beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik erinnern

Rosa Mayreder (1858 – 1938)

Von Marit Rullmann

Sozialphilosophin – Feministin – Malerin – Schriftstellerin – Friedensaktivistin

„Worte sind Keime, sie gehen auf, wo sie ihren Boden finden – sie schlagen Wurzeln, sie wachsen, sie tragen Früchte – irgendwo und irgendwann.“
(Gaben des Erlebens, S. 1)

Rosa Mayreder

1997 wurde der inzwischen nicht mehr benutzte österreichische 500-Schillingschein zu Ehren von Rosa Mayreder gedruckt.

Seit 2006 gibt es einen Rosa-Mayreder-Park in Wien, er ist ein kleiner Teil des Karlsplatzes, nahe dem Bibliotheksgebäude der Technischen Universität. Die kleine Grünfläche rund um die Kunsthalle liegt an prominenter Stelle: an der Grenze zur Inneren Stadt. Anfang 2009 hatte ich die Gelegenheit, diesen Park in Wien zu besuchen – und war entsetzt. Wie kann es angehen, dass man den wahrscheinlich einzig hässlichen Flecken im ansonsten wunderschönen I. Bezirk Wiens ausgerechnet nach Rosa Mayreder benennt?

Das Erlebnis war ein willkommener Anlass zu dieser kleinen Bestandsaufnahme zu Werk und Rezeption der bedeutenden österreichischen Schriftstellerin Rosa Mayreder, die, nach ihrem Tod fast vollständig vergessen, seit den 80er-Jahren von der Frauenbewegung langsam wiederentdeckt wird.

An ihrem 70. Geburtstag, dem 30. November 1928, wurde Rosa Mayreder Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt Wien; im Eugen Diedrichs Verlag erschien eine „Ehrengabe“ mit Grußadressen bekannter Persönlichkeiten von Lou Andreas-Salomé bis Stefan Zweig. Am Ende ihres Lebens wurde eine Frau geehrt, die stets „wider die Tyrannei der Norm gelebt“ hat. 1999 nannte sich die erste Open University in Österreich, das Rosa-Mayreder-College, nach der Mitbegründerin des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins (1893-1903). Die letzten vor der Übernahme des Euro eingeführten 500-Schilling-Scheine zeigten erstmals das Konterfei einer Frauenrechtlerin: Rosa Mayreder.

Und heute? Viele zentrale Werke von Mayreder sind nicht lieferbar, eine umfassende Rezeption gibt es noch immer nicht und ihre Bedeutung als Feministin und Vordenkerin der Geschlechterdifferenz ist kaum bekannt. Letztes Jahr wäre ihr 150. Geburtstag zu feiern gewesen. Wenigstens gab es zu diesem Anlass nach 55 Jahren eine neue Ausgabe von Der letzte Gott, herausgegeben von ihrer Rechtsnachfolgerin Tatjana Popovic. In diesem Spätwerk entwickelte Mayreder ein subjektives Weltbild, das sich sowohl auf naturwissenschaftliche als auch philosophische Weltanschauungen stützt.

„Man erzieht mit dem was man ist, nicht mit dem, was man weiß.“
(Gaben des Erlebens, S. 37)

Ihr Vater war Besitzer des Winterbierhauses in der Landskrongasse in Wien, ihre Mutter war Maria Engel, seine zweite Frau – die erste war bei der Geburt des achten Kindes gestorben.

Rosa Obermayer, so der Mädchenname von Mayreder, las schon als Kind sehr viel und tapezierte ihre Dachkammer in der Sommervilla ihrer Eltern mit philosophischen Sprüchen. Sie lernte schnell und viel – und empörte sich darüber, dass die Geschlechtszugehörigkeit darüber entscheiden sollte, welche Bildung ein Mensch erlangt. Je mehr ihre Umwelt sie von ihren Studien abhalten wollte, um sie in die traditionelle Frauenrolle zu drängen, umso heftiger wurde ihr Widerstand. Sie legte mit 18 Jahren das Korsett ab und setzte sogar durch, dass sie zusammen mit ihren Brüdern Latein und Griechisch lernte. Aus diesem Konflikt zwischen bürgerlichen Konventionen und ihrem Drang nach Selbstverwirklichung resultierte ihre lebenslange Beschäftigung mit der Geschlechterfrage – verbunden mit der nach der Entwicklung von Persönlichkeit und Individualität.

„Meine geistige Entwicklung fällt in eine Zeit, in der die bürgerlich Familie noch völlig unter der Herrschaft unangetasteter Traditionen stand. Die Auflehnung dagegen bildete im Bereich meines persönlichen Schicksals das entscheidende Erlebnis. Kraft meiner Wesensart … nahm ich den Kampf … als ein ganz isoliertes Einzelwesen auf“, schreibt sie in ihren Jugenderinnerungen Das Haus in der Landskrongasse (1948, S. 152). Den Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Normen und ihrer Ausnahmestellung löste sie auf, indem sie die Ausnahmen von heute zur Norm erklärte.

Zeit ihres Lebens setzte sich Rosa Mayreder für eine kritische und fortschrittliche Mädchen- und Frauenbildung ein. So gründete sie 1897 zusammen mit der Malerin Olga Prager und dem Philosophen Friedrich Jodl eine Kunstschule, um Frauen und Mädchen eine bessere Kunstausbildung zu ermöglichen. Als ausgebildete Malerin war Mayreder bei den Weltausstellungen in Chicago (1891) und St. Louis (1904) mit ihren Werken vertreten.

„Im Anfang liebt man die Lichtseiten an einem Menschen – erst die höhere Liebe erkennt auch die Schattenseiten als zu ihr gehörig.“
(Gaben des Erlebens, S. 58)

Rosa Mayreder

Der Rosa-Mayreder-Park in Wien, Januar 2009. Foto: W. Schlegel

Ihren späteren Mann, den Architekten Karl Mayreder, hat sie in einem Intellektuellen-Stammtisch kennengelernt, in dem die Schriften Richard Wagners gelesen wurden. Das Paar heiratete 1881. Rosa Mayreders Idealvorstellung einer Ehe war die „dauerhafte Vereinigung zweier sich ergänzender Individualitäten“. Dieser Anspruch wurde ab 1912 durch eine schwere Nervenerkrankung ihres Mannes auf eine harte Probe gestellt. Trotz großer Probleme pflegte sie ihren Mann bis zu dessen Tod im Jahr 1935.

Mayreder studierte Schopenhauer und Nietzsche sowie Kant und Goethe. Die Schriftstellerin verfasste neben sozialphilosophischen und kulturkritischen Essays vor allem Romane, Sonette, Tagebücher und Rezensionen, aber auch ein Libretto. Der Corregidor wurde von Hugo Wolf vertont und 1896 in München uraufgeführt. Kaum bekannt sind ihre stilistisch brillanten und scharfsinnigen Aphorismen. Sie erschienen überwiegend in Gaben des Erlebens. Sprüche und Betrachtungen (1935) und Krise der Väterlichkeit (1963) – beide Bücher wurden nicht wieder neu aufgelegt.

„Die Entwicklungsgeschichte des weiblichen Geschlechts in einem Satz: Das Weib wird aus einem Objekt des Mannes ein Subjekt eigenen Lebens.“
(Gaben des Erlebens, S. 37 f.)

Philosophisch lag sie mit ihrer Betonung der Individualität und des darwinistischen Entwicklungsgedankens ganz auf der Höhe des Denkens an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Sie war überzeugt von der Aktivität des menschlichen Bewusstseins: Der Mensch ist nicht nur Interpret, sondern Schöpfer der Welt – wo anders als im Intellekt des Menschen seien die „kosmologischen Lehrsätze“ sonst zu finden? Individualismus ist für Mayreder weniger ein Produkt des Liberalismus – mit seiner Verabsolutierung des bürgerlichen Individuums – als ein politisches Sujet mit dem Ziel der politischen Selbstbestimmung, insbesondere für Frauen.

„Parteimäßiges Denken und objektives Erkennen sind miteinander unverträglich – ein Grund warum der Denker nicht Politiker sein sollte.“
(Gaben des Erlebens, S. 91)

In ihrem soziologischen Essay Der typische Verlauf der sozialen Bewegungen (2/1926) reflektierte sie ihre Erfahrungen aus der Frauenbewegung und entwickelte ein Dreiphasenmodell, das bis heute stimmig ist: Soziale Bewegungen beginnen demnach mit der Aufbruchphase, der Zeit der Begeisterung, dem Beginn jeder Veränderung. Anschließend folgt die aktive politische Tätigkeit, die Umsetzung in die Realität, etwa durch Bildung einer Organisationsstruktur. Denn für alle Bewegungen ist es unerlässlich, „Macht zur Durchführung“ von Forderungen zu erlangen. Und genau hier entsteht ein Problem, da Machtbesitz sehr schnell wieder in eine „konservative Richtung der Machtbehauptung“ führe. (Ebd., S. 37) Daher sei ein ständiger Wandel von Ideologie zu politischer Praxis und wieder zu Ideologie so wichtig. Dies, so Mayreder, sei das Gesetz des Lebens, ein immer wieder neues Werden und Vergehen.

„Man wird erst wissen, was die Frauen sind, wenn ihnen nicht mehr vorgeschrieben wird, was sie sein sollen.“
(Kanon der schönen Weiblichkeit, S. 199)

Als frühe Patriarchatskritikerin war Rosa Mayreder weit radikaler als ihre Mitstreiterinnen im „Allgemeinen Österreichischen Frauenverein“, dies zeigt sich besonders in ihrer Haltung zu Sexualität und Prostitution. So kämpfte sie ihr Leben lang gegen die Prostitution, aber nicht gegen die Prostituierten. In öffentlichen Reden warnte sie vor der moralischen Verurteilung der Prostituierten und analysierte sehr genau den Zusammenhang von Sexualität und Macht in einer patriarchalen Gesellschaft. Und das bezog sie auch bereits auf Kriegssituationen: In Die Frau und der Krieg (1915) schreibt sie, dass es „keine zufällige sondern eine gesetzmäßige, mit der kriegerischen Disposition verknüpfte Erscheinung (sei), das in jedem Kriege Vergewaltigung an feindlichen Frauen geübt werde …“. (Ebd., S. 76 f.) Sie argumentiert, dass es einen Zusammenhang gäbe zwischen der Verrohung durch Hass und Rachegefühle, die dann zu „sexueller Fessellosigkeit“ führe, der folgenschwersten Schädigung von Frauen im Krieg und lange darüber hinaus.

Mayreders philosophisches Hauptwerk sind die beiden Essaybände Zur Kritik der Weiblichkeit (1907) und Geschlecht und Kultur (1923). Ihre Analysen zur Geschlechterproblematik weisen sie als Vordenkerin der modernen Frauenbewegung aus, deren Thesen zur Geschlechterdifferenz bis heute aktuell sind. Dabei übt sie Kritik an den gängigen Definitionen von Männlichkeit und Weiblichkeit und weist die traditionellen Zuschreibungen wie „Mann = Vernunft/Aktivität“, „Frau = Sinnlichkeit/Passivität“ als historisch gewachsene und damit veränderbare zurück. Die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit der Frauen ist für sie „das größte Ereignis der Kulturgeschichte hinsichtlich des weiblichen Geschlechtes“. (Geschlecht und Kultur, S. 100 f.) Denn dadurch werde die Frau erstmals vom Objektstatus befreit, zum Subjekt, zur Person erhoben. Aussagen über Mann oder Frau als quasi „metaphysisches Realwesen“ lehnt sie ab, weil sie „durch die generalisierende Formulierung Anspruch auf objektive Gültigkeit erheben“. (Ebd.) Wie wenig haltbar und oft widersprüchlich solche Aussagen in der Praxis waren, zeigt sie anhand ausgewählter Beispiele zeittypischer frauenfeindlicher Äußerungen. In diesem Zusammenhang steht auch ihre Kritik an Otto Weiningers frauenfeindlichem Buch Geschlecht und Charakter (1903), einem Bestseller der damaligen Zeit. Sie führt seine Argumentation ad absurdum, indem sie sie zu Ende denkt. Weininger behauptete u.a., dass „auch der tiefststehende Mann noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe steht“, da nur der Mann eine beseelte Monade sei, die Frau jedoch seelenlos. Darauf antwortet Mayreder: „Indem Weininger selbst dem männlichsten Weibe … die Seele abspricht, sie dem weiblichsten Mann aber zuspricht, bindet er die Seele an das primärste Geschlechtsabzeichen und erhebt wider Willen den Phallus zum Träger der Seele.“ (Kanon der schönen Weiblichkeit, S. 32 f.)

Sehr differenziert analysiert sie die Frage nach der Gleichheit der Geschlechter. In Mutterschaft und Kultur (1905) bestimmt sie Gleichheit als absoluten Maßstab, der allerdings nur bei sachlichen Entscheidungen, z. B. zwischen zwei Bewerbern unterschiedlichen Geschlechts auf eine Arbeitsstelle, anwendbar sei. Subjektiv stehe dagegen allen Leistungen von Frauen ein höheres Maß an Anerkennung zu, weil sie nicht zu trennen seien von den „viel größeren Hindernissen“, die sie in aller Regel zu überwinden haben, z. B. durch die Mutterschaft. Gerade dies zeige deutlich, dass unsere gesamte Kultur „Männerwerk“ ist: „vom Manne für die Zwecke des Mannes geschaffen, und so unangemessen dem Weibe als selbständigem Individuum, wie dies bei der Vorherrschaft einseitiger Interessen nur sein kann.“ (Zur Kritik der Weiblichkeit, S. 73) So sei bis heute eine Verbindung von Mutterschaft und kreativer geistiger Arbeit zwar prinzipiell möglich, aber nur unter schwierigsten Bedingungen zu verwirklichen. In dieser Hinsicht Veränderungen von den Männern zu erwarten, sei „unbillig“, weil es die „natürlichen Grenzen der durchschnittlichen Männlichkeit“ überschreite. (Ebd., S. 72). Die Aufgabe, den Frauen den ihnen gebührenden Platz in der Gesellschaft zu verschaffen, muss von diesen selbst bewältigt werden.

„Der ‚ganze‘ Mann ist nur ein halber Mensch.“
(Gaben des Erlebens, S. 37)

In dem Essay Von der Männlichkeit (1907) beschäftigt sich Mayreder mit der männlichen Geschlechtsrolle vor dem Hintergrund, dass eine Veränderung der Stellung der Frau unweigerlich auch zu einer neuen Anpassung beider Geschlechter aneinander führen müsse. Sie kritisiert, dass sich die meisten Männern mit ihrem „naiven Geschlechtsdünkel“ der Erkenntnis dieser Aufgabe verschließen und an den überkommenen Maßstäben der Männlichkeit festhielten, die sie in der Kindheit erlernt haben, ohne sie an den neuen Erfordernissen des Lebens zu überprüfen. (Zur Kritk der Weiblichkeit, S. 103) Damit beschreibt sie eine gesellschaftliche Anforderung an Männer, die diese auch 100 Jahre später noch immer vor Probleme stellt. In dem Essaband Geschlecht und Kultur (1923) anlysiert sie bereits die Krise der Väterlichkeit und übt radikale Kritik an den Grundfesten des Patriarchats. Dabei knüpft sie an die englische Tradition von Mary Wollstonecraft, John Stuart und Harriet Taylor Mill an: Sie vergleicht Machtverhältnisse in politischen Systemen und Institutionen, durch die scheinbar private Beziehungen wie die Ehe reglementiert werden. Und sie zieht eine Parallele zwischen Sklaverei und Absolutismus auf der einen Seite und zwischen Unterdrückung von Frauen und Kindern durch die Diktatur eines autoritäten Familienoberhauptes auf der anderen Seite.

Sehr früh argumentierte sie (gegen die Wiener Moderne), dass Sprache sehr wohl ein Geschlecht habe und dass das Verhältnis von Frauen zur männlichen Semantik ein anderes sein müsse als das von Männern. So versucht die Protagonistin Gisa in Mayreders Roman Idole (1899) eine Alternative zur herrschenden Semantik zu erfinden.

Im Gegensatz zu vielen ihrer Zeitgenossen argumentiert Mayreder, dass kulturelle Normen und nicht nur die Natur die (Macht-)Verhältnisse zwischen den Geschlechtern bestimmen. Kaum eine andere Feministin hat um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert so radikale Fragen zum Geschlechter- und Machtverhältnis gestellt wie sie. Viele ihrer Themen sind heute aktueller denn je – die Krise der Väterlichkeit, ihre Sprachkritik und die Frage nach den Machtverhältnissen. Umso erstaunlicher ist es also, dass Rosa Mayreder, insbesondere als Philosophin, kaum rezipiert wird und ihr Hauptwerk, die beiden Essaybände zur Geschlechterfrage, im neuen Jahrtausend nicht wieder neu aufgelegt werden. Gilt es doch eine Vordenkerin des Feminismus wieder zu entdecken, die einen Vergleich mit Simone de Beauvoir nicht zu scheuen braucht.

Autorin: Marit Rullmann
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 25.05.2009

Weiterdenken