Anforderungswahn“.

Die Autorin analysiert in einem ersten Teil die Wünsche von Erwachsenen daran, wie Kinder sein sollen, ebenso wie die neuen Anforderungsprofile, die durch die öffentliche Diskussion über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen entstanden sind. In diesen Diskussionen müsste es eigentlich um die tatsächliche Gestaltung der Organisation von Aufgaben und Arbeiten gehen, aber Kohler-Weiß zeigt überzeugend auf, wie vor allem Ideologie verhandelt wird: Ideologien über Mutter-, Vaterschaft und Kindsein, über Kinderlosigkeit, Berufstätigkeit ebenso wie über das, was aufgrund der gesellschaftlichen und vor allem ökonomischen Veränderungen als Kompetenz von Kindern verlangt werden müsse.

Der Druck auf Eltern und Kinder hat sich verschärft, der Anpassungs-, Perfektions- und Rechtfertigungsdruck ist gleichermaßen gestiegen, lautet die Bestandsaufnahme der Theologin.

Deutlich wird, wie schwierig es ist, sich nicht in den Strudel dieses Bündels von ideologieanfälligen und gerierenden Themen ziehen zu lassen. Kohler-Weiß schlägt Auswege vor, allem voran appelliert sie an die Tugenden, weder ideologieanfällig noch anpassungsbereit zu sein. Statt immer wieder neue Anforderungskataloge für Frauen, Männer und Kinder zu erstellen oder die Passung in tendenziöse Anforderungsprofile zu zelebrieren, plädiert sie für eine Praxis der Lebenszufriedenheit. Hierfür braucht es durchaus Bilder, allerdings solche von einer „gemeinsamen Zukunft, die realistisch sind.“

In einem zweiten Teil schlägt die Autorin den Weg ein, sich auf die Schwangerschaft, das Kinder Bekommen und Haben als ein Grundphänomen des menschlichen Lebens zu besinnen. Zu dieser Besinnung zählt gerade auch die Einsicht, dass die Schwangerschaft ein Geheimnis ist und Kinder als ein Geschenk und Glück betrachtet werden können. Kohler-Weiß argumentiert anthropologisch, aber auch und theologisch.[1] In Bezug auf die ethischen Diskussionen um Schwangerschaftsabbruch, Pränataldiagnostik und Kinderwunschtherapien bezieht sie versiert Stellung. Darüber hinaus entwirft sie 15 Thesen über „gute Eltern“. Der aktuellen Fragen zur Vaterschaft widmet sie ein eigenes Kapitel. Abschließend entwickelt sie die Bedeutung des christlichen Schöpfungsglaubens für Elternschaft und Kindsein.

Kohler-Weiß Analysen sind plausibel, weil sie schon bekannte (feministische) Kritiken an Mutter-Kind-Bildern und -Situationen nicht ein weiteres Mal aufwärmt, sondern zentrale aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen auf den Punkt bringt und neu verortet. Beispielsweise hat mich überzeugt, dass die ökonomischen Ansprüche wie die an den Kompetenzerwerb und die Berufsplanung aufseiten der Kinder und an die Lebensplanung aufseiten von Frauen – das Kind muss entlang von den richtigen Karriereschritten geplant werden – gestiegen sind und zugleich gestiegen zu sein scheinen, insofern die Zwänge des Strafrechts zunehmend durch die Zwänge der Wirtschaft und des Erwerbslebens ersetzt wurden.

Während das Strafrecht verbotene Handlungen formuliert(e), verbleibt uns als der einzige, positive Ziele formulierende Bereich die Ökonomie bzw. das, was darunter verstanden wird?

Bilder von einer gemeinsamen Zukunft zu entwickeln, die realistisch sind und zugleich die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Welt berücksichtigen, heißt einander Versprechen zu geben. Welche Versprechen wir einander geben wollen, insbesondere was das Kinder Bekommen und Haben als ein Akt der Welt betrifft, hier kann und muss neu artikuliert werden. Kohler-Weiß markiert wichtige Pfeiler hierfür.

Christiane Kohler-Weiß: Das perfekte Kind. Eine Streitschrift gegen den Anforderungswahn. Freiburg, 224 Seiten, 12,95 €

Anmerkungen

[1] Siehe auch Christiane Kohler-Weiß: Von der Gnade, geboren zu werden – eine kleine Theologie der Schwangerschaft, in: Annette Esser, Andrea Günter, Rajah Scheepers (Hg.), Kind sein – Kinder haben – Geboren sein. Philosophische und theologische Beiträge zu Kindheit und Geburt, Königstein 2008, 220-236.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 14.05.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Juliane Brumberg sagt:

    Ein wichtiges Buch mit einer schwer verdaulichen Widmung

    Durch diese Rezension angeregt, habe ich das Buch von Christiane Kohler-Weiß gelesen. Es hat sich gelohnt, sie formuliert wichtige Thesen gegen den Anfoderungswahn an Eltern und Kinder. Insbesondere prangert die Autorin den Trend an, „in der Entwicklung des Kindes ständig nach Defiziten, die sich an genormten Entwicklungsstandards orientieren, Ausschau zu halten“. Sie stellt fest: „Menschen werden also nicht erzeugt, sondern geboren, und es ist ihnen nicht angemessen, programmiert und geformt zu werden, sondern ins Offene hinein zu leben.“ Das ist ein wünschenswerter Leitsatz für den Umgang mit allen Kindern. „Ins Offene hinein zu leben“ heißt auch, dass die Mutter nicht immer präsent sein kann und auch diese Anforderung nicht an sich stellen muss.
    So gar nicht passst deshalb zu diesen richtungweisenden Gedanken, auch bezüglich der Geschlechtergerechtigkeit, die Widmung ganz zu Beginn des Buches: „Meinen Schätzen – mit der Bitte um Vergebung für die gemeinsame Zeit, die ich ihnen durch das Schreiben dieses Buches gestohlen habe.“ Wie kann eine Frau, eine Ehefrau, eine Mutter, ihren Lieben gegenüber von Zeit-Diebstahl sprechen, wenn Sie das tut, was ihr ein Begehren ist, nämlich ein wichtiges Buch zu schreiben?

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