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Rubrik erinnern

Agnes Heller (geb. 1929)

Von Marit Rullmann

Philosophin und Zeitzeugin

Agnes Heller (geb. 1929)

Die Philosophin Agnes Heller 2007 bei einem Vortrag in Bremen. Foto: Angelika Behnk

Schon ihr Vater, ein Budapester Rechtsanwalt, war überzeugt, dass der Platz für seine Tochter Agnes nicht der Haushalt sei. Sie sollte Philosophin oder Komponistin werden, und zwar weil es das „Absurdeste für ein Mädchen ist, und ich möchte, dass du das Absurdeste wirst“ (z. n. Agnes Heller, fembio.org). Agnes Heller ist Philosophin geworden – vor allem weil sie selbst es wollte – und zwar eine der bedeutendsten des 20. Jahrhunderts. 2009 hat sie im Mai ihren 80. Geburtstag gefeiert.

Die ungarische Philosophin war Schülerin und später Assistentin des Philosophen Georg Lukács und Mitglied seiner Budapester Philosophenschule. Als verfolgte Jüdin wurde Heller nach 1945 überzeugte Zionistin, Marxistin und Kommunistin. Der historische Optimismus und der Erlösungsgedanke dieser Weltanschauungen hatten für sie eine große Bedeutung: Viele ihrer Familienmitglieder waren im KZ verschwunden oder gestorben – sie selbst mehrfach vom Tode bedroht.

Im kommunistischen Ungarn kam Heller bald in Konflikt mit der Partei – sie verlor ihre Universitätsstelle, unterrichtete in einem Mädchengymnasium, erhielt Publikationsverbot. Später musste sie emigrieren – zuerst nach Australien später in die USA. 1984 erhielt sie die bedeutende Hannah-Arendt-Professur an der New Yorker New School-of-Social-Research. Sie hat sich abgewandt von allen -ismen und eine eigenständige Philosophie entwickelt, in der moralphilosophische Fragen im Zentrum stehen. Sie wandte sich dem Alltagsleben der Menschen zu und versucht menschliche Bedürfnisse, insbesondere die Gefühle, ins Philosophieren zu integrieren.

Alltag – Freiheit – Gefühle

Kann es einen geglückten, erfüllten Alltag geben? Glaubt man dem Volksmund – nein. Das Alltagsleben wird häufig als monoton und „grau“ beschrieben. Das wahre Leben spielt sich woanders ab: an Festtagen und im Urlaub, wenn wir befreit von Sorgen und Pflichten wirklich „Mensch“ sein können. Dem Alltagsleben als einem selbständigen Bereich ist in der philosophischen Tradition der letzten 2500 Jahre kaum Aufmerksamkeit bezeugt worden. Insbesondere Martin Heidegger diffamierte es als durchschnittlich, bodenlos und nichtig, kurz „uneigentlich“. Erst spät entdeckten Philosophinnen den Alltag als eigenständigen Bereich der Philosophie: Pionierin war Agnes Heller mit ihrem BuchVom Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der individuellen Reproduktion(1978). Darin beschreibt sie das Alltagsleben als Gesamtheit der Tätigkeiten, die Individuen zu ihrer Reproduktion benötigen. Nur auf dieser Grundlage ist gesellschaftliche Produktion überhaupt möglich. Denn: Was in der Wissenschaft nur Meinung ist, kann im Alltag mit Recht als Wissen gelten, weil es Maßstab unseres Handelns ist. Für Heller ist Denken die Vorbereitung alltäglicher Handlungen.

Jede/r ist an die Routine des Alltags, an pragmatische, repetitive und situationsorientierte Verhaltensschemata gebunden. Der Mensch bewegt sich notwendig in vorgefundenen Objektivationen „an sich“: Produktionstechniken, Sprache, Bürokratie, Verhaltensnormen.

Aber: Alltag ist immer auch die Vorschule des Nichtalltäglichen, wie sich am Beispiel Mai ’68 verdeutlicht. Der Alltag vermittelt Werte und Bedürfnisse; die die partikulare Existenz übersteigen. Hellers These ist: Dem Einzelnen gelingt es, zum Individuum zu werden, wenn er die Zufälligkeiten seiner Partikularität und die Allgemeinheit der „conditio humana“ in sich synthetisiert. Wenn er sich die conditio humana zum bewussten Ziel setzt.

Wir können die Sphäre der Alltäglichkeit und ihrer Objektivationen „an sich“ nicht überspringen, aber sie derart umgestalten, dass sie „für uns“ wird. So dass wir z.B. Kunst, Kultur, Philosophie, Wissenschaft, Politik und Moral selbst mitgestalten.

In diesem Sinne besteht für den einzelnen Menschen aufgrund seiner Geschichtlichkeit die Möglichkeit, sich in Arbeit, Gesellschaft, Bewusstsein und Freiheit praktisch einzubringen und mit anderen ein sinnvolles Leben zu führen. Erstaunlicherweise hat Heller das Buch (Theorie der Bedürfnisse, dt. 1976)vor den Ereignissen im Mai 1968 verfasst. Darin bezieht sie sich auf Karl Marx – aber konträr zu ihm ist für sie nicht die Produktion am wichtigsten, sondern die Reproduktion.

Für Heller besteht die Erlösung in einer Revolutionierung des Alltagslebens, es ist eine reale Utopie, die Umsetzung erfolgt nicht irgendwann. So war für sie der Mai ’68 eine Bestätigung ihrer Thesen, sie war geradezu enthusiastisch:

„Der zweite Teil des Alltagslebens nahm im französischen Mai Gestalt an. Neu, aufregend – die komm. Partei wurde ausgelacht, Arbeiter solidarisierten sich mit Studenten und nicht mit der Partei. Wen interessierte die Regierung? Die Menschen interessierte, ob sie mit Hilfe der zivilen Institutionen ihr Schicksal selbst gestalten konnten – die Möglichkeit zum Handeln haben – das Leben in die eigene Hand nehmen können. Der Mai ’68 ist daher auch keine Niederlage gewesen, er hatte spürbare Wirkungen im Alltagsleben bis heute hinterlassen.

Der Freiheitsbegriff von Agnes Heller unterlag einem großen Wandlungsbegriff. Vertrat sie im Umkreis der revolutionären Ideen der 68er-Jahre und der Budapester Schule noch die These von Freiheit, die auf Homogenisierung von Individuen setzt – mit der Gefahr dass dadurch eine Verkehrung von Freiheit ins Fundamentalistische oder gar Totalitäre stattfinden könnte -, so erfolgte aus der Erkenntnis dieser Gefahr in späteren Jahren ein radikale Umkehr: Heller entwarf in den 90er-Jahren eine neue Form der existentiellen Freiheit auf der Basis eines radikalen Kontingenzbewussseins. Im Zentrum stand nun die Selbstbestimmung und Selbstgestaltung des Individuums durch die bewusste Wahl. Dabei hat sie viel von ihren Aufenthalten in Amerika und Australien gelernt, wo die Philosophin, die heute nach ihrer Emeritierung zwischen Budapest und New York pendelt, lange gelebt hat. Hier hat sie erfahren, dass ein rein abstrakter Freiheitsbegriff für die Sphäre des Politischen nicht ausreichend ist. „In der politischen Sprache taugt der Freiheitsbegriff nur, wo er als die Institution der Freiheit verstanden wird“. (In einem Interview des Freitag, 29.06.2001) Dabei bezieht sie sich auf Hannah Arendt, für die ebenfalls klar war, dass befreien an sich noch keine Freiheit darstellt, man muss auch die Institutionen der Freiheit konstituieren, die diese durchsetzen und garantieren.

„Der Satz ‚Alle Menschen sind frei geboren’ sagt für sich überhaupt nichts. Aber wenn ich sage: Wir halten es für selbstverständlich, dass alle Menschen frei geboren sind, ist das etwas, was man Verantwortlichkeit nennen kann. Wir sind für den Satz verantwortlich. Wenn wir eine Deklaration wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnen, in der steht, dass alle Menschen frei geboren sind, dann sind wir verpflichtet, alle Menschen so zu behandeln, als ob sie frei geboren wären. Dies ist eine moralische und juristische Obligation, eine Pflicht. Freiheit in diesem Sinne – das ist es, was ich in Amerika gelernt habe“, erklärt sie weiter. (Ebd.)

Neuere Forschungsarbeiten von Neurobiologen zeigen, dass Empfindungen und Gefühle die Grundlage für die Ausbildung des menschlichen Bewusstseins sind. Mit Hilfe von Emotionen bewertet der Mensch seine Wahrnehmungen, bringt Ordnung ins Chaos der ihn umgebenden Welt. Mit der zentralen Funktion der Gefühle für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Sinneseindrücken im Bewusstsein hat sich Agnes Heller bereits 1981 in ihrer Theorie der Gefühle auseinander gesetzt. Sie ist der Überzeugung, dass Verstand und Empfindung einander bedingen. An der Bedeutung der Gefühle für die Entwicklung moralischer Werte hegt sie keinen Zweifel:

„Es gibt kein Erkennen ohne Gefühl, keine Handlung ohne Gefühl, keine Wahrnehmung ohne Gefühl, keine Erinnerung ohne Gefühl …“ (S. 159).

Sie unterscheidet dabei zwischen triebgesteuerten Affekten (Sexualität, Hunger, Durst), den Orientierungsgefühlen (z.B. Geschmacksempfindungen oder ästhetische Urteile) und höheren Emotionen. Wirkliche Gefühlstiefe ist ihrer Analyse zufolge untrennbar mit Personen oder geistig-kulturellen Werten verknüpft. Dazu gehören Freundschaft, Liebe und Hass, Trauer und Freude, aber auch Neid und Angst. Hellers entscheidende Argumentation beruht auf der These, dass alle Gefühle und Wertungen verknüpft sind mit Handlungen und Kognition. Dies bedeutet, Vernunft und Emotion stehen zueinander in einem Wechselverhältnis. Und daher ist für sie die menschliche Fähigkeit, moralisch zu urteilen, untrennbar verbunden mit der „doppelten Selbstreflexion“ („double-qualitiy self reflection“). Erst durch die neuerliche selbstkritische Auseinandersetzung mit den eigenen – bereits auf Wertungen beruhenden – Handlungen und Gefühlen entwickelt sich das von ihr als „moralisches Gefühl“ bezeichnete Gewissen. Es repräsentiert für sie die höchste Wertkategorie, der im Zweifel alle anderen unterzuordnen sind.

Den weit verbreiteten Glauben, gefühlsbetonte Menschen seien besonders anfällig für Demagogie und Fanatismus, entlarvt sie als grundsätzlichen Irrtum. Im Gegenteil. Gerade die gefühlsunterdrückenden Verstandesmenschen erlägen der Verführung. Sie seien besonders leicht zu überzeugen, da ihre verdrängten Ängste und Bedürfnisse angesprochen würden. Ein emotional reifer Mensch, der selbstreflexiv mit sich und seinen Gefühlen umgeht, könne unterscheiden zwischen den bloß partikulären und damit „egoistischen“ Gefühlen und jenen, die mit Solidarität, Freiheit und der Wahrung sozialer und kultureller Werte vereinbar sind.

Abschließend empfehlen möchte ich noch ihre Lebensgeschichte „Der Affe auf dem Fahrrad“, die 1999 auf Deutsch erschienen ist.

Autorin: Marit Rullmann
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 16.07.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Das Alltägliche

    „Dem Alltagsleben als einem selbständigen Bereich ist in der philosophischen Tradition der letzten 2500 Jahre kaum Aufmerksamkeit bezeugt worden…“ – steht da ziemlich zu Beginn. Was, frage ich nun, verbirgt sich hinter Simone Weils Buchtitel „Aufmerksamkeit für das Alltägliche“?

  • Marit Rullmann sagt:

    Mystische Erfahrungen im Alltäglichen bei S. Weil

    Vielen Dank für den Hinweis auf Simone Weil, eine der interessantesten Mystikerinnen. Ihr Thema ist aber ein anderes: Es geht um Aufmerksamkeit für das Alltägliche als Glaubensweg. Ihr Ziel ist eine Befähigung zur Aufmerksamkeit als Grundvoraussetzung für ein Leben in der Gegenwart. Eine Aufmerksamkeit, bei der das „Ich“ verschwindet um Platz für Gott, den Dialog mit dem „Göttlichen“ zu machen. Und in diesem Sinne ist es kein Philosophieren über den Alltag wie bei Heller.

  • Heinz Kluss sagt:

    Danke, verehrte Frau Rullmann – das hat mich veranlasst, heute nacht im DLF drei Stunden Agnes Heller mit Gewinn und Vergnügen zuzuhören. Schönen Sonntag – H. K.

  • Marlene sagt:

    Theorie der Gefühle und Theorie der Bedürfnisse: Weiß jemand, wie sich die Theorien von Agnes Heller zu den Theorien zu Gefühlen und Bedürfnissen von Manfred Max-Neef und/oder Marshall Rosenberg verhalten?

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