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Erleuchtung trifft Auferstehung

Von Antje Schrupp

Ursula Baatz analysiert die Beziehungen zwischen Christentum und Zen-Buddhismus

ErleuchtungDie Frage, wie unterschiedliche religiöse Traditionen sich zueinander verhalten, ist einerseits alt, andererseits erfährt sie jedoch in mobilen und globalisierten Zeiten eine deutliche Zuspitzung. Während derzeit die Beziehungen zwischen Christentum und Islam weitgehend als konfliktreich thematisiert werden, scheint vielen Menschen eine Verbindung von Christentum und Buddhismus eher möglich und sogar attraktiv.

Anders als üblich schildert Ursula Baatz die Geschichte dieser Beziehung nicht als philosophisch-dogmatische Abhandlung (also unter der Fragestellung: Wo sind Christentum und Buddhismus miteinander vereinbar und wo nicht?), sondern tatsächlich als Beziehungsgeschichte: Welche Berührungspunkte gab es historisch und in neuerer Zeit, welche Entwicklungen lassen sich nachzeichnen und wie sind sie in die jeweiligen politischen und sozialen Gegebenheiten eingebettet? „Das Eigene mit dem Fremden in Verbindung zu bringen relativiert zunächst das, was bisher Sicherheit gab. Dann aber ist Kreativität gefordert, um das Neue, aber auch das Alte wertschätzend wahrzunehmen“ schreibt sie in der Einleitung.

In einem ersten Teil wird die schon sehr alte Geschichte gegenseitiger Begegnung von christlichen und buddhistischen Traditionen nachgezeichnet – und dass sie so alt sind, hat mich überrascht. Deutlich wird dabei zum Beispiel, wie stark viele heutige Ansichten über den Buddhismus von Ideen gespeist werden, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammen, als die westliche Rezeption dieser östlichen Sehnsuchtsreligion zwar von großer Faszination, aber von wenig belastbarem Wissen und eigenen Erfahrungen geprägt war.

Der aktuelle Teil beschäftigt sich vor allem mit dem Wirken und dem Einfluss des Jesuiten Hugo M. Enomiya-Lassalle, der seit den 1940er Jahren in engem Kontakt mit japanischen Zen-Meistern stand und 1978 als erster Christ von dem Zen-Meister Yamada Koun Roshi in Kamakura die Lehrerlaubnis für Zen bekam. Durch seine Vermittlung gingen seit den 1980er Jahre viele deutsche Theologinnen und Theologen nach Japan, um dort Zen zu üben, darunter viele einschlägig bekannte Namen wir Willigis Jäger, Gundula Meyer, Niklaus Brantschen und andere. Sie haben seither die Zen-Übung als Teil christlicher Spiritualität in Deutschland bekannt gemacht und etabliert.

Doch wie sie im Einzelnen ihre Praxis, Christentum und Zen zu verbinden, begründen und theoretisch erläutern, ist höchst unterschiedlich. Ursula Baatz, die selbst eine Schülerin von Enomiya-Lassalle war, zeichnet diese Diskussionen sehr sachkundig und kritisch nach, ebenso wie die Debatten innerhalb der offiziellen katholischen Kirche, die sie begleiteten.

Am Anfang stand danach auf beiden Seiten ein „inklusivistischer Anspruch auf die absolute Wahrheit“: Sowohl Hugo Lassalle als auch Yamada Koun Roshi gingen letztlich davon aus, dass die jeweils andere Religion „eigentlich“ dasselbe sagt, wie die eigene – deshalb konnten sie die jeweils andere Tradition gelten lassen. Auch bei den heutigen Nachfolgern und Nachfolgerinnen Lassalles bleiben Tendenzen stark, die Widersprüche zwischen Christentum und Buddhismus letztlich aufzulösen, indem sie beide als parallele Wege hin zu einer „Einheit“ oder „letzten Wahrheit“ gesehen werden, vor der die konkreten Unterschiede letztlich belanglos erscheinen.

Allerdings haben solche Vorstellungen immer die Tendenz, sich das Fremde letztlich einzuverleiben und im Sinne eigener Ansichten zurecht zu interpretieren. Eine Alternative dazu sieht Ursula Baatz darin, die Begegnung von Christentum und Buddhismus nicht als „Vereinigung“ spiritueller Wege zu verstehen, die letztlich auf dasselbe hinauslaufen, sondern als Begegnung und Beziehung, bei der sich beides gegenseitig befruchtet und jedes sich damit auch verändert, ohne aber „eins“ zu werden. „Religiöse Zweisprachigkeit“ nennt sie das im Rückgriff auf Denkschulen, die unter anderem durch die Begegnung von Zen und Christentum im interkulturellen Kontext entstanden sind. Dann lässt sich nicht mehr von „christlichem Zen“ sprechen, wohl aber davon, dass ein Christ oder eine Christin Zen praktiziert und damit zusätzliche Erfahrungen in einer anderen religiösen Praxis sammelt.

Das Buch ist höchst empfehlenswert für alle, die sich für den Buddhismus und speziell für Zen interessieren. Es bietet eine intelligente und gut recherchierte Übersicht über die verschiedenen Denkschulen, die sich auf diesem Markt als Leitmodelle anbieten, gibt aber gleichzeitig auch grundsätzliche Anregungen im Hinblick auf die Möglichkeiten, wie verschiedene Religionen und Weltanschauungen sich gegenseitig befruchten können.

Ursula Baatz: Erleuchtung trifft Auferstehung. Zen-Buddhismus und Christentum – eine Orientierung. Theseus, Stuttgart 2009, 19,95 Euro

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 07.06.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Veränderung-gefangen sein

    Erleuchtung und Auferstehung gehen eine Wechselwirkung ein und man verlässt sie wenn die Intention überfüllt ist.
    Eben durch Umstände zu gross wird.
    Die Entscheidung aus dem „System“ herauszutreten, ist ein Vorgang,den wenige „noch“ verstehen,und leider viele gefangen halten.Deshalb können sie keine Veränderungen in die Wege leiten. Wenn es gelingt, das heisst:Damit auch neue geografische Veränderungen vorangetrieben werden können,entsteht während diesem Vorgang und mit der neuen, ausgewählten Sesshaftigkeit eine Art von Auferstehung,Einfachheit, Qualität. Unter Umständen ist das eine Wurzel, zurück zur eigenen Natur und zur „wahren“ Identität und deren Vielfalt bis zum Tod.

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