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„Ein Meilenstein der Geschlechterforschung“

Von Marit Rullmann

Marit Rullmann stellt die Forschungsergebnisse der Entwicklungspsychologin und Journalistin Susan Pinker vor

206"Ein Meilenstein der Geschlechterforschung"Das Buch der kanadischen Entwicklungspsychologin und Journalistin Susan Pinker rührt an den Grundfesten der Gendertheorie. Warum, so fragt sie, sind es die schwierigen Jungs, die später eine beeindruckende Karriere machen? Und warum gelangen die vielversprechenden Mädchen nur selten auf den Chefsessel? Die Forscherin begab sich auf die Suche, studierte zahlreiche empirische Studien, führte Gespräche mit ehemaligen schwierigen Jungs aus ihrer eigenen Praxis, studierte Berufsbiografien zahlreicher Frauen und interviewte einige, die gerade ihre Karriere freiwillig beendet hatten. Susan Pinker kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Männer und Frauen wollen im Leben nicht das Gleiche – nicht im Leben und auch nicht am Arbeitsplatz. Der wahre Unterschied zwischen den Geschlechtern ist weit größer und interessanter als gedacht.

Einige Beispiele: Eine Maschinenbauingenieurin und eine der Besten ihres Jahrgangs im Studium arbeitete als Petroingenieurin, verdiente viel Geld und kündigt nach 20 Jahren. Nicht etwa weil sie sich diskriminiert fühlt, sondern weil sie als Fitnesstrainerin mehr Macht über ihre Zeit hat. Eine Wirtschaftsingenieurin schmeißt ihre Stelle hin, weil sie etwas Sinnvolles tun möchte: Sie wird Sozialarbeiterin. Eine Geografin nimmt erst ein Jahr Auszeit von der Universität, dann geht sie ganz – in eine Grundschule. Sie stand als Forscherin zu sehr unter Druck.

Insbesondere Naturwissenschaftlerinnen geben zweimal häufiger als Männer gutdotierte Jobs wieder auf oder arbeiten weniger Wochenstunden – auch wenn sie keine Kinder haben.

Ein auffallender Unterschied ist, dass Frauen – im Durchschnitt – die sozialen Aspekte ihrer Berufstätigkeit wichtiger finden als Männer. Diese wiederum legen mehr Wert auf gute Bezahlung, Erfolg und Aufstiegsmöglichkeiten. Juristinnen wollen Gerechtigkeit bewirken, Juristen erfolgreich sein. Diese These belegt Pinker anhand von mindestens 10 Studien. Die sogenannte intrinsische Motivation, das persönliche Interesse an der Arbeit, der humanitäre Anspruch etc., ist für die meisten Frauen viel wichtiger als die extrinsische, wie Gehalt und Beförderungen.

Mit ihrer Studie entfachte die Kanadierin eine heftige Diskussion in den USA, Kanada und Großbritannien. Das Buch wurde in 12 Sprachen übersetzt, die deutsche Übersetzung ist seit Oktober 2008 im Handel. Erstaunlicherweise gab es in Deutschland bislang noch keinen Aufschrei. Wahrscheinlich, weil das Buch kaum zur Kenntnis genommen wurde, dabei rührt es an den Grundfesten der Gendertheorie: Schien es doch wissenschaftlich klar zu sein, dass nicht nur das soziale Geschlecht (gender), sondern auch das biologische Geschlecht (sex) sozial konstruiert ist. Unterschiedliches Verhalten von Männern und Frauen sei ausschließlich kulturell bedingt und damit angleichbar.

Das schwache Geschlecht hat ein Schulproblem – aber nicht erst seit gestern

Welche Unterschiede gibt es denn nun zwischen Jungen und Mädchen bezogen auf ihre Bildung? Aktuell diskutiert wird die sogenannte Feminisierung der Bildung, die verantwortlich sein soll für die schlechteren Schulabschlüsse der Jungen. Die internationale Grundschul-Leseuntersuchung (IGLU) wies nach, dass die sprachlichen Leistungen der Mädchen besser, ihre mathematischen aber im Vergleich zu denen der Jungen schlechter sind. Aber, diejenigen Jungen, die gerne lesen, können Texte nicht schlechter verstehen als Mädchen. Altbekannt ist der leichte Vorsprung der Mädchen bereits vor Schulbeginn, sie sind früher schulreif und bleiben seltener sitzen. Bezogen auf ihre emotionale Reife sind sie den Jungen sogar ein ganzes Jahr voraus. Und diese hat bekanntlich viel mit dem Lernerfolg zu tun. Immer wieder wird die schlechte Schulleistung der Jungen auch zurückgeführt auf genetische Einflüsse, die komplizierte Embryonalentwicklung ebenso wie die unterschiedliche Hormonentwicklung. Und tatsächlich sind es, so Susan Pinker, immer schon die Jungen gewesen, die die Wartezimmer der Psychologen bevölkern (60 Prozent), die als Kleinkinder größere gesundheitliche Probleme haben und häufiger im Kindesalter sterben – die also das schwache Geschlecht sind … Die Jungen sind biologische Spätentwickler und anfälliger, u.a. weil bei ihnen nicht alle Chromosomen (XY) doppelt vorhanden sind. Es sind die Jungen, die bei Intelligenztests die größere Bandbreite zeigen: „mehr männliche Genies und mehr männliche Idioten“, wie es der Politikwissenschaftler James Wilson auf den Punkt bringt (z.n. Pinker, S. 41). Mit der traditionellen Männlichkeitsrolle verknüpft ist zudem eine ausgeprägte Überlegenheitsfantasie, die mit ihrer faktischen Unterlegenheit in der Schule als Lernende häufig kollidiert. Dies bringt leistungsschwache Schüler dazu, sich gegen schulische Autoritäten aufzulehnen und Lehrerinnen und Mitschülerinnen chauvinistisch auszugrenzen. Ihre eigenen Lernschwierigkeiten können sie sich kaum eingestehen und bitten daher auch nicht um Hilfe. Solche Verhaltensweisen sind Resultat einer betont männlichen Sozialisation ohne kritische Rollenreflektion und führen dazu, dass Jungen weniger Schulabschlüsse erreichen und häufiger die Förderschulen besuchen. Pinker: „Die Leistungen der Männer sind also nicht wirklich in den Keller gefallen. Es ist eher so, dass sich die Bildungschancen für Frauen in bemerkenswert kurzer Zeit erheblich erweitert haben – eine der wichtigsten Errungenschaften des Feminismus – und dass die Veränderungsrate bei den Männern damit einfach nicht Schritt gehalten haben.“ (S. 43) Aber ein Problem erkennen ist ja der erste Schritt zur Veränderung.

Eines der größten gesellschaftlichen Experimente ist die Kibbuz-Bewegung, erstmals 1975 dokumentiert von den Anthropologen Lionel Tiger und Joseph Shepher. Sie untersuchten das Leben von 34000 Menschen, die ihr ganzes Leben im Kibbuz verbracht hatten. Die Ideologie der Kibbuzim war ja in der Geschlechterfrage eine Vorwegnahme der 2. Frauenbewegung. Jungen und Mädchen wurden gemeinschaftlich und gleich erzogen von ausgebildeten Kräften; von Männern und Frauen wurde erwartet, dass sie jede Arbeit verrichteten, die man ihnen zuwies. Das Essen der Kinder wurde in Gemeinschaftsküchen zubereitet und die Wäsche in Großwäschereien gewaschen. Nachdem vier Generationen alles versucht hatten, um geschlechtsneutrale Familien- und Arbeitsrollen zu erzwingen, war das Ergebnis überraschend: 70 bis 80 Prozent der Frauen übten Tätigkeiten aus, die mit Menschen zu tun haben (Kinderbetreuung und Schule), die Mehrzahl der Männer zog es vor, auf dem Feld zu arbeiten, als Handwerker oder auf dem Bau. Je länger die Menschen im Kibbuz lebten, desto ausgeprägter wurde die Arbeitsteilung. Keine der Frauen aus dem Kibbuz wollte auf dem Bau und nur 16 Prozent der Männer mit Vorschulkindern arbeiten. (S. 133f.) Für die Forscher war dies eine völlig unvorhergesehene Entwicklung: „Die statistischen Profile, die wir erstellten, zeigten wider Erwarten, dass Männer und Frauen fast in zwei getrennten Gemeinschaften zu leben schienen und sich nur in den Unterkünften trafen … Genauso unvorbereitet traf uns die Entdeckung, das bei Männern und Frauen die starke, allgemeine und kumulative Tendenz besteht, sich nicht weniger, sondern immer mehr in dem zu unterscheiden, was sie tun und ganz offensichtlich gern tun wollen.“ (Tiger/Shepher, z.n. Pinker, S. 133f.)

Vom Einfluss der Hormone oder warum Adrenalin bei Männern und Frauen anders wirkt

Männer bevorzugen systemorientiertes Wissen, haben eher eng begrenzte Interessen, die sie aber oft ein Leben lang sehr intensiv verfolgen. Eher ablehnend verhalten sie sich gegenüber einem ganzheitlich menschenorientiertem und sprachlich verknüpftem Weltbild. Warum ist das so? In den Testikelhormonen und im sogenannten T-Schlüssel liegt die Antwort, so Susan Pinker, und sie zitiert den englischen Geschlechterforscher Simon Baron-Cohen aus einem langen Gespräch. Eines seiner Arbeitsergebnisse beschreibt, „wie sich bereits pränatal das Testosteron auf die neuronalen Netzwerke auswirkt, die den sozialen Fähigkeiten zugrunde liegen.“ (S. 197f.) Insbesondere die männlichen Hormone sorgen schon sehr früh in der pränatalen Entwicklung für die männlichen Charaktereigenschaften – sie vermännlichen das Gehirn irreversibel. Zu diesem Ergebnis gelangte auch die kanadische Neurowissenschaftlerin Doreen Kimura, die auch im Ruhestand noch immer zu diesem Thema forscht, obwohl sie es „tatsächlich leid sei, über Geschlechterunterschiede zu schreiben.“ Vier Jahrzehnte hat sie damit zugebracht, Geschlechterunterschiede bei diversen Fähigkeiten vom Zuhören bis Ballspielen zu dokumentieren. Es ist ihr ein Rätsel, „wie irgendein seriöser Wissenschaftler die biologischen Ursachen von Geschlechterunterscheiden bestreiten konnte.“ (z.n Pinker, S. 198) Mit den Hormonen fängt alles an, erklärte sie Pinker in einem Gespräch. Bereits beim fünf Monate altem Säugling und erneut während der Pubertät sorgt die Ausschüttung männlicher Hormone dafür, dass die Entwicklung räumlicher Fähigkeiten bei den Jungen stark zunimmt (treffsicher werfen, navigieren). Mädchen sind im Durchschnitt besser beim Rechnen, haben ein besseres Sprachgedächtnis und eine größere Sprachflüssigkeit. Sie können sich leichter an einzelnen Orientierungspunkten erinnern. (Für mich ist hier immer das anschaulichste Beispiel, wie unterschiedlich Männer und Frauen ein- und denselben Weg erklären … M.R.). Für Kimura ist klar, dass diese unterschiedlichen Stärken auch für eine unterschiedliche Berufswahl sorgen.

Konkurrenz und Aggression: ein „Männerding“?

Mädchen und Jungen konkurrieren – aber sehr unterschiedlich. Wenn Jungen die Wahl haben, verbringen sie 50 Prozent ihrer Spielzeit damit, offen zu wetteifern. Mädchen tun dies nur zu 1 Prozent. Sie ziehen Spiele vor, bei denen sie sich abwechseln können, eingebaute Pausen für Interaktionen inbegriffen. Dies macht deutlich, warum es Jungen und Mädchen vorziehen, in gleichgeschlechtlichen Gruppen zu spielen. (S. 263)

Fast alle Sozialwissenschaftlerinnen, Neurobiologen und Psychologinnen sind sich einig: Männer sind aggressiver, dies belegen eindrücklich die Gewaltstatistiken und die Insassen der Gefängnisse. Männliches Statusstreben und aggressive Verhaltensweisen gehören oft zusammen. Besonders aggressive und konkurrenzorientierte Männer bauen ihre biologischen Antriebskräfte und „Fähigkeiten“ weiter aus, indem sie entsprechende kulturelle Angebote wie gewalttätige Computerspiele (Egoshooter) nutzen. Eine neue Studie aus England, die Pinker offenbar noch nicht kannte, belegte 2006 erstmals, dass bereits das bloße Hantieren mit einer Waffe die Testosteronwerte signifikant steigen lässt. Im Wechselspiel mit diesen erhöhten Werten kann sich wiederum die Aggressivität erhöhen (Vgl. Manfred Spitzer: „Es sind die Hormone“, in: Nervenheilkunde 2006, 25: S. 865-867).

Susan Pinker hat eine Fülle weitere Beispiele recherchiert, inklusive der Erklärungen, was sich die Evolution wohl dabei gedacht hat … Abschließend möchte ich nur noch ein Beispiel zitieren: „Heute wissen wir, dass das Streben nach Rache und Bestrafung Männern mehr Vergnügen bereitet als Frauen und mit einem Anstieg des Adrenalin- und Testosteronspiegel im Rausch des Wettbewerbs in Verbindung steht. Der Adrenalinspiegel steigt in Konkurrenzsituationen, während er bei Frauen sinkt, wie die schwedische Psychologin Marianne Frankenhäuser in einer Studie feststellte“, so Pinker. (S. 271f.)

Nur wenn wir unsere hormonelle und neuronale Grundausstattung kennen, können geschlechtersensible Unterstützungen sinnvoll eingesetzt werden. Denn trotz aller Statistiken über messbare Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Dahinter stehen Individuen, und Statistiken dürfen nicht als Rechtfertigung für ungerechte Praktiken dienen. Im Gegenteil: Das Wissen über geschlechtsspezifische Unterschiede bei menschlichen Lern- und Entwicklungsprozessen sollte uns helfen, den Jungen und Mädchen bestmögliche Unterstützung zukommen zu lassen. Nochmal Susan Pinker:

„Die Würdigung weiblicher Präferenzen kann Mädchen dabei helfen, das Leben zu führen, das sie sich wünschen, und die Berufe zu wählen, die ihren Interessen entsprechen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern anzuerkennen ist die einzige Möglichkeit, die paradoxen Motive und Entscheidungen von Männern und Frauen zu verstehen – auch wenn sie das Gegenteil von dem zu sein scheinen, was wir erwarten.“ (S. 348)

Wer nun noch wissen möchte, warum der IQ bei Männern und Frauen gleich ist, nicht aber der EQ; warum Frauen in Stresssituationen andere Adrenalinwerte haben; was die Oxytozine mit Empathie zu tun haben und vieles mehr, der/die sollte dieses Buch lesen und mit möglichst vielen Menschen darüber diskutieren! Ich halte diese Studie für einen Meilenstein der Geschlechterforschung und wünsche Susan Pinker viele Leser und Leserinnen: Erzieher und Lehrerinnen, Psychologen und Forscherinnen – und Eltern.

Susan Pinker: Das Geschlechterparadox. Über begabte Mädchen, schwierige Jungs und den wahren Unterschied zwischen Männern und Frauen. 400 S., München 2008. 17,95 Euro

Autorin: Marit Rullmann
Redakteurin: Bettina Bremer
Eingestellt am: 06.07.2009

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Antje Schrupp sagt:

    Wieso immer die Biologie?

    Ich finde diese Forschungsergebnisse sehr interessant und politisch wichtig – habe mich aber darüber geärgert, dass am Ende doch wieder die Biologie als Begründung angeführt wird. Nicht, dass ich es für unmöglich halte, dass die Geschlechterdifferenz auch biologische Ursachen hat (ich halte es allerdings auch nicht für unmöglich, dass sie keine hat). Aber ich finde, durch diesen Hinweis wird die politische Brisanz herausgenommen. So als ob wir sagen würden: Weil die Frauen aufgrund ihrer Biologie ja gar nicht anders können, muss auf ihre Wünsche und Ansichten eingegangen und Rücksicht genommen werden. Das bedeutet aber: Ihr Wünschen und Wollen als solches reicht nicht zur Begründung nicht aus. Es wird da wieder eine externe Autorität angeführt, um das Handeln von Frauen quasi zu legitimieren. Ich finde, das schwächt die weibliche Autorität.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Interessanter

    ich schreibe (m)einen „Kommentar“, nachdem ich bisher nur den ersten Abschnitt gelesen habe mit der EndAussage: „Der wahre Unterschied zwischen den Geschlechtern ist weit größer und interessanter als gedacht.“ Denn den WortSinn des „interessanter“ möchte ich mir beim Weiterlesen nicht mehr nehmen lassen, gleich was noch kommen mag…

  • Undine sagt:

    Was will dieses Buch mir sagen?

    Ich finde, hier wird alter Wein in neuen Schläuchen serviert. Männer und Frauen wollen eben von Natur aus nicht dasselbe – und weil das so ist, braucht man ja gar nicht mehr zu fragen, warum das so ist. Warum legen Frauen mehr Wert auf die Auswirkungen ihrer Arbeit? Warum ist Männer alles egal, hauptsache sie kriegen Geld dafür?
    Männer und Frauen wachsen NICHT unter den gleichen Bedingungen auf – Hurra, und deshalb entwickeln sie sich auch unterschiedlich. Das wissen wir längst. Diese Binsenweisheit habe ich allerdings in diesem Artikel vermisst.

  • Marit Rullmann sagt:

    (Kein) Wein in alten Schläuchen?!

    Liebe Antje, liebe Frauen,

    danke, Antje, für deine Frage. Sie hat mir nochmal deutlich gemacht, dass ich einige Punkte deutlicher hätte formulieren müssen. Für mich ist es inzwischen klar, dass die Wirkung von Hormonen etwa nicht einfach „neuer Biologismus in alten Schläuchen“ ist. Schon deshalb nicht, weil die Ausschüttung von Hormonen auch psychologischen Bedingungen unterliegt (Vgl. Spitzer 2006). Wenn die Neurobiologie etwas zeigt, dann dass die Zusammenhänge und das Wechselspiel zwischen Genen, Hormonen u.a. biochemischen Stoffen, der Kultur u.a. Einflüssen sehr differenziert ist und nur in Ansätzen erforscht ist. Eine wie immer geartete Trennung von Körper, Geist und Emotionen ist daher unmöglich. Und das ist nun in der Tat alles andere als alter Wein in neuen Schläuchen bzw. Biologismus im alten Sinne.

  • Evelyn Rose sagt:

    Rückschluss auf Evolution?

    Das Buch von Susan Pinker habe ich nicht gelesen, bin aber neugierig auf ihre Erklärung, was sich die Evolution wohl dabei gedacht habe… Und frage mich gleichzeitig, ob sie wirklich genügend Studien zur Verfügung hat, um auf die Evolution zurückzuschließen.

    Gibt es vergleichbare Studien die in matriarchal lebenden Gemeinschaften durchgeführt wurden?

    Ist die folgende Aussage also wirklich als allgemeingültig anzusehen?:
    „Heute wissen wir, dass das Streben nach Rache und Bestrafung Männern mehr Vergnügen bereitet als Frauen und mit einem Anstieg des Adrenalin- und Testosteronspiegel im Rausch des Wettbewerbs in Verbindung steht.“

  • Marit Rullmann sagt:

    Ja, was hat sich die Evolution dabei gedacht …

    Zunächst: Könnte ich diese Frage beantworten, wären mir die nächsten drei Nobelpreise sicher. Aber im Ernst: Pinker hat mehrere hundert wissenschaftliche Studien aus den Bereichen Psychologie, Pädagogik, Ökonomie zu so unterschiedlichen Themen wie Autismus und ADHS, Berufs- und Studienwahl der letzten 30 Jahren, Krankheiten, Einkommensverhältnisse etc. ausgewertet. Sie selbst versteht sich als Feministin, die keineswegs neue Begründungen für alte Unterdrückungen liefern will. Wie viele andere ForscherInnen war sie zunächst entsetzt über ihre Ergebnisse – politisch unkorrekt – um noch das Mindeste zu sagen. So zitiert sie den Autismus-Forscher und Psychologen Baron-Cohen, der sich der Sprengkraft seiner Forschungen sehr bewusst ist: Die Vorstellung, dass ein paar Tropfen Testosteron unser Sozialverhalten beeinflussen können, verursache ihm eine Gänsehaut. Trotzdem ist für ihn klar, dass der männliche und weibliche Gehirntypus jeweils unteschiedliche Denkstile hervorbringt: Männer denken in Sytemen, Frauen erfassen die Welt mit Hilfe der Empathie. Was die Evolution sich dabei gedacht hat, kann man auch heute nur vermuten. Testosteron erhöht die Aggressivität, die Risikofreude und die Energie. Es macht anfälliger für fast jede chronische Krankheit. Testosteronschübe steigern bei Männern Kraft und Durchhaltevermögen und schwächen gleichzeitig die Immunabwehr. Wenn Frauen biologisch robuster und langlebiger sind, dann weil es für die Erhaltung der Art, sprich die Chancen des Nachwuchses zu überleben, besser ist. Männer können sich ungestraft fortpflanzen, für die Überlebenchancen des Nachwuchses ist es m.E. bis heute egal, wie alt der Vater wird. Ein Blick ins Tierreich zeigt: (Säugetier)männer hatten häufig eine harte Auswahl zu bestehen, bevor sie ihre Erbinformationen weitergeben konnten. Bei diesem harten Wettbewerb können Stärke, Risikobereitschaft und Schnelligkeit ausschlaggebend sein. Dafür scheint die Evolution Abstriche an der männlichen Lebenserwartung und Gesundheit in Kauf genommen zu haben. Inwieweit dieses männliche Verhalten heute in unseren Gesellschaften noch angebracht ist, wäre eine weitere Frage.(Vgl. Henning Engeln. „Das vergessene Geschlecht“. Männer in der Sinnkrise. in spiegel-online v. 13.4.09) Um es noch einmal zu betonen: Mir geht es nicht darum, menschliches Verhalten nur über Evolution zu erklären, wohl aber darum, „biologische Fakten“ im Zusammenhang mit Kultur zu denken.
    Wie funktioniert das Geschlechterparadox in matriarchalen Gesellschaften? Darauf hat Pinker keine Antwort, weil sie dazu keine Untersuchungen ausgewertet hat. Gibt es diese?
    Mit herzlichem Gruß
    Marit Rullmann

  • Ruth Lusschnat sagt:

    Vielfalt ist anders

    Ich finde es nicht gut, dass wieder eine Entweder- oder Argumentation mit Nachdruck geführt wird, selbst wenn mir einige der angeführten Daten, die hier allein biologistisch erklärt werden, nicht falsch vorkommen, so ist es nicht gut, so einseitig zu denken.

    Ich bin Feministin und Lesbe und das seit den Siebziegern, also habe ich auch eine Phase genossen, in der ich solche Argumente vertrat, um meine Präferenz für Frauen wieder zu erkennen, allerdings bin ich als Lesbe doch sehr erschrocken wegen heteronormativer Biologismen. Ich glaube dass die Funktionen und Wirkungen von Hormonen durch soziale Erwartungen und Muster gebahnt und in Praxisfunktion erhalten werden und es ähnlich wie mit Genen kein Entweder-Oder zwischen sozialen und biologischen Erklärungen gibt, sondern immer ein Sowohl-als-auch und insbesondere ein UND, daher wird nur eine Sicht und Praxen, die dieses UND
    öffnet, wirklich Veränderungen bringen. Ich bin im Übrigen überzeugt, dass nach unserer Generation die transbewegten Femistinnengenerationen deswegen mit allen Mitteln auch künstlichen Hormonen und OPs agieren, weil sie in die tief gebahnten kollektiven sozialen morphogenetischen Felder auf diese Art Raum für soziale Veränderbarkeit einführen, was anders nicht geht, weil:
    a) die Kriegsunterstützten konservative Roll Back Realität, zusammen mit
    b) gleichlaufenden heteronormativ-biologistischen wissenschaftlichen Argumentationen, wie der hier angeführten, das morphogenetische Feld wieder auf Enweder-Oder und Festlegung auf eine binäre biologistische Denkweise einschwören.

    SCHADE eigfentlich … ich fand es in meiner Jugend auch toll, mich als Frau besser fühlen zu können, als die armen Idioten-Männchen, aber
    ich glaube es ist vielmehr Zeit wirklich feministisch radikal zu ananlysieren, wie die Männerrolle als soziales Feld funktioniert und Männer zu Opfern des Patriarchates macht, weil sie das verdrängen und das zusammen mit biologistischen Wissenschaftlerinnen, bleibt als Ausweg immer nur die Frauen weiter zu schlagen um sich Männlichkeit zu beweisen, dann sind wieder alle zufrieden, aber ees ändert sich nie was. In den Siebzigern waren es die selben Zahlen: Frauen landen in der Psychiastrie, Männer im Knast. Heute aber weiß mensch auch: von den Männern im Knast sind auch 80 % mindestens psychisch krank. Die sind Opfer der sozialen Erwartungen zusammen mit den gleichlaufend funktionierenden Hormonen: es ist KEIN Entweder-Oder!

    Ruth Luschnat

  • natascha sagt:

    Neue Leistungsparameter

    Die biologisch bedingten Unterschiede in den Handlungsstrategien der Geschlechter zu negieren halte ich für zu einfach. Man braucht sich da nur im Tierreich mit einfacheren kulturellen Sozialisierungen umschauen. In diesem Sinne finde ich dieses Buch sehr spannend in seinen Darstellungen über die biologischen und biochemischen Funktionen und Zusammenhänge. Als entscheidender Punkt bleibt für mich am Ende stehen: Wie muss die Gesellschaft verändert werden, dass diese Unterschiede für keinen zu einer Benachteiligung führen, wie eben dass soziale Berufe im Durchschnitt schlechter bezahlt werden. Die von der Gesellschaft getragenen Leistungsparameter müssen neu überdacht und bewertet werden. Aber das ist ein noch sehr weiter Weg.

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