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Grundeinkommen: Einstieg in den Umbau

Von Dorothee Markert

Warum es aber nur ein erster Schritt sein kann

Business

Seit der Finanzkrise ist es noch klarer geworden: Ein grundlegender Umbau der Wirtschaft ist notwendig. Foto: ralfgosch/photocase.com

Das Schlimmste am Mangel ist nicht der Mangel selbst, also die finanziellen Einbußen, die durch die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise Einzelne treffen, vor allem dann, wenn sie ihren Erwerbsarbeitsplatz verlieren. In den reichen Ländern des Nordens ist dadurch ja nicht das Überleben von Menschen gefährdet, im Gegensatz zu manchen asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen Ländern. Das Gefährliche am Mangel und auch schon am drohenden Mangel bei uns ist, dass wir dadurch „eng“ werden: Wir sind nicht mehr großzügig, gönnen anderen Menschen nichts mehr, und dies kann sich besonders gegen die „Fremden“ richten, gegen Ausländer und Zugewanderte, die einem angeblich etwas wegnehmen.

Drohender Mangel macht aber vor allem das Denken eng, vermindert die Bereitschaft, Neues auszuprobieren. Denn das aus Existenzangst entspringende Sicherheitsbedürfnis kann kein Risiko eingehen. So wird politisch lieber an alten Konzepten festgehalten, auch wenn offensichtlich ist, dass sie nicht taugen oder nur ein momentanes Flickwerk darstellen. Das ist fatal, denn die Krise wäre auch die Chance, etwas Neues auszuprobieren, und da scheint mir derzeit die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens die vielversprechendste Idee zu sein. Mit den Milliarden, die zur Stützung des Finanzsystems aufgebracht bzw. vom Steueraufkommen der Zukunft geborgt werden, wäre auch für diesen Einstieg in einen grundlegenden Umbau unserer Gesellschaft der Spielraum gegeben (gewesen?). Voraussetzung wäre die Einsicht, dass ein solcher grundlegender Umbau nötig ist, dass angesichts von Klimakrise, veränderter Altersstruktur der Gesellschaft, veränderten Beziehungen zwischen den Geschlechtern und den Generationen, technischer Entwicklung und Globalisierung das Festhalten an der Idee der Vollbeschäftigung und einer stetig weiter wachsenden Wirtschaftsleistung durch Produktion und Export die Probleme nicht lösen, sondern weiter verschärfen wird.

Ich halte es aber für wichtig, dass wir die Einführung eines Grundeinkommens nicht als die Lösung propagieren, sondern nur als ersten Schritt zu einem gesellschaftlich-wirtschaftlichen Umbau. Es ist für mich eine „Praxis“ im Sinne dessen, was Chiara Zamboni in ihrem Artikel darüber schreibt, also eine Maßnahme, die einen Veränderungsprozess einleiten wird, der dann durch eine immer wieder veränderte Praxis neue Entwicklungen in Gang setzen wird. Erst im Laufe des Prozesses wird zu erkennen sein, welche weiteren Maßnahmen sinnvoll sind, manche können auch dann erst erfunden werden. Obwohl ich den 2004 veröffentlichten Text der Mailingliste „Gutes Leben“ Sinnvolles Zusammenleben im ausgehenden Patriarchat gut und richtig finde – schließlich habe ich ihn ja mit herausgegeben – drückte ich mich bisher davor, auf Veranstaltungen zum Grundeinkommen zu referieren. Denn obwohl ich mich für die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens ausspreche, bin ich auch skeptisch, ob es in unserer Gesellschaft, so wie sie derzeit ist, funktionieren kann. Für mich ist die Einführung eines Grundeinkommens nicht das Allheilmittel, das mit einem Schlag all unsere Gesellschafts- und Wirtschaftsprobleme lösen kann, wie es von manchen angepriesen wird.

Sicher, für Menschen, die sich auch jetzt schon in ihrer Freizeit sinnvoll beschäftigen können, die viele Interessen haben, die sich engagieren und auf vielfältige Weise am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, wäre ein Grundeinkommen eine erfreuliche Erweiterung von Möglichkeiten und eine Befreiung von Existenzangst und möglichem Zwang zu ungeliebten Tätigkeiten. Auch für Familienfrauen (und -männer), die diese Aufgabe als Hauptberuf gewählt haben, sowie für Alleinerziehende wäre ein Grundeinkommen, das auch für jedes Kind voll bezahlt wird – und auf diese Forderung sollten wir auf keinen Fall verzichten -, sicher ein Grund für Freudensprünge. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass es eine alleinerziehende Tagesmutter war, die Anfang 2009 die Online-Petition zur Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens an den Deutschen Bundestag formuliert hat, die durch mehr als 50.000 Unterschriften unterstützt wurde.

Ich bin jedoch skeptisch, ob es nicht ebenso viele oder gar noch mehr Menschen in unserem Land gibt, die ohne den äußeren Anstoß zu einer Tätigkeit, also vielleicht auch eines gewissen Drucks, nicht mehr aufstehen und aus dem Haus gehen würden. Ich kenne beispielsweise eine alkoholkranke Frau, die jahrelang in einem abgedunkelten Zimmer lebte und Romane las, solange sie vom Sozialamt relativ problemlos ihr Geld bekam, die aber jetzt, nachdem sie zu einem so genannten Ein-Euro-Job verdonnert wurde, wieder am gesellschaftlichen Leben teilnimmt und – da sie bei diesem Job an Fähigkeiten anknüpfen kann, die sie bei ihrem abgebrochenen Studium erworben hatte, viel an Selbstwert und Selbstachtung gewonnen hat. Einen anderen Ein-Euro-Jobber, mit dem ich mich seit zwei Jahren regelmäßig über seine Gartenarbeit  unterhalte, erlebe ich als ausgesprochen glücklich damit – von der zu geringen Bezahlung natürlich abgesehen. Wenn also behauptet wird, durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens könnten die meisten Stellen bei den Arbeitsämtern eingespart werden, die jetzt mit der Organisation von Hartz IV beschäftigt sind, so würde ich dem widersprechen: Diese Stellen werden dann weiterhin gebraucht, um die Menschen in Arbeit zu bringen, die das selbst nicht schaffen, denen es aber nicht gut tut, wenn sie einfach sich selbst überlassen bleiben.

Ich bin auch nicht so sicher, ob der Wunsch nach einem sinnvollen Dasein und Tätigsein wirklich so allgemein ist, wie wir es in unserem Text behaupten. Vielleicht würden viele Menschen, vor allem Männer, viel lieber spielen als freiwillig etwas arbeiten, wenn sie von der Allgemeinheit ordentlich versorgt würden, ohne etwas dafür tun zu müssen. Ich befürchte, dass Grundeinkommens-Gläubige in diesem Punkt zu sehr von sich selbst ausgehen, und ihr Lieblingsspiel besteht nun einmal darin, etwas für die Verbesserung der Gesellschaft und das gute Leben aller zu tun.

Skeptisch bin ich auch, ob die in den letzten Jahrzehnten sich immer weiter ausbreitende Einstellung, es sei ein Recht, das einem zustehe, von der Allgemeinheit Geld zu bekommen, sich mit einem bedingungslosen Grundeinkommen vereinbaren lässt, das ja nur funktionieren kann, wenn wir es im Kontext von Schenken und Beschenktwerden begreifen, wenn wir also geben, weil wir viel (bekommen) haben und nur dann nehmen, wenn wir es wirklich brauchen. Warum sollte sich die Haltung, möglichst alles „mitzunehmen“, was vom Staat zu kriegen ist, bzw. möglichst keine Steuern an den Staat zu bezahlen, dadurch ändern, dass es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt? Warum sollten gut Verdienende Steuern bezahlen, damit andere sich ohne Arbeit ein gutes Leben machen können? Hier müsste sich vor allem im Denken etwas ändern, und so etwas geschieht nur langsam und nur, wenn viele Denkerinnen und Denker das Projekt mittragen und sich an der Vermittlungs- und Umsetzungsarbeit beteiligen.

Während ich also in mancher Hinsicht skeptisch bin, ob das Instrument „bedingungsloses Grundeinkommen“ all das leisten kann, was BefürworterInnen sich davon versprechen, sehe ich bis jetzt keine Alternative, die den Einstieg in den überfälligen grundlegenden Umbau unserer Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme bewirken könnte. Zwei Gründe sprechen für mich eindeutig für diesen Schritt: Erstens die negativen Auswirkungen von Zwang und Kontrolle in den gegenwärtigen Hilfesystemen und zweitens die Sache mit den Arbeitsplätzen.

Zum ersten Punkt: Warum ein Grundeinkommen bedingungslos gewährt werden sollte, wurde im 2004 veröffentlichten Text der Mailingliste „Gutes Leben“ Sinnvolles Zusammenleben im ausgehenden Patriarchat ausführlich begründet. Ausgangspunkt von Politik für eine sinnvolle freiheitliche Ordnung müsste die grundsätzliche Bedürftigkeit aller Menschen sein, während in der jetzigen Sichtweise die Bedürftigen an den Rand gedrängt und die Leistungsfähigsten zum Maßstab für Normalität genommen werden. Die von der Tagesmutter Susanne Wiest initiierte Online-Petition an den Deutschen Bundestag zur Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens wandte sich in ihrer Begründung ebenfalls gegen Zwang und Kontrolle und forderte eine Grundsicherung, die „dem Menschen seine Würde belässt“. Mit Hartz IV gingen Würde und Selbstachtung verloren, so Susanne Wiest.

Zum zweiten Punkt: Es ist hauptsächlich der drohende Verlust von Arbeitsplätzen, der die Regierungen bestechlich macht, der auch Politikern und Politikerinnen, die nicht durch persönliche Interessen mit der Finanz- und Wirtschaftswelt verwoben sind und die „nur“ um ihre Umfragewerte und ihre Wiederwahl bangen müssen – Angela Merkel halte ich für eine solche eigentlich integere Politikerin – echte Gestaltungsfreiheit nimmt. Hierzu einige Beispiele von vielen:

Es ist längst bekannt und auch gründlich untersucht, dass eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen, wie sie fast alle anderen europäischen Länder haben, die Zahl der im Verkehr Getöteten und Verletzten verringern könnte. Da die Autoindustrie aber hierzulande eine der heiligsten Kühe ist – denn an ihr hängen über die Zulieferbetriebe sehr viele Arbeitsplätze – ist ein entsprechendes Gesetz politisch seit Jahrzehnten nicht durchzusetzen. Wir sollen durch Nachrichten beruhigt werden, dass die Zahl der Verkehrstoten insgesamt zurück geht, doch dabei wird verschwiegen, dass dies mit dem Ausbau der Rettungssysteme zu tun hat und dass manche schwer Verletzten ein paar Tage später dann doch sterben oder zu lebenslangen Pflegefällen werden.

Ein anderes Beispiel: Wir sind wahrscheinlich alle dagegen, dass Milizen in Darfur mit überwiegend deutschen Waffen die dortige Bevölkerung terrorisieren, vertreiben und töten, doch eine drastische Verringerung der Waffenherstellung und des Waffenhandels würde zu viele Arbeitsplätze kosten. Auch angesichts eines Amoklaufs hierzulande muss schnell beteuert werden, dass unsere Waffengesetze ausreichen und sogar schärfer sind als die der Nachbarländer, damit ja niemand die nahe liegende Frage stellt, warum es eigentlich erlaubt sein soll, dass Privatpersonen Waffen in ihren Wohnungen haben. Auch die Produktion und der Handel mit Killerspielen trägt zum Wirtschaftswachstum bei.

Ein hier nur angedeutetes letztes Beispiel ist das Thema Menschenrechte in China. Da dieses Land zunächst ein riesiger Absatzmarkt war und nun zu einem wichtigen Wirtschaftspartner geworden ist, kommt ein konsequenteres Einfordern der Einhaltung von Menschenrechten für unsere PolitikerInnen nun schon seit Jahren nicht in Frage, denn wir brauchen Wirtschaftswachstum, um Arbeitsplätze zu erhalten oder neue zu schaffen, da können wir auf die DissidentInnen, die gefoltert oder gar zum Tod verurteilt werden und auf die Bevölkerung des besetzten Tibet keine Rücksicht nehmen.

Als Angehörige der Nachkriegsgeneration, die immer wieder gehört hat, dass es die schreckliche Arbeitslosigkeit war, die dazu geführt hat, dass Hitler an die Macht kam – mit allen entsetzlichen Folgen -, bin auch ich anfällig für Argumente gegen bestimmte Veränderungen, wenn diese Arbeitsplätze kosten könnten. Doch wir können nicht weiterhin die Augen verschließen vor dem Preis, den wir – als ständig erpressbare InhaberInnen von Arbeitsplätzen oder als in der Politik Tätige – für die Erhaltung von Arbeitsplätzen bezahlen, vor allem von solchen, die uns zwingen, Sinnloses oder Schädliches zu produzieren. Davon abgesehen, gehen auch ohne unser Zutun ständig Arbeitsplätze verloren, was ja eigentlich eine erfreuliche Entwicklung wäre, wenn es in unserer Gesellschaft sinnvolle Alternativen gäbe. Auch um damit beginnen zu können, solche Alternativen zu schaffen, wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen ein wichtiger erster Schritt.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 25.05.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ina Praetorius sagt:

    So geht’s weiter.

    Vielen Dank, liebe Dorothee, für diesen Anstoss, die Grundeinkommensdebatte weiter zu führen. Auch ich bekomme immer wieder Probleme, wenn Leute mich drängen, das Grundeinkommen gewissermassen als Heilsweg zu verstehen. Du hast Recht: es ist ein Anfang, eine Praxis, ein Katalysator, der weiteres Umdenken und Umhandeln in Gang setzen wird.

  • ursula knecht sagt:

    Grundeinkommen aus einer Weltsicht der Bezogenheit: Wir alle sind Fürsorge abhängig

    Liebe Dorothee

    Erst heute habe ich deinen Artikel bemerkt. Du sprichst mir aus dem Herzen, v.a. wenn ich beobachte, wie die Diskussion zum GE derzeit geführt wird. Es geht um mehr Freiheit, Selbstbestimmung, Selbstentfaltung zum einen, weniger Staat (SozialarbeiterInnen, Beamte z.B.) zum anderen.
    Wenn ich mich dennoch ab und zu einmische, in der CH, wo die Diskussion noch nicht so sehr vom Parteiengezänk dominiert ist, dann genau aus den Gründen, die du anführst: Die Debatte ums GE bietet eine Plattform, um neue (für die meisten jedenfalls sind sie neu, leider) Überlegungungen zum Zusammenleben in Würde einzubringen. Ob es gelingt, weiss ich nicht. „Wir schlagen einen Faden in ein Gewebe… was draus wird, wissen wir nicht“, so ähnlich sagt es Hannah Arendt, oder?
    Unser Grundlagentext von 2004 ist für mich immer noch Massstab. Die Einwände kommen dann von den DiskussionsteilnehmerInnen und sind teils berechtigt, teils zu entkräften. Ich habe mich deshalb entschlossen, am nächsten Freitag in Bern beim NSW (Netzwerk sozialverträgliches Wirtschaften, http://www.nsw-rse.ch) anzutreten und ganz selbstverständlich die Fürsorge-Abhängigkeit aller Menschen zeit ihres Lebens, auch der im Saal anwesenden Professoren, an den Anfang und in die Mitte der Debatte zu stellen. Zugegeben, es braucht ein wenig Mut dazu. Professioneller, wissenschaftlicher wäre es, wenn ich von Care-Ökonomie sprechen würde. Aber das genau will ich nicht, weil es dann gleich in einer Schublade neben anderen Ökonomien verschwindet.
    Zum GE an sich entlang der gängigen Debatte ist in diesem Gremium schon viel gesagt worden, das brauche ich nicht zu wiederholen. Also stelle ich das bisherige Referenzsystem, nämlich der erwachsene, leistungsfähige, liberale, sogar sozialverantwortliche BürgER, bzw. die armen sozialabhängigen „Randständigen“ in Frage und wähle einen anderen Orientierungspunkt: die Gebürtigkeit, die Fürsorge (nicht nur gegenüber den Mitmenschen und sich selber, auch gegenüber der Natur und der ganzen Welt). Ich denke, das ist der blinde Fleck auf der Landkarte der gegenwärtigen öffentlichen GE Diskussion und deshalb beteiligen sich nur wenige Frauen, haben sich viele verabschiedet.
    Drück mir die Dauemn, liebe Dorothee, dass am nächsten Freitagabnd in Bern etwas von dem, was dich und was mich bewegt, rüberkommt. Ich wünsche mir einen nachdenklichen und nachdenklich machenden Abend. Mehr nicht. Herzlich
    Ursula

  • Ute Plass sagt:

    Auch ein Bedingungsloses Grundeinkommen braucht Bedingungen

    Engagiere mich seit geraumer Zeit für die
    Idee des BGE und freue mich im Kommentar von Dorothee Markert meine Bedenken und Gedanken zur Idee des Grundeinkommens ausgedrückt zu finden. Bin ebenfalls der Auffassung, dass das BGE selbst nicht unbedingt ein Wirtschaft und Gesellschaft veränderndes Instrument im Sinne von mehr Gerechtigkeit und Humanität darstellt, da seine Finanzierung aus den weiterhin vorherrschenden Wirtschafts- und Produktionsverhältnissen geschieht.
    So wie heute ständig mit der Angst um Arbeitsplatzverlust die Menschen klein gehalten werden können, so könnte das in ähnlicher Weise mit einem BGE geschehen, wenn die wirtschaftlich-strukturellen Bedingungen die gleichen blieben, aus denen sich ein BGE schöpfte. Ein Grundeinkommen könnte allerdings die Chance mit sich bringen aus diesem destruktiven Kreislauf herauszufinden, da es die notwendige Zeit zum Nach- und Weiterdenken böte,die im aktuellen Hamsterrad der Erwerbsarbeit oder Hartz-Prekariat nicht gegeben ist.
    Finde es eine wunderbare Idee, dass wir
    uns alle dann in guten Denkschulen austauschen könnten und überhaupt die jetzige StellvertreterInnenpolitik ablösten durch mehr direkte Demokratie.

    Den Traum in Richtung solidarische Ökonomie ließe sich gemeinsam sicherlich leichter träumen.
    Ein erster, ganz konkreter Schritt dahin wäre die sofortige Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommen für alle Kinder.

  • Heidrun Weykam sagt:

    Jobcenter beibehalten?

    Dass ein bedingungsloses Grundeinkommen kein Allheilmittel für alle unsere politischen und gesellschaftlichen Probleme und von daher nur ein Schritt in eine neue Richtung sein kann, in einen Prozess zu neuen Ufern, ist auch für mich sehr klar.
    Ich selbst bin gemäß öffentlicher Debatte eher der weiblichen Altersarmut zugehörig, wie sehr viele Frauen aus der ehemaligen DDR und würde finanziell durchaus profitieren. Doch denke ich, dass der Diskurs um das Grundeinkommen, unsere so einseitige Fixierung auf das Geld bewusst machen sollte und dann weitere Hintergründe, die viel relevanter sind und viel mehr Einfluss auf unser Leben haben, als es bisher bekannt ist.
    Wie weit wir als Gesellschaft bereit und fähig sein werden, notwendige Aufgaben neu und anders zu gestalten, unsere gegenseitige Abhängigkeit bewusst zu machen, kann tatsächlich nur eine Praxis zeigen, die als offener Prozess verstanden wird. Auch da stimme ich Ihnen vollkommen zu.
    Ich kenne wiederum Frauen, die mehr als genug Geld besitzen und dennoch unter teils schwerwiegenden Existenzängsten leiden. Geld kann uns von unserem unbewussten Mangeldenken nicht befreien, nur die Bewusstwerdung, dass wir darin solange gefangen sind, solange wir unser Denken, Fühlen, Reden und Handeln nicht bewusst selber lenken. Der gesellschaftliche Umbruch, vor dem wir stehen bzw. in dem wir längst involviert sind, hat unser eigenes Wachstum zur Aufgabe, um die seit ewigen Zeiten, zumindest unsere unbewusste bzw. von außen erklärte Funktion der Welt zu überwinden, wo Mangel, Angst und Gier die gängigen Antriebskräfte sind. Und wo uns suggeriert wird, dass es dazu keinerlei Alternative gäbe.
    Dass wir Menschen so funktionieren können, steht außer Frage, wir können es jeden Tag in den Massenmedien erleben, doch das Menschliche haben wir damit noch lange nicht erreicht. Die Antriebskräfte des Menschlichen sind Vertrauen, Dankbarkeit und Liebe. Sie sind ebenso angeboren wie die Stufe davor, denen auch die Tiere unterliegen. Tiere werden vom Leben selbst gesteuert und wir Menschen auch, solange wir so unbewusst bleiben wie bisher. Dieser Bewusstseinswandel ist mir der wichtigste Schritt hin zu einer Gesellschaft, die ohne Probleme mit einem bedingungslosen Grundeinkommen umgehen kann und sich auf dieser Grundlage neu organisiert. Und die auch mit denen menschlich umgehen kann, die diesen Bewusstwerdungsschritt noch nicht gehen können. Dazu brauchen wir weder Jobcenter noch andere Zwänge, sondern einen anderen Umgang miteinander, was den Begriff „bedingungslos“ ja auch ausdrückt und der noch immer missverstanden wird.
    Mein Fokus liegt bei dieser Debatte auf dem nötigen Bewusstwerdungsprozess, der individuell geschieht und dessen Auswirkungen absolut nicht vorhersehbar sind. Von daher wäre ein Praxis, die zu weit mehr Menschlichkeit, größeren Fähigkeiten und ungeahntem menschlichen Potential führen könnte, der uns alle eher beflügelt als „eng“ macht, wie Sie es so klar beschreiben, der richtige Weg.
    Angst ist eine Energie, die zusammenzieht, und Angst wird allenthalben geschürt. Diese Grundangst hat nicht nur etwas mit Geld zu tun, sondern auch mit Gewalt und unserem Überlebensinstinkt, der automatisch solange anspringt, solange wir diesen inneren Mechanismus und damit uns selbst bzw. unsere Funktionsweise nicht verstehen.

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebe Dorothee,

    TheoretikerInnen und PraktikerInnen: Menschen in der Praxis,stehen,fallen,werden herumgewirbelt,sind Peinlichkeiten ausgesetzt und deshalb,das geht nicht anders,nicht fehlerfrei.
    Es geht doch nicht an, dass viele gut Ausgebildete jetzt hinter ihrem Bidschirm sitzen und immerfort nur auf die Statistiken „stieren“.Sie leben von Ziffern,die dazu kommen oder wegfallen,und sind dann „happy“ ,dass sich etwas tut.Dabei leben sie an der realen Wirklichkeit vorbei.

  • bgetube sagt:

    Viele Menschen können schon heute ihr Leben selbst gestalten. Dann gibt es die Menschen, die das nur zum Teil können und einige sind so inaktiv, dass ihnen professionell geholfen werden muss. Leider wird heute viel zu wenig geholfen und manchmal sind Alkoholkranke wichtiger als die hohe Kinderarmut. Obwohl letzteres oft zu Dingen führt, die später aufwendig wieder ausgebügelt werden müssen.

    Ich widerspreche der These, dass ein gewisser Zwang und Druck wenigstens auf kranke Menschen erfolgreich ist. Es handelt sich hierbei um eine Verwechselung von innen und außen. Im genannten Fall der alkoholkranken Frau war es so, dass nur noch durch die s.g. Aktivierung des fundamentalen Überlebenstriebs scheinbar geholfen wurde.

    Was wirklich passiert war: Die Betroffene wurde durch eine minimale soziale Interaktion (Briefe, Telefon, Gespräch, 1-Euro-Job) halb aufgeweckt. Der verbundene Druck durch das Amt, wird nicht wie vom gesunden Menschen erlebt. Es ist also eine absolute Fehlannahme, dass unser merkwürdiges Sozialsystem in irgendeiner Art und Weise doch irgendwie positiv wirken könnte. Für die Kranken muss man sich aber selbstverständlich etwas einfallen lassen – nur für den überwiegenden großen Bevölkerungsteil eben auch.

    Der überwiegende Teil der Bevölkerung leidet unter dem aktuellen System. Ich denke, dass das Grundeinkommen vor allem deshalb Verbesserung bringt, weil jeder mit diesem Grundbetrag jederzeit rechnen kann. Der Bürgeranwalt nennt dies Planungssicherheit.

  • Doris Brodbeck sagt:

    Danke für die differenzierten und ehrlichen Ausführungen. Was ich jedoch noch vermisse: Woher wird das Geld kommen? Insofern bleiben wir global bestechlich. Wenn das Grundeinkommen von der wirtschaftlichen Stärke des Landes abhängt, könnte der gesellschaftliche Druck auf die Einzelnen, produktiv und effizient zu sein, noch steigen. Gibt es hierzu auch schon Überlegungen?

  • bgetube sagt:

    Woher kommen denn heute die Einkommen? Entscheidend für Einkommen ist, das (und was für) Produkte und Dienstleistungen in ausreichender Menge hervor gebracht werden.

    Das Grundeinkommen wächst in die bestehenden Einkommen.
    Dadurch ist keine Beeinträchtigung der Produktivität zu erwarten. Somit ist das Grundeinkommen größtenteils finanziert. Restliche Mittel kommen aus Einsparungen bei der Arbeitsverwaltung und der Streichung von Subventionen und Steuerschlupflöchern.

  • Doris Brodbeck sagt:

    Als Laie stelle ich mir vor, dass die Arbeitgeber/Firmen den Grundlohn/das Grundeinkommen in einen Pool einzahlen. Dadurch verbleibt ihnen entsprechend weniger, um noch individuell Löhne zu bezahlen. Das macht bei den hohen Lohnklassen wenig aus. Sie bleiben attraktiv. Aber bei den Niedriglohnklassen, bleibt nur noch ein kleiner Anreiz über den Grundlohn hinaus. Daraus schliesse ich, dass es vor allem die wenig lukrativen Geschäftsbereiche schwer haben werden, Arbeitnehmende zu finden. Sie werden verschwinden oder ihr Geschäftsmodell so verändern müssen, dass auch sie höhere Gewinne erzielen, um mehr Zusatzlohn zahlen zu können. Ich bin mir unsicher, ob das für die Gesellschaft immer vorteilhaft wäre. Es sei denn, man fände tatsächlich andere Anreize als das Geld, um sich bei einem Arbeitgeber anstellen zu lassen!

  • bgetube sagt:

    Sicherlich wird Bewegung in den dann erstmalig entstandenen echten Arbeitsmarkt kommen. Meine Kurzausführung zur Finanzierung sollte nur das grobe Prinzip verdeutlichen. Es gibt zahlreiche Überlegungen zum Thema der Finanzierung. Es gibt einen Film, zahlreiche Videos, Bücher und Darstellungen im Internet.

    An dieser Stelle möchte ich nur kurz auf die zu kleinen Einkommen eingehen.

    Wirklich notwendige Arbeit sollte auch heute schon so bezahlt werden, dass sie erledigt wird oder sollte automatisiert werden. Wenn dem nicht so ist, dann gibt es hier dringenden Nachholbedarf. Das Grundeinkommen bietet die Möglichkeit höhere Einkommen auszuhandeln, wenn eine Unterbezahlung vorliegt. Der Betroffene kann selbst für seine Lebenssituation individuell entscheiden, ob der Zusatzverdienst genügt oder nicht.

    Bleibt die Vollzeitarbeit, die ein zu kleines Einkommen generiert, aber eigentlich nicht notwendig ist. Eine Geschäftsidee, die keine ausreichenden Einkommen abwirft, wird nicht benötigt. Wenn dies heute anders ist, liegt das an einem völlig verzerrten Arbeitsbegriff. Warum aber sollte eine Gesellschaft an etwas arbeiten, wo keine Nachfrage existiert und dadurch nicht genügend Einkommen generiert werden kann.

    Andererseits kann ich mir sehr gut vorstellen, dass einige Geschäftsideen entstehen, weil sich der Einzelne mit einer verlässlichen Planungssicherheit zurückziehen könnte. Raus aus dem Hamsterrad und in Ruhe und Gelassenheit selbstständig nachdenken ohne verzerrende Vorgaben.

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